Seid ihr auch schon quer durch Unterholz geschossen und habt versucht, eure unfreiwillige Abkürzung mit dem Begriff „Enduro-Line“ zu adeln? Die Enduro-Line ist ein spaßiger Ausdruck, hinter dem sich eine nicht ganz so spaßige Seite unseres Sports verbirgt: Shortcuts. Wir haben uns mit EWS-Organisator Chris Ball und Jérôme Clementz über Flatterbänder, Fairness und kreative Linienführung unterhalten.

Bevor wir tiefer ins Thema einsteigen, schaut euch doch bitte dieses Video an.

Was war euer erster Gedanke? Cheater“, „Racing-Line“, „regelkonform“ oder einfach „Enduro-Line“? Dieses anfangs unterhaltsame, aber doch auch ziemlich verstörende Video wurde kürzlich bei einem Endurorennen in Großbritannien aufgenommen und löste einen kleinen, aber mächtigen Aufschrei in den sozialen Medien aus. Schließlich beschwerte sich eine Gruppe erfahrener Racer beim Veranstalter, dass das Taping der Stage nicht in Ordnung war, und die Stage wurde gestrichen. Doch die Tatsache, dass viele Racer diese Line aktiv geübt hatten und fahren wollten, beweist, wie sehr die Missachtung der Trails auch schon im Grass-Roots-Racing verbreitet ist. Dieses Video zeigt ganz klar, vor welchen Herausforderungen Veranstalter und Racer in Sachen Fair Play stehen.

Klar, technisch gesehen hält sich der Racer in dem Video an die Regeln, die Stage ist fürchterlich abgeflattert und es wurden keine Regeln gebrochen – doch es liegt genauso klar auf der Hand, dass das nicht die Line ist, die die Veranstalter vorgesehen hatten. Spielt es eine Rolle, ob Racer Kurven schneiden wie hier? Ja, natürlich!

Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-8 Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-7

Wenn ein Fehler im Taping entdeckt wird, sind zwei Parteien betroffen: die Racer und die Veranstalter. Um die Sicht der Veranstalter zu verstehen, haben wir uns mit EWS-Chef Chris Ball unterhalten und uns seine Meinung zu Enduro-Lines angehört. „Die Enduro-Line ist wahrscheinlich das größte Problem für den Ruf des Enduro-Sports. Er basiert eigentlich auf dem Spirit von Fairness und Freude am Biken, doch dieser Spirit geht unglücklicherweise verloren, wenn solche Situationen auftreten“, sagt Chris. „Ein Fahrer reicht schon, um diesen Prozess in Gang zu setzen, die anderen sind dann gezwungen zu folgen.“ Diese Situationen kennen wir alle, auf internationalen Rennen genauso wie auf lokalen Grassroots-Events. Solche Grauzonen erzeugen eine „Wenn-die-das-machen-muss-ich-auch“-Mentalität. Chris fährt fort: „Es gibt meist zwei Seiten: erstens die schwerwiegende Verpflichtung des Veranstalters, ein faires Spielfeld fürs Racing zu schaffen, denn es geht um Titel, Geld, Punkte oder sogar Karrieren. Der Veranstalter muss sich um dieses Spielfeld kümmern, aber er hat auch die Verantwortung für den Trail selbst, manchmal stehen dahinter in monatelangen Verhandlungen mühsam aufgebaute Beziehungen zwischen Landeigentümern und Bikern.“

„Es ist einfach, alle Verantwortung den Organisatoren zuzuschreiben, doch die Fahrer tragen die gleiche Verantwortung.“

Und die zweite Seite? Chris will Fahrer stärker einbinden: „Es ist einfach, alle Verantwortung den Organisatoren zuzuschreiben, doch die Fahrer tragen die gleiche Verantwortung. Sie müssen verstehen, dass das kein Downhill-Rennen ist und auch kein XC-Weltcup, wo man die komplette Strecke absperren kann. Wir versuchen, eine entsprechende Kultur zu entwickeln und die Fahrer zu ermutigen, dass sie zu uns kommen und uns sagen, wenn es solche Lines gibt. Wir sperren sie dann ab und keiner muss sich mehr einen Kopf darüber machen, ob er sie nehmen soll oder nicht.“

