Nichts ist schlimmer, als zwischen den Stühlen zu sitzen, weder links noch rechts, weder Fisch noch Fleisch. Wir alle kennen es: Der Entscheidungsprozess für ein neues Bike zieht sich schier endlos hin, und dann, wenn der Cursor schon über dem „Kaufen“-Button schwebt, erstarren wir plötzlich. Welche Größe ist die richtige? Shit.

Machen wir uns nichts vor: Das Thema Rahmengröße ist allgegenwärtig. Unsere Bikes verändern sich, manche Hersteller machen alles größer und länger, andere bleiben alten Idealen treu. Wenn man sich die Daten der 30 führenden Endurobikes auf dem Markt anschaut, kommt man bei Größe L auf einen Unterschied von 7,8 cm beim Reach und von beachtlichen 14,6 cm beim Radstand. In einer Welt, in der es auf kleinste Details ankommt, sind das gigantische Differenzen. Das Whyte G-160 oder das Mondraker Dune in Größe S (jawoll, S) haben einen längeren Reach und Radstand als das Specialized Enduro in Größe L – völlig verrückt also. Manche Fahrer sind von den neuen Geometrien so verunsichert, dass sie sich für eine kleinere Größe entscheiden, als es der Empfehlung entspricht. Ist es das, was die Designer wollten? Natürlich nicht. Aber bei so viel Auswahl sind wir mehr als je zuvor auf die Herstellerempfehlungen angewiesen, um die passende Größe zu finden.

Der Fluch, zwischen den Größen zu liegen

Für die meisten von uns ist die Entscheidung nicht so schwer, wir fallen eindeutig in eine der Größenkategorien. Doch was ist mit denen, die in der Grauzone zwischen zwei Größen liegen? Auf ihnen lastet der Fluch des Lebens zwischen den Stühlen und sie stehen angesichts der großen Entscheidung da wie der Ochs vorm Berg. Wir würden uns nicht mal Schuhe kaufen, die eine Größe zu groß oder zu klein sind – einen vierstelligen Betrag für ein Bike auszugeben, das unter Umständen nicht passt, ist das letzte, was wir wollen. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen: Wenn man zwischen zwei Größen schwankt, werden plötzlich sämtliche Kumpels zu Geometrie-Experten. „Nimm das größere, du willst ja wohl kein BMX!“ oder „Nimm auf keinen Fall das größere, das wird sich anfühlen, als müsstest du eine Kuh die Treppe hochschieben!“ Es ist ein Minenfeld.

Der erste und wichtigste Ratschlag in einer solchen Situation lautet: „Bloß keine Panik.“ Wenn ihr euch zwischen zwei Größen befindet, heißt das laut Hersteller nur, dass mit ein wenig Customizing beide Größen für euch funktionieren. Aber natürlich beantwortet das nicht wirklich die Frage, welche Größe ihr jetzt wählen sollt. Über die letzten Monate haben wir deshalb Leute zusammengetrommelt, die zwischen den Größen liegen, und sie auf ansonsten identischen Bikes in den Größen M, L und XL fahren lassen. Wir entschieden uns als Testmodell für den Paten unter den Trailbikes, das Specialized Stumpjumper – denn obwohl seine Größeneinteilung mittlerweile eher als konservativ gilt, stellt seine Performance wohl niemand infrage. Reifen, Fahrwerkssetup und Kontaktpunkte waren jeweils gleich, der einzige Unterschied war die Größe.

Nicht die Größe zählt, sondern was man damit macht?

Was verändert sich überhaupt von einer Größe zur nächsten? Natürlich variiert das extrem von Marke zu Marke, aber wenn wir das Specialized Stumpjumper als Beispiel nehmen, wo genau liegen dann die Unterschiede zwischen den Größen L und XL? Die meisten Veränderungen sind eher klein, 22 mm beim Reach, 9 mm beim Stack, nur 10 mm bei der Oberrohrlänge und 26 mm beim Radstand – alles keine Riesensprünge. Die einzig wirklich bedeutsame Veränderung sind die zusätzlichen 55 mm beim Sitzrohr, wodurch sich die Sattelstütze in einer höheren Position fahren lässt. Das Stumpjumper hat nun sicher keine extreme Geometrie, doch wenn man die harten Zahlen betrachtet, unterscheiden sich bei den meisten Herstellern die Größen nicht sehr stark voneinander. Im Schnitt sind es 20 mm Unterschied beim Reach und 50 mm bei der Sattelrohrhöhe.

Welchen Einfluss haben die Körperproportionen auf die Wahl der Rahmengröße?

Die meisten modernen Bikes haben eine sehr niedrige Überstandshöhe, wodurch mehr Fahrer auf mehr unterschiedliche Bikes passen. Trotzdem sind wir alle unterschiedlich gebaut. Manche von uns haben die Beine eines Hobbits, andere sind schlaksig und sehen aus wie Flamingos in Shorts. Die erste Frage beim Größenvergleich lautet dementsprechend: Ist das Sitzrohr lang genug, um die Teleskopsattelstütze richtig einstellen zu können? Messt die Länge des Sattelrohrs an eurem aktuellen Bike, vom Tretlager zur Sattelklemme, und vergleicht sie dann mit der jeweiligen Länge bei den infrage kommenden Größen. Wenn das Sattelrohr bei der größeren Option erheblich länger ist als bei eurem bisherigen Bike, dann müsst ihr eine Sattelstütze mit weniger Hub montieren, denn sonst wird euch das Bike zu groß sein. Wenn ihr mit weiter ausgefahrener Sattelstütze fahren wollt, braucht ihr sogar ein noch längeres Sattelrohr. Umgekehrt gilt: Wenn ihr die Proportionen einer Giraffe habt, kann es sinnvoll sein, die größere Größe zu nehmen, damit die Sattelrohrlänge auch sicher für die Mindesteinstecktiefe eurer Stütze ausreicht.

