Schwitzige Hände bekommt man auf der EUROBIKE nur noch selten. Die meisten News gab es bereits zu sehen und falls nicht, sieht man oft nur Evolutionen und selten echte Revolutionen. Anders dieses Jahr bei GHOST: Dort stand sie, diese sandfarbene, vollgefederte Schönheit mit Pinion-Antrieb, Nabendynamo samt USB-Port und dekoriert mit diversen Taschen, die mich dann die nächsten Nächte nicht hat schlafen lassen: Das GHOST ROAMR.

(Wir haben das Bike bereits zur Eurobike vorgestellt. Falls ihr den Artikel verpasst habt könnt ihr in hier nachlesen: Eurobike 2015: GHOST ROAMR Travelbike.)

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Der feuchte Traum eines jeden Bikepacking-Enthusiasten. Verdammt, ich musste dieses Teil fahren und wenn es nur für einen kurzen Overnight-Ausflug war! () Zwei Monate später ist es dann so weit, ich keuche tatsächlich mit der GHOST ROAMR getauften Maschine einen Anstieg in der atemberaubenden, herbstlichen Schönheit der Dolomiten hinauf. Während ich langsam an bunt gefärbten Pinien, Zirben und übelriechenden Latschenkiefernteppichen vorbeiziehe, habe ich Zeit, Stück für Stück das Konzept des GHOST ROAMR zu entdecken. Dabei wird klar: Bikepacking muss nicht zwangsläufig auf ein starres Hardtail oder Fatbike reduziert werden. Als begeisterter Anhänger dieser Reiseart habe ich bereits auf einer mehrmonatigen Tour durch Südamerika mit dem Fatbike und etlichen Abenteuern in Europa unzählige Erfahrungen machen und Eindrücke sammeln können. Umso spannender ist für mich, ob das Konzept eines wirklich trailtauglichen Packesels auch in der Praxis überzeugt.

Ein Pinion-Antrieb steht wohl bei jedem vom Fernweh gepackten Biker auf der Wunschliste, ein Nabendynamo zum Laden des zur Navigation dienenden Smartphones ist fernab der Zivilisation Pflicht und wo sie an anderen Bikes eher überflüssig ist, kann eine absenkbare Federgabel hier ihr volles Potenzial ausspielen. Zugegeben, anfangs war ich etwas skeptisch, ob an einem Fully mit absenkbarer Sattelstütze überhaupt genug Platz für all das Gepäck ist und leider war es nicht möglich, das von GHOST entwickelte Packsystem direkt mit zum Test zu erhalten. Aber für ein oder zwei Nächte braucht es sowieso nicht viel und so konnte ich Zelt, Schlafsack, Verpflegung und Regenkleidung mithilfe meiner eigenen Taschen und eines kleinen Rucksacks problemlos am Rad und am Körper verstauen.

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In diese Gedanken verloren, drücke ich eine Pedalumdrehung nach der anderen, die Steine knirschen unter den dicken Reifen und meine Augen folgen den Wolkenfetzen, die zwischen den schroffen Felszinnen hindurchziehen. Plötzlich verstummt das leise Surren des Pinion-Antriebs abrupt, als ich an einem unvermutet auftauchenden Absatz hängenbleibe und unfreiwillig zum Stillstand komme. Zwar lässt sich technisch bedingt nicht unter Last schalten, aber der Antrieb kann hier dennoch mit einem Vorteil glänzen: Entspannt kann ich im Stand den Gang wechseln und wieder anfahren.

Der Schotterweg verengt sich langsam und ich finde mich nach einer Weile auf einem von großen Felsblöcken gesäumten und von Absätzen, Wurzeln und Steinen durchzogenen Singletrail wieder. Hier wird mir plötzlich bewusst, wie gut der Climb Switch des verbauten Cane Creek DB-Stahlfederdämpfers funktioniert. Sämtliche Antriebseinflüsse werden durch die erhöhte Lowspeed-Druckstufe effektiv negiert und dennoch bleibt der Hinterbau so sensibel und traktionsstark, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Im Vergleich mit anderen Bikes ist das ROAMR mit seinen 15,8 kg zwar eher ein Panzer. Dank der absenkbaren Gabel und der großen Übersetzungsbandbreite der Pinion klettert es aber auch vergleichbar gut und man kommt so ziemlich überall hoch – nur eben etwas langsamer.

