Beim Mountainbiken bilden die Reifen unseren (hoffentlich) einzigen Kontaktpunkt mit dem Boden und damit beeinflussen sie das Fahrgefühl weit mehr als jedes andere teure „Must-have“-Teil, das wir uns für Geld kaufen können. Doch wie viele von uns wissen eigentlich, wie man den idealen Reifendruck findet? Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen!

Welchen Reifendruck fahrt ihr? Wann habt ihr ihn zuletzt geprüft? Wenn man Mountainbiker auf dem Trail danach fragt, greifen die meisten von uns nach unten, drücken den Reifen ein wenig zusammen und sagen: „Hmm … ungefähr soundso viel.“ Doch wenn ihr aus eurem Bike das Beste rausholen wollt, ist der Reifendruck der erste und auch der günstigste Punkt, an dem ihr ansetzen könnt. Wenn ihr das richtig macht, ist das ein hervorragender Start auf dem Weg zu mehr Fahrspaß. Wir stellen euch zwei Möglichkeiten vor – eine einfache und schnelle, mit der ihr relativ nah am Ideal landet, und eine für alle, die wirklich ihr optimales Setup finden wollen.

Grip ist eine Frage des Reifendrucks!
Grip ist eine Frage des Reifendrucks!

Wie also lautet die magische Zahl, mit der ihr härter shredden könnt als Fabien Barel? Bei unseren Autos fahren wir ja auch alle mit den vom Hersteller angegebenen Werten, es muss doch auch Empfehlungen für unsere Bikes geben? Also, die schlechte Nachricht: Nein, gibt es nicht. Selbst die Top-Racer fahren unterschiedliche Drücke, schwerere Fahrer wie Greg Callaghan, Jared Graves und Jamie Nicoll mit 1,85 bar (27 psi) vorne und 2,0 bar (30 psi) hinten, leichtere, wie Joe Barnes und Jerome Clementz fahren niedrigere Drücke, Barnes 1,6 bar (23 psi) vorne und 1,95 bar (29 psi) hinten und Clementz 1,5 bar (22 psi) vorne und 1,7 bar (25 psi) hinten – das zeigt, welche Bandbreite es hier gibt.

Die Wahl des richtigen Reifendrucks ist so individuell wie des passenden Sattels oder die Frage, welches Bier man in der Kneipe bestellt. Sie hängt vom Gewicht, vom Fahrstil, von der Art der Reifen und von den Trails ab.

Die eine magische Zahl gibt es also nicht, aber mit sehr niedrigen oder sehr hohen Drücken (< 1 bar oder > 3 bar) werdet ihr nicht das Optimum aus eurem Bike herausholen können.

Wenn ihr einfach nur auf der Suche nach einem Setup seid, das in den meisten Fällen gut funktioniert, dann empfehlen euch unsere erfahrenen Tester ein Basis-Setup von:

  • 1,8 bar (26 psi) vorne und hinten bei Standard-Tubeless-Reifen von 2,35–2,4″
  • 2,0 bar (29 psi) vorne und hinten bei Standard-Schlauchreifen von 2,35–2,4″

Bei 2,8–3,0″ breiten Plus-Reifen empfehlen unsere Plus-Tester:

  • 1,2 bar (18 psi) vorne und hinten bei Standard-Tubeless-Reifen von 2,8–3,0″
  • 1,4 bar (20 psi) vorne und hinten bei Standard-Schlauchreifen von 2,8–3,0″

Diese Drücke funktionieren in den meisten Situationen sehr gut, aber wenn ihr euren Fahrspaß maximieren und noch mehr Grip rausholen wollt, gibt es noch eine bessere Methode, mit der ihr euer optimales Setup findet.

Beim Reifendruck geht es vor allem um die Balance – zu viel geht auf Kosten der Traktion, bei zu wenig steigt das Risiko eines Durchschlags.
Beim Reifendruck geht es vor allem um die Balance – zu viel geht auf Kosten der Traktion, bei zu wenig steigt das Risiko eines Durchschlags.

Balance zwischen Grip und Stabilität

Bei der Suche nach dem idealen Druck geht es vor allem um die optimale Balance zwischen Grip und Stabilität.

Zu hoch: Höhere Reifendrücke unterstützen die Seitenwand des Reifens und bieten so mehr Stabilität und besseren Schutz für die Felgen. Doch wenn ihr zu weit nach oben geht, reduziert sich die Traktion dramatisch, weil die Kontaktfläche kleiner wird – das Bike fühlt sich hart an.

Zu niedrig: Niedrige Drücke erhöhen dank der größeren Kontaktfläche den Grip und verbessern die Traktion in Kurven, da der weichere Reifen Unebenheiten im Trail besser aufsaugen kann. Doch wenn ihr mit zu wenig Druck fahrt, erhöht sich das Risiko eines Felgenschadens bei kantigen Schlägen massiv. Außerdem reduziert der geringere Druck die natürliche Dämpfung des Reifens, was bei höheren Geschwindigkeiten ein wackeliges und instabiles Fahrgefühl erzeugen kann. In scharfen Kurven fehlt dem Reifen tendenziell die Stabilität in den Seitenwänden und er kann sich schwammig anfühlen.

Für den optimalen Reifendruck sollte man einen Kompromiss finden, der die Felge ausreichend schützt, aber gleichzeitig genügend Kurventraktion und Stabilität bietet.

Verwendet am besten immer das gleiche Messgerät, denn die einzelnen Geräte variieren stark.
Verwendet am besten immer das gleiche Messgerät, denn die einzelnen Geräte variieren stark.

