Ich habe ein Geständnis abzulegen: Ich bin die Megavalanche mit einem E-MTB gefahren. Jetzt kann ich schon hören, wie die Krieger an ihren Tastaturen ihre Finger knacken lassen und sich für die erste Hasstirade bereit machen … Doch stopp – das hier ist keine Schleichwerbung für E-MTBs! Vielmehr haben wir ihnen den Fehdehandschuh hingeworfen und ein E-MTB zum ultimativen Test herausgefordert, zur berüchtigten und brutalen Megavalanche in Alpe d’Huez.

„Derjenige wird siegen, der weiß, wann es Zeit ist, zu kämpfen und wann nicht.“ Sun Tzu

Zuerst einmal: Ich bin ein selbsternannter Technikverweigerer, ein Steampunk, ich spiele nicht mal Pokémon Go! Verdammt, ich hab erst seit 2014 ein Smartphone! Aber viele E-Mountainbikes verlassen niemals die Bequemlichkeit relativ einfacher Touren und sanfter Strecken – habt ihr euch nicht auch schon gefragt, wie weit man sie pushen kann? Wo liegen ihre Grenzen, wenn man sie in eine richtige Schlacht schickt? Und haben sie überhaupt eine Chance, so etwas wie die Megavalanche zu überstehen, ohne in ihre Einzelteile zu zerfallen?

Die Megavalanche in Alpe d’Huez ist eine Ikone unter den Mountainbikerennen. Über die Jahre hinweg hat sie sich zu einem Wallfahrtsort für Mountainbiker entwickelt, die das ultimativ aufregende Fahrerlebnis suchen. Das Massenstart-Event zieht jedes Jahr Tausende von Racern an, die es kaum erwarten können, Schulter an Schulter vom Start in 3.300 m Höhe auf dem steilen, vereisten Pic-Blanc-Gletscher in eine Schlacht zu ziehen und mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h eine 30-km-Strecke hinunterzustürzen, die vollgepackt ist mit Eis, Schnee, Steinen und technischen Singletrails. Abgesehen von einem kurzen, die Lungen zerfetzenden Anstieg würde der größte Teil des Rennens ein leidenschaftlicher Tango mit der Schwerkraft sein, der die 25 km/h-Sperre einfach zerschmettert und den Motor nutzlos macht. Das würde ein Test für Geometrie und Komponenten werden, nicht für die Wattzahl. Die Megavalanche ist ein hartes Rennen, eines, bei dem jedes Jahr Bikes und Knochen brechen. Könnte ein E-Mountainbike hier überleben? Und noch wichtiger: Würde ich überleben?

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Die E-MTB-Kategorie gab es jetzt zum zweiten Mal und vor mir stand die vierte Runde der UCC Moustache E-Bike-Series, einer Rennserie, die über Stopps in Lyon, an der Côte d’Azur und in Auron nun nach Alpe d’Huez gereist war, bevor sie ihr Finale in Cervinia bei der Maxiavalanche erreichen würde. Manche der vorherigen Etappen hatten das strategische Können eines Sudoku-Ninjas erfordert, bei dieser hier kam es dagegen vor allem auf die Fähigkeit an, am Bike hängen zu bleiben wie ein Schimpanse an einer Bananenpalme. Ich würde beim informellen Moustache Bikes-Raceteam, dem Collectif, mitfahren, mit drei sehr schnellen französischen Racern, Benjamin Fouquet, Maxime Remy und Vincent Julliot, und das auf einem Team-Rad, einer getunten Version des Moustache Samedi Down 27/9.

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Eine Deadline für eine andere Recherche bedingte meine ziemlich sportliche Zeitplanung bei der Megavalanche, sodass ich von dem Moment an, als das Flugzeug den Boden in Lyon berührte, keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Als wir mit dem Auto die berüchtigten 21 Serpentinen von Alpe d’Huez hochfuhren, an sich schindenden Rennradfahrern vorbei, sah ich an der belebten Flanke des Berges die Staubwolken aufsteigen. Es war brüllend heiß und der Boden wurde von der stechenden Sonne hart gebacken. Die Hintergrundmusik zu unserer Ankunft bildeten Freuden- und Panikgeschrei und das knarzende Geräusch von sterbenden Rahmenlagern. In der Luft lag der beißende Geruch von verbrannten Bremsscheiben und verschwitzten Fahrern, und er war ein erstes Zeichen dessen, was mich erwartete: ein modernes Schlachtfeld. Im Fahrerlager wurden meine anfängliche Sorgen, ob ich mit meinem E-Mountainbike vielleicht doch nicht ausreichend gerüstet war, sofort zerstreut: Mein Moustache Samedi Down Collectif sah zu allem bereit aus. Die 27,5″-Laufräder waren neu bestückt mit grobstolligen Schwalbe Super Gravity-Reifen, außerdem sahen die große 180-mm-RockShox Lyrik und der schluckfreudige RockShox Vivid-Dämpfer aus wie füreinander bestimmt. Der breite, aggressive Lenker sollte insbesondere auf den Highspeed-Passagen für ordentlich Laufruhe sorgen. Der kraftvolle Bosch CX-Motor war so getunt, dass er bis 25 km/h maximale Beschleunigung liefern konnte, und drängte entschlossen nach vorne: Ready to rock!

