Deutschlands besten Downhiller aller Zeiten zum Thema E-Mountainbike befragen? Was soll da schon herauskommen? Als Rennfahrer hat Marcus einen strikten Trainingsplan einzuhalten, der für Spielereien wie E-Bikes keine Zeit vorsieht – oder etwa doch? Dieses Interview liefert nicht die Antworten, die man erwartet!

„Ein E-Bike ist genauso anstrengend zu fahren wie ein Mountainbike ohne E-Antrieb!“
„Ein E-Bike ist genauso anstrengend zu fahren wie ein Mountainbike ohne E-Antrieb!“

Hi Marcus, als Downhiller ist man ja gewissermaßen auf Aufstiegshilfen wie Lifte oder Shuttles angewiesen. Wie siehst du den aktuellen E-Mountainbike-Boom? Nutzt du E-Mountainbikes auch gelegentlich in deiner Freizeit?

E-Bikes? Nicht nur in meiner Freizeit! Ein E-Bike ist anstrengend zu fahren – der Aktionsradius wird größer, man fährt viel länger und hat vor allem viel mehr Downhill-Kilometer. Dementsprechend sind meine Arme noch schneller kaputt und der Trainingseffekt ist höher. „Jetzt fängt der auch noch mit E-Biken an, seid ihr alle Senioren oder was?“ Das Klischee ist einfach falsch! Ich bin der Meinung, dass jeder, der das sagt, noch nie ein E-Bike gefahren ist.
E-Biken ist überhaupt nicht nur für Senioren geeignet. Es ist einfach ein Sport für sich, der uns Mountainbikern einen größeren Aktionsradius eröffnet und der das Naturerlebnis und zusätzlich den Trainingseffekt vergrößert.

Marcus bei uns im Büro bei Stuttgart.
Marcus bei uns im Büro bei Stuttgart.

Wer entscheidet eigentlich, was wir dürfen und was nicht? Liest man einige Kommentare in den Foren, dann bekommt man den Eindruck, dass das Ziel jedes Rides sei, sich vollkommen auszupowern. Letzten Endes wollen die meisten Leute aber einfach Spaß auf ihrem Rad haben, oder?

Genau! Solange die Leute Spaß haben, ist das völlig legitim. Mittlerweile gibt es auf der einen Seite Racing, Ballern im Bikepark und das Bestreben, so schnell wie möglich den Berg herunterzufahren, und dann gibt es auf der anderen Seite den Touren-Downhill- und Endurofahrer, der mit dem E-Enduro die Möglichkeit hat, zu Trails zu kommen, die vorher unerreichbar schienen, z. B. weil dort kein Lift hinführt.

In Südtirol gibt es zwar beispielsweise viele ausgeschilderte Trails, die unter dem Lift hindurchführen. Viel bessere Möglichkeiten gibt es aber viel weiter hinten, wo aber niemand hinfährt, weil 1.000 Höhenmeter die Fahrer vom Traileinstieg trennen. Da entsteht ein viel größerer Genuss des Fahrradfahrens – und das macht für mich das E-Bike-Fahren aus.

Wenn ich mit meinem Wintertraining beginne, tun mir 1.000 Höhenmeter meist richtig weh. Da steige ich lieber erst ein paar Mal auf mein E-Bike und fahre eine 5–6-Stunden-Einheit – dann hatte ich genauso viel Training und das ist dann auch für mich als Rennfahrer ein Benefit.
Außerdem entstehen für uns alle Vorteile, wenn wir mehr Leute zum Radfahren bewegen können und wenn es nur zum Einkaufen ist. So entsteht mehr Verständnis und Akzeptanz für uns Mountainbiker.

Dass das „normale“ Fahrrad aussterben wird, heißt das allerdings noch lange nicht! Vielmehr ist es für uns alle eine Erweiterung der Möglichkeiten. Beim Testival in Brixen habe ich eine Gruppe älterer Mountainbiker getroffen, die schon seit Jahren zusammen Rad fährt. Dann wurde der eine krank und hat sich ein E-Bike gekauft, um weiter mit der Gruppe Rad fahren zu können. Heute fahren alle E-Bike, weil es sonst nicht mehr ginge.

