Was ist das schnellste Endurobike 2018? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir mit den 10 spannendsten Racebikes in Finale Ligure ein eigenes Rennen ausgetragen. Dieser Test verrät, warum Sam Hill und Jesse Melamed vermutlich mit anderen Bikes schneller wären und weshalb ihr, wenn ihr Rennen gewinnen wollt, keine Carbonlaufräder fahren solltet.

Was ist das schnellste Endurobike 2018?

Die Enduro World Series war in diesem Jahr spannender denn je! Das Niveau steigt immer weiter, die Unterschiede zwischen den Fahrern werden immer geringer. Nach über 46 min knallhartem Racing beim 6. Stopp der EWS in den USA trennten Sam Hill und Martin Maes gerade einmal knapp 4 s. Das richtige Material kann hier ganz klar den Unterschied machen! Deshalb wollten wir wissen, welches das schnellste Enduro-Racebike 2018 ist.

Dafür haben wir die Bikes nicht nur wie gewohnt ausgiebig auf verschiedenen Trails und langen Touren getestet, sondern haben sie auch drei Tage lang in Finale Ligure auf einer Rennstage um die Bestzeit kämpfen lassen. Am Ende haben sich bei allen Testern drei Bikes als besonders schnell herausgestellt. Welches Bike gewonnen hat? Weiterlesen!

Die Teststrecke

Als Teststrecke wählten wir, wie schon bei unserem EWS-Racebike-Test 2014, den Trail Pino Morto. Er beinhaltet alles, was eine anspruchsvolle Rennstage ausmacht: Steinfelder, verschiedenste Kurven, Flachstücke, Kompressionen, kleine Sprünge – und das Ganze kompakt verpackt auf 170 Tiefenmetern und rund 1 km Länge. Eine noch härtere und längere Teststrecke wäre zwar auf den ersten Blick vielleicht besser, doch dann würde das Risiko von Fahrfehlern steigen und die Ermüdung der Fahrer würde das Ergebnis zu stark beeinflussen.

Die Testbikes

Für diesen Test haben wir die spannendsten Bikes der aktuellen bzw. der kommenden Saison eingeladen. Den Herstellern stand es frei, die Räder nach allen Regeln der Kunst zu pimpen. Ein Angebot, das unter anderem Canyon, SCOTT und Specialized annahmen, und uns mächtig getunte Bikes schickten. Andere Hersteller wie z. B. Nukeproof, Lapierre, Rocky Mountain, Santa Cruz oder YT vertrauten dagegen auf ihr Serienprodukt.

Bike Preis (*  +Tuning) Gewicht Federweg Laufradgröße
Canyon Strive CF 9.0 Team 5.499 €* 14,30 kg 170/163 mm 27,5″
Giant Reign Advanced 0 6.999 € 13,56 kg 160/160 mm 27,5″
Lapierre Spicy Team Ultimate 5.299 € 13,71 kg 170/170 mm 27,5″
Nukeproof Mega 275 RS 4.200 € 14,04 kg 170/165 mm 27,5″
Pole EVOLINK 140 29 5.600 € 14,30 kg 150/140 mm 29″
Rocky Mountain Altitude Carbon 90 7.900 € 12,60 kg 160/150 mm 27,5″
Santa Cruz Hightower LT 9.899 € 12,80 kg 150/150 mm 29″
SCOTT Genius 900 Tuned 2018 7.499 €* 12,76 kg 150/150 mm 29″
Specialized S-Works Enduro 29 8.699 €* 13,20 kg 160/160 mm 29″
YT JEFFSY 27 CF Pro Race 4.499 € 12,20 kg 160/160 mm 27,5″

