Was macht eine Erinnerung unvergesslich? Egal ob gut oder schlecht, es sind stets die außergewöhnlichen, nicht-alltäglichen Erfahrungen, die wir bis an unser Lebensende im Kopf behalten. Cody Kelley (der aufstrebende EWS-Fahrer des Team Yeti/Fox Racing Shox) hatte 2016 eine außergewöhnliche Saison mit einigen herausragenden Renn-Ergebnissen an der Seite seines Teamkollegen Richie Rude. Aber sein vielleicht herausragendstes Erlebnis war eben nicht auf einer Rennstrecke – sondern ein Freeride-Exkurs der besonderen Art: Zusammen mit Red Bull Rampage-Vorjahres-Sieger Kurt Sorge stürzte er sich eine fast schon surreal-steile Abfahrt herunter, in einer Landschaft so fremdartig wie die Mondoberfläche.

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Bill’s Puddle

Aufgrund eines günstigen Umstandes im Rennkalender von Cody, fand er Zeit, eine Einladung zu einem Freeride Trip von Kurt Sorge und dem Freeride-Guru Graham Agassiz anzunehmen. Zu dritt ging es vier Tage lang auf einen Roadtrip in und um Williams Lake im kanadischen British Columbia. Die urtümliche Holzfäller-Stadt, etwa 300 Kilometer nord-westlich von Kamloops gelegen, hat eine lang gewachsene Riding-Kultur mit massenhaft abwechslungsreichen Trails zu bieten. Die IMBA (International Mountain Bike Association) nannte Williams Lake einst das „Shangri La des Mountainbikens“.
Los geht es mit einer Abfahrt am Fox Mountain. Unter einem unheilschwangeren Himmel, legen wir los wie der Teufel – spaßige Berms mit perfekt matschigem Dirt. Für unsere Film- und Foto-Crew das optimale Wetter. Die Wolkendecke für ein gleichmäßiges Licht unter den Baumkronen und die nur teilweise durchdringenden Regentropfen verleihen dem Moos über das Jahr hinweg ein kräftiges, intensives Grün. Unsere Gruppe hackt völlig unbeschwert im Trainings-Modus den Trail runter, johlend und brüllend vor Freude bei jedem noch so kleinen Sprung oder Bodenwelle. Man sieht ab dem ersten Pedalschlag, dass sich da drei gleichsam Passionierte gefunden haben.

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Kaum sind die Kameras auf ihn gerichtet und er den ersten Dirt-Kontakt aufnimmt, ist Aggy voll und ganz in seinem Element: „Lass mich da nochmal runterheizen! In der Kurve komme ich auf jeden Fall noch viel tiefer!“ Als Aggy den Trail wieder hochmarschiert, fallen die Regentropfen schon in deutlich höherer Frequenz auf unsere Helme. Vom einen auf den nächsten Augenblick verwandelt sich der perfekt von der Natur angerichtete Dirt in einen glitschigen Matschfilm. Am nächsten Durchgang, drückt Aggy sein Vorderrad nur eine Spur zu weit über den Scheitelpunkt der Kurve. Ein Mini-Crash innerhalb einer Zehntel-Sekunde, eigentlich kein großes Ding sondern nur ein winziger Fahrfehler – allerdings mit der Konsequenz, dass er mit seiner Hand zuvorderst auf den Boden klatscht und sofort weiß, dass sie gebrochen ist. Das war‘s dann leider erstmal für ihn.

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A trip to the moon

Als wir Aggy später wieder aus dem Krankenhaus abholen regnet es in Strömen. Wir fahren zum örtlichen Bikeshop mit Namen Red Shreds Bike & Board Shed, genau richtig für eine kleine aber feine Afterhour-Party. Vielleicht liegt es an dem apokalyptischen Regen oder aber auch an unserem Überraschungsbesuch, aber hier geht es zu wie in einem Ameisenhaufen – mehr als man an einem gewöhnlichen Wochentag erwarten würde. Wir werden von „Shreddy“, dem Ladenbesitzer (und nach eigener Aussage legendärem Fahrer) und seinem Freund Jeremy „Jercan“ Stowards freundlich begrüßt. Letzterer sollte uns am nächsten Tag ins Abenteuer begleiten. Natürlich wird nur über Bike-Pläne gesprochen: Über das ein paar Stunden entfernt gelegene Canyon-Labyrinth, dass man gefahren haben muss, und wie dort jetzt nach den heftigen Regenfällen der letzten Zeit die Fahrbedingungen wohl sind. Ach ja: Das ist auch unser Ziel!

