Globetrotterin, Krankenschwester und Specialized-Botschafterin: Hannah Barnes‘ Leben brummt wie der Stromgenerator auf ihrem Grundstück und ein Ende ist nicht in Sicht. Wir haben sie besucht, um mit ihr über das Leben als Profi, die Vorzüge Schottlands und ihr neues Zuhause zu sprechen.

Für alle, die es nicht wissen: Hannah Barnes fährt für Specialized Racing und gehört zu einer neuen Generation gesponserter Racer, die durch Abenteuer- und Reise-Geschichten genauso für Aufmerksamkeit sorgt wie durch knallharte Rennergebnisse. Hannahs neues Zuhause passt da definitiv ins Konzept: Die kleine Blockhütte erinnert an die Almhütten der Haute-Savoie und sieht genau so aus, wie man sich einen versteckten Rückzugsort in den Hügeln hinter Fort Williams vorstellen würde. Die Einfahrt wird von Brennholzstapeln überragt und eine zufrieden aussehende Katze aalt sich auf der Terrasse. Als wir den gemütlichen Innenraum der Hütte betreten, bin ich erleichtert, nach der langen Fahrt den Duft von frischgekochtem Kaffee zu erschnuppern. Hannah sprüht förmlich vor Begeisterung über ihr neues Zuhause, kann es kaum erwarten, mir alles zu zeigen, und noch während wir reden, kocht die Milch brodelnd über dem Mini-Herd über und eine Rauchfahne aus dem Ofen deutet darauf hin, dass es auch den Bagels zu heiß wird.

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Die Wohnungsführung ist eher kurz, denn die Hütte besteht aus einem großen Raum mit einer Küchenzeile und einem Zwischengeschoss zum Schlafen. Doch Hannah hat große Pläne. „Hinter der Hütte habe ich ein Stück Land, da werde ich eine Bike-Werkstatt bauen und Schlafplätze für Gäste, das wird großartig!“ Hannahs einnehmend freundliches Wesen und ihre Herzlichkeit sind einfach ansteckend und während wir an den leicht verkohlten Bagels knuspern, preist sie die Vorzüge des Lebens in Schottlands Abenteuerhochburg: „Ich liebe es, in den Highlands zu leben. Je mehr ich auf Reisen bin, desto mehr schätze ich die raue Schönheit und den Charme dieses kleinen Teils der Welt!“

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Und das ist es wohl, was Hannah am besten beschreibt: Abenteuer. Sie hat sich den großen Traum erfüllt und ihre Leidenschaft dafür, neue Menschen und Orte kennenzulernen, zum Beruf gemacht. Ihre Liebe zum Abenteuer entwickelte sich schon früh. Ihre Eltern nahmen Hannah und ihren Bruder Joe mit auf eine Segelreise durch die Karibik und vermittelten den beiden damit ein Lebensgefühl, das ihnen nie mehr abhandengekommen ist und das im Kern vor allem besagt: „Geh raus und lebe deinen Traum!“ Vielleicht wisst ihr es noch nicht, aber Hannah hat viele Jahre als Krankenschwester in der weniger glamourösen Umgebung der Notaufnahme von Fort Williams verbracht und arbeitet noch immer gelegentlich dort. Sie erzählt dazu: „Ich bin wirklich froh, dass ich das Pflegestudium absolviert habe, auch wenn das dazu führte, dass ich erst mit 19 mit dem Biken angefangen habe. Es ist eine komplette andere Welt, von der ich auch ein Teil bin, und ich weiß dadurch zu schätzen, wie gut mein Leben aktuell ist. Ich habe nie damit gerechnet, Sponsoren zu haben, und bin dem auch in gewisser Weise nicht hinterhergejagt, sondern ich bin einfach nach und nach in diese neue Laufbahn gewechselt.“

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Eine Zeit lang war Hannah vor allem in Schottland bekannt, doch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Seit sie sich dem Specialized Racing Team angeschlossen hat, kann sie ihre Träume wirklich erfüllen. Specialized sah in ihr nicht nur eine Botschafterin für den Frauensport, sondern das perfekte Beispiel, um zu zeigen, wie viel Spaß Mountainbiken macht. Hannah selbst sagt über die Zusammenarbeit: „Mit Specialized zu arbeiten ist unglaublich toll. Als ich Ende 2014 zum ersten Mal mit ihnen sprach, hatte ich ein wenig Bedenken, wie es sein würde, Teil einer Marke zu sein, deren Ethos so stark von Rennsiegen und High Performance bestimmt ist. Ich war mir nicht sicher, wie ich da reinpassen würde. Ich wollte einfach nicht das Gefühl haben, dass ich ihren Erwartungen nicht gerecht werden könnte.“ Hannahs Sorgen sollten sich aber als unberechtigt darstellen: „Je länger wir darüber redeten, desto mehr spürte ich, dass es super passen würde und wir sehr gut zusammenarbeiten können. Das Frauen-Segment der Marke wächst so schnell und es ist toll, daran teilzuhaben. Das Team fühlt sich an wie eine zweite Familie und auch wenn es ums Geschäft geht, lachen wir die ganze Zeit und haben Spaß zusammen.”