Canyon Canyon Strive CF 9.0 Team | 170/163 mm (v/h) | 14,30 kg | 5.499 €

Giant Reign Advanced 0 | 160/160 mm (v/h) | 13,56 kg | 6.999 €

Lapierre Spicy Team Ultimate | 170/170 mm (v/h) | 13,71 kg | 5.299 €

Nukeproof Mega 275 RS | 170/165 mm (v/h) | 14,04 kg | 4.200 €

Pole EVOLINK 140 29 | 150/140 mm (v/h) | 14,30 kg | 5.600 €

Rocky Mountain Altitude Carbon 90 | 160/150 mm (v/h) | 12,60 kg | 7.900 €

Santa Cruz Hightower LT | 150/150 mm (v/h) | 12,80 kg | 9.899 €

SCOTT Genius 900 Tuned 2018 | 150/150 mm (v/h) | 12,76 kg | 7.499 €

Specialized S-Works Enduro 29 | 160/160 mm (v/h) | 12,30 kg | 8.699 €

YT JEFFSY 27 CF Pro Race | 160/160 mm (v/h) | 12,20 kg | 4.499 €

10 Bikes, 4 Fahrer, 3 Tage, 1 Problem

Viele werden sich fragen: Wie ist es möglich, immer konstante Zeiten mit den Bikes zu fahren? Die Antwort ist simpel: Es nicht zu 100 % möglich. Ermüdung und Streckenkenntnis spielen natürlich eine gewisse Rolle. Um das Ergebnis möglichst objektiv und verzerrungsfrei zu ermitteln, ist jeder der erfahrenen Tester den Trail vorher mehrfach abgefahren und hat seine eigenen Linien definiert bzw. sich Stellen zum Treten eingeprägt. Im Anschluss fuhren wir mit jedem Bike zwei gezeitete Runs innerhalb der eigenen Komfortzone in jeweils unterschiedlicher Reihenfolge. So hatte jeder ein anderes erstes bzw. letztes Bike.

29″ vs. 27,5″

Die Laufradfrage hat schon im Downhill für mächtig Aufregung gesorgt. Als zu Beginn der Saison die Jungs des Santa Cruz Syndicate-Teams im Training mit ihren 29″-Bikes der Konkurrenz davonfuhren, herrschte eine gewisse Hysterie im Fahrerlager. Im Lauf der Saison hat sich der 29er-Hype wieder etwas gelegt und letztlich gewann Aaron Gwin auf 27,5″ den Gesamtworldcup. Bei unserem Vergleich waren die Unterschiede zwischen 27,5″ und 29″ ebenfalls nicht riesig. Was zählt, ist ein stimmiges Gesamtpaket. Dennoch gab es klare Tendenzen. Alle drei Tester fuhren ihre schnellsten Zeiten mit 29″-Bikes und die langsamsten auf 27,5″-Rädern.

Goodbye, kurze Kettenstreben!

Jahrelang gab es einen inoffiziellen Wettkampf in der Bikeindustrie. Wer baut die kürzesten Kettenstreben? In diesem Vergleichstest gewinnt das Canyon Strive (423 mm), dicht gefolgt vom Rocky Mountain Altitude (426 mm), diesen Battle. Beiden Bikes merkt man ihr superkurzes Heck beim Handling deutlich an. Sie fahren sich extrem spritzig und agil, erfordern aber einen sehr ambitionierten Fahrstil und viel Gewichtsverlagerung, um in Kurven immer sicher auf Kurs zu sein. Richtig schnell ist das leider nicht, dafür aber bei guter Fahrtechnik sehr spaßig!