Es freut mich daher, dass auch die Firmen bei der Entwicklung weiter Gas geben. Es folgen ja im Moment zum Beispiel Kinder-E-Bikes, die eine große gemeinsame Tour von Familien ermöglichen.

E-Bikes ermöglichen Marcus, Zeit mit seinem Sohn auf dem Trail zu verbringen.
E-Bikes ermöglichen Marcus, Zeit mit seinem Sohn auf dem Trail zu verbringen.

„Kids + E-Mountainbikes?“ Hier würden die Kritiker spätestens schreien, dass es mit unserer Gesellschaft bergab ginge. Aber es geht ja vielmehr darum, die Kinder für das Radfahren zu begeistern, sie werden ja nicht gleich faul, weil sie E-Bike fahren …

Heute wird nicht mehr gemeckert, wenn ich meinen Kleinen mit auf eine Tour nehmen möchte. Da werden aus einer halben Stunde gern ein oder zwei. Damit führen wir die Kinder ja nicht weg vom Mountainbiken, sondern weg von der Playstation und dem iPad und raus in den Wald. E-Bikes ermöglichen mir, mehr Zeit mit meinen Sohn zu verbringen, weil ich ihn mit auf eine Tour nehmen kann, die er sonst konditionell nicht schaffen würde – besser geht’s nicht. Das hätte ich selbst nicht gedacht.

Das Wichtige ist das Heranführen an das Thema. Kinder lernen Skifahren ja auch am Lift und nicht im Backcountry …

So ist es beim Motocross auch. Man fängt klein an und arbeitet sich Schritt für Schritt voran. Super, dass das mit E-Bikes nun noch früher geht. Und wenn das Kind dann mit 12, oder 13 doch keinen Bock mehr hat, kann es immer noch normales Mountainbike fahren oder einen ganz anderen Weg einschlagen.

Du meinst auf der Straße abhängen, Drogen nehmen, Vater werden oder so …?

(lacht) Ja, vielleicht – soll es ja auch geben. Oder sie spielen Playstation bis zum Umfallen. Wichtig ist, dass man versucht, die Kids früh zu begeistern und eine Leidenschaft zu wecken, egal ob Biken, Motocross oder Leichtathletik … Hauptsache sie sind draußen und haben Spaß!

Die Akzeptanz anderer braucht der Sport! E-Bikes tragen dazu bei.
Die Akzeptanz anderer braucht der Sport! E-Bikes tragen dazu bei.

Glaubst du, E-Mountainbikes können mehr Akzeptanz für „normale“ Mountainbikes schaffen?

Ja. Klar bin ich nicht begeistert, wenn ich keuchend beim Uphill von jemandem in Flipflops überholt werde, aber das sind ja meist auch die eher unsportlicheren Leute, die Verständnis entwickeln. Zur Waldnutzung gibt es ja schon Studien, die zeigen, dass Mountainbiker mittlerweile die Mehrheit im Wald darstellen – für die Lobby superwichtig, dass sich das Blatt gewendet hat. Und trotzdem gibt es im Schwarzwald noch Nagelfallen und gespannte Drähte. Ich hoffe, dass der Tourismusverband Schwarzwald möglichst bald das Geld im Radsport sieht, dann wird sich da ganz schnell etwas bewegen. Sobald der Tourismusverband sagt, dass er auf den Radsport angewiesen ist, werden Genehmigungen auch kein Problem mehr darstellen.

Das Thema E-Bike kommt dem Ganzen nur entgegen. Wenn für den Fahrradtourismus keine Lifte gebaut werden müssen oder Autos acht Stunden am Tag den Berg hochshuttlen, wird das Ganze noch schneller gehen. Dann ist der Fahrradtourismus plötzlich sogar umweltfreundlich. Wenn man mal überlegt, wie viel Wald für einen Skihang abgeholzt wird und wie wenig es für einen Trail braucht, der eigentlich eh schon da ist. Und wie wenig Geld dann noch benötigt wird.

Vielen Dank für deine Zeit, Marcus, und weiterhin eine erfolgreiche Saison!

Interview: Manne & Robin Schmitt