Ich wache auf, Wind und Regen rütteln an meinem Fenster. Während ich daliege, kann ich die Wellen ans Ufer schlagen hören. Es ist früh am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages, nur wenige Tage nach der Wintersonnwende, und der schottische Winter ist hart. Lange Nächte und kurze Tage, gepaart mit einem Wetter, das an die biblischen Plagen erinnert. Zögerlich schäle ich mich aus der Wärme und Behaglichkeit meines Bettes. Das Haus ist dunkel und still. Abgesehen von unserem Hund Murphy, der aus Neugier kurz den Kopf hebt, schlummern alle noch in ihren Betten und verdauen das Weihnachtsessen von gestern.

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Mit verquollenen Augen erinnere ich mich, dass ich mit meinem Kumpel Miles verabredet bin. Da wir beide über Weihnachten zu Hause sind und es selten vorkommt, dass wir zur gleichen Zeit hier sind, wollten wir die Gelegenheit nutzen und eine Runde auf den Trails unserer Jugend drehen. Wir stammen beide von der Insel Arran an der schottischen Westküste, die vom Festland durch etwa 25 km Wasser getrennt ist und oft als „Miniatur-Schottland” bezeichnet wird, weil hier alle Highlights von Schottland auf einer winzigen Fläche von etwa 43 Hektar zusammengepresst zu sein scheinen. Ein wunderbarer Ort zum Aufwachsen und um sich in den Sport zu verlieben, bis einen schließlich die hellen Lichter des Festlands und die damit verbundenen Abenteuer mehr reizen und von der Insel weglocken.

Die Morgendämmerung zieht gerade herauf, als ich ins Auto springe und die drei Meilen Feldweg und enge Landstraßen zu Miles’ Haus fahre. Draußen pfeift der Wind und die nackten Äste hängen über der Straße wie gespenstische Skeletthände.

Unsere letzte gemeinsame Tour auf der Insel liegt drei Jahre zurück und in dieser Zeit ist viel passiert. Wir haben die Führerscheinprüfung bestanden, sind weggezogen, haben ein Studium begonnen … aber als ich in die Hofeinfahrt einbiege, fühlt es sich sofort so an, als sei alles wie früher. Dieser Eindruck bestätigt sich schnell, als Miles mir die Tür öffnet und mich mit einem süffisanten Grinsen begrüßt. Wir denken beide das Gleiche: „Warum zur Hölle gehen wir bei dem Wetter überhaupt raus?!“ Ich muss zugegeben, dass wir wohl beide ziemlich skeptisch sind, wie viel Spaß wir an diesem Tag haben werden – schließlich sind wir an Orte gezogen, wo die Trails fantastisch sind: Miles nach Fort Williams in den Highlands und ich ganz in die Nähe des Tweed Valley. Aber nun ist es zu spät, den Schwanz einzuziehen, und wir verstauen die Bikes hinten im Van, um uns auf den Weg zu unserem alten Lieblingstrail zu machen. Er befindet sich am höchsten Berg der Insel und ist heute komplett von tiefliegenden Wolken verborgen.

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Ein paar triefnasse Hochlandrinder strecken ihre Köpfe über den Zaun, um uns zu begrüßen und zu sehen, was der Aufruhr am frühen Morgen zu bedeuten hat. Wir laden schnell die Bikes aus und sehen zu, dass wir in den Schutz der Bäume kommen. In den Tiefen des Kiefernwaldes könnte man meinen, es sei mitten in der Nacht, denn das ohnehin schwache Sonnenlicht hat sehr damit zu kämpfen, das dichte, im Sturm wankende Walddach überhaupt zu durchdringen. Mit verbissenem Gesichtsausdruck kämpfe ich mich den unerbittlichen Anstieg hinauf und versuche, mit Miles mitzuhalten, der sich bei den „Feierlichkeiten“ der letzten Tage offensichtlich etwas mehr zurückgehalten hat als ich. Als wir uns der Baumgrenze nähern, halten wir an, um kurz durchzuatmen und den letzten Moment im Schutz des Waldes zu genießen, bevor wir uns aufmachen zu der in Nebel gehüllten offenen Bergflanke.

