630 km hören sich gar nicht so viel an. Mit dem Auto ist das eine längere Tagesfahrt, überhaupt kein Problem. Aber mit dem Rad, in der Trockenzeit Nicaraguas, bei 35 °C, als einziges Mädel unter acht Männern, kann es zu einer echten Herausforderung werden.

Ich hatte noch nie zuvor ein Land mit dem Bike bereist. Jetzt war es jedoch mein Hauptfortbewegungsmittel und statt mir die schönsten Trails von der Gondel aus auszusuchen, musste ich enorme Distanzen überbrücken, um diese überhaupt zu erreichen. Als Belohnung erlebte ich das Land aber nicht nur durch die Scheibe eines Autos, sondern spürte es ganz ungefiltert: Ich traf Schulkinder, die mit ihrem Rucksack bepackt die gleiche staubige Straße entlanggingen, die ich mit meinem Rad befuhr. Genau wie mir blies auch ihnen der Wind in der sengenden Hitze der Mittagssonne wie ein zu heiß gewordener Föhn den Sand in die Augen. Die Route von West nach Ost, einmal quer durchs Land, führte uns durch Gegenden von Nicaragua, die von Touristen nicht bereist werden und wo so mancher Einwohner verdutzt dreinblickt, wenn er ein blondes Mädel auf einem Fahrrad sieht. Momente wie diese waren es, die diese Reise für mich so unvergesslich gemacht haben!

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Erinnerungen, die bleiben

Die körperliche Anstrengung der zehn Tage war das Härteste, was ich jemals erlebt habe. Jeden Tag klingelte um 5.00 Uhr der Wecker, um 6.00 Uhr war Abfahrt und dann wurde ca. sieben bis acht Stunden geradelt – und das bei gut 35 °C. Größtenteils hielten wir uns auf Schotterwegen und kleinen Asphaltstraßen auf, von denen manche in der prallen Sonne lagen, ohne einen einzigen Flecken Schatten. So lernten wir auch unseren persönlichen Camino del diablo kennen, den Highway des Teufels.

"Der heiße Wind blies mir den Sand in die Augen wie ein defekter Föhn."
„Der heiße Wind blies mir den Sand in die Augen wie ein defekter Föhn.“

An einem Tag waren wir die ersten Kilometer entspannt durch einen Wald gefahren, wo ich sogar einen wilden Babyaffen auf dem Arm hatte. Doch schon bald fanden wir uns auf einer Schotterstraße zwischen Reisfeldern wieder, die keinerlei Schutz vor der erbarmungslosen Sonne boten. Das Ziel des Tages war Santo Domingo und um dahin zu kommen, führte kein Weg an dieser Straße vorbei. Der Gegenwind blies uns die heiße Luft ins Gesicht und ich musste mich voll darauf konzentrieren, bloß nicht stehen zu bleiben. Mit voller Überzeugung hasste ich jeden Autofahrer, der bei voll aufgedrehter Klimaanlage an mir vorbeirauschte, während ich mich langsam durch diese Hölle quälte. Die Frage, warum ich mir das überhaupt antat, drängte sich permanent auf. Am Ende der Strecke sackte ich vor Anstrengung zitternd und weinend zu Boden und war erfüllt von Erleichterung und Stolz, dass ich es irgendwie geschafft hatte. Emotionen, die sich einbrennen und Erinnerungen, die bleiben.

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In Momenten wie diesen war der Spaß des Vortages vergessen, als wir auf atemberaubenden Singletracks am Krater eines inaktiven Vulkans entlanggerast waren. Es war wie der wahrgewordene Traum eines jeden Mountainbikers und Immanuel, der Tour-Veranstalter, überlegt bereits, in Zukunft statt der extremen kompletten Tour nur Abschnitte wie den Vulkan bei Masaya anzubieten. Die Arbeiter des Nationalparks hatten ganze Arbeit geleistet und die Trails so präpariert, dass wir frei von Hindernissen die rasanten Abfahrten genießen konnten, die sich kilometerlang den Grad des Vulkankraters hinunterschlängelten.

"Glück, Erleichterung und Dankbarkeit – am Tagesziel wurde ich oft von meinen Emotionen überwältigt. "
„Glück, Erleichterung und Dankbarkeit – am Tagesziel wurde ich oft von meinen Emotionen überwältigt. „

Mountainbiken, das ist purer Luxus

In Nicaragua lebt der Großteil der Menschen unter der Armutsgrenze. Mountainbiken als Sport existiert hier nicht. Die Leute können sich weder das Equipment leisten, noch haben sie im Alltag Zeit für Aktivitäten, die dem reinen Vergnügen dienen.

Der Mountainbike-Tourismus steckt noch in Kinderschuhen und es fehlt sowohl an technischem Know-how über Fahrräder und Streckenbau als auch an gut ausgebildeten Guides – ein Grund dafür, dass eine kleine Tour zum Strand an unserem vorletzten Tag in einer echten Expedition endete. Wir kamen dabei an einem schwelenden Waldbrand vorbei, wurden so von Schneidegras attackiert, dass ich am nächsten Tag aussah, als wäre ich in den Hexler geraten, und mussten unsere Räder mehr schieben und tragen als sie zu fahren. Die Gemeinde hatte Immanuel zwar vorher versichert, sie würde die Strecke instand setzen. Doch es stellte sich heraus, dass sie nicht so recht wussten, was es bedeutet, eine Strecke für Biker herzurichten…

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Wild West meets Nicaragua

Orte zu entdecken, die den Urlaubern in ihren klimatisierten Hotelbunkern verborgen bleiben, war mein persönliches Highlight dieser Reise. Und die Nicaraguaner sind immens gastfreundlich: Egal wo wir auf unserem Weg an Menschen vorbeikamen, wurden wir lächelnd begrüßt und die Kinder riefen uns winkend zu. Nach einem Tag auf kleinen Trails im Regenwald kamen wir in dem kleinen Ort Campana an und fühlten uns plötzlich nicht nur um 200 Jahre, sondern auch in ein anderes Land versetzt: Statt parkenden Autos gab es auf der Hauptstraße nur angebundene Pferde. Die Männer galoppierten durch die Straßen und der modische Trend an diesem Ort waren ganz klar weiße Gummistiefel mit Rädchensporen dran. Auch die Dorfkneipe hätte genauso gut ein Saloon in einem Wild-West-Film sein können: Die Jungs spuckten regelmäßig auf den Boden, wie harte Typen das eben tun, und zum Tanz aufgespielt wurde von einer Karaokemaschine inkl. lauthalsem Gesang. Ich tanzte mit einem kleinen Nicaraguaner, der mir nach unserem Lied mit leuchtenden Augen erklärte, dass es schon immer sein Traum gewesen sei, einmal in seinem Leben mit einer weißen Frau zu tanzen – es war der wohl verrückteste Ort, den ich in meinem Leben besucht habe.

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Der Tourismus als Chance

Mehrfach waren wir eine echte Sensation, wurden von Journalisten befragt, waren im Fernsehen und mussten zigtausend Gruppenfotos machen. Immanuel versucht damit und durch die Extreme auf dieser Reise Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit eines ökologisch verantwortungsvollen Tourismus zu wecken und nicht nur Touristen, sondern auch Nicaraguaner selbst zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrem Land anzuregen. Tourismus kann eine nachhaltige und saubere Geldquelle auch für die ärmsten Bauern dieses Landes sein, die sich in den abgelegenen Bergregionen dieses Landes befinden. Deswegen organisiert Immanuel seine Reisen so, dass möglichst viele Leute davon profitieren. So zelteten wir eine Nacht auf dem Gelände eines kleinen Bauerns, der mit seiner Frau und drei Kindern in einem einfachen Haus lebt, in dem sich die ganze Familie ein Schlafzimmer teilt. Das Bad ist ein kleines Rinnsal hinter dem Haus und die Familie verdient ihr Geld mit ein paar Hühnern, Schweinen und Pferden, die um das Haus herumlaufen. Ihr Leben ist hart und sie verdienen gerade genug, um zu überleben. Es sind Leute wie sie, die Immanuel erreichen will, um ihnen den Tourismus als alternative Einnahmequelle zu zeigen.

Sonne, Strand & Glücksgefühle

Zehn Tage, 630 km, Durchschnittstemperatur 35 °C, sieben Stunden täglich auf dem Bike – ich war überglücklich und von Stolz erfüllt, als ich in Laguna de Perlas an der Karibikküste Nicaraguas ankam und wir unsere erfolgreiche Expedition mit einem kühlen Bier feierten. Dieser Ort war wie eine andere Welt, die Zeit schien hier still zu stehen, aus den Häusern drang Reggae und Hektik war ein Fremdwort. Es war der perfekte Ort, um mit unserer wundervollen, bunt zusammengewürfelten Gruppe den Abschluss zu feiern. Es war eine Reise, die wohl keiner von uns jemals wieder vergessen wird und die uns drei Ausländer über unser eigenes Leben nachdenken lässt. Nach dieser Erfahrung ist mir wieder bewusst geworden, wie leicht mein Leben doch verhältnismäßig ist und in welchem Luxus wir doch im Westen leben, dass wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen können, wie wir unsere Freizeit gestalten wollen. Gerade weil Mountainbiken ein Privileg ist, sollten der Spaß mit Freunden und das Abenteuer im Vordergrund stehen. Und wo geht das besser als auf einer Bike-Tour durch Nicaragua?

Weitere Infos zu Nicaragua

Anreise

Die Hauptstadt Nicaraguas heißt Managua und hat einen internationalen Flughafen, den man mit einigen Zwischenstopps von überall auf der Welt problemlos anfliegen kann.

Guiding

Die Tour wurde von Immanuel und Fredder geleitet. Immanuel ist der Kopf von Solentiname Tours, einem Familienunternehmen, das in Nicaragua nachhaltigen Tourismus fördert.

Hotels

Der Westen Nicaraguas ist touristisch gut erschlossen und man findet dort eine große Bandbreite an Hotels. Genauso wie bei den Reiseanbietern gibt es auch bei den Hotels die Möglichkeit, gezielt nach jenen zu suchen, die von der Rainforest Alliance zertifiziert sind und sich somit für nachhaltigen Tourismus und den Erhalt des Regenwalds einsetzen. In der Mitte und im Osten des Landes ist der Tourismus noch nicht so verbreitet und es gibt meist nur einfache Hotels.

Must do’s

Die Kolonialstädte Granada, Leon und Masaya sind auf jeden Fall einen Ausflug wert. Auch wenn es sich nicht so spektakulär anhört, sollte man mindestens einen Ausflug zum Vogelbeobachten machen. Mit dem richtigen Guide kann man in nur 2 h mehr Vogelarten kennenlernen, als wir Europäer sonst in unserem gesamten Leben zu sehen kriegen.

Die Vulkane um Masaya sind majestätisch und herausragend schön. Besonders schön ist auch die Laguna de Apoyo, der Vulkansee eines inaktiven Vulkans.

Text: Laura Müller Fotos: Laura Müller/Vince Hempsall