Nicht alle Messgeräte sind gleich

Eines sollten wir klarstellen: Nicht alle Luftdruckmessgeräte sind gleich und die Werte, die euch verschiedene Geräte anzeigen, werden bis zu einem gewissen Maß variieren. Am besten ist es, ihr verwendet immer dasselbe Gerät. Investiert in ein gutes und passt darauf auf. Die meisten Profis haben ihr eigenes Messgerät und hüten es wie ihren Augapfel.

Individuelles Feintuning

Und jetzt geht’s auf den Trail! Schnappt euch Pumpe und Messgerät und sucht euch eine kurze, etwa zweiminütige Testrunde mit schönen flachen Kurven, Anliegern, Kompressionen und Wurzeln, die dem Gelände entspricht, auf dem ihr normalerweise fahrt. Zu anspruchsvoll sollte die Strecke aber nicht sein, ihr wollt euch ja schließlich auf das Fahrgefühl konzentrieren und nicht darauf, bloß nicht im Gebüsch zu landen. Fangt mit einem höheren Wert an, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich ein sehr hoher Reifendruck anfühlt. Wenn ihr tubeless fahrt und nicht richtig schwer seid, probiert es mal mit 2,2 bar (35 psi) vorne und hinten. Falls ihr schwerer seid als 80 kg oder Schlauchreifen fahrt, versucht es mit 2,4 bar (40 psi).

Fahrt den Trail und lasst es dabei etwas langsamer angehen, denn das Bike wird sich anders anfühlen als gewohnt. Konzentriert euch währenddessen auf Folgendes:

  • Wie viel Grip habt ihr in den Kurven?
  • Wie fühlt sich das Bike auf Wurzeln und Hindernissen an?
  • Wie hart ist das Fahrgefühl?
  • Treten Durchschläge auf die Felge auf?

Habt ihr auf all diese Dinge geachtet? Okay, dann zurück zum Start und reduziert den Reifendruck um 0,2 bar (3 psi) vorne und hinten und fahrt die Strecke noch mal. Beobachtet dabei wieder, wie sich die Reifen anfühlen und wie viel Grip ihr habt. Wiederholt das Ganze immer wieder und verringert jedes Mal den Druck. Versucht, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich das auswirkt.

„Sobald ihr Durchschläge auf die Felge spürt, ist der Druck zu niedrig und ihr solltet nicht mehr weiter wieder ein bisschen hochgehen.“

Je niedriger der Reifendruck, desto mehr Grip und Traktion werdet ihr haben, doch wenn er zu niedrig wird, fühlen sich die Reifen in Kurven schwammig und undefiniert an, und bei hohen Geschwindigkeiten werden sie instabil. Sobald ihr Durchschläge auf die Felge spürt, ist der Druck zu niedrig und ihr solltet nicht mehr weiter wieder ein bisschen hochgehen.

Versucht, den Punkt zu finden, an dem eine weitere Senkung des Reifendrucks die Performance nicht mehr verbessert. Hier sollten die Reifen ordentlich Grip bieten, aber auch Stabilität. Nun seid ihr nah an eurem optimalen Setup und könnt mit der Balance zwischen Vorder- und Hinterreifen experimentieren. Normalerweise kann man vorne einen etwas niedrigeren Druck fahren, da das Tretlager etwa 40 % des Gewichts nach vorne und 60 % nach hinten verlagert. Probiert es mal mit 0,2 bar (3 psi) weniger im Vorderreifen und schaut, wie das den Grip beeinflusst. Spielt ein bisschen herum und schult euer Gefühl dafür, wie sich das Fahrverhalten verändert.

Nun habt ihr gute Ausgangswerte, mit denen ihr arbeiten könnt, schreibt sie euch auf – das ist euer Basis-Setting, eure magische Zahl.

Wenn ihr mal ein gutes Basis-Setup gefunden habt, seid ihr bereit zum Shredden und werdet auch genug Erfahrung haben, um die Drücke an den jeweiligen Trail anzupassen.
Wenn ihr mal ein gutes Basis-Setup gefunden habt, seid ihr bereit zum Shredden und werdet auch genug Erfahrung haben, um die Drücke an den jeweiligen Trail anzupassen.

Ihr habt euer Basis-Setup, was kommt als Nächstes?

Ihr habt euer Basis-Setup und wisst, wie der Luftdruck das Fahrgefühl beeinflusst – jetzt könnt ihr ohne große Mühe die Reifendrücke optimieren. Habt ihr mehr Gewicht dabei (z. B. einen schweren Rucksack) oder wollt ihr mehr Traktion auf verschlammten Trails, dann erhöht oder verringert einfach den Druck nach Bedarf! Vergesst nicht, dabei immer dasselbe Messgerät zu verwenden.

Welchen Druck sollte ich bei MTB-Plus-Reifen fahren?

Einer der Vorteile von Plus-Reifen ist, dass man sie mit etwas geringerem Druck fahren und so die riesige Kontaktfläche ausnutzen kann. Grundsätzlich ist die Vorgehensweise bei Plus-Reifen die gleiche wie oben erläutert, aber ihr könnt mit einem etwas niedrigeren Druck starten: Beginnt mit 1,5 bar (22 psi) vorne und hinten.

Fazit

Egal ob ihr das perfekte Setup finden wollt oder einfach nur mit dem von euch gefundenen Basis-Setup fahrt, ihr werdet schnell merken, dass der Reifendruck die einfachste und billigste Tuning-Maßnahme für euer Bike ist. Wenn ihr mal verstanden habt, wie verschiedene Reifendrücke die Performance beeinflussen, seid ihr auf einem guten Weg, mehr Grip, Kontrolle und Spaß aus eurem Bike rauszuholen.

Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeite Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes & Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike Guide wechselte er dann zu ENDURO wo er sich seitdem von unserem UK Office aus um News, Stories und Testberichte für unsere Website & die Ausgaben kümmert.