Zugeben: Keiner von uns geht gerne Kompromisse ein, wir streben alle nach dem Optimum. Doch was, wenn das optimale Bike ein einziger Kompromiss ist? Trailbikes können alles, aber nichts perfekt und sind gerade deshalb für die meisten von uns das optimale Rad. Wir haben 9 Highend-Modelle der neuen Saison getestet.

Nahezu täglich erhalten wir bei ENDURO Leserbriefe und die meisten beinhalten die gleiche Frage: „Welches Rad soll ich mir als nächstes kaufen?“ Unsere Antwort lautet meist: „Das hängt ganz von deinen Vorlieben und dem Einsatzbereich ab.“ Wenn ihr mit eurem nächsten Rad gerne effizient bergauf pedalieren und bergab kaum Kompromisse eingehen wollt, sind die Bikes in diesem Test wie für euch gemacht.

Das Angebot an Trailbikes ist vielfältiger denn je und das zeigt auch dieser Test. Wir haben 29er genauso getestet wie 27,5″- oder Plus-Bikes, der Federweg variiert je nach Rad zwischen 120–150 mm und sowohl Alu- als auch Carbonrahmen finden sich im Testfeld. Preislich trennen die Bikes zum Teil ebenfalls Welten, so kostet das günstigste Rad, das YT JEFFSY CF PRO, mit 3.999 € weniger als die Hälfte als das Yeti SB5 TURQ, das mit einem Preis von 8.939 € das teuerste Bike ist.

Um die Limits der Räder auszureizen und ihre Allround-Fähigkeiten ausgiebig zu testen, sind wir in die Toskana gereist, genauer gesagt nach Massa Vecchia. Dort fanden wir perfekte Testbedingungen dank milder Temperaturen – auch im europäischen Winter – und einem vielfältigen Trail-Netzwerk mit kurzen steilen, technisch verblockten und langen zähen Anstiegen sowie abwechslungsreichen Abfahrten, von flowig bis anspruchsvoll.

1-fach genial!

Eine Gemeinsamkeit hatten alle Bikes in diesem Test: Einen Umwerfer sucht man bei ihnen vergebens. Für viele von uns ist es bereits ein alter Hut, dennoch gibt es nach wie vor Skeptiker. Das letzte Argument der 1-fach-Verweigerer, die fehlende Übersetzungsbandbreite, ist dank SRAMs Eagle-Schaltung obsolet. Weniger Gewicht, mehr Performance – 1-fach rockt!

Keep the balance

Einige Jahre lang schien es bei der Geometrie-Entwicklung nur ein Ziel zu geben: Wie baut man die möglichst kürzesten Kettenstreben? Mittlerweile ist dieser Trend jedoch passé. In diesem Testfeld gibt es 27,5″-Bikes, die längere Kettenstreben haben als ein 29er (Yeti vs. Trek). Dennoch fahren sich beide Räder extrem ausgewogen. Was zählt, ist eine insgesamt ausgewogene Geometrie, die isolierte Betrachtung einzelner Werte bringt nichts. Das gelingt allen Herstellern in diesem Vergleich sehr gut. Dennoch sind im Handling die Unterschiede zum Teil deutlich spürbar. Das YETI SB5 TURQ ist in diesem Vergleich das agilste Bike, das ROSE ROOT MILLER 3 erfordert bei engen Sektionen den meisten Nachdruck. Trotzdem besitzen beide Bikes ein in sich stimmiges Gesamtkonzept, sie sprechen nur einfach sehr unterschiedliche Fahrertypen an.

29er sind alles andere als langweilig!

Die Zeiten, in denen 29er behäbig und langweilig waren, sind längst vorbei. Die meisten, die mit Vorurteilen bashen, sind vermutlich noch nie ein gutes 29er-Bike gefahren. Wie viel Spaß die großen Laufräder machen können, beweisen das Trek Fuel EX oder das YT JEFFSY 29. Beide Bikes stehen den Modellen mit 27,5″-Laufrädern in Sachen Agilität und Fahrspaß in nichts nach, besitzen aber dank der großen Laufräder ein besseres Überrollverhalten. Beim Specialized Stumpjumper FSR Expert Carbon handelt es sich zwar nicht um das Topmodell, mit einem Preis von 4.999 € ist es aber durchaus mit Bikes in diesem Test vergleichbar. Mit einem Gewicht von 13,61 kg ist es zwar das schwerste Bike im Test, was besonders im Antritt spürbar ist. Gleichzeitig begeistert es jedoch mit grandiosem Langstreckenkomfort – gerade auch dank seiner großen Laufräder.

