Norco krempelt gerade ordentlich die Modellpalette um und präsentiert ein komplett neu entwickeltes Sight, das nun neben einer 27,5″-Version auch als 29er erhältlich ist. Wir haben das schicke Trailbike aus Kanada genauer unter die Lupe genommen und verraten euch, wie sich das Norco Sight C 9.2 schlägt.

Das Trailbike Sight ist seit Jahren eine feste Größe in Norcos Modellpalette und wurde über die Jahre behutsam weiterentwickelt. Vor Kurzem hat Norco ein komplett neues Sight präsentiert, das nun wahlweise auf 27,5″- oder 29″-Laufrädern rollt. Details zum neuen Bike haben wir bereits in unserem First Look zum Norco Sight vorgestellt, jetzt konnten wir das Sight C 9.2 selbst testen.

Norco Sight C 9.2 – 4.799 € – 140/130 mm – 13,85 kg

Das Norco Sight 29 im Detail

Herzstück des Norco Sight ist ein komplett neuer Carbonrahmen mit Viergelenk-Hinterbau und stehendem Dämpfer. Als Erstes sticht der neue RockShox Deluxe-Dämpfer mit Trunnion-Mount ins Auge, doch der Rahmen wurde auch sonst umfassend überarbeitet. Die Züge verlaufen weitestgehend im Rahmen und werden von Norcos GIZMO-Führung festgeklemmt, um nicht zu klappern. Zwar bietet der Rahmen Platz für einen Flaschenhalter, hier finden aber höchstens kleine Flaschen Platz. Alle Komplettbikes kommen mit 1-fach-Antrieb und einer minimalistischen Kettenführung, auf Wunsch lässt sich aber auch ein Umwerfer montieren. Ein Unterrohr- und ein Kettenstrebenschutz schützen den Rahmen und schmiegen sich dezent ins Gesamtbild ein.

Der Deluxe von RockShox gehört zur neuesten Dämpfer-Generation mit metrischem Einbaumaß.
Zwar könnte man das Sight auch mit 2-fach-Antrieb aufbauen, der schlichte XT 1-fach-Antrieb passt jedoch hervorragend zum Einsatzzweck.

Geometrie des Norco Sight 29

Norco hat bei der Entwicklung des Sight sehr viel Wert auf Ausgewogenheit gelegt. Die Geometrie des 29er und die des neuen 27,5″-Sight sind sehr nahe beieinander, der Abstand zwischen Pedalen, Lenker und Sattel ist bei beiden Bikes identisch. Eine weitere Besonderheit bei Norco sind die mitwachsenden Kettenstreben, die für eine optimale Gewichtsverteilung bei allen Rahmengrößen sorgen sollen.

Das Steuerrohr ist gerade einmal 94 mm lang. Wer möchte, bekommt die Front also sehr tief – wir haben uns aber mit ein paar Spacern wohler gefühlt.

Das Sight 29 kommt mit einem relativ flachen 67°-Lenkwinkel und ist mit einem Reach von 458 mm in Größe L ein ganzes Stück länger geworden als der Vorgänger. Auffällig sind das kurze Steuerrohr und der daraus resultierende niedrige Stack von 611 mm. Damit lässt sich das Bike sehr gut an verschiedene Vorlieben anpassen, große Fahrer können mit ein paar Spacern oder einem Riser-Lenker das Cockpit erhöhen. In Summe passt die Geometrie des Norco perfekt zur neuen Generation potenter 29er-Trailbikes.

Die Geometrie des Sight 29″ auf einen Blick

Größe M L XL
Sattelrohr 435 mm 470 mm 510 mm
Oberrohr 601 mm 632 mm 662 mm
Steuerrohr 94 mm 94 mm 104 mm
Vorbaulänge 50 mm 50 mm 50 mm
Lenkwinkel 67° 67° 67°
Sitzwinkel 74,5° 74,1° 73,7°
Tretlager Höhe 337 mm 337 mm 337 mm
Radstand 1159 mm 1191 mm 1222 mm
Reach 432 mm 458 mm 480 mm
Stack 611 mm 611 mm 620 mm
Kettenstreben 430 mm 435 mm 440 mm

Ausstattung des Norco Sight C 9.2

Das Norco Sight C 9.2 ist das Mittelklasse-Modell und liegt mit einem Kaufpreis von 4.799 € zwischen dem 6.499 € teuren Topmodell C 9.1 und der Einstiegsvariante C 9.3 für 3.599 €. Außerdem ist das Sight auch als Framekit für 2.699 € erhältlich. Der RockShox Deluxe RT3-Dämpfer am Heck wird von einer PIKE RC mit 140 mm ergänzt. Die Ausstattung gibt bereits einen ersten Eindruck vom vorgesehenen Einsatzbereich und wäre auch an einem waschechten Enduro nicht fehl am Platz.

Grip ohne Ende: Die 30 mm breiten Race Face-Felgen sorgen für ordentlich Volumen in den Schwalbe-Reifen, die dadurch mit wenig Luftdruck gefahren werden können.
Keine Angst vor 1-fach: Mit der verbauten 11–46-Kassette bietet der Shimano XT-Antrieb eine große Bandbreite und macht damit den Umwerfer überflüssig.