Alu- vs. Carbonlaufrad: 2 : 0

Carbonlaufräder sind meist nicht nur sehr teuer, sondern in der Regel trotz geringem Gewicht auch sehr steif. Das ermöglicht zwar ein rasiermesserscharfes Handling und eine schnelle Beschleunigung, auf langen Abfahrten erfordern sie aber dadurch auch mehr Kraft und sind weniger fehlerverzeihend als günstige Alu-Pendants. Bei unserem Test quittierten die E*Thirteen TRS SL-Carbonlaufräder den Dienst. Bei einem Steinkontakt war ein Durchschlag des Reifen trotz 1,9 bar Luftdruck hörbar und die Felge zeigte danach einen Riss. Zum Totalausfall des Laufrads kam es aber nicht. Obendrein hatten wir den einzigen Platten trotz Tubeless-Aufbau beim Santa Cruz Reserve-Carbonlaufrad. Auf langen Enduro-Stages rauben Carbonlaufräder dem Fahrer also nicht nur möglicherweise wichtige Reserven, sondern können außerdem zu einem vorzeitigen Rennende durch Materialdefekt führen. Klar ist aber auch: Absolute Sicherheit gibt es auch mit einem Alulaufrad nicht.

Vergesst alles, was ihr über Geometrien gewusst habt

Wer bisher stundenlang Geometrietabellen studiert und dabei versucht hat, Rückschlüsse auf das Handling eines Bikes zu ziehen, kann ab sofort damit aufhören! Bei diesem Test stellten besonders zwei Bikes alles in Frage, was wir bisher vermeintlich über Geometrie wussten. Das Lapierre Spicy Team und das Pole EVOLINK 140 29. Beide Räder könnten unterschiedlicher nicht sein, das eine ist eher kurz und steil, das andere ultralang und flach. Wer jedoch meint, das Lapierre würde sich ultranervös fahren und das Pole käme um keine Kurve, der irrt! Beide Räder fahren sich absolut ausgewogen und waren unter den Lieblingen der Test-Crew – trotz ihrer enormen Unterschiede! Alle Faktoren der Geometrie beeinflussen sich so stark gegenseitig und sind obendrein so eng mit der Performance des Fahrwerks verknüpft, dass es unmöglich ist, das Handling aufgrund eines Blatts Papier vorherzusagen.

Das Fahrwerk ist entscheidend

Federweg ist nicht gleich Federweg! Entscheidend ist, wie er genutzt wird. Das Zauberwort bei einem Racebike lautet Traktion. Nur wenn sie vorhanden ist, lassen sich Lenkbefehle effektiv umsetzen und man kann Geschwindigkeit auf- bzw. beim Bremsen wieder abbauen. Ein Sprichwort lautet: „Wer später bremst, ist länger schnell.“ Ein sattes Fahrwerk, das feinfühlig anspricht, nicht wegsackt, ein direktes Handling ermöglicht und gutes Feedback vermittelt, ist der Schlüssel zum Erfolg. Gleichzeitig sollte der Hinterbau bei Antritten möglichst antriebsneutral arbeiten. Am besten gelingt das dem Santa Cruz Hightower LT, dem Lapierre Spicy Team und dem YT JEFFSY 27. Alle drei Bikes rangierten weit vorne im Ranking der Tester. Weniger sensibel und deutlich straffer arbeiten dagegen das Rocky Mountain Altitude, das Nukeproof Mega oder das Canyon Strive. Die drei befinden sich auch im Ranking weiter hinten. Das Specialized S-Works Enduro wird durch die etwas unsensible Öhlins RFX 36 ausgebremst.

Wo ist das Trek Slash in diesem Test?

Der ein oder andere geschulte Leser bemerkt sicher, dass das Trek Slash zwar auf Bildern zu sehen ist, im Vergleich jedoch nicht auftaucht. Leider war bei unserem Testrad ein Vorserien-Dämpfer verbaut, bei dem es aufgrund falscher Dichtungen zu Problemen während des Tests kam. Diese traten bereits beim zu Beginn stattfindenden Foto-Shooting auf. Da unsere Zeit in Finale Ligure limitiert war, hatten wir leider keine Möglichkeit, den Dämpfer zu ersetzen und valide, gezeitete Abfahrten mit dem Bike zu absolvieren. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, das Rad aus dem Test auszuschließen.