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Das Canyon-Labyrinth, dass wir natürlich auch fahren MÜSSEN, sieht eher aus wie der Mond als Kanada oder irgendwas anderes auf der Welt. Wo man hinsieht Steilwände, Hoodoos (turmartige Gebilde aus Sedimentgestein, die durch Erosion geformt wurden), sowie die größte Sanddüne in British Columbia. Wir schlagen unser Lager auf und am nächsten Morgen wachen wir am Fuße der riesigen, noch völlig durchnässten Sandklippen auf. Trotz einer whiskeygeschwängerten Nacht am Lagerfeuer geht es früh und mächtig aufgeregt los (Abgesehen von Aggy natürlich, den seine gebrochene Hand zum Ausschlafen in seinem Heiligtum/Wohnmobil/Adventurer, einem Toyota Tundra zwingt).
Wir brauchen nicht erst den gesamten Aufstieg und den Blick herunter zu unserem Camp abzuwarten um zu wissen: Ein verdammt steiles Terrain! Uns erwartet ein High-Speed aber auch High-Consequence 300-Meter Foot-Drop von ganz oben bis ganz unten! „Meine Nerven sind angespannt wie ein Drahtseil“, sagt Cody, sitzend in kontemplativer Yoga-Haltung am Rande des Abgrunds. „Das schwierigste daran ist nicht die Steilheit, sondern eher, dass man den Auslauf überhaupt nicht sehen kann!“

Nachdem sich das Foto- und Filmteam mit Händen und Füßen an den glitschigen Abhang in Position gebracht hat, gibt es den ersten Dropin unseres neuen Freundes Jercan, gefolgt von Cody, danach Sorge.
Was einfach nur danach aussieht, sein Hinterrad zu blockieren und sich den Abhang runtersurfen zu lassen, ist aber weitaus schwieriger. Es gibt einige richtig knackige Stellen mit sehr engen Kurven und engen Gaps zwischen den Hoodoos. Man sieht ihm sofort an, dass Aggy so was für sein Leben gerne fährt.

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Er bombt sich durch jede einzelne der Steilhänge, schlängelt sich durch die Kurven und gibt vor jeden Anstieg nochmal Vollgas. Am Ende der Abfahrt kann man das Adrenalin praktisch an den Ridern heruntertropfen sehen. „So etwas bin ich noch nie gefahren,“ kommentiert Cody. „Ich hatte beide Bremshebel bis zum Lenker hochgezogen und war trotzdem noch am Beschleunigen. Ich schätze ich bin teilweise mit bis zu 50 Meilen da runtergebrettert!“ Dieser Energieschub erfasst die gesamte Gruppe und die Filmer können ihr Glück, diese Abfahrt aus fast jeder Perspektive – sogar aus der Luft – gefilmt zu haben noch gar nicht recht glauben.

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Zurück in unserem Lager stoßen die Fahrer auf eine Palette Bier, die gegen den langsam abklingenden Adrenalinschub herhalten muss – frisch und flussgekühlt aus dem Chilotin River. Das anschließende Gespräch dreht sich selbstverständlich um die besten Lines und Jumps des Tages bei dieser völlig verrückten Abfahrt. Statt EWS Enduro-Geschichten vom World Cup hören wir Anekdoten vom Big Mountain Freeriden. Schnell wird klar, dass dieses Abenteuer ein unsichtbares Band zwischen den drei Ridern aus den verschiedenen Welten gewoben hat. Dieser Roadtrip hatte einige anstrengende Momente und Cody musste sich schon gehörig weit aus seiner Komfortzone wagen, um mithalten zu können, unterm Strich aber ein „epic adventure!“ „Dieser Trip wird mir im Kopf bleiben! Das Gefühl und der Geschwindigkeitsrausch, den ich insbesondere bei der ersten Line hatte… unvergesslich!“ So ist das mit außergewöhnlichen und nicht-alltäglichen Erlebnissen.

Text: Giro Fotos: Robin O'Neill Photography