Frauenbikes haben sich bisher vor allem durch ihr buntes Farbkonzept und eine leicht angepasste Ausstattung ausgezeichnet. Der Ladybike-Hersteller Liv hat mit dem Hail Advanced 0 nun aber ein Bike für Frauen entwickelt, das den Bedürfnissen der Trailriderinnen unter uns endlich vollends gerecht werden soll. Himmel oder Hölle?

Liv Hail Advanced | 160/160 mm | 6.999 € | 12,60 kg

Wenn man sich die Marketingkampagnen von verschiedenen Ladybike-Herstellern so durchliest, fragt man sich, ob man denn überhaupt ein weibliches Wesen ist. Nicht alle haben Beine wie Heidi Klum, manche dafür aber Schultern wie Michael Phelps und rosa ist nicht jederfraus Lieblingsfarbe. Da stellt sich die Frage, ob ein Frauenbike überhaupt das bessere Bike für Frauen sein kann. Wo besteht denn letztlich der Unterschied zwischen einem Frauen- und einem Männerbike, wenn man bedenkt, dass es auch große Frauen und kleine, leichte Männer gibt? Während manche Hersteller auf Unisex-Rahmen setzen, die mit frauenspezifischen Komponenten ausgestattet und zum Ladybike gepimpt werden, hat Liv beim Hail eine eigene Geometrie für Frauen entwickelt. Die Ingenieure haben nicht einfach die Maße des großen Bruders Giant Reign übernommen, sondern eigens ein Bike für Frauen entworfen, das etwas agiler ist und sich einfach manövrieren lassen soll. Das Hail zeichnet also mehr aus als nur ein paar frauenspezifische Komponenten.

„Beine wie Heidi Klum oder doch Schultern wie Michael Phelps? Nicht alle Frauen sind gleich!“

Das Liv Hail Advanced 0 im Detail

Die bisherigen Ladybikes haben ihre Fahrerinnen in ihrer Performance auf dem Rad bergab oft eher ausgebremst als nach vorn gebracht. Schmale Lenker, 2-fach-Antriebe, Reifen ohne Grip – alles häufig gesehene Fehler, die man so beim Liv Hail Advanced aber nicht findet. Die Ausstattung lässt selbst männliche Technik-Nerds sprachlos am Trailrand zurück. Eine SRAM X01 Eagle-Schaltung ist ebenso State of the Art wie das RockShox-Fahrwerk, bestehend aus Lyrik-Federgabel und Super Deluxe-Dämpfer. Ein 800 mm breiter Carbonlenker ist nach der Meinung vieler Produktmanager alles andere als typisch Frau, oder? Doch gerade er vermittelt viel Sicherheit und verbessert die Kontrolle – und zur Not ist er schnell gekürzt. Optisch überzeugt das Hail mit seiner matten Lackierung.


Gabel RockShox Lyric RCT3 Dual Position 130-160 mm
Dämpfer RockShox Deluxe RC3 160 mm
Bremsen SRAM GUIDE Ultimate
Schaltung SRAM X01 EAGLE
Sattelstütze GIANT Contact SL Switch-Remote
Vorbau Truvativ Holzfeller
Lenker GIANT Contact SLR Carbon DH 800 mm
Reifen Schwalbe Magic Mary PaceStar Evolution / Schwalbe Hans Dampf TrailStar
Laufräder GIANT PTRX-0 Carbon


Sahnestück
Der Hinterbau des Liv Hail Advanced 0 begeistert mit einer sehr guten Performance. Egal, was der Trail bereithält – das Fahrwerk macht es einfach platt.
Problemzone
Die 100 mm Verstellbereich der Teleskopsattelstütze sind einfach zu wenig – auch mit kurzen Beinen. Dass sich die Stütze zusätzlich nicht einmal von Hand versenken lässt, ist ein No-Go!
Schick
Der matte Strukturlack und das dezente Farbkonzept gefallen! Der Hauptrahmen besteht aus Carbon, der Hinterbau aus Alu.
Perfekt
Mit der SRAM X01-Eagle-Schaltung verlieren selbst steile Anstiege ihren Schrecken. Sie lässt sich sehr einfach und intuitiv bedienen und stellt Fahrerinnen immer den perfekten Gang zur Verfügung.