Das schnellste Enduro-Racebike 2018

Welches ist also das schnellste Endurobike der kommenden Saison? Damit kleine individuelle Fahrfehler eine geringere Rolle spielen, haben wir die Zeiten aller Fahrer addiert und daraus die Durchschnittszeit ermittelt. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,3 s gewinnt das Santa Cruz Hightower LT gegen das radikale Pole EVOLINK 140 29. Besonders Letzteres hat alle Tester mit seiner herausragenden Performance beeindruckt. Je härter das Terrain wird, umso mehr brilliert das Pole. Den beiden 29ern dicht auf den Fersen ist das ebenfalls herausragende Lapierre Spicy Team Ultimate mit einer halben Sekunde Rückstand auf das Siegerbike. Die Schlusslichter bilden das EWS-erprobte Giant Reign Advanced 0 und das Rocky Mountain Altitude Carbon 90. Während das brandneue Giant Reign auf der Teststrecke einen etwas undefinierten und ineffizienten Eindruck hinterließ, war es beim Rocky Mountain das zu agile, fast schon nervöse Handling, das die Fahrer davon abhielt, immer Vollgas zu geben. Der Rückstand von über 6 s auf unserer 2-minütigen Strecke würde sich bei 40 min Rennzeit auf über 2 min addieren – das ist mehr als nur rennentscheidend!

Die wahren Stars in diesem Test

Sind die schnellsten Bikes gleichzeitig auch die besten? Schließlich steht nicht jeder am Wochenende an der Startlinie eines Rennens oder battelt sich via Strava mit seinen Kumpels. Welches ist also der Testsieger in diesem Vergleich? Mit welchem hat man auch abseits der Rennstrecke Spaß? Es ist ebenfalls das Santa Cruz Hightower LT! Es gewinnt nicht nur bei der Zeitwertung, sondern war auch der absolute Liebling der Tester. Kein Rad ist vielseitiger! Das Hightower ist agil und dennoch laufruhig, komfortabel und dennoch direkt, leicht, aber nicht nervös. Kurzum: der perfekte Allrounder und verdiente Testsieger, mit dem man für alle Bike-Lebenslagen bestens gerüstet ist.

Und auch das zweitplatzierte Rad, das Pole EVOLINK ist herausragend. Wer glaubt, mit seiner radikalen Geometrie wäre es nur etwas für erfahrene Piloten, der irrt! Anders als man vermuten würde, ist das Bike nicht behäbig und erfordert auch nahezu keine Eingewöhnungszeit. Seine Souveränität spart massig Kraftreserven und so ist das Bike die erste Wahl für richtig lange, harte Stages oder auch für weniger versierte Piloten.

Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet das YT JEFFSY 27. Das viertplatzierte Bike begeistert mit seinem satten Fahrwerk, ausgewogenen Handling und geringen Gewicht. Mit einem Preis von 4.499 € ist es unser Kauftipp!

Alle Bikes im Test: Canyon Strive CF 9.0 Team | Giant Reign Advanced 0 | Lapierre Spicy Team Ultimate | Nukeproof Mega 275 RS | Pole EVOLINK 140 29 | Rocky Mountain Altitude Carbon 90 | Santa Cruz Hightower LT | SCOTT Genius 900 Tuned 2018 | Specialized S-Works Enduro 29 | YT JEFFSY 27 CF Pro Race


Reisetipps Finale Ligure

Ihr wollt auch die Trails in Finale Ligure unter die Stollen nehmen? Auf der Website Finale Ligure Bikeresort findet ihr eine Vielzahl an Hotels (z.B. das Hotel Florenz) und alle weiteren wichtigen Informationen zur Region. Wer auf der Suche nach einem zuverlässigen Shuttle ist, kontaktiert am besten die Jungs vom Evolve-Bikeshop. Dort habt ihr die Wahl zwischen Einzelfahrten und geführten Tagestouren.

Text & Fotos: Christoph Bayer