Jon hatte den wohl schönsten Arbeitsweg, den man mit dem Auto zurücklegen kann. Jeden Tag fuhr er von Squamish über den Sea to Sky Highway nach Vancouver. Doch was nützt die schönste Aussicht auf Vancouver Island, wenn man dadurch keine Zeit hat, selbst aufs Rad zu steigen? Aus diesem Grund fasste Jon gemeinsam mit seinen Kollegen Sam und Chris einen Entschluss.

Mehr Zeit zum Biken, dort leben, wo die besten Trails starten und eine eigene Firma auf die Beine stellen: Das waren die drei Hauptgründe, weshalb Jon, Sam und Chris ihren sicheren Job an den Nagel gehängt haben. Mehrere Jahre arbeiteten sie gemeinsam bei Race Face als Ingenieure, gestalteten das gesamte Produktportfolio maßgeblich mit und entwickelten Innovationen wie das Cinch-System. Vor gut drei Jahren reichten sie dann gemeinsam die Kündigung ein. Ohne Business-Plan und ohne Investoren im Nacken, einzig mit der Gewissheit, in der Lage zu sein, neue, spannende Produkte zu entwickeln – schließlich hatte das in den letzten Jahren auch schon gut geklappt. Mut, der sich auszahlen sollte.

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Ein wenig Glück schadet nie

Wenn die Jungs jetzt zurückblicken, hätte es für ihr frisch gebackenes Start-up keinen besseren Start geben können. Das erste Produkt, das der Firma auch ihren Namen gab, war ein 42-Zahn-Zahnkranz, mit dem man die Bandbreite eines gewöhnlichen 10-fach-Antriebs deutlich erhöhen und so in den Genuss eines 1-fach-Antriebs kommen konnte.

„Wir dachten, dass unser erstes Produkt maximal für sechs Monate am Markt relevant sein würde – bis dahin musste uns etwas Neues einfallen.“

Die Jungs präsentierten es genau zu der Zeit, als SRAM mit der edlen XX1-Gruppe erstmal das Verlangen nach Einfachheit schürte, sich aber nur die wenigsten die edle Komplett-Schaltung leisten konnten. Natürlich wussten die drei, dass sowohl der rote als auch der blaue Big-Player nach kurzer Zeit nachlegen und günstigere 1-fach-Antriebe mit großer Bandbreite für die Masse anbieten würden. Sie selbst gaben ihrem ersten Produkt eine Zeit von ca. sechs Monaten, in der es relevant sein würde. Dann, glaubten sie, würde es von den beiden großen Marken abgelöst. Doch es dauerte länger und das verschaffte den drei einen Unternehmensstart, wie sie ihn sich selbst nicht besser hätten wünschen können und Zeit, die nächsten Komponenten zu entwickeln.

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Potenziale erkennen – einen echten Mehrwert bieten

Ich selbst habe die Entwicklung von OneUp Components mit Spannung verfolgt. Die Entwicklung des Zusatzritzels war genial, doch was würden die Jungs machen, wenn Shimano und SRAM nachlegten? Ganz einfach: Sie präsentierten neue, innovative Produkte. Und zwar solche, die sie sich selbst an ihren Bikes wünschten und die dann auch allen anderen Bikern einen echten Mehrwert boten. Mittlerweile umfasst das Portfolio mehr als 28 Produkte. Angefangen vom bekannten Zusatzritzel über Schaltwerkskäfige, Kettenführungen, einen Freilaufkörper und bis hin zu Spacern für Downhill-Kassetten und ovale Kettenblätter. Immer am Puls der Zeit, immer mit den Bedürfnissen der Kunden im Blick. Klar, dass die drei Kanadier längst einen 11-fach-Hack präsentiert haben, mit dem man auch dort die Bandbreite enorm vergrößern kann.

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Freiraum für den Kopf

Wenn man sich eines mit Geld nicht kaufen kann, dann ist es Zeit. Zeit für Freunde, die Familie, Zeit zum Radfahren. Der Zeitmangel war es, der die Jungs antrieb, ihre Jobs zu kündigen, und wenn sie eines in ihrer Selbstständigkeit nicht wollten, dann von frühmorgens bis tief in die Nacht am Schreibtisch über neuen Ideen grübeln. Ihr Einfallsreichtum ist der Schlüssel zum Erfolg und die besten Ideen kommen den Jungs auf den Trails. Aus diesem Grund lautet das ganz offizielle Firmenmotto, das auch auf der Website zu lesen ist: „Work less, ride more.“ Dass es sich dabei nicht nur um eine Phrase handelt, wird beim Besuch des Office der drei schnell klar. Es ist kein Designerbüro mit unbequemen Hockern und verglasten Besprechungsräumen; statt Bildern hängen signierte Trikots, Bikes und Trail-Building-Werkzeug an den Wänden. Es herrscht ein Mix aus Wohnzimmeratmosphäre und latentem Chaos, gepaart mit dem Duft von Kettenöl.

Get out and get creative!

Das wohl größte Highlight des Büros ist aber seine Lage: Direkt am Rande eines der weltweit besten Trail-Netzwerke, mit bekannten Wegen wie Angry Midget, Half Nelson oder 19th Hole, ist es perfekt gelegen für den schnellen Lunchride oder die ausgedehnte Afterwork-Tour und so erklären sich das Firmenmotto und der damit verbu ndene Erfolg der drei Jungs fast wie von selbst. Wir sind gespannt, was sich die drei als Nächstes einfallen lassen!

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Woran die Jungs aktuell arbeiten? Im Artikel findet ihr einen Hinweis. Wer die Lösung hat, schreibt eine Mail an win@enduro-mtb.com und mit etwas Glück bist du vielleicht eine oder einer der ersten, die das neue Produkt im kommenden Jahr in den Händen halten!

Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.