Die Geometrie des Liv Hail Advanced 0

Bei einer Körpergröße von 160 cm nimmt man zentral und komfortabel auf dem Bike in Größe S Platz. Frauenspezifisch hin, frauenspezifisch her: Beim Lady-Sattel am Liv Hail ist es wie bei jedem anderen Sattel auch – Geschmackssache. Unserer Testerin hat er nicht gefallen, aber da hilft nur ausprobieren. Bergauf klettert das Liv Hail Advanced ohne Probleme. Nur in wirklich sehr steilem Gelände erwies es sich als angenehm, die Federgabel abzusenken und den Dämpfer zu verhärten. Die SRAM X01 Eagle mit ihrer enormen Übersetzung nimmt aber auch steilen Rampen ihren Schrecken.

Größe XS S M L
Sattelrohr 365 mm 380 mm 431 mm 482 mm
Oberrohr [A] 570 mm 585 mm 610 mm 625 mm
Steuerrohr 95 mm 100 mm 115 mm 130 mm
Lenkwinkel [D] 66,0° 66,0° 66,0° 66,0°
Sitzwinkel [B] 74,0° 74,0° 74,0°° 74,0°
Kettenstrebe [C] 435mm 435 mm 435 mm 435 mm
Radstand [E] 1145 mm 1160 mm 1188 mm 1205 mm
Reach [G] 404 mm 418 mm 439 mm 450 mm
Stack [H] 576 mm 580 mm 594 mm 608 mm
BB Drop [J] 5 mm 5 mm 5 mm 5 mm

Das Liv Hail Advanced 0 auf dem Trail


„Die Sattelstütze ragt auch abgesenkt noch weit aus dem kleinen Rahmen heraus – ein No-Go im steilen Terrain.“

Will man die Sattelstütze für die Abfahrt absenken, fällt direkt die größte und auch einzige Schwachstelle des Liv Hail Advanced auf. Die Contact SL-Stütze hat nur 100 mm Hub und lässt sich auch von Hand nicht weiter im Rahmen versenken, da sie am Lager des Hinterbaus ansteht. Ein Upgrade auf eine Teleskopsattelstütze mit mehr Hub ist also nicht einmal eine Option. Ein No-Go, das die Bewegungsfreiheit auf dem Bike stark einschränkt und in steilen Sektionen besonders zum Tragen kommt.

Dennoch vermittelt das Hail bergab viel Fahrspaß und überzeugt mit einem sehr ausgewogenen Handling. Es ist agil und gleichzeitig laufruhig und meistert Kurven wie von selbst. Auch bei schnellem Geballer über Felsen und Wurzeln bleibt es sehr sicher auf Kurs. Das Fahrwerk spricht feinfühlig an und filtert Unebenheiten jeder Größe einfach weg. Das Liv Hail ist für jeden Spaß zu haben, egal ob Bikepark, verblocktes Gelände oder Wurzelteppich. Und trotzdem kann es auch mal loslassen – bei Sprüngen generiert es viel Airtime, #hailyeah!

Fazit

Trailqueens sind mit dem Liv Hail Advanced auf einem guten Weg Richtung Enduro-Himmel. Das Handling ist top und die Ausstattung ein Traum. Für die Heidi Klums unter uns wird die Verstellhöhe der Sattelstütze wahrscheinlich kein großes Problem darstellen, aber für alle Frauen, die Rahmengröße XS oder S benötigen, ist sie leider eine echte Einschränkung.


Stärken

  • durchdachte Ausstattung
  • ausgewogenes, verspieltes Handling
  • kein typisch weibliches Design

Schwächen

  • Teleskopsattelstütze zu kurz
  • teuer

Mehr Info unter: liv-cycling.com

Text: Antonia Buckenlei Fotos: Christoph Bayer