Kein Bike hat uns in den letzten Jahr mehr neugierige Blicke auf dem Trail beschert als das Pole EVOLINK 140 29 EN – und das nicht nur wegen seiner auffällig blauen Lackierung und der markanten, schlanken Rohre. Am meisten waren die Betrachter von der schieren Größe des Bikes fasziniert. Länge läuft, so viel ist bekannt. Doch kann das Rad auch mehr als nur schnell geradeaus fahren?

Pole EVOLINK 140 29 EN | 150 mm/140 mm | 14,00 kg | 5.600 €

Leo Kokkonen ist ein Revolutionär! Während sich in den letzten Jahren die Geometrien vieler Endurobikes immer ähnlicher wurden, präsentiert der smarte Finne mit dem Pole EVOLINK 140 29 ein Bike, das die Grenzen der Physik für viele Betrachter in Frage stellt. Mit einem gigantischen Radstand von 1.314 mm (Gr. L) lässt es selbst waschechte Downhillbikes winzig wirken. Zum Vergleich: Ein Specialized Demo ist in Größe Large lediglich 1.228 mm lang. Auch der Lenkwinkel des Pole EVOLINK 140 29 erinnert mit 64,5° eher an ein Downhillbike als an ein Enduro – und das trotz 29″-Laufräder. Klar, dass das Bike bei solchen Werten im steilen Gelände abgeht. Doch wie sieht’s auf flacheren Trails oder gar bergauf aus?

Aufsteigen, wohlfühlen, abgehen!

Egal welcher Testfahrer auf das Pole EVOLINK 140 aufstieg, die Reaktion war immer die gleiche: „Wow das fühlt sich ja super ausgewogen an!“ Und das nicht nur bereits auf den ersten Metern auf dem Parkplatz, sondern auch im Gelände. Dank des steilen Sitzwinkels von 77,5° klettert das Pole selbst steilste Anstiege überragend und trotz des flachen Lenkwinkels kippt das Vorderrad nicht ein. Wie an einer Schnur gezogen pedaliert man relaxt bergauf. Positiv fällt hier auch der äußerst antriebsneutrale Hinterbau auf, der zusammen mit den großen 29″-Laufrädern ebenfalls einen Teil zum guten Kletterverhalten beiträgt.

Doch seien wir ehrlich: Gute Uphilleigenschaften sind nett, wirklich interessant ist jedoch das Handling des Pole EVOLINK 140 29 bergab! Und auch hier brilliert das Pole! Von steilen, alpinen Bikeparktracks zu abwechslungsreichen Hometrails bis hin zu perfekt geshapten Flowtrails – nirgends enttäuscht das Rad. Dank der langen Kettenstreben und des hohen Stacks ist das Handling sehr ausgewogen und man hat als Fahrer immer ausreichend Druck auf dem Vorderrad. Richtungswechsel und Manuals erfordern zwar etwas mehr Körpereinsatz, dennoch lässt sich das Rad selbst um engste Kehren manövrieren – erfordert aber einen angepassten Fahrstil. Die enorme Länge sorgt für massig Platz, um sich zwischen den großen Laufrädern zu bewegen, was sich vor allem im anspruchsvollen Terrain bezahlt macht. Hier läuft das Pole wie auf Schienen und verzeiht dem Fahrer selbst grobe Fehler. Der Hinterbau bietet bei rund 30 % SAG die beste Performance und begeistert mit grandiosem Ansprechverhalten und einem sehr definierten Feedback. Er steht stabil im mittleren Bereich und schlägt auch bei harten Impacts nicht durch. Die Ausstattung unseres Testbikes entspricht nicht ganz der Serie, gab aber insgesamt keinerlei Grund zur Beanstandung. Einzig die Wahl des Vorderreifens, eines MAXXIS Aggressor, sorgte für hochgezogene Augenbrauen – in Serie ist das Rad jedoch mit WTB-Pneus ausgerüstet.

