Die Fahrer sind aufgestellt, die Uhr zählt die Sekunden auf null herunter, Start. Aber der Sprint sieht irgendwie anders aus, das Profi-Bike kommt nicht auf sein gewohntes Tempo, der Fahrer im BMC-Trikot erinnert eher an ein neugeborenen Fohlen bei seinen ersten Schritten und … ja, da haut es ihn zielgerecht über den Lenker. Moment mal – was zur Hölle macht ENDURO-Fotograf Ross da eigentlich in Runde 7 der EWS mitten im BMC Enduro Racing Team?

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„Langsam fing ich auch an, mir Gedanken zu machen, ob mein ziemlich entspanntes „Trainingsprogamm“ etwa einen Monat vorher vielleicht doch nicht ausreichte.“

Wer hat nicht schon davon geträumt, das Leben eines Profi-Fahrers zu führen, an exotische Orte zu reisen und dabei die besten Bikes zu fahren, mit Liebe getunt von einem persönlichen Mechaniker? Diese Art von Luxus stand seit jeher nur einer Handvoll an Auserwählten, den Besten der Welt zur Verfügung – was also tat ich hier, auf einem BMC Trailfox Enduro Racing Team-Bike? Die Geschichte beginnt ein paar Monate vorher, als Lewis Buchanan, der nach seinem sagenhaften Debüt in den südamerikanischen EWS-Rennen in Chile und Argentinien (mit einem siebten bzw. dreizehnten Platz) gerade bei BMC unterzeichnet hatte, sich im Training eine komplizierte Ellenbogenverletzung zuzog.Für ihn war die Saison vorbei. Lewis Buchanan musste am Rand stehen, während der EWS-Zirkus seine Tour um die Welt fortsetzte. Mir als engem Freund von Lewis und Journalisten wurde die Möglichkeit angeboten, die Runde 7 der EWS in Valberg zwischen den Absperrbändern und hinter dem Lenker von Lewis’ Bike zu erleben.

Wenn ich ehrlich bin, wurde ich immer nervöser, je näher das Event kam. Ich war bei vielen EWS-Rennen gewesen, doch ich hatte immer hinter der Kamera gekämpft, nie gegen die Uhr, und ich hatte nur sehr wenig Rennerfahrung. Langsam fing ich auch an, mir Gedanken zu machen, ob mein ziemlich entspanntes „Trainingsprogamm“ etwa einen Monat vorher vielleicht doch nicht ausreichte. Diese Befürchtung wurde bestätigt, als die Details zur Strecke veröffentlicht wurden – die gewaltigen Anstiege waren viel länger als alles, was ich mir je zugemutet hatte. Es würde brutal werden.

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Blind Date mit Racebike

Meine Nerven standen kurz vorm Kollaps, als ich in Valberg zum Team stieß. Ich traf die Racer, François Bailly-Maître und Lewis. Mechaniker Denis und Teamchefin Melanie kamen ebenfalls dazu. Ich war mir nicht so sicher, wie und ob ich überhaupt ins Team passen würde. Außerdem hatte ich die Befürchtung, François würde sich ganz auf das Rennwochenende konzentrieren müssen und keine Zeit für mich haben – doch zu meiner großen Erleichterung war eher das Gegenteil der Fall. Von Anfang an wurde dafür gesorgt, dass ich mich wohlfühlte. Lewis hatte netterweise sein Bike aus Schottland mitgebracht, mit FOX Factory-Fahrwerk, Shimano XTR-Bremsen und der elektronischen Di2-Schaltung. Das volle Programm! Ich war noch nie ein derart getuntes Race-Bike gefahren und fand diese Möglichkeit ultra aufregend, aber ich machte mir auch so meine Gedanken. Abgesehen von all den teuren Komponenten, die meinen Fahrfähigkeiten schutzlos ausgeliefert waren, ist ein Profi-Setup etwas ganz anderes, als das, was ein durchschnittlicher Fahrer wie ich so braucht. Lewis versicherte mir aber, dass ich die Fahrposition sofort verstehen würde, sobald das Bike mal nach unten zeigte. Er hatte Recht.

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In bester Gesellschaft

Meine Pro-Erfahrung begann am ersten Trainingstag, als ich mich beim Auschecken der Kurven schnell in bester Gesellschaft befand – Nico Vouilloz, Adrien Dailly, François und Rémy Absalon, um nur einige zu nennen. Es war ausgesprochen lehrreich zu sehen, wie die Jungs das Gelände lesen konnten und Lines entdeckten, die ich niemals auf dem Schirm gehabt hätte. Meine Bedenken, ob das Bike und ich uns rechtzeitig anfreunden würden, wurden schon nach ein paar Minuten vollends zerstreut: Die 29er-Laufräder waren ideal für dieses Terrain, das Bike klebte fest am Boden, mit seinem großzügigen Reach und seiner langen Geometrie fuhr es sich sehr vertrauenserweckend und angesichts der erhabenen Performance des FOX X2-Stahlfederdämpfers fehlten mir die Worte. Ich war heiß darauf, Tiefenmeter zu vernichten, doch ich musste langfristig denken und meine Energie für die Renntage aufsparen.

