Als direktes Bindeglied zwischen Trail und Fahrer beeinflussen Reifen enorm das Handling eines jeden Mountainbikes. Egal wie gut der Rahmen ist, mit schlechten Reifen wird das Bike nie sein volles Potenzial entfalten können. Was ein Reifen können muss, hängt allerdings sehr stark vom jeweiligen Einsatzbereich, Terrain und den persönlichen Vorlieben ab. Welcher der perfekte Reifen für euch ist, verrät dieser Test.

Es gibt kein günstigeres Tuning, um das Fahrverhalten des Bikes zu verbessern, als ihm einen Satz gute Reifen aufzuziehen. Wobei günstig relativ ist, immerhin kostet ein Reifen im Schnitt über 50 € und auf ständiges Reifenwechseln haben auch nur die wenigsten Bock. Bevor man also die EC-Karte zum Glühen bringt, sollte man sicher sein, das Geld für den richtigen Reifen zu investieren.

Kein Test wie die Anderen

Bei der Planung dieses Tests haben uns mehrfach die Köpfe geraucht. Welche Reifen sollen wir testen? Wie sollen wir sie testen? Wo sollen wir sie testen? Worauf liegen die Schwerpunkte des Tests? Das Problem: bei der enormen Vielfalt an Modellen scheint es unmöglich ein umfassendes Testfeld zusammenzustellen, das auch nicht nur alle relevanten Modelle berücksichtigt, sondern euch am Ende auch dabei hilft, den für eure Bedürfnisse passenden Reifen zu finden. Aus diesem Grund haben wir die herangehensweise diesmal grundlegend geändert.

Der umfangreichste Test aller Zeiten

Dieser Reifentest hat nicht nur einige Wochen, sondern mehrere Jahre in Anspruch genommen. Der Grund? Wir haben nicht nur viele Reifen im direkten Vergleich gefahren, sondern haben mit allen Modellen auch über mehrere Monate Erfahrungen auf verschiedenen Untergründen und bei verschiedenen Wetterbedinungen gesammelt. Außerdem waren wir in den letzten Jahren dreimal im Prüflabor von Continental und können hier auf interessante Testergebnisse zurückblicken. Unsere Empfehlungen setzen sich dabei immer aus unseren Praxiserfahrungen zusammen, die wir lediglich mit Erkenntnissen aus dem Labor evaluieren. Dieser Test sammelt die Erfahrungen, die unser Team über Jahre mit den Reifen der verschiedensten Herstellern gesammelt hat und soll euch so dabei helfen, den wirklich für euch passenden Reifen zu finden. Egal ob ihr überwiegend auf den steinharten Trails in Utah oder im matschigen Schottland unterwegs seit.

Die Qual der Wahl

Im umfangreichen Portfolio der meisten Reifenhersteller den Überblick zu bewahren ist in etwa so kompliziert wie das ausfüllen der jährlich fälligen Steuererklärung. Die meisten Hersteller haben nicht nur unzählige verschiedene Modelle (Profile) für verschiedene Bodenbeschaffenheiten im Angebot, sondern bieten die Reifen dann auch noch mit verschiedenen Karkassen, in verschiedenen Breiten und mit verschiedenen Gummimischungen an. Als Beispiel: Maxxis bietet allein den Klassiker Minion DHF in 27,5” in insgesamt 11 Modellen an – und dann gibt es auch noch auf den Minion DHR oder Highroller II als potenzielle Kandidaten mit ähnlichen Eigenschaften

Reifen Preis Gewicht Abmessungen Gemessene Breite*
Bontrager SE5 Team Issue 52,90 € 1.000 g 29 x 2,30 59 / 59,5 mm

Continental Der Baron Projekt 70,90 € 1.029 g 29 x 2,40 58,5 / 57,8 mm
E13 TRS+ ab 67,90 € 954 g 29 x 2,35 61 / 61 mm
Maxxis MINION DHR II 69,50 € 957 g 29 x 2,40 WT 59 / 58 mm
Michelin Wild Grip’R ab 45,00 € 1.057 g 29 x 2,35 58 / 60 mm
Schwalbe Magic Mary 57,90 € 855 g 29 x 2,35 61 / 62 mm
Specialized Hillbilly 39,90 € 965 g 29 x 2,30 62 / 62 mm
WTB Vigilante 59,90 € 866 g 29 x 2,30 59 / 57 mm

*Reifen mit 2,0 bar auf einer 30-mm Felge montiert. Zahl 1= Außenstollen; Zahl 2= Karkassen


Folgende Faktoren gilt es bei der Reifenwahl zu beachten:

Das Profil

Das Profil eines Reifens hat großen Einfluss auf sein Fahrverhalten. Dabei kommt es zum einen auf das Stollendesign, aber auch auf die Profilhöhe, den Stollenabstand oder die Kerbung der Stollen an. Ein klassischer Matschreifen hat z.B. eher lange Stollen mit großem Abstand die sich tief in den Boden graben, auf harten Böden können diese aber wegknicken. Manche Reifen sind mehr für den Einsatz auf dem Vorderrad geeignet, andere funktionieren besser am Hinterrad. Die verschiedenen Profile und ihre Vorteile werden wir euch bei den einzelnen Herstellern genauer erläutern.