Helm: Giro Switchblade | Hoodie: Chromag | Jeans: H&M Skinny Jeans

Die Geometrie des Pole EVOLINK 140

Das Pole EVOLINK 140 im Detail

Federgabel: RockShox Pike
Bremsen: SRAM Guide RSC
Schaltung: SRAM X01
Sattelstütze: Race Face Turbine
Vorbau: Easton Haven
Lenker: Easton Haven Carbon 750 mm
Laufradsatz: DT SWISS EX 1501 Spline One
Reifen: WTB Vigilante / Trailboss
Gewicht: 14,00 kg
Preis: 5.600 €

Effektiv
Der Hinterbau des EVOLINK arbeitet nicht nur sehr antriebsneutral, sondern auch sehr feinfühlig. Sein Herzstück sind die beiden Umlenkhebel, mit denen die Kennlinie optimal beeinflusst werden konnte.
Must have!
Ein Endurobike braucht einen Flaschenhalter, schließlich will man auf kurzen Runden nicht immer einen Rucksack mitschleppen. Umso besser, dass das Pole sogar Platz für zwei Flaschen besitzt.
Variabel
Boost oder nicht Boost – das ist bei Pole keine Frage! Dank variabler Ausfallenden hat man als Fahrer die Wahl und kann den Hinterbau im Handumdrehen anpassen.
Super kurz
Pole kombiniert den langen Hauptrahmen mit einem kurzen Vorbau für maximale Kontrolle. Die vielen Spacer sorgen für ein sehr ausgewogenes Handling.

Fazit

Pole liefert die Revolution. Mit dem radikalen Geometriekonzept beweisen die Finnen nicht nur, dass die nackten Zahlen nicht immer Rückschlüsse auf das Handling zulassen. Sie zeigen auch, wie viel Potenzial noch in der Entwicklung zukünftiger Bikes steckt. Das EVOLINK 140 EN setzt neue Maßstäbe in Sachen Geometriedesign, ist bergab nicht zu stoppen und klettert dennoch grandios bergauf. Ach ja, und man kann es auch zusammenfalten, aber das ist bei diesen Fahreigenschaften fast eine Nebensache.

Stärken:

  • enorme Laufruhe
  • extrem ausgewogenes Handling
  • top Hinterbau

Schwächen:

  • Manuals erfordern viel Kraft

Mehr Informationen auf der Pole-Website

Leo Kokkonen im Interview

Hi Leo, kannst du uns verraten, was der Vorteil der neuen EVOLINK-Geometrie im Vergleich zu einer herkömmlichen Mountainbike-Geometrie ist?

Die EVOLINK-Geometrie macht das Fahren leichter und stabiler, da man mehr im Zentrum des Bikes steht. Der Fahrer profitiert also bergauf, bergab und selbst auf technischen, flachen Trails. Die ausbalancierte Position bringt Stabilität und Sicherheit, was gleichbedeutend mit höheren Geschwindigkeiten ist. Der flachere Lenkwinkel hilft nicht nur bei Abfahrten, sondern auch auf technischen, flachen Trails, weil das Fahrwerk natürlicher arbeitet statt einfach nur den Lenker hoch- und runterzuschieben. Durch den flacheren Lenkwinkel verursacht starkes Bremsen weniger Verwindung an der Federgabel, was zu einer besseren Kontrolle führt. Die Balance und Kontrolle machen den Unterschied. Bei anderen „modernen“ Mountainbikes liegt der Schwerpunkt des Fahrers mehr in Richtung Hinterrad, wodurch Gewichtsverlagerungen das Bike unruhiger machen und plötzlicher Gripverlust oder ein ungewollter Richtungswechsel auftreten können. Kürzere Bikes könnte man „lebhafter“ nennen, während EVOLINK eher gelassen wirkt.

Ist dieses Geometrie-Konzept nur für progressive Fahrer und Racer geeignet oder kann damit auch ein Anfänger Spaß haben?
Jeder, der leichter und flüssiger fahren will, profitiert von einer besseren Balance, die durch den verlängerten Radstand erreicht wird, weil es eben einfacher ist, das Rad von der Mitte aus zu navigieren. Die Einzigen, denen der lange Radstand nicht zugutekommt, sind alle, die Tricks mit ihren Bikes machen. Ein kürzerer Radstand erleichtert natürlich das Verlagern der Balance, wie bei einem BMX. EVOLINK erzeugt das Gefühl, in einem Kampfjet zu fliegen statt auf einem Rodeo-Pferd unterwegs zu sein.

Denkst du, dass zukünftig mehr Hersteller Bikes mit einem so langen Radstand bauen werden?
Ehrlich gesagt ist mir das egal. Wir haben unsere eigene Forschung betrieben und unser Konzept auf einem leeren Blatt Papier begonnen. Uns ist egal, was andere Firmen machen. Wir haben das Fahrwerk entwickelt und die Rahmeneigenschaften sowie die Antriebskinematik von Grund auf neu berechnet. Unsere lange Geometrie verlangt andere Bedingungen, weil das Fahrergewicht anders positioniert ist und das Bike anderen Belastungen unterworfen ist.

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Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.