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Als ich am letzten Trainingstag die Vorhänge zur Seite schob, zeigte sich eine graue, nasse Landschaft, es regnete heftig und die Temperatur war deutlich gesunken. Das würde ein wilder Tag werden. Es kam, was kommen musste und die Rutschpartien im Schlamm gaben mir die Gelegenheit, François mit meinen besten Dance-Moves beim wiederholten Über-den-Lenker-Fliegen zu erheitern. Dass ich zu kämpfen hatte, um überhaupt auf dem Bike zu bleiben, von einer Attacke auf den Trail ganz zu schweigen, machte mir Sorgen. Dann war’s vorbei mit dem Training und ich übergab das Bike, das gefühlte 4 kg Schlamm an sich hatte, an Denis, der es noch ein letztes Mal auseinandernehmen, säubern und vorbereiten würde. Beim Abendessen, in den Feuerpausen zwischen den Snapchat-Filter-Salven, bat ich Lewis mit ironischem Grinsen, doch mit ernsten Absichten, um taktische Tipps für den folgenden Tag. Seine Ansage war klar: Ich solle nicht die ganze Zeit Vollgas geben, auf den technischen Abschnitten etwa 95 % fahren, aber in den Anstiegen und beim Pedalieren auf den Stages alles geben.

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Nicht gerade der beste Start

Weil in meinem Kopf mehr los war als an einem Samstag im IKEA, lag ich wach und wartete darauf, dass der Wecker um 6.30 Uhr endlich klingelte. Ich hatte keinen Hunger, aber ich wusste, dass ich keine Chance hatte, den Tag zu überstehen, wenn ich mich nicht zum Essen zwingen würde. Also zog ich meine Sachen in den BMC-Farben Orange und Schwarz an und hoffte, dass keiner glauben würde, ich sei Lewis, der sich nach seiner Verletzung abmühte, wieder auf sein altes Tempo zu kommen. Denn in Wahrheit wäre er selbst mit einem Arm, den er kaum bewegen kann, noch schneller als ich. Als wäre das alles noch nicht genug, kam ich auch noch auf die grandiose Idee, mir schon im Auto auf dem Weg zum Start den Helm anzuziehen. Und verrenkte mir dabei den Hals. Kein Scherz. Sofort schoss ein Schmerz durch meinen Nacken und ich spürte, wie er sich versteifte. Ich konnte es nicht fassen. Der Tag war gerade noch brutaler geworden.

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Ich versuchte, den Schmerz auszublenden, so gut es ging und machte mich auf zur Startrampe, wo ich von Enrico vorgestellt wurde wie zuvor so viele Top-Racer – das ist ein Moment, den mir keiner mehr nimmt! Endlich hatte es begonnen. Irgendwie konnte ich nun eh nichts mehr tun, außer die Stages so gut wie möglich zu fahren, und was geschehen würde, das würde geschehen. Das galt jedenfalls so lange, bis ich auf der ersten Stage übermütig wurde beim Versuch, den Fahrer vor mir einzuholen. Nachdem ich an ihm vorbei war, ging ich über den Lenker und direkt in der nächsten Kurve schoss ich durchs Absperrband. Ganz sicher nicht das größte EWS-Debüt aller Zeiten! Aber ich hatte eine Menge Zeit, meine innere Mitte wiederzufinden, denn nun folgte ein monströser dreistündiger Anstieg bis zur nächsten Stage. Anfangs fuhr ich noch in gleichmäßigem Tempo am hinteren Ende einer Gruppe von vier Fahrern, wir hakten eine Serpentine nach der anderen ab, bis wir schließlich den Asphalt hinter uns ließen und einem sich langsam nach oben schlängelndem Pfad folgten. Obwohl ich versuchte, genug zu essen und zu trinken, spürte ich, wie ich immer langsamer wurde. Jeder Tritt in die Pedale war eine Anstrengung, der Schweiß lief in Strömen an mir herunter und meine Nackenschmerzen wollten nicht nachlassen. Dementsprechend war ich auch bereit, der Verpflegungsstation zur Mittagszeit einen Heiratsantrag zu machen und glücklich mit ihr gemeinsam alt zu werden. Ich wollte mich einfach nur noch neu sortieren und den Gegenwert meines eigenes Körpergewichts an Essen zu mir nehmen – ganz egal was, alles was ich in die Finger bekäme.