Die Gummimischung

Je weicher die Gummimischung umso mehr Grip kann sie bieten, aber desto schneller verschleißt sie in der Regel auch und umso höher ist ihr Rollwiederstand. Die besten Reifen besitzen an den Außen- und Mittelstollen verschiedene Gummimischungen um den besten Kompromiss aus Grip und Rollwiderstand zu erreichen.

Die Reifenbreite

Mittlerweile gibt es viele Modelle in unzähligen Breiten. Welche Breite für euch passt ist sehr individuell. Einen großen Einfluss hat hierbei die Felgenbreite. Aktuell entwickeln sich Felgen mit ca. 30 mm Innenbreite zum Standard. Auf ihnen kann man von 2,4” bis 2,8” alle Breiten fahren. Ein aufkommender Trend sind 2,6” breite Reifen. Sie machen aber ebenfalls nur auf Felgen mit 30 mm Innenbreite Sinn. Wer aktuell noch schmale Felgen fährt (< 25 mm), ist mit Reifen bis 2,4” Breite am besten beraten.

Die Karkasse

Mittlerweile gibt es viele Enduro-Reifen in verschiedenen Karkassen-Optionen. Die Anzahl der Karkassen-Lagen bzw ihr Aufbau ist dabei maßgeblich für den Pannenschutz verantwortlich. Mehr Lagen = mehr Pannenschutz aber auch mehr Gewicht. Um das Gewicht nicht unnötig in die Höhe zu treiben bieten viele Hersteller ihre Reifen mit dünner Lauffläche und jeweils auf unterschiedliche Art und Weise verstärkten Seitenwänden an (Schwalbe Super Gravity, Maxxis Double Down, Continental Protection APEX). Diese Reifen sind im Schnitt 150-300 g schwerer als Reifen mit einfacher Karkasse aber auch 150-300 g leichter als reine Downhillreifen. Die Wahl der Karkasse hängt stark von Einsatzbereich des Bikes ab. Tourenfahrer greifen zu leichteren Reifen während sich Enduro Fahrer die viel in hartem Terrain unterwegs sind oder gern auch Rennen fahren besser etwas mehr Gewicht investieren.

Das Gewicht

Das Gewicht eines Reifens beeinflusst spürbar sein Fahrgefühl. Doch nicht immer ist leichter auch besser. Einen leichten Reifen der gut beschleunigt erkauft man sich mit reduzierten Pannenschutz. Außerdem verfügen zu leichte Reifen oft über eine schlechtere Eigendämpfung. Die Gewichte des exakten Modells schwanken je nach Hersteller oft stark. Wir hatten bei eigentlich identischen Modellen schon über 150 g Differenz. In diesem Test verraten wir euch die von uns ermittelten Reifengewichte.

Vorderrad ≠ Hinterreifen

Die Anforderungen an Vorder- und Hinterreifen können sich je nach Untergrund und Einsatzzweck zum Teil stark unterscheiden. Generell liegt beim Vorderrad der Fokus auf hoher Bremstraktion und guter Kurvenführung. Am Hinterrad ist dagegen ein geringerer Rollwiderstand wünschenswert. Dennoch trägt auch der Hinterreifen einen hohen Anteil Kurvenverhalten des Bikes bei und beeinflusst spürbar die Stabilität und Sicherheit. Aus diesem Grund eignen sich Semi-Slick-Reifen lediglich für sehr trockene, harte Böden oder erfahrene Fahrer. Es macht jedoch oftmals Sinn, am Hinterrad eine härtere Gummimischung zu verbauen. Viele der getesten Reifen können sowohl in Front, als auch am Heck montiert werden.

Der perfekte Reifen ist der kleinstmögliche Kompromiss

Bei der Wahl des richtigen Reifens geht es immer darum, den perfekten Kompromiss zwischen verschiedenster Eigenschaften zu wählen. So stehen ein leichtes Gewicht und hoher Pannenschutz im direkten Gegensatz. Das gleiche gilt für Grip, Rollwiderstand und Haltbarkeit. Je nach Einsatzbereich und persönlichen Vorlieben kann das Lastenheft für den perfekten Reifen ganz unterschiedlich ausfallen. Wer regelmäßig mit seinem Endurobike lange Touren mit schweißtreibenden Uphills unternimmt, hat andere Ansprüche als Fahrer die den Uphill mit dem Shuttle oder Lift erledigen. Dabei ist der Federweg des Bikes nicht der ausschlaggebende Faktor, schließlich machen gute Reifen ein Rad weniger Reserven deutlich potenter und umgekehrt.

Der perfekte Enduro-Reifen besitzt ein vielseitiges Profil-Design mit guten Grip gepaart passablen Rollwiderstand. Er fährt sich berechenbar und ist sowohl auf harten als auch weichen Böden zu Hause. Seine Karkasse macht auch bei harten Abfahrten nicht sofort schlapp, dennoch bewegt sich das Gewicht im akzeptablen Rahmen. Zu guter Letzt sollte auch der Verschleiß nicht zu hoch sein. Diesen Alleskönner haben wir gefunden und verraten ihn euch auf der nächsten Seite, außerdem stellen wir noch weitere spannende Reifen vor.

Alle Reifen im Test: Bontrager SE5 Team Issue | Continental Der Baron Projekt | E13 TRS+ | Maxxis MINION DHR II | Michelin Wild Grip’R | Schwalbe Magic Mary | Specialized Hillbilly | WTB Vigilante