Ist Plus noch die Zukunft?

Im letzten Jahr wurde die Mountainbike-Szene von Plus-Reifen sprichwörtlich überrollt und die breiten Reifen waren das Tech-Talk-Thema schlechthin. Während sich Reifen mit ca. 2,8″ Breite bei E-Mountainbikes als die neue Benchmark durchgesetzt haben, setzen beim klassischen Mountainbike nur wenige Firmen konsequent auf das Plus-Format. Das zeigt sich auch in unserem Testfeld. Einzig das SCOTT Spark Plus rollt auf dicken Reifen und beweist dabei: Plus muss nicht gleich schwammig und behäbig sein. Mit 11,71 kg ist es das leichteste Bike im Test und begeistert mit einem sehr direkten Handling sowie grandioser Beschleunigung.

Bike Preis Gewicht Federweg Laufradgröße
FOCUS JAM C Factory 4.999 € 13,40 kg 150/140 mm 27,5″
Giant Trance Advanced 0 6.799 € 12,34 kg 150/140 mm 27,5″
LAPIERRE ZESTY AM 927 ULTIMATE 2017 4.999 € 12,67 kg 150/150 mm 27,5″
ROSE ROOT MILLER 3 4.199 € 12,79 kg 140/140 mm 29″
SCOTT Spark Plus 700 Tuned 7.599 € 11,71 kg 130/120 mm 27,5 +
Specialized Stumpjumper Expert Carbon 29 4.999 € 13,61 kg 150/135 mm 29″
Trek Fuel EX 9.9 29 7.999 € 11,90 kg 130/130 mm 29″
Yeti SB5 TURQ X01 Eagle 8.939 € 11,97 kg 150/127 mm 27,5″
YT JEFFSY 29 CF Pro 3.999 € 12,95 kg 140/140 mm 29″
FOCUS JAM C Factory | 4.499 € | 13,40 kg
Giant Trance Advanced 0 | 6.799 € | 12,34 kg
Lapierre Zesty AM 927 Ultimate | 4.999 € | 12,67 kg
ROSE ROOT MILLER 3 | 4.199 € | 12,79 kg
SCOTT Spark Plus 700 Tuned | 7.599 € | 11,71 kg
Specialized Stumpjumper Expert Carbon 29 | 4.999 € | 13,61 kg
Trek Fuel EX 9.9 29 | 7.999 € | 11,90 kg
Yeti SB5 TURQ X01 Eagle | 8.939 € | 11,97 kg
YT JEFFSY 29 CF Pro | 3.999 € | 12,95 kg

Tops & Flops

Oftmals sind es die Details, die den Unterschied machen: gelungene Integration, erstklassige Ergonomie und mit bedacht gewählte Komponenten. Hier findet ihr alle Tops und Flops der Bikes aus unserem großen Vergleichstest.

Tops

Ultra praktisch
Jeder, der gern ohne Rucksack fährt, wird die SWAT-Box im Unterrohr des Specialized Stumpjumper lieben! Dort finden ein Schlauch, eine Pumpe und auch eine kompakte Windjacke Platz. Ideal für die schnelle Runde nach Feierabend.
On point
Die gesamte Ausstattung des YT JEFFSY ist extrem hochwertig und durchdacht. Das zeigt sich auch beim verbauten Cockpit, das mit einer Vorbaulänge von 50 mm und einer Lenkerbreite von 800 mm (kann gekürzt werden) perfekt ins Gesamtbild passt.
Leise
Nichts nervt meh als eine rasselnde Kette. Da sich Kettenschlagen nicht ganz verhindern lässt, ist es umso wichtiger, die Kontaktpunkte zu schützen. Lapierre setzt auf dicke Kunststoff-Protektoren.
Dauerläufer
Die am FOCUS JAM verbauten DT Swiss XM1501 SPLINE ONE-Laufräder begeistern nicht nur durch ihre top Funktion, sondern auch durch sehr gute Haltbarkeit. In unserer Redaktion sind sie echte Dauerläufer. Defekte? Fehlanzeige!