Der 1-fach Shimano XT-Antrieb bietet mit einer 11–46-Kassette und einem 30er-Kettenblatt eine großzügige Übersetzung mit ausreichend leichtem Klettergang. Gebremst wird ebenfalls mit Shimanos XT-Stoppern, die Laufräder bestehen aus XT-Naben und Race Face AR-Felgen mit 30 mm Innenbreite. Schwalbes Magic Mary am Vorderrad und Nobby Nic am Hinterrad sorgen mit ihrer Trailstar-Gummimischung für ordentlich Grip. Abgerundet wird das Sight C 9.2 durch ein breites Race Face-Cockpit und eine RockShox Reverb mit 150 mm Absenkung. Die stabile Ausstattung läppert sich leider zu einem stattlichen Gesamtgewicht von 13,85 kg.

Die RockShox Reverb Stealth verfügt über 150 mm Hub und ist damit auch für große Fahrer bestens geeignet.
Shimanos XT-Bremsen sorgen für ordentlich Verzögerung und teilen sich die Schelle dank I-Spec II mit dem Schalthebel.

Federgabel: RockShox PIKE RC 140 mm
Dämpfer: RockShox Deluxe RT3
Bremsen: Shimano XT 180 mm/180 mm
Schaltung: Shimano XT 11–46
Sattelstütze: RockShox Reverb Stealth 150 mm
Vorbau: Race Face Aeffect 50 mm
Lenker: Race Face Atlas 800 mm
Laufradsatz: Shimano XT/Race Face AR 30
Reifen: Schwalbe Magic Mary/Nobby Nic 2,35
Gewicht: 13,85 kg
Preis: 4.799 €

Das Norco Sight C 9.2 im Test

Eine gute Trailrunde beginnt meist mit einem Anstieg und das Sight macht im Uphill eine gute Figur. Wir fuhren den Dämpfer überwiegend im offenen Modus, was auf technischen Anstiegen mit sehr viel Traktion belohnt wird. Der Hinterbau arbeitet dabei äußerst antriebsneutral. Dank Norcos Geometriekonzept mit moderat langen Kettenstreben, steilem Sitzwinkel und langem Hauptrahmen sitzt man stets sehr zentral im Rad und fühlt sich bereits nach kurzer Zeit eins mit dem Bike. Einzig das hohe Gesamtgewicht schränkt den Vorwärtsdrang etwas ein. Beim Beschleunigen und Klettern fordern vor allem die über 2 kg schweren Laufräder ihren Tribut, man lässt es mit dem Sight bergauf daher eher gemütlich angehen.

Das Norco Sight 29 klettert im Gelände sehr gut, das hohe Gesamtgewicht kostet aber spürbar Kraft auf langen Anstiegen.

Die Stunde des Sight 29 schlägt jedoch ohnehin auf der Abfahrt. Schnell vergisst man, dass man hier „nur“ 130 bzw. 140 mm Federweg unter sich hat, denn das Bike vermittelt enorme Sicherheit und Laufruhe. Durch das tiefe Tretlager steht man sehr gut im Bike, muss sich beim Pedalieren in technischem Gelände aber vor Pedalaufsetzern in Acht nehmen. Trotz dieser Abfahrtseigenschaften bleibt das Sight 29 aber ein echtes Trailbike, das sich durchaus verspielt fahren lässt und Richtungswechsel sehr schnell umsetzt.

Das Norco vermittelt viel Sicherheit und bleibt dennoch angenehm verspielt.

Der Hinterbau spricht sehr fein an, bietet aber auch mit 30 % SAG noch genügend Progression, um nicht durch den Federweg zu rauschen. Dadurch schluckt das Sight auch große Schläge und Sprünge mit Bravour, gibt aber auch eine sehr gute Rückmeldung vom Untergrund. Die RockShox PIKE arbeitet gewohnt souverän, muss sich jedoch Mühe geben, um mit der Performance des Hinterbaus mitzuhalten.

Die Ausstattung lässt im Downhill keine Wünsche offen und passt hervorragend zum Norco Sight 29.

Das 800 mm breite Cockpit passt ebenso zum Charakter des Bikes wie die griffigen Schwalbe-Reifen, die auf den breiten Felgen zu Hochform auflaufen. Der XT-Antrieb beweist, dass auch Shimano gute 1-fach-Lösungen parat hat, die Übersetzung lässt im Alltag kaum Wünsche offen. Leider konnte auch die serienmäßige Kettenführung das Abspringen der Kette nicht immer verhindern. Mit 150 mm Absenkung sorgt die RockShox Reverb auch bei großen Fahrern für ordentlich Beinfreiheit, wenn das Gelände steiler wird. Shimanos XT-Bremsen packen gewohnt kräftig zu und die früheren Druckpunkt-Probleme gehören der Vergangenheit an. Dass die abfahrtsorientierte Ausstattung zu einem hohen Gesamtgewicht beiträgt, mag den ein oder anderen stören, doch in der Praxis überwiegt der Fahrspaß und lässt dieses Manko schnell in den Hintergrund treten.

Das Norco Sight 29 liefert ein gelungenes Gesamtpaket ab und lässt kaum Wünsche offen.

Fazit

Das Norco Sight C 9.2 kann man wohl am besten als Trailbike mit Enduro-Genen beschreiben, denn es fühlt sich vor allem auf Abfahrten so richtig wohl. Es vermittelt viel Sicherheit und Laufruhe, ohne dass dabei die Wendigkeit und der Fahrspaß zu kurz kommen. Wer im Uphill keine Sprints gewinnen möchte und einen vielseitigen Allrounder sucht, der ist mit dem Sight 29 bestens bedient.

Text: Moritz Dittmar Fotos: Valentin Rühl