Bereits nach wenigen Minuten ohne den Schutz der Bäume sind wir beide durchnässt bis auf die Knochen und unsere Finger und Zehen sind eiskalt. Meine Jacke ist zwar wasserdicht, aber offensichtlich nicht schottlanddicht – wenn es so etwas überhaupt gibt. Mit hängenden Köpfen wandern wir weiter durch den Nebel, immer unter erbarmungslosem Beschuss durch Wind und Regen. Als wir den letzten Wildzaun erreichen, sollten wir eigentlich schon die majestätisch graue Bergflanke vor uns aufragen sehen, doch nicht heute. Der Gipfel ist noch zwei Stunden entfernt und wir sind den ganzen Morgen noch nicht einem einzigen Wanderer begegnet. Wir beschließen, dass es das Risiko weiterzugehen heute nicht wert ist. Selbst unter idealen Bedingungen ist es nicht leicht, eine Route vom Gipfel hinab zu finden, denn dort lauern hohe Klippen nur darauf, jeden Fehler erbarmungslos zu bestrafen.

Back in the old routine action shot 3.

Also drehen wir um und machen uns auf den Weg nach Hause. Vor uns liegt ein super technischer und körperlich anstrengender Trail. Hier muss man die Linien sorgfältig wählen, wenn man die vielen hohen Steinstufen nicht wie eine Flipperkugel hinunterhüpfen will. Wir nehmen zwei enge Spitzkehren, dann wird der Trail gerader und unsere Geschwindigkeit steigt um das Zehnfache – jedenfalls bis Miles mit seinem Pedal an einem Stein hängen bleibt und ich nur zusehen und auf den Aufprall warten kann, während er halb eingeklickt um Kontrolle ringt. Schließlich gelingt es ihm, anzuhalten, nachdem er etwa zehn Meter mit seiner zukünftigen Vaterschaft am Hinterreifen gehangen hat … Als ich fertig bin mit Lachen und Miles‘ Schmerzen nachgelassen haben, haben wir die Kälte und das beschissene Wetter schon fast vergessen und jagen uns gegenseitig den Trail runter. Mit einem dicken Grinsen im Gesicht rasen wir immer schneller durch die groben Steinfelder. Es ist großartig. Wir waren schon so lange nicht mehr hier und doch haben wir genau dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten. Es fühlt sich an, als wären wir nie weg gewesen.

Schließlich spuckt uns der Trail aus und wir erreichen wieder den Van. Ich schaue zu Miles rüber, der von einem Ohr zum anderen grinst, und ich weiß, dass wir beide dasselbe fühlen. Nach einer Runde High Fives machen wir Witze und lachen über die Strapazen der Tour und ihren erfolgreichen Abschluss. Wir sind beide klatschnass und völlig durchgefroren, aber das könnte uns kaum egaler sein. Wir steigen in den Van und fahren zurück zu Miles‘ Haus, wo der graue Rauch aus dem Schornstein steigt und uns einen warmen Platz vor dem glühenden Kamin verheißt. Der perfekte Ort, um in Erinnerungen zu schwelgen und neue Abenteuer zu planen.

Veränderung ist im Leben unvermeidlich und sie kann gut oder schlecht sein. Von manchen Dingen glaubt man, sie hätten sich völlig verändert, und in Wirklichkeit ist noch immer alles beim Alten. Ich glaube, man weiß seine Heimat wohl erst zu schätzen, wenn man ein bisschen was von der Welt gesehen und anderswo gelebt hat. Als ich ein Teenager war und auf einer so kleinen Insel aufwuchs, wo jeder jeden kannte, empfand ich das Wasser zwischen mir und dem Festland als etwas, das mein Leben diktierte. Ich musste erst wegziehen, um zu erkennen, dass es vielleicht ein echter Segen war.

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Text und Bilder: Ross Bell

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