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Wenn man bekannt ist und eine Marke repräsentiert, ist man ständig bei der Arbeit. Als wir uns Hannahs Laufstrecke in den Hügeln anschauen, werden wir von einem Paar aus London angesprochen, das zum ersten Mal in Schottland Urlaub macht und neugierig ist wegen der großen Digitalspiegelreflexkamera, die ich mit mir herumtrage. Es ergibt sich ein nettes Gespräch, und trotz des beginnenden Regens verbringt Hannah gern etwas Zeit mit den beiden. Ihr Enthusiasmus fürs Mountainbiken hinterlässt derart Eindruck, dass die beiden beim Gehen versprechen, in Bikes zu investieren – von Specialized natürlich. Hannah sieht ihre Rolle ziemlich klar: „Egal ob du Weltcups gewinnst oder Videoprojekte machst, du bist immer ein Botschafter und Repräsentant der Marke, von der du ein Teil bist. Die Leute bilden sich ihre Meinung über die Marke als Ganzes anhand der Menschen, die dazugehören. Deshalb ist es wichtig, freundlich auf alle zuzugehen und ihnen Zeit zu schenken, soweit es möglich ist.“

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Doch gut Rad zu fahren allein reicht natürlich nicht, um gesponsert zu werden. Hannah steckt eine Menge Zeit in ihre Arbeit. Als wir gemeinsam großartige Trails am Ben-Nevis-Massiv shredden, erzählt sie mir von ihrem hektischen Terminkalender: Sie reist von Land zu Land, sicherlich ein Leben voller Abenteuer und Aufregung, doch auch voll harter Arbeit und mit wenig Freizeit. Ich will mehr darüber wissen, wie Hannahs Leben aussieht. Social Media und Instagram sind Teil des Geschäfts geworden und Hannah beherrscht es souverän. Instagram ist die leise Kunst, einen Moment einzufangen, einen Filter drüberzulegen, bis er außergewöhnlich aussieht, und ihn dann als gewöhnlich auszugeben – und wir alle lieben es! Doch Hannah hat es zu ihrem Job gemacht und erreicht damit unglaubliche 50.000 Follower. Ihr Social-Media-Status kommt dem vieler Marken gleich, und so ist sie selbst fast zu einer Marke geworden.

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Mit dem Erfolg kommt immer auch Kritik und schon einige einflussreiche Fahrerinnen haben kaum verhüllte negative Kommentare in Hannahs Richtung gefeuert. Es stimmt, Hannah hat eine Menge männlicher Fans, und es stimmt auch, dass ihr Erscheinungsbild sicher hilfreich dabei war, in einem männlich dominierten Sport erfolgreich zu sein. Doch man sollte auch ihre riesige weibliche Fangemeinde nicht vergessen und dass sie viele dazu inspiriert hat, ihr Leben hinter dem Lenker zu verbringen. Und man sollte sich fragen, was schlecht daran ist, diese gesunde, spaßorientierte Message zu vermitteln. Hannah ist nicht die schnellste Fahrerin der EWS, bei Weitem nicht. Doch das von einigen vertretene Konzept, dass der einzige Weg zum Repräsentieren einer Marke darin besteht, Rennen zu gewinnen, ist sowohl kurzsichtig als auch überholt.

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Social Media hat alles verändert und findige Sportler wie Hannah arbeiten hart, um uns daran zu erinnern, dass unsere Bikes für weit mehr gemacht wurden als nur für Rennen. Wer argumentiert, dass Hannah die Aufmerksamkeit von anderen Elite-Fahrerinnen ablenkt, vergisst dabei, dass Marken eine breitere Botschaft senden wollen. Sie wollen eher die normalen Fahrer ansprechen statt ein paar Hardcore-Racingfans und ihnen zeigen, was mit einem Bike alles möglich ist. Diese „Markenbotschafter“ der neuen Art versuchen nicht, ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen, sie machen den Kuchen vielmehr größer für alle.

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Lange, nachdem ich mich von Hannah verabschiedet habe, denke ich noch über den interessanten Besuch nach. Ich fand nichts an Hannah berechnend oder gekünstelt. Ja, sie ist ein Social-Media-Magnet, doch sie hat eine Herzlichkeit und eine echte Leidenschaft für Abenteuer und Entdeckungen, die ansteckend ist – sie lebt wirklich das Leben, das sie nach außen vertritt! Hannah gehört zur nächsten Generation von Social-Media-Sportlern, die eine neue Generation von Fahrern begeistert und einen komplett neuen Sektor außerhalb des Rennzirkus erschafft. Hannah hat bewiesen, dass es mit genügend Leidenschaft möglich ist, von der Freude am Biken zu leben, und bahnt vielleicht gerade den Weg für eine neue Ära in Sachen Sponsoring.

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Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.