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Der Trail öffnet sich wieder und gibt den Blick auf eine riesige, atemberaubende Hochebene frei. Die Gipfel am hinteren Ende zeigen bereits eine dünne Schneedecke, ein Adler zieht nicht weit entfernt seine Kreise auf der Suche nach unvorsichtigen Nagetieren. Eine leichte Brise von hinten lässt mich in meinem feuchten T-Shirt kurz erschauern und motiviert zugleich, wieder kräftiger in die Pedale zu treten. Die LED am Supernova USB-Ladegerät leuchtet beständig und so lädt mein Handy in der Tasche auf dem Oberrohr zuverlässig.

Natürlich will ich das Ghost ROAMR mit seinen 150 mm Federweg auch an seine Grenzen bringen und halte, während ich immer weiter in die Hochebene vordringe, Ausschau nach knackigen Singletrails und einer Stelle für mein Zelt. Hier vielleicht? Hm, doch nicht. Hier? Nein, weiter und auf mein Glück vertrauen – damit hat es bisher immer funktioniert. Und tatsächlich, nach einer weiteren halben Stunde leichten Uphills vereint sich alles: Ein flaches Grasstück bietet Platz für das Zelt, der Bach nebenan lässt mich meinen Wasservorrat auffüllen und das Abendessen zubereiten und einen Steinwurf entfernt sieht es so aus, als ob dort wirklich das Ende eines Trails zu finden wäre. Eine kurze Inspektion bestätigt dies, ich baue schnell mein Zelt auf, schmeiße die Taschen und den Rucksack hinein, um kurz danach fahrender-, schiebender- und tragenderweise diesen Trail zu erklimmen.

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Im Augenwinkel flüchtet ein Murmeltier pfeifend vor meinem lauten, stoßweisen Atem in sein Erdloch, die Gämsen ein paar hundert Meter weiter springen hingegen nur einige Absätze nach oben und beäugen mich neugierig. Ich halte kurz inne, trinke einen Schluck und kann mich gar nicht sattsehen an den Farben und Formen der Landschaft. Ich habe in den Alpen schon viele wunderschöne Ecken entdeckt, aber die Dolomiten sind einfach einzigartig.

Die Sonne hinter den schnell ziehenden Wolkenfetzen berührt schon fast den gegenüberliegenden Felsgrat und ich beschließe, es für heute gut sein zu lassen und mich in die Abfahrt zum Zeltplatz zu stürzen. Die Gabel auf ihren vollen Federweg ausfahren, den Climb Switch-Hebel vom Dämpfer in Richtung „offen“ umlegen und schon wird aus dem ROAMR ein hoffentlich potentes Geschoss. Der Trail verlangt volle Konzentration, denn er ist gespickt mit Absätzen, schroffen Felsen links und rechts, zerfurchten Steinplatten und tiefen, losen Steinfeldern. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf: Ob ich hier wohl auch mit meinem starren 29er-Hardtail runterkommen würde? Vielleicht … aber definitiv nicht so schnell und sicher nicht mit so viel Spaß wie mit dem GHOST ROAMR.

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Nach zahllosen Spitzkehren, Highspeed- und technischen Trialpassagen erreiche ich erschöpft, aber mit einem dicken Grinsen im Gesicht mein Zelt. Die Nudeln mit Thunfisch sind schnell gekocht und verzehrt und wenig später sitze ich in meinen Schlafsack gehüllt bei einer glühenden Zigarette vor dem Zelt und sehe das Abendrot verblassen und die ersten Sterne auffunkeln. Die Impressionen des Tages ziehen an mir vorbei, ohne jedoch hängen zu bleiben und Geisteskraft zu beanspruchen. Der Rest der Welt ist so fern, wie er nur sein kann, und ich fühle mich einfach nur unglaublich entspannt.

Der nächste Morgen ist kühl und feucht. Während der Kaffee vor sich hin köchelt, sind das Zelt und der Schlafsack schnell wieder im Rucksack und am Bike verstaut. Das heiße Gebräu tut seine Pflicht: Wach und motiviert pedaliere ich wenige Minuten später in Richtung Abfahrt und surfe den Flowtrail zurück ins Tal.

