Als SRAM letztes Jahr im März die Eagle-Schaltung präsentierte, stand die Mountainbike-Welt für einen Tag still. Aber zum Erstaunen über die enormen technischen Features gesellte sich bei manchen Fahrern auch Skepsis, ob die SRAM X01 Eagle Schaltung im Dauereinsatz überzeugen würde. Knapp 10 Monate später ziehen wir Bilanz.

Nach 10 Monaten Einsatz ziehen wir bei der SRAM X01 Eagle Bilanz.

Letztes Jahr ist ein guter Bekannter von uns gestorben und wir haben ihm keine Träne nachgeweint: der Umwerfer. Jahrelang waren erst drei, dann zwei Kettenblätter an der Kurbel Standard. Die im Jahr 2012 präsentierte SRAM XX1 läutete dann jedoch eine neue Ära ein. Die Vorteile waren immens: leichter, intuitiver, schneller, leiser u.v.m. Obendrein ermöglichte der 1-fach-Antrieb komplett neue Rahmen-Entwicklungen mit besseren Geometrien, erhöhter Steifigkeit und besserer Reifenfreiheit. Doch gleichzeitig war klar: Die 11-fach-Schaltungen waren nicht perfekt. Mit der Eagle-Schaltungstechnologie hat das Team von SRAM nach eigenen Angaben die beste Schaltung seiner Geschichte gebaut und alle Probleme bekannter 11-fach-Varianten eliminiert. Zeit also, der Eagle einmal gründlich auf den Zahn zu fühlen.

Die SRAM X01 Eagle im Detail

Die SRAM X01 Eagle-Schaltung besteht – wie auch schon die SRAM XX1, X01, X1, GX und mittlerweile die NX – aus fünf Teilen: Kassette, Kurbel, Schaltwerk, Shifter, Kette. Alle Teile wurden laut SRAM perfekt aufeinander abgestimmt und sollten daher nur als gesamtes System genutzt werden. Jedes Teil der Eagle wurde noch mal ordentlich optimiert: Die Kassette wurde größer, das Schaltwerk bekam einen längeren Käfig, eine bessere Dämpfung und andere Röllchen, die Kurbel erhielt ein neues Zahnprofil und die Kette wurde schmaler, aber nicht schwächer. Im Detail finden sich noch unzählige weitere Verbesserungen, die alle nur eins bewirken: eine bessere Performance. Genaue Einzelheiten ersparen wir euch.

Herzstück des Antriebs ist die riesige 10–50-Zahn-Kassette.

Seien wir ehrlich: Wen interessiert das Gewicht der neuen SRAM Eagle? Mittlerweile sind wir in der Bikeindustrie an einem Punkt angelangt, an dem ein gutes Produkt einfach wiegt, was es wiegt. Ob das Bike am Ende 100 g leichter oder schwerer ist, ist absolut zu vernachlässigen. Klar addieren sich am Ende einige Gramm ganz schnell, doch der Spaß auf dem Trail wird nicht davon beeinflusst, ob am Ende eine 13 oder eine 12 vor dem Komma steht. Sagen wir es so: Die SRAM X01 Eagle ist leicht – nur rund 50 g schwerer als eine XX1 und dadurch immer noch deutlich leichter als jeder 2-fach-Antrieb. Der einzige Wermutstropfen ist der hohe Preis von rund 1.300 €.

Die Vorteile der neuen SRAM X01 Eagle

Viel wichtiger als ein paar Gramm auf der Waage sind die Vorteile, die die neue 12-fach-Schaltung bietet. Für viele ist allein die enorme Bandbreite von 500 % (10–50 Zähne) ein echtes Kaufkriterium, doch die Schaltung kann noch mehr. Das Team von SRAM sagt, es hätte mit der Eagle unzählige Details der 11-fach-Schaltungen verbessert – und das stimmt. Der zum Teil hohe Verschleiß am Kettenblatt in Front gehört ebenso der Vergangenheit an wie der sich manchmal lösende Schaltungsbolzen oder die lauten Geräusche im Schlamm. Außerdem gelingen Gangwechsel extrem präzise und verdammt schnell. Alles natürlich vorausgesetzt, die Schaltung ist korrekt eingestellt.

Markantes Detail: das regenbogenfarbige Kettenschloss.
Das neue Zahnprofil des Kettenblatts verhindert noch effektiver Kettenverluste.

Die Einstellung der SRAM X01 Eagle

Im Vergleich zu der Justage eines Umwerfers funktioniert die Montage der SRAM X01 Eagle wirklich kinderleicht. Es fühlt sich an wie Plug and Play. Schaltwerk angeschraubt, Kurbel befestigt, Kassette aufgesetzt, Trigger festgeschraubt und Kette gekürzt. Dann nur kurