Intense und Santa Cruz: zwei Marken, die seit Jahren bei Bike-Enthusiasten für feuchte Hände und leere Bankkonten sorgen. Die Vorstellung ihrer neuesten Endurobikes hat die Bikewelt jeweils für einen Tag stillstehen lassen. Doch welches ist das bessere Enduro? Zeit für ein Duell: Santa Cruz Nomad vs. Intense Tracer.

Die Kontrahenten im Detail

Der Firmensitz im US-Bundesstaat Kalifornien ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, die Intense und Santa Cruz haben. Beide Marken wurden in den frühen Neunzigern gegründet und haben es geschafft, Kultstatus zu erreichen. Beide setzen seit Jahren bei ihren Bikes auf Hinterbauten mit virtuellem Drehpunkt, was dazu führte, dass sich das Rahmendesign zwischenzeitlich optisch sehr ähnelte. In der neuen Saison sind die Unterschiede zwischen den beiden Endurobikes Tracer und Nomad jedoch größer denn je, auch wenn viele Hard Facts etwas anderes vermuten lassen.

Intense Tracer Elite

Intense Tracer Elite | 160/165 mm (v/h) | 13,87 kg | 8.199 €
Aufwendig
Es könnte so einfach sein, stattdessen verbaut Intense eine aufwendige Hinterradachse, für die man erst zwei Schrauben entfernen muss, bevor man das Hinterrad entnehmen kann.
Neon Colors may fade
Die knalligen Farben haben ihren Preis: Sie verblassen mit der Zeit. Wer sich für das orange Tracer entscheidet, sollte damit rechnen, dass es in einigen Jahren weniger strahlt. Wen das stört, der greift besser direkt zum schwarzen Modell.
Sensibel
Der lange untere Umlenkhebel verleiht dem Tracer einen angenehm progressiven und sehr feinfühligen Hinterbau.
Innenverlegt
Die innenverlegten Züge sorgen für optische Ruhe beim sonst lauten Design. Leider klapperte der Zug der hinteren Bremse immer wieder im Rahmen.

Rational gesehen macht keins der beiden Bikes Sinn, doch wer denkt schon rational


Santa Cruz Nomad CC X01

Santa Cruz Nomad CC X01 | 170/170 mm (v/h) | 13,50 kg | 9.199 €
Praktisch
Santa Cruz hat es nicht nur geschafft, einen Flaschenhalter im Rahmen zu integrieren, sondern verlegt auch die Bremsleitung außerhalb des Rahmens. Beides äußerst praktisch!
Extrem
Statt „high“ und „low“ sollte der Flip-Chip besser mit „low“ und „lower“ beschriftet sein. Selbst in der hohen Einstellung ist das Rad bereits sehr flach.
Knarzt
Die RockShox Lyrik begann im Laufe des Tests an der Gabelkrone zu knarzen – ein Problem, das wir bisher nur von der PIKE kannten.
Gut geschützt
Der kleine Fender schützt den Dämpfer vor Beschädigungen durch Steine oder Dreck.

Sowohl Intense als auch Santa Cruz bieten ihr Endurobike aktuell ausschließlich in Carbon an, dabei aber in zwei verschiedenen Rahmenvarianten. Während Santa Cruz das Nomad in gleich fünf Größen liefert (XS–XL), beschränkt sich Intense auf vier (S–XL). Ein echtes Highlight ist die lebenslange Garantie von Santa Cruz (auch auf Lager), Intense-Kunden müssen dagegen mit lediglich fünf Jahren vorliebnehmen. Für unseren Test erhielten wir jeweils die zweitteuerste Ausstattungsvariante, die bei Intense mit 8.198 € und bei Santa Cruz mit Carbon-Laufrad-Upgrade mit satten 9.199 € zu Buche schlägt.

Trotz des hohen Preises leisten sich beide Firmen echte Schwächen in der Ausstattung und verbauen zu kleine 180-mm-Bremsscheiben. Die restlichen Komponenten sind jeweils stimmig gewählt. Bei Santa Cruz arbeitet ein RockShox-Fahrwerk, bestehend aus einer Lyrik-Federgabel und wahlweise einem Super Deluxe Air- oder einem Coil-Dämpfer, bei Intense ein FOX-Fahrwerk mit 36 Factory-Federgabel und X2 Performance-Dämpfer. Letzterer bietet zwar weniger externe Einstellungen, kann funktional aber voll mithalten. Gangwechsel erledigt in beiden Fällen eine SRAM X01-Schaltung und für ausreichend Grip sorgen sowohl die E13 TRS-Reifen am Intense als auch die MAXXIS Minion DHF-Modelle am Santa Cruz.

Die Geometrie – Details machen den Unterschied

Auf den ersten Blick ähneln sich beide Geometrie enorm. Der Reach ist identisch (jeweils 460 mm), die Kettenstreben unterscheiden sich nur marginal (432 vs. 430 mm). Der Lenkwinkel des Nomad ist dagegen mit 65° (in der flachen Einstellung sogar 64,6°) eine Ecke flacher als der des Tracer (65,5°). Daraus resultiert beim Nomad ein um 10 mm längerer Radstand. In Sachen Federweg spendiert Santa Cruz dem Rad 170 mm vorn und hinten, Intense setzt auf 165 mm am Heck und 160 mm in Front. Die marginalen Unterschiede auf dem Papier waren auf dem Trail dennoch sehr deutlich spürbar – doch dazu gleich mehr.


Die Performance beider Bikes ist beeindruckend!


Die Hinterbaukonzepte im Detail

Zwar setzen sowohl Intense als auch Santa Cruz bereits seit Jahren auf einen Hinterbau mit virtuellem Drehpunkt (VPP), doch für die neuen Modelle haben beide Hersteller ihre Räder grundlegend überarbeitet. Das Problem: Klassische VPP-Hinterbauten, wie sie bisher bei beiden Herstellern zum Einsatz kamen, sind zwar sehr antriebseffizient, sprechen aufgrund ihrer linearen Kennlinie am Anfang aber schlecht an. Intense verleiht dem neuen Tracer mit einem längeren unteren Umlenkhebel (JS-Tuned-Kinematik) eine völlig neue Charakteristik. Santa Cruz geht sogar noch einen Schritt weiter und befestigt den Dämpfer am Unter- statt am Oberrohr. Das verändert neben der Kennlinie die gesamte Optik des Bikes, das dadurch deutlich stärker dem bekannten Downhillbike V10 ähnelt als den Trailbikes Hightower oder Bronson. Dennoch lässt sich beim Nomad ein Flaschenhalter im Rahmen montieren, beim Tracer leider nicht.

Die Bikes im Uphill

Genug der Zahlen und der nackten Theorie! Was am Ende zählt, ist der Fahreindruck. Entscheidend für viele Biker ist neben der Abfahrtsperformance auch das Kletterverhalten der Räder. Hier gibt es eine gute Nachricht: Beide Räder bringen euch verlässlich zum Traileinstieg. Dennoch unterscheiden sie sich. Geht es um Antriebseffizienz, liegt das Nomad trotz des Plus an Federweg vor dem Tracer. Beim Santa Cruz wippt nahezu nichts. Beim Intense greift man dagegen gerne zum Druckstufenhebel des FOX X2-Dämpfers, dann herrscht auch dort Ruhe. Die Traktion beider Räder ist top und keines von beiden sackt bei steilen Rampen unangenehm weg. Bei langsamen technischen Uphills punktet dann das Intense. Aufgrund des flachen Lenkwinkels (auch bei steiler Einstellung) knickt das Vorderrad des sandfarbenen Santa Cruz leichter ein und auch der etwas flachere Sitzwinkel macht sich bemerkbar. Unentschieden.

Die sensible Seite

Geht es bergab, sind beide Räder in ihrem Element. Sowohl das FOX- als auch das RockShox-Fahrwerk arbeitet auf sehr, sehr hohem Niveau. Beim Intense fühlte sich der Dämpfer mit nahezu geöffneter Druckstufe (3 Klicks von offen) am besten an, beim Nomad hingegen sorgten 6 Klicks Lowspeed-Druckstufe am Super Deluxe für eine verbesserte Balance auf dem Bike, ohne aber die Sensibilität zu beeinträchtigen. Das Plus an Federweg ist beim Nomad zwar gering, aber auf dem Trail deutlich spürbar. Das Rad besitzt schier endlose Reserven und schluckt alles, was ihm vorgeworfen wird, einfach weg. Dennoch ist auch das Intense alles andere als unsensibel, spricht feinfühlig an, steht stabil im Federweg und gibt wie auch das Nomad gutes Feedback. Die Progression ist bei beiden Rädern angenehm. Die Unterschiede zwischen der FOX 36 und der RockShox Lyrik sind marginal. Beide Federgabeln begeistern mit ihrer sehr guten Performance und den guten Anpassungsmöglichkeiten. Allerdings steht die FOX-Federgabel etwas höher im Federweg und sackt weniger schnell weg als die Lyrik, die im Laufe des Tests außerdem an der Krone zu knarzen begann – nervig! Sucht man einen Sieger, gewinnt der Hinterbau des Nomad nicht zuletzt dank der besseren Effizienz im Uphill. Die bessere Federgabel besitzt allerdings das Tracer.

Das Handling: Kurvenkiller vs. Bügeleisen

Nachdem es bergauf und beim Fahrwerk zwar spürbare, aber dennoch eher geringe Unterschiede gab, zeigen sich die beiden Räder beim Handling von einer jeweils ganz anderen Seite – und das trotz nahezu identischem Reach, Stack und beinahe gleicher Kettenstrebenlänge.
Das Intense ist dabei das gutmütigere, leichter zu handelnde Bike. Es benötigt in Kurven weniger Nachdruck und setzt Richtungswechsel schneller und williger um. Auf richtig harten Abfahrten steht man jedoch vor allem dank des tieferen Tretlager deutlich besser integriert im Nomad und ist so mit ihm auch deutlich schneller! Das Santa Cruz punktet dann mit seinem flacheren Lenkwinkel, dem tieferen Tretlager und dem satten Fahrwerk. Als Fahrer neigt man mit ihm dazu, immer noch schneller zu fahren, und gerät dadurch in so manch heikle Situation (auch aufgrund der unterdimensionierten Bremse), aus der einem das sichere Handling aber auch immer wieder hinaus hilft. In Kurven ist dann allerdings ein ambitionierter Fahrstil gefragt, um ausreichend Druck und damit genügend Grip am Vorderrad zu erzeugen. Fahrern, die bisher schon ein Nomad hatten, ist das neue möglicherweise sogar zu aggressiv, da es erst auf steilen und schnellen Strecken oder in Bikeparks anfängt, richtig Spaß zu machen. In der Luft geben sich beide Räder keine Blöße und auch Manuals gelingen jeweils easy.

Sonderwertung Eisdiele

Wer auf knallige Farben steht, wird das neue Tracer lieben. Intense ist es gelungen, gefühlt alle bekannten Neonfarben und noch ein paar mehr in den Rahmen zu integrieren. Santa Cruz dagegen überzeugt mit Understatement. Die sandfarbene, matte Lackierung ist eine echte Augenweide. Bei unseren Tests in verschiedene Bikeparks hat das Nomad für deutlich mehr Aufsehen und neugierige Blick gesorgt. Wem es also um den maximalen Bling-Bling Faktor geht, der sollte trotz gedeckterer Farben zum Nomad greifen.

Nomad vs. Tracer: Welches ist das bessere Endurobike?

Einen echten Gewinner in diesem Duell zu nennen, fällt schwer. Das Nomad begeistert mit dem potenteren Hinterbau, den schickeren Details und der lebenslangen Garantie, schießt mit seiner extremen Geometrie aber über das Ziel hinaus. Für viele Fahrer ist es schlicht zu viel Bike für klassische Trails, dafür jedoch eine echte Waffe in anspruchsvollen Terrain. Das „günstigere“ Intense dagegen überzeugt mit seinem sehr ausgewogenen, gutmütigen und spaßigen Handling sowie dem ebenfalls hervorragenden Fahrwerk. Es leistet sich zwar Schwächen bei den Rahmendetails, dennoch ist es am Ende das rundere Gesamtpaket. Rational gesehen sollte man vermutlich keines der beiden Bikes kaufen, doch wer trifft seine Kaufentscheidung schon rational? Also entscheiden sich am Ende sicher einige allein aufgrund der Farbe.

Mehr Informationen unter intensecycles.com und santacruzbicycles.com

Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.