Finale Ligure, Livigno oder Gardasee? Diese Bike-Regionen kennt wohl jeder. Wir haben uns diesmal aber aufgemacht, die Trails der Grenzregion von Deutschland, Tschechien und Polen zu erkunden – und dabei wahre Perlen entdeckt …

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Zugegeben, im ersten Moment erschien mir die Idee mit der Reise in den Osten der Republik und die angrenzenden Staaten ziemlich absurd. Wer will schon von Garmisch-Partenkirchen aus acht Stunden mit dem Auto in Richtung Norden fahren, wenn man in der gleichen Zeit auch eines der südlichen Bike-Mekkas wie z.B. Finale Ligure erreichen kann?

Doch der Scott-Mitarbeiter Julian ließ nicht locker und so starteten wir gemeinsam am Freitagmorgen zu einem 1.500 km langen Wochenendausflug. Der erste Stopp unserer Reise war Dresden, um dort unsere zwei Mitfahrer Alex und Lutz aufzusammeln. Die beiden Scott-Piloten starten bereits seit geraumer Zeit vermehrt bei Marathon-Rennen in den Nachbarländern, weil dort die Stimmung immer topp und der Singletrail-Anteil sehr hoch ist. Da sich Alex als Organisator der Reise um alles kümmerte, saß ich komplett unwissend im Auto und ließ die nächsten Tage einfach auf mich zukommen.

Zu viert überquerten wir bei Görlitz am späten Nachmittag dann das erste Mal die Grenze nach Polen, nur um wenige Kilometer später auch schon in der Tschechischen Republik zu landen. Durch den Wegfall der Grenzkontrollen ist der Übergang von Land zu Land mittlerweile nur noch durch die anderssprachigen Verkehrszeichen und die wechselnde Qualität des Fahrbahnbelags zu registrieren.

Unser Ziel war zu diesem Zeitpunkt der Singltrek pod Smrkem Trailpark, in dem wir die letzten Sonnenstrahlen genießen und den Abend ausklingen lassen wollten. Aber spätestens, als wir uns dem Parkplatz näherten, stieg meine Skepsis ins Unermessliche: Einen Berg, wie ich ihn von zu Hause kannte, konnte ich hier nicht ausmachen – maximal einen Hügel mit wenigen Höhenmetern. Und hier sollte sich einer der besten Trailparks in ganz Europa befinden?

Der Trailpark Pod Smerken in Polen
Der Singltrek pod Smrkem Trailpark in der Tschechischen Republik

Nun bin ich ja aber kein Spielverderber, deshalb tauschte ich trotz aller Zweifel fix die Klamotte, stimmte das Bike ab, setzte den Helm auf und pedalierte zusammen mit den anderen los. Was ich dann erlebte, war eine Überraschung, auf die ich nicht in Ansätzen eingestellt war: Julian und ich erlebten auf diesem scheinbar winzigen Hügel Fahrspaß und Flow in einer für uns völlig neuen Dimension! Die speziell für Biker gebauten Trails schlängeln sich mit perfekten Anliegern und unzähligen Wellen am Hang entlang. Auch ohne viele Höhenmeter zu vernichten ist die Grundgeschwindigkeit hoch. Treten ist meist nicht nötig, Speed wird durch Pushen generiert. Langsam wurde mir klar, wie pod Smrkem sich seinen guten Ruf verdient hat …
Bei der Hatz über die Trails verging die Zeit wie im Nu und schon bald schickte sich auch das letzte Sonnenlicht an, hinter dem Horizont zu verschwinden. Quasi im Blindflug heizten wir durch den dichten Wald, einzig der sandige Trail zeichnete sich vage vom sonst nahezu schwarzen Umfeld ab. Helmlampen? Fehlanzeige! Geschwindigkeit reduzieren? Wozu?!? Die Trails sind so gebaut, dass wir nie böse Überraschungen erlebten.

An einer Waldhütte der lokalen Feuerwehr machten wir kurzerhand Halt und verbrachten einige Zeit mit den gastfreundlichen Jungs am Lagerfeuer. Da Völkerverständigung am besten mit einem kühlen Bier funktioniert, knallten ziemlich schnell die Kronkorken und Julian und ich diskutierten lange darüber, wo in der persönlichen Trail-Top-10-Liste sich der eben gefahrene Weg befindet (Top 5 ganz sicher! Soweit immerhin sind wir uns einig … ).

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Für den kommenden Tag stand eine Tour im Riesengebirge auf dem Programm und so machten wir uns noch in der Nacht auf den Weg, die Staatsgrenze ein weiteres Mal zu überqueren und unser Nachtlager im polnischen Karpacz aufzuschlagen. Dank der großen Anzahl an Wintergästen ist die Infrastruktur dieser Region gut ausgeprägt. Hotels und Pensionen gibt es hier wie Sand am Meer und in hoher Qualität zu gleichzeitig sehr günstigen Preisen. Nahezu alles wirkt modern und westlich – das Bild, das ich noch zu Hause vom Osten im Kopf hatte, wurde hier überhaupt nicht bestätigt. Nur sehr vereinzelt sah man einige Bauruinen und heruntergekommene Gebäude.

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Typisch-polnisch war erst wieder das deftige Frühstück mit massig Wurst, Käse und Ei am nächsten Morgen, nach dem wir unsere Tour starteten. Zum Glück schalteten die beiden Marathon-Experten im Uphill einen Gang zurück und so pedalierten wir entspannt die rund 700 Höhenmeter bergauf. Mittlerweile zu echten Grenzgängern mutiert, führte uns diese Tour über anspruchsvolle natürliche Pfade durch die wilde Natur von Polen nach Tschechien und zurück. Bei der Wahl der Trails im Nationalpark ist jedoch Vorsicht geboten: Hier drohen beim Verlassen der erlaubten Routenmassive Strafen.

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Nach wie vor beeindruckt von den Trails des Vortags legten wir auf dem Weg zurück nach Deutschland noch einmal einen Zwischenstopp in Singltrek pod Smrkem ein, weil noch keiner bereit war, sich endgültig von den Trails des Vortags zu verabschieden. Außerdem stand ja auch noch unser internes Strava-Battle an! Die Zeitabschnitte hier waren extrem knapp und ich war wieder einmal überrascht wie verdammt schnell Marathon-Fahrer bergab fahren können.

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Am Abend mussten wir uns aber dann eben doch losreißen und machten uns auf zum letzten Ziel unserer Reise, zu dem kleinen Ort Oybin im Zittauer Gebirge. Und dieser letzte Abstecher war auch der ideale Abschluss unserer Reise, da hier noch einmal die Vorteile von fordernden Trails und traumhafter Landschaft vereint wurden.

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Zwischen malerischen Formationen aus Sandstein ging es erneut an einer Landesgrenze entlang den Berg hinauf, diesmal bewegten wir uns im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Von einer kleinen Aussichtsplattform am „Töpfer“ genannten Berg bot sich uns ein herrlicher Ausblick hinüber zu den angrenzenden Berge im Osten und dem flachen Land in Richtung Norden. Lutz verriet uns, dass er diese Region häufig für sein Fahrtechniktraining nutzt. Wenig später wurde uns auch klar, weshalb: Erst auf steinigem, dann auf weichem Waldboden ging es in zum Teil steilen Gelände bergab. Dicht am Hinterrad folgte ich hier im “copy/paste”-Stil den Linien der Locals und erreichte mit einem riesigen Grinsen im Gesicht unser Auto. Die Trails hier sind echt der Hammer!

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Auf der Heimfahrt waren Julian und ich uns einig: Der Osten rockt und wir kommen wieder! Dann jedoch für länger als nur ein Wochenende, um mehr über Land und Leute zu erfahren. Vor lauter Biken auf den vielfältigen Trails des Dreiländer-Ecks blieb der kulturelle Teil unserer Reise ziemlich auf der Strecke – die perfekte Ausrede also, bald wieder hinzufahren und die Kultur dann doch wieder für noch mehr Trails zu verpassen, findet ihr nicht?

"Der Osten rockt und wir kommen wieder!"
„Der Osten rockt und wir kommen wieder!“

Text und Fotos: Christoph Bayer