Flops

Veraltet
Die Zeiten von schmalen Lenkern und langen Vorbauten sind vorbei. Das am Giant Trance Advanced verbaute Cockpit beschneidet spürbar das Potenzial des Bikes – schade!
Gripverlust
Trailbikes sind mittlerweile oft deutlich potenter als die an ihnen verbauten Reifen. Das enorme Plus an Performance ist ein paar Gramm Mehrgewicht oder einen minimal schlechteren Rollwiderstand absolut wert.

Details, die entscheiden

Es ist ein Thema, über das man im Jahr 2017 eigentlich nicht mehr sprechen müssen sollte: die Ausstattung. Nachdem im Bereich der Geometrie alle Hersteller mittlerweile im Großen und Ganzen eine solide Performance liefern, leisten sich einzelne Firmen bei der Ausstattung noch zum Teile gravierende Schwächen. Dabei sind es oft nur Details, die den Fahrspaß enorm beschneiden. Bestes Beispiel: Das Giant Trance Advanced 0 begeistert mit einer hervorragenden Geometrie und einem top Hinterbau, wird aber sowohl durch das zu lange (70 mm) und schmale (740 mm) Cockpit sowie seine Reifen (Schwalbe Nobby Nic) limitiert. Aber auch beim Yeti SB5 TURQ oder dem ROSE ROOT MILLER bremsen Reifen die Abfahrtsqualitäten. Wie es richtig geht, beweisen Lapierre, Trek und YT: An diesen drei Rädern gibt es nichts zu meckern, was sich auch bei der Performance auf dem Trail zeigt.

Mehr Bike fürs Geld

In diesem Vergleichstest gibt es neben dem Testsieger noch einen weiteren Gewinner: euch! Denn eines steht fest, noch nie gab es bessere Bikes zu einem faireren Preis. Klar können sich die Hater über neue Standards beschweren, Plus-Reifen verteufeln und generell alle Neuentwicklungen infrage stellen, doch die Gesamtkonzepte waren noch nie so überzeugend und die Fahrperformance auf dem Trail war noch nie besser als in diesem Jahr. Klar, die Bikes in diesem Test sind zum Teil extrem teuer. Aber es handelt sich dabei auch um die Top-Of-The-Line-Modelle und auch viele Edelhersteller haben günstigere Modelle im Angebot. Besonders auffallend ist der enorme Preisunterschied zwischen Versenderbikes und Fachhandelsmarken. Wer es sich selbst zutraut, am Bike zu schrauben, erhält bei Ersteren ein grandioses Preis-Leistungs-Verhältnis.

Bike Uphill Downhill Handling Laufruhig / Agil Preis / Leistung
FOCUS
GIANT
LAPIERRE
ROSE
SCOTT
SPECIALIZED
TREK
YETI
YT

Das beste Trailbike 2017

Bei diesem Test gab es einen klaren Sieger: das Trek Fuel EX 9.9 29. Es überzeugte mit seinem extrem ausgewogenen und vielseitigen Handling, top Klettereigenschaften und seiner grandiosen Optik sowie sinnvollen Ausstattung. Wer ein komfortables Langstreckenbike sucht, mit dem er aber auch eine Jumpline rocken oder an einem Endurorennen teilnehmen kann, wird hier absolut fündig! Mit einem Preis von 7.999 € in der Topausstattung mit Carbon-Laufrädern ist es allerdings doppelt so teuer wie das YT JEFFSY 29 CF PRO, das sich mit nahezu identisch guten Fahreigenschaften und einer ebenfalls durchdachten Ausstattung den begehrten Kauftipp sichert. Wollten wir ein Bike kaufen, wir würden zum JEFFSY greifen – geht es um die beste Performance, liegt das Trek Fuel EX jedoch minimal vorn.

Alle Bikes im Test: FOCUS JAM C Factory | Giant Trance Advanced 0 | Lapierre Zesty AM 927 Ultimate | ROSE ROOT MILLER 3 | SCOTT Spark Plus 700 Tuned | Specialized Stumpjumper Expert Carbon 29 | Trek Fuel EX 9.9 29 | Yeti SB5 TURQ X01 Eagle | YT JEFFSY 29 CF Pro

Text & Fotos: Christoph Bayer