Ich fuhr das Moustache Samedi Down Collectif Edition, das dem Serienmodell zwar sehr ähnlich ist, aber durch kleine Ausstattungs-Modifikationen die Downhill-Performance verbessern sollte. Die Reifen waren durch aggressive Magic Marys mit Super Gravity-Casing von Schwalbe ersetzt worden. Der Motor war auf 310 % Unterstützung getunt, 10 % über Standard, aber noch immer begrenzt auf 25 km/h. Auch die Federung war mit 5 Tokens in der RockShox Lyrik-Federgabel speziell abgestimmt, um mehr Support im steilen Gelände und in engen Kurven zu bieten.
Ich fuhr das Moustache Samedi Down Collectif Edition, das dem Serienmodell zwar sehr ähnlich ist, aber durch kleine Ausstattungs-Modifikationen die Downhill-Performance verbessern sollte. Die Reifen waren durch aggressive Magic Marys mit Super Gravity-Casing von Schwalbe ersetzt worden. Der Motor war auf 310 % Unterstützung getunt, 10 % über Standard, aber noch immer begrenzt auf 25 km/h. Auch die Federung war mit 5 Tokens in der RockShox Lyrik-Federgabel speziell abgestimmt, um mehr Support im steilen Gelände und in engen Kurven zu bieten.
„Schnelligkeit ist die Essenz des Krieges.“ Sun Tzu

Es war das erste Mal, dass ich mit einem E-MTB in den Alpen fuhr, und der erste Trainings-Run war ein Augen öffnendes Erlebnis. Nachdem ich den langen Winter damit verbracht hatte, steile, aber langsame schottische Trails zu fahren, war diese Vollgas-Abfahrt über ruppige alpine Trails eine aufregende Mischung aus zu viel Speed und zu viel Bremsen … Mit der Geschmeidigkeit eines Hasen auf einer Überdosis Koffein heizte ich draufgängerisch den Trail hinunter und hatte das Gefühl, jegliche Skills verloren zu haben. Das Extragewicht des E-MTBs trieb mich schneller in die Kurven, als ich es von einem normalen Mountainbike erwarten würde, was zu Untersteuern und etwas schwammigen Kurvenmanövern führte – spätes Bremsen und Rutschtaktik sind mit einem 25-kg-Bike etwa so effektiv wie der Versuch, einen Zug anzuhalten, indem man sich seitlich dranhängt und mit den Füßen bremst. Doch das Moustache Samedi Down hatte auch riesige Vorzüge, und zwar nicht nur den kraftvollen Schub des Bosch CX-Motors in Kurvenausfahrten. Das Bike hat eine ziemlich potente Geometrie und liegt extrem satt auf der Strecke: Der niedrige Schwerpunkt sorgt für unglaubliche Stabilität auf zerklüftetem Boden und ermöglicht es dem mächtigen 190-mm-Federweg, jegliche Schläge wegzuschlucken. Das Moustache hält wie ein durchs Kornfeld rennender Rottweiler auch in ruppigsten Steinfeldern mühelos die Linie.

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Der Tag des Rennens kam schneller als erwartet und das Klingeln des Weckers um 5.00 Uhr morgens erwies sich als unnötig – ich lag bereits wach im Bett und zählte nervös die Risse in der Decke. Als ich meinen Rückenprotektor und den Fullfacehelm anzog, gingen mir so richtig die Nerven durch. Ich fühlte mich wie ein Gladiator, der sich auf seine Begegnung mit den Löwen vorbereitet. Wir traten unsere langsame Reise zum Gipfel an, von Gondel zu Gondel, und erreichten viel zu früh die 3.300 m. Als wir auf das eisige Plateau gelangten und uns der Atem in den Lungen zu gefrieren schien, war unsere Nervosität kurzfristig wie weggeblasen vom unglaublichen Anblick der aufgehenden Sonne über den Alpen. Doch kurz darauf kam sie bleischwer zurück, als wir den berüchtigten Gletscher hinabsahen. Wir konnten nur die ersten 20 m Eis sehen, bevor der Hang abfiel und außer Sicht geriet – völlig absurd! Die E-MTB-Kategorie würde als Erstes starten: Wir waren eine kleine Gruppe elektrisierter Krieger, die sich quasi als Vorhut des Hauptrennens schon mal über den Gletscher ins Tal kämpfen sollte, und es war Zeit. Wir standen dort wie moderne Samurai, in den Abgrund des eisigen Gletschers vor uns starrend. Techno-Musik dröhnte über die alpine Leere hinweg und das Adrenalin schoss bis in unsere vor Aufregung zitternden Fingerspitzen. Als die Schreie und der Jubel aus dem Publikum den Höhepunkt erreichten, schoss „Alarma“ aus den Boxen und das Startband hob sich. Zeitgleich traten wir in die Pedale und die volle Turbo-Power unserer Motoren schob uns nach vorne über die Kante und Kopf voran in den Gletscher.

