In Italien gibt es noch Gegenden, die nur wenige kennen. Paganella ist eine von ihnen. Einheimische und Goldgräber lieben sie. Wir seit unserem zufälligen Besuch auch.

„Finale Ligure oder Gardasee?“ Unter der Heckklappe des Vitos wird immer noch diskutiert. Ein Spontantrip soll gerade entschieden werden. Doch stampfen wir in diesem Moment ziemlich auf der Stelle. „Lasst uns wenigstens schon einmal losfahren“, fleht uns Ross an. Also geht es los, Richtung Italien. Einzelheiten werden auf der Fahrt geklärt.

Ich kämpfe erst einmal mit dem Anschnaller auf der Rücksitzbank. Vorne links Daniel, rechts Ross. Testfahrer und Fotograf. Gesprochen wird Englisch. Ross ist Engländer – äh, Schotte. Sein Englisch auch. Wir verstehen nur „Wuauauaw“, aber meistens hat er Recht damit. Die Scheinwerfer beleuchten die leere Fahrbahn. Hamsterrad. Alles sieht gleich aus, Schatten schlängeln sich über das Armaturenbrett. Meine Augen vergraben sich im Facebook-Newsfeed. „EUROPEAN ENDURO SERIES in Paganella“ steht da plötzlich. „Hey, weiß jemand von euch, wo Paganella ist?“, frage ich in die Runde. Daniel antwortet gelassen: „Ich glaube, die vor uns wissen es.“ Wir folgen einem FOCUS TEAM-Bulli wie dem Stern von Bethlehem. Ohne Absprache ist ab jetzt für uns alle klar: Wir wollen nach Paganella.

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Panorama und Wetter provozieren konstant ein Lächeln – liegt vielleicht auch teils am grellen Sonnenlicht, das den Tag ankündigt. Plötzlich eröffnet sich die Sicht auf die Hochebene Paganella und den Molvenosee. „Alter!“, flüstert Ross fast tonlos. Es ist das einzige Wort, das er auf Deutsch sprechen kann und wahrscheinlich je sprechen wird. Jeder sucht nach seinem Handy. Wir halten an, steigen aus. Der Motor läuft noch. Wir schießen Fotos, lachen, machen Witze. Ross: „Der Lift läuft schon, oder?“ Wir hasten zurück ins Auto, rollen gen Tal. „Halt hier an, da ist der Lift! Lasst uns beeilen!“, rufe ich.

Knieschoner über den Knöchel, Helm in die Hand, Steckachsen noch lose.

Wir springen in die erste Gondel. „Brudi, check mal den See von hier oben!“ Wir fangen an zu johlen. Oben angekommen folgen wir ein paar Bikern mit Startnummern. Auch wenn wir das Rennen dieses Mal nicht mitfahren, wollen wir zumindest einmal die Strecke testen. Bevor wir in Stage reinfahren, klatschen wir ein letztes Mal ab. Dann sind nur noch unsere Emotionen hörbar.

Mit unserm Guide Stefano Udeschini, den wir am ersten Tag auf dem Trail kennenlernen und zum Buddy machen, drehen wir gefühlt jeden Stein dieses Gebiets um. Die Lifte machen es möglich. Ist man erst einmal oben, hat man das Gefühl, die Erdkrümmung zu erkennen. Zumindest ich. Daniel schreibt das meinem veganen Lebensstil zu. Ross hat keine andere Meinung dazu: „Roasted Veggies … never go full vegan, wuawuaw …“ Aber von hier oben sieht man wirklich alles.

Unsere Albereien werden zur Hauptsprache. Wir lernen, auf Italienisch „Aua“ zu sagen, lachen über Stürze, überholen auf der Insideline. Die Knie werden weich, das Herz schlägt bis in die Kehle. Waghalsig schneiden wir uns gegenseitig die Wege ab. Unten angekommen, schneiden wir schwimmend den kristallklaren Wasserspiegel des Molvenosees. Später dann Pizza. Heldengeschichten, von Krämpfen und Rotwein begleitet, erzählen vom Tag. Aus 3-m-Sprüngen werden (mindestens!) 5 m, aus Treppenstufen massive Drops.