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„Ich nahm Lines, die mir François auf den Helmkamera-Aufnahmen gezeigt hatte und gewann damit viel Zeit.“

In einem letzten Kraftakt erreichte ich das grasbewachsene Plateau, das den Startpunkt der Stage bildete. Dort traf ich zufällig Chris Ball, den Chef der EWS, der nach einem Blick auf meine Team-Klamotten und mein Bike beiläufig scherzte: „Ich hab gehört, Lewis ist wieder da, er ist bloß etwas langsamer und hat ein paar Kilo zugelegt.“ Nach meinem Alptraum auf der ersten Stage hatte ich auf den nächsten beiden das Gefühl, dass ich, abgesehen von ein paar Fehlern, mein Potenzial ganz ordentlich nutzte. Ich nahm Lines, die mir François auf den Helmkamera-Aufnahmen gezeigt hatte und gewann damit viel Zeit im Vergleich zu den anderen Racern um mich herum, die keinen der besten Fahrer unseres Sports zur Verfügung hatten. Außerdem spürte ich eine Mini-Rivalität aufkeimen: Der Fahrer hinter mir hatte mich auf der ersten Stage überholt, doch nachdem ich mich wieder gesammelt hatte, gelang es mir, aufzuholen und am Ende des ersten Tages vor ihm zu liegen. Könnte ich ihn bis Sonntagabend hinter mir halten? Als ich das Ziel dieses Tages in Guillaumes erreichte, war ich eingeschlammt, müde, stoked, hungrig und freute mich darauf, den Physiotherapeuten des Teams auf meinen Nacken loszulassen.

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Das Frühstück der Champions

Espresso, Eier, Avocados, Müsli und eine Portion Paracetamol – so begann mein Sonntagmorgen. Als ich in mein Jersey geschlüpft war und meine Knieschoner hochgezogen hatte, stand die Sonne schon über den Bergen und grasbedeckten Hügeln und hatte den eisigen Griff des Frosts vom Boden gelöst. Ich fragte mich, wie weit die Wiesen-Stages und die frisch gebauten Trails wohl getrocknet waren.

Mit Lewis’ Rat im Hinterkopf beschloss ich, mich auf der ersten Stage etwas zurückzuhalten, bis ich mit den Bedingungen vertraut war. Dabei gab ich meine Imitation von Sam Hill zum Besten – nur eben ohne Speed und Style –, streckte in den ersten Kurven bei wohl jeder Gelegenheit die Füße aus und wünschte mir fast schon Flats. Mit Unterstützung der üblichen Kollegen aus den Medien, die mich anfeuerten („Yeah, Fake-Lewis!“), fuhr ich sehr nah an meinem persönlichen Maximum und hatte das beste Gefühl der ganzen Woche auf dem Bike, was mich in eine gute Ausgangslage für den restlichen Tag brachte. Erst auf der letzten Stage merkte ich, wie mein „Rivale“ aufholte. „Vergiss es“, dachte ich mir, gab alles und schaffte es, den Abstand zwischen uns zu vergrößern, als die Strecke weiter unten technischer und gravity-lastiger wurde. Das ist es vielleicht, was die EWS als Rennserie so faszinierend macht: Racer mit unterschiedlichem Hintergrund treten auf ebenso unterschiedlichen Terrains gegeneinander an. Die BMC-Trailcrew verkörpert das in gewisser Weise; François hat einen XC-Background, Lewis kommt aus dem Downhill – und sie ergänzen sich perfekt und pushen sich in ihren Fahrfähigkeiten und im Racing gegenseitig weiter.

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Die Fahrt durch die letzten Graskurven, gesäumt vom ausgelassenen französischen Publikum, war eine der coolsten Erfahrungen meines Lebens, und eine, die zu wiederholen ich vermutlich nicht das Privileg haben werde. Beim Überqueren der Ziellinie fühlte ich nur eine tiefe innere Zufriedenheit, dass ich das Rennen geschafft hatte, und einen überwältigenden Respekt vor dem Talent und der körperlichen Fitness, die die Jungs und Mädels an der Spitze brauchen. Und ich? Ich bin einfach nur ein ganz normaler Fahrer, der die einmalige Gelegenheit hatte, den Traum zu leben. Doch so gerne ich mir das auch ausmale, ich sehe in naher Zukunft keine Vertragsangebote in meinen Briefkasten flattern …

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Text: Ross Bell Fotos: Jeremie Reuiller