Was für eine Art von Affe seid ihr?

Gut, also beide Größen eignen sich für eure Wunsch-Teleskopstütze. Was nun? Was ist mit dem Reach? Messt eure Körperhöhe mit einem Maßband, und danach eure Armspannweite, von Fingerspitze zu Fingerspitze. Zieht eure Armspannweite von eurer Größe ab. Die Zahl, die dabei herauskommt, ist der sogenannte Affenindex. Wenn es eine negative Zahl ist, habt ihr längere Arme als der Durchschnitt, und dann passt euch vielleicht ein Bike mit einem größeren Reach besser – immer vorausgesetzt, die Sattelstütze passt. Wenn aber eine positive Zahl herauskommt, dann sind eure Arme kürzer als der Durchschnitt und ein Bike mit kürzerem Reach eignet sich eventuell besser. Das ist zwar keine definitive Antwort, aber diese Herangehensweise hilft euch, zu verstehen, was funktionieren könnte. Denkt aber daran, dass der Reach nichts über den Sitzwinkel aussagt: Wenn euer potenzielles neues Bike ein steileres Sitzrohr hat als das bisherige (was gut ist), wird der Sattel näher am Lenker sein und das Bike wird sich kompakter anfühlen, auch wenn der Reach gleich groß ist.

Ich bin genau in der Mitte zwischen zwei Größen – kann ich was falsch machen?

Man setzt sich ja fast nie auf ein Bike und alles passt. Zum Glück haben wir eine Menge Einflussmöglichkeiten darauf, wie wir mit unserem Bike interagieren. Wir können einen kürzeren oder längeren Vorbau montieren, wir können den Sattel weiter nach vorne oder hinten schieben und wir können sogar Reach und Lenkerhöhe anpassen, indem wir Spacer oder einen Riser- oder eben Flat-Lenker nutzen. Wenn wir zwischen den Größen liegen, sind die Hersteller in der Regel davon überzeugt, dass beide Optionen sich mit den eben genannten Mitteln gut anpassen lassen. Aber unsere Frage, welche Größe man nun bestellen soll, haben wir immer noch nicht beantwortet.

Was also ist die Antwort?

Ihr wisst also, welches Modell ihr wollt, und ihr liegt zwischen zwei Größen. Nachdem ihr die hier genannten Kriterien berücksichtigt habt, passen immer noch beide. Was also ist die richtige für euch? Wir haben die Zwischen-den-Stühlen-Fraktion aller Niveaus, vom Anfänger bis zum Elite-Racer, auf die Trails geschickt, mit drei identischen Bikes in unterschiedlichen Größen. Zwar entschieden sich viele Fahrer für die größere Option, aber – trotz des auch in der Bikeindustrie weit verbreiteten Mantras „Größer ist besser“ – gaben einige auch der kleineren Größe den Vorzug. Warum?

Downsizing

Anhand der Feedbackbögen der Fahrer, die die kleinere Größe wählten, zeigte sich ein klarer Trend. Es handelte sich hier um alle, die eher verspielt fahren, gerne Manuals machen und enge, technische Trails lieben. Im Vergleich zu den anderen Bikes schnitt die jeweils kleinere Größe gut ab in den Punkten: Wendigkeit, Verspieltheit, leichter zu fahren in engen Kurven, regt zu einem verspielten, aktiven Fahrstil an. Das Feedback klang meist ungefähr so: „Mir gefällt es, wie agil sich die kleinere Größe fährt – es ist so einfach, das Bike durch die Kurven zu jagen, perfekt für meinen eher verspielten Fahrstil.“ Für die kleinere Option entschieden sich die Fahrer, die Airtime lieben, mit dem Trail spielen oder vorrangig auf engen, kurvenreichen Trails unterwegs sind.

Upsizing

Die jeweils größere Option war bei den Fahrern beliebt, die für Geschwindigkeit leben und ein stabiles, vertrauenerweckendes Fahrverhalten wollen. Es war die Wahl der KOM-Jäger, derer, die den Nahkampf am Boden dem Dogfight in der Luft vorziehen. Fahrer mit langen Beinen freuten sich über das längere Sattelrohr, mit dem sie mehr Möglichkeiten beim Einstellen der Sattelstütze hatten. Der längere Radstand sorgte bei hoher Geschwindigkeit für mehr Laufruhe und das geräumige Cockpit bot mehr Komfort auf langen Anstiegen. Die Kommentare auf den Feedbackbögen lassen sich also so zusammenfassen: „Ich mag den längeren Radstand bei Größe XL und der größere Reach macht das Bike an langen Tagen im Sattel komfortabler.“ Die jeweils größere Größe ist eine gute Option für Fahrer mit langen Beinen, und für alle, denen Tempo und Laufruhe wichtiger sind als wendiges Kurvenverhalten.

Fazit

Eine abschließende und absolute Antwort können wir euch wohl nicht geben, aber hoffentlich haben wir euch ein paar nützliche Werkzeuge an die Hand gegeben, um dem Fluch zu entkommen. Wenn ihr zwischen zwei Größen festhängt, ist nichts besser als eine Testfahrt mit beiden. Sollte das nicht gehen, dann vergleicht euer eigenes Bike mit dem von Freunden. Was gefällt euch, was mögt ihr weniger? Macht euch Gedanken über eure Proportionen und seid ehrlich zu euch selbst, wenn es um euren Fahrstil geht. Es ist nicht leicht, zwischen den Stühlen zu sitzen, aber keine Sorge: Es gibt für jeden das passende Bike da draußen.

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Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.