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Versteckt im Rücken des Gardasees,

überrascht uns dieser Ort mit seinem enormen Potenzial an Abwechslung und Fahrspaß. Steine, Wurzeln, loser Waldboden. Die zumeist naturbelassenen Strecken durch Ahornwälder und Haselnusssträucher lassen jedem Biker, egal ob Hobby oder Elite, das Herz aufgehen. Immer mit einer Postkartenaussicht auf die majestätisch wirkenden Brenta-Dolomiten sowie den Gardasee. Man muss hier auf nichts verzichten, nicht einmal teilen. Meistens sind wir alleine auf dem Trail, nur auf den Rennstages staut es sich. Wir testen Wanderwege, Stages und offizielle Bikepark-Strecken. Sie hinterlassen Spuren: bei dem einen ein Lächeln, bei dem anderen blaue Flecke.

Wir treffen ein paar Freunde. Sie können unsere Story vom spontanen Trip kaum glauben. Alle von ihnen fahren das Enduro-Rennen und präsentieren uns stolz ihre Zwischenzeiten, kennen aber nur die halbe Schönheit Paganellas. Als Elitefahrer trainieren sie ausschließlich Stages, haben dadurch keine Zeit, um mehr zu sehen. Nach dem Rennen müssen sie schnell weiter. Eigentlich waren sie gar nicht wirklich hier. Wir trinken noch einen Espresso zusammen, dann trennen sich unsere Wege.

Zurück auf dem Trail, zeigt unser GPS kurzzeitig 58 km/h. Keiner will hier bremsen. Staubnebel steht in der Kurve, vom Sonnenlicht in Szene gesetzt. Der Fahrtwind zieht das Grinsen breit, lässt mich weinen. Ich nehme den Finger vom Bremshebel, teste die Anlieger und meine Kraft. Daniel springt vor mir ab, ich hinterher. Wir beide überspringen die Landung und lachen. Frisch gesägte Northshores. Unser Guide gibt ein unglaubliches Tempo vor. Er hat die Strecke selbst gebaut und will es heute offenbar wissen.

Wenn man Spaß hat, verfliegt die Zeit am schnellsten. Wir haben versucht, sie anzuhalten, um hier zu bleiben. So lange es geht. Während Stefano sein Bike für die nächste geführte Tour am kommenden Tag vorbereitet, packen wir zusammen. Paganella steht ab jetzt ganz oben auf unserer Liste.

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Anreise

Der klassischen Route zum Gardasee folgen und dann von der Brenner-Autobahn A22/E45 die Ausfahrt S. Michele all’Adige/Mezzocorona nehmen. Folge der SS43 bis zum Ziel.

Abwechslung im Bikepark

Mit einem Streckennetz von 400 km bietet der Bikepark Dolomiti Paganella Fahrspaß für jedermann – egal ob Einsteiger oder Pro.

Streckennetz

Das Gebiet um Paganella wird mit Liften und Bahnen erschlossen. Die meisten Strecken sind relativ leicht zu finden. Es empfiehlt sich jedoch, einen Guide zu buchen, denn der bringt euch zu den Secret Trails. Geführte Touren bekommt man schon ab 100 €.

Übernachtung

In Paganella gibt es vom Fünfsternehotel bis zum Campingplatz alles. Eine passende Unterkunft findet man hier garantiert!

Molvenosee

Herrlich! Der See lädt mit Strand und Rasenflächen einfach nur zum Entspannen ein. Biker, Wanderer und Einheimische kommen hier zusammen und lassen den Tag in der Sonne ausklingen.

Mehr Informationen findet ihr auf der Dolomiti Paganella Bike Website.

Text: Julian Lemme Bilder: Ross Bell

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Über den Autor

Julian Lemme

Julian hat schon mit Haien den Pazifik erkundet, der Höhenangst im Himalaja die Hand geschüttelt, im ältesten Knast Uruguays gesessen und im brasilianischen Regenwald Weltfrieden gefunden. Für uns verliert er sich gerne in Abenteuern, um sich später wiederzufinden. Naja, und ist als Grafiker zuständig für die Optik der Ausgaben.