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„Der erleuchtete Herrscher ist achtsam und der gute General voller Vorsicht.“ Sun Tzu

Wie aggressiv kann man ein modernes E-MTB mittlerweile fahren? Auf diese Frage fand ich Antworten, als ich den eisigen Gletscher hinabdonnerte, mit Geschwindigkeiten von 90 km/h, bevor ich zu den gerölligen Abschnitten weiter unten am Hang gelangte. Das Moustache Samedi Down Collectif pflügte selbstsicher durch Steinfelder mit großen Brocken, völlig verrückte Linien waren plötzlich die besten, und die potente Federung leistete unter mir Schwerstarbeit. Der lange und beschwerliche Anstieg über die Schulter der Alpe d’Huez, der so viele Fahrer auf konventionellen Bikes mit pfeifenden Lungen in die Knie zwingen würde, verschwamm in einem Rausch aus Keuchen und mächtiger elektrischer Power. Ich muss zugeben: Ich fühlte mich schon etwas schuldig, als das Publikum mich anfeuerte und ich daran denken musste, wie viel mehr die unmotorisierten Fahrer nach mir leiden würden. Im Gegensatz dazu fühlte ich mich wie ein elektronisch verstärkter Superheld, mir waren das Gewicht und die Stabilität des bulligsten DH-Bikes ebenso gegeben wie die Sprintgene eines federleichten Rennrades.
Doch überraschenderweise lag der wahre Vorteil nicht in der Motorenunterstützung, zugegebenermaßen war ich viel zu schnell an der 25-km/h-Grenze – mindestens 95 % des Rennens befand ich mich darüber. Der wahre Vorteil lag vielmehr in dem hohen Gewicht des Bikes, das in Kombination mit der Geometrie und dem tiefen Schwerpunkt für ein extrem sattes und sicheres Fahrgefühl sorgte. Doch es sollte nicht nur ein Gefühl bleiben …

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Als wir die Ziellinie überquerten, starrte uns die Wahrheit ins Gesicht: Die Zeiten standen fest – und sie waren verdammt schnell! Die beste Zeit des E-MTB-Startpulks betrug 40 min, eine monströse Zeit. De facto die schnellste, die die Megavalanche je gesehen hatte. Das Moustache Samedi Down hatte den ultimativen Test bestanden, und was noch wichtiger war: Es hatte mir gezeigt, wie E-MTBs den uralten Trade-off zwischen Gewicht und Performance zerschmettert haben. Ob man sie hasst oder liebt, nun gibt es keine Kompromisse mehr. Wenn man die Last des Gewichts ignoriert, kann man die Komponenten so auswählen, dass sie möglichst viel Laufruhe und Performance bieten. Leichter heißt nicht mehr schneller, Stabilität und Zuverlässigkeit sind die neuen Maximen. E-MTBs haben das Regelwerk auf den Kopf gestellt und die Megavalanche hatte mit ihrer sehr speziellen Strecke auf eindrückliche Weise gezeigt, wie potent diese Bikes geworden sind.

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Aber dadurch hatte ich auch beim Versuch, meine Ausgangsfrage zu beantworten, eine weitere aufgeworfen: Sollten E-MTBs bei traditionellen Mountainbike-Events wie der Megavalanche an den Start gehen? Nein, ich finde nicht. Unsere moderne Kriegsführung war ein Nebenschauplatz des eigentlichen Events, ein Affront gegen den Spirit der Megavalanche und weit entfernt von dem, was Mountainbikes an Spaß und Zugänglichkeit für alle bieten. Doch eines muss ich zugeben – auch wenn E-Mountainbike-Racing kaum eine Zukunft haben wird und von der Realität der meisten E-Mountainbiker ohnehin weiter entfernt ist als Donald Drumpf von einem zusammenhängenden Gedanken, so demonstrierte die Megavalanche eindrücklich, wie potent diese Bikes mittlerweile sind. Und strafte alle Lügen, die glauben, E-MTBs seien nicht hart genug für richtiges alpines Fahren. Kann also ein E-MTB die Megavalanche-Strecke überleben? Nein, es kann sie vernichten!

Mehr Informationen zu E-Mountainbikes findet ihr unter ebike-mtb.com

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Text: Trev Worsey Fotos: Vincent Julliot

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.