Ghost-ROAMR-Review

Details des GHOST ROAMR:

Der Cane Creek DB CS-Dämpfer lässt sich umfassend abstimmen, bietet hervorragende Performance und der Climb Switch ist die momentan effektivste Kletterhilfe auf dem Markt. Und falls nicht gerade die Feder bricht, kommt man auch bei einem Defekt zumindest bis zum nächsten Bikeshop.
Der Cane Creek DB CS-Dämpfer lässt sich umfassend abstimmen, bietet hervorragende Performance und der Climb Switch ist die momentan effektivste Kletterhilfe auf dem Markt. Und falls nicht gerade die Feder bricht, kommt man auch bei einem Defekt zumindest bis zum nächsten Bikeshop.
Das Herzstück des ROAMR: Neben der geschützten Positionierung und idealer Gewichtsverteilung, kann die Pinion-Getriebebox mit ihren 18 Gängen und einer Übersetzungsbandbreite von 636 % glänzen – das ist mehr, als eine 3×9-fach-Schaltung bieten kann. Nachteil: Sie ist deutlich schwerer als eine Kettenschaltung.
Das Herzstück des ROAMR: Neben der geschützten Positionierung und idealer Gewichtsverteilung, kann die Pinion-Getriebebox mit ihren 18 Gängen und einer Übersetzungsbandbreite von 636 % glänzen – das ist mehr, als eine 3×9-fach-Schaltung bieten kann. Nachteil: Sie ist deutlich schwerer als eine Kettenschaltung.
Geschaltet wird das Getriebe ausschließlich per Drehschalter. Die SRAM Guide RSC-Bremsen konnten das Gesamtgewicht gut im Zaum halten.
Geschaltet wird das Getriebe ausschließlich per Drehschalter. Die SRAM Guide RSC-Bremsen konnten das Gesamtgewicht gut im Zaum halten.
Ein weiteres Highlight des GHOAT ROAMR ist die Stromversorgung. Dank SP-Nabendynamo und Tout Terrains The Plug kann während der Fahrt jegliches USB-ladbare Gerät mit Strom versorgt werden.
Ein weiteres Highlight des GHOAT ROAMR ist die Stromversorgung. Dank SP-Nabendynamo und Tout Terrains The Plug kann während der Fahrt jegliches USB-ladbare Gerät mit Strom versorgt werden.
Die RockShox PIKE verfügt über 150 mm Federweg und lässt sich um 30 mm absenken. Zusammen mit der riesigen Übersetzungsbandbreite des Pinion-Getriebes ergibt sich so ein zwar schweres, aber sehr Uphill-taugliches Konzept.
Die RockShox PIKE verfügt über 150 mm Federweg und lässt sich um 30 mm absenken. Zusammen mit der riesigen Übersetzungsbandbreite des Pinion-Getriebes ergibt sich so ein zwar schweres, aber sehr Uphill-taugliches Konzept.

Fazit

Ich bin beeindruckt und das gleich doppelt: einerseits von der unglaublichen Schönheit der herbstlichen Dolomiten und andererseits vom GHOST ROAMR. Das Bike ist weder ein super Reiserad für den mehrmonatigen Trip noch ein ultrawendiges und leichtes Allmountain. Aber dafür wurde es auch nicht gebaut. Es ist ein sehr durchdacht entwickeltes Adventurebike, mit dem man einfach übers Wochenende oder auch ein paar Tage länger losziehen, die Natur entdecken und jeden Trail mitnehmen kann – und das mit viel Spaß.

Dank der großen Übersetzungsbandbreite der 18 Gänge des Pinion-Antriebs sowie der absenkbaren Gabel lässt sich trotz des Mehrgewichts so ziemlich jeder Anstieg bezwingen, die 150 mm Federweg nehmen es bergab mit fast jedem Gelände auf. Dank Stahlfeder hält der Hinterbau auch bei einem Defekt des Dämpfers noch bis ins nächste Tal, die Pinion ist ein geschlossenes System ohne abreiß- oder festhänggefährdete Teile und der Nabendynamo mit USB-Port liefert den Strom zur Navigation. Was will man mehr?

Weitere Informationen zum GHOST ROAMR erhaltet ihr auf der Ghost-Website.

Text: Andreas Maschke Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Andreas Maschke

Andi ist die meiste Zeit entweder vor dem Bildschirm zu finden, um für euch die nächste Ausgabe zusammenzubauen, oder in der Werkstatt, um das Gleiche mit den neuen Bikes zu tun. Ab und an kommt er aber auch zum Testen – und macht das dann auf Herz und Nieren.