Sollen Fahrer jetzt also auch noch zusehen, dass das Taping korrekt ist? Chris meint: „Sie spielen dabei eine wichtige Rolle, ja. Wir vertrauen darauf, dass sie sich verantwortungsbewusst verhalten und eine Kultur vertreten, die der Sport braucht. Wer das nicht macht, schneidet sich letztendlich ins eigene Fleisch – denn er beschädigt die Trails, die er fahren will. Und wer will schon eine gerade Linie fahren? Außerdem bringt er sich damit bei anderen Fahrern, Teams und potenziellen Sponsoren in Verruf.“

Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-5 Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-9

Doch wie sehen das die Racer? Schließlich muss es ein gewisses Maß an Ausdrucksfähigkeit im Enduro-Sport geben, niemand will auf einer völlig beengten Strecke fahren wie auf einer Carrera-Bahn und besonders gute Fahrer sollten ermutigt werden, technischere Lines zu nehmen, um Zeit zu sparen. Aber bedeutet das automatisch, schon beim Training das Tape auf Schwachstellen abzusuchen, die man später ausnutzen kann? Wir haben mit einem der erfahrensten Racer überhaupt gesprochen: Jérôme Clementz.

„Ist es Cheating oder bedeutet es nur, dass man das Taping interpretiert?“

Er sagt: „Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Enduro. Es gibt kulturell verschiedene Sichtweisen, je nachdem, wie Enduro im jeweiligen Land eingeführt wurde. In manchen begann es in Form von blind gefahrenen Rennen, wo es als Kunst betrachtet wurde, die Line interpretieren zu können, solange man dabei das Tape nicht verletzte. Bei anderen Events, vor allem die mit vorherigem Training, wurde erwartete, dass man auch dann auf dem Trail bleibt, wenn kein Tape da ist. Daraus erwachsen eine Menge Konflikte: Ist es Cheating oder bedeutet es nur, dass man das Taping interpretiert?“

Jérôme sieht es so: „Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung sowohl bei den Fahrern als auch bei den Veranstaltern. Die Veranstalter müssen natürlich sorgfältig abflattern, Streckenposten zur Verfügung stellen und im Race-Briefing klar und genau sagen, was erlaubt ist und was nicht. Wenn es im Regelwerk klar ausgeführt ist und beim Briefing kommuniziert wird, dann ist es Betrug, wenn man den Trail verlässt, und der Veranstalter muss Streckenposten stellen, die für die Einhaltung dieser Regeln sorgen.“ Außerdem sollten Racer die möglichen Folgen ihrer Handlungen in Betracht ziehen: „Racer sollten sich bewusst sein, dass sie nur racen können, weil jemand, z. B. das Forstamt, es genehmigt hat – und die Strecke abzukürzen und den Trail zu beschädigen, könnte desaströse Folgen für die Genehmigungspraxis bei zukünftigen Rennen haben.“

Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016

Was könnte die Lösung sein? Jérôme sagt: „Wir haben weniger Probleme, wenn die Leute, die die Strecke tapen, den Racer-Blick haben, wenn sie die Lines sehen, während sie absperren. Alex Balaud (ein ehemaliger Racer) ist hier ein gutes Beispiel: Er ist verantwortlich für die französische Enduro-Series und sieht jede kompromittierende Linie beim Tapen. Und wenn ich beim Training bemerke, dass es mit irgendeiner Line ein größeres Problem gibt, dann halte ich an, mache ein Foto und spreche die Organisation an, damit sie das Problem beheben und sicherstellen kann, dass jeder die Linie fährt, die fair ist. Das mache ich nicht bei einer 1 m langen Inside-Line, denn die halte ich für einen Teil des Racings. Aber wenn es eine größere Abkürzung ist, die unfair wäre, dann melde ich es auf jeden Fall.“

„Wir wollen doch nicht an den Punkt kommen, wo wir alle Stages auf beiden Seiten durchgehend abtapen müssen!“

Zum Video sagt Jérôme: „Die Line im Video zu nehmen, ist meiner Meinung nach schon Cheating, weil der Unterschied zwischen der Linie und dem Trail einfach zu groß ist. Doch wenn es da keine ausdrückliche Regel gibt, würde ich sagen, die Verantwortung liegt zu gleichen Teilen beim Veranstalter wie beim Racer.“ Chris Balls Sicht auf das Video ist direkter und gibt auch meine wieder: „Wenn man sich das Video anschaut, ist völlig klar, dass diese Jungs das nicht tun sollten. Sie sollten sich alle einig sein, dass diese Line abgesperrt werden muss und dass man sie nicht fahren sollte. Ich finde es wirklich unverantwortlich.“

Racer sehen die Verantwortung häufig nur bei der Rennorganisation, ihre eigene Aufgabe ist es dann nur, die Stages so abzufahren, wie sie ihnen präsentiert werden. Doch den Absperrungen so viel Gewicht beizumessen, schadet dem Sport: Wir wollen doch nicht an den Punkt kommen, wo wir alle Stages auf beiden Seiten durchgehend abtapen müssen! Und vor allem: Das geht vielleicht noch auf kleinen Hügeln, aber was ist mit alpinem Racing?

Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-3

Wenn wir Enduro-Racing in alpinem, epischen Gelände wollen, dann brauchen wir Kompromissbereitschaft. Oft ist das Ökosystem sensibel und die Trails durch viel Handarbeit entstanden. Chris Ball erklärt das Problem aus der Veranstalterperspektive: „Crested Butte in Colorado ist war ein gutes Beispiel: wunderbare Singletrailstücke, die ursprünglich von Motorradfahrern gebaut wurden, mit flowigen Kurven, die sich über Hunderte Meter hinziehen und unglaublich schön zu fahren sind. Es ist nicht möglich, das alles abzutapen. Klar kann man denken: Hey, ich fahr mal quer durch die Blumen.“ Das wäre allerdings das Ende solcher Rennen: „Um das zu verhindern, müssten die Veranstalter Hunderte von Streckenmitarbeitern mit dem Helikopter einfliegen. Wenn das erforderlich wäre, würde es hier natürlich keine Stage mehr geben. Man würde stattdessen von der halben Höhe in Bikeparks oder Trailcentern racen, was keiner will.“

„Verantwortungsgefühl und gesunder Menschenverstand müssen auf beiden Seiten zum Tragen kommen.“

Chris zieht ein klares Fazit: „Verantwortungsgefühl und gesunder Menschenverstand müssen auf beiden Seiten zum Tragen kommen. Die Veranstalter müssen ihre Fähigkeiten erweitern und beim Abstecken einen Racer-Blick annehmen. Und die Fahrer müssen verstehen, dass bei Racing in der freien Natur eben nicht alles abgetaped werden kann. Für ein faires Rennen ist es also wichtig, dass ihr zu uns kommt und sagt: Wir fahren die Line nicht, aber sperrt sie bitte ab!“

Was bedeutet das für uns? Als Racer – wenn auch als mittelmäßiger – ärgert es mich, wenn ich nach dem Rennen eine Stage ablaufe und unzählige direkte Lines und offensichtliche Abkürzungen sehe. Diese Missachtung und offene Rücksichtlosigkeit für die harte Arbeit, die jemand in einen Trail gesteckt hat, verträgt sich nicht mit meiner Liebe zum Mountainbiken. Die Enduro-Line schadet dem Ansehen unseres Sports und wenn Enduro-Racing sich in eine Heuschreckenplage verwandeln sollte, die von Ort zu Ort zieht, um die Trails zu plündern, dann hat der Sport nicht viel Zukunft. Bevor wir also in Erwägung ziehen, diese direkte Verbindung zwischen zwei Kurven zu nehmen, sollten wir darüber nachdenken, wie unser Handeln auf die jüngeren Jungs und Mädels wirkt, die in unseren Sport einsteigen – und ob wir finden, dass eine solche Enduro-Line in unserem Sport überhaupt noch akzeptiert werden sollte.

Jenseits-der-Enduro-Line-END-23-2016-X-2

Die Enduro-Line wird als Thema ein Dauerbrenner bleiben. Ja, die Aufgabe von Racern ist es, den Trail zu interpretieren und den schnellsten Weg nach unten zu finden. Sobald jedoch der eigentliche Trail und die Umgebung zerstört werden, sollte man als als Botschafter unseres großartigen Sports die Veranstalter informieren, sodass kein Schaden entsteht. Es ist Zeit, dass wir alle die moralische Linie fahren und die Enduro-Line links liegen lassen – und das nicht nur beim Racing!

PS: Leserumfrage 2017 - Feedback geben und gewinnen: Unter allen Teilnehmern bei unserer Leserumfrage verlosen wir ein edles Trek Slash 2018 in der Topausstattung! Klicke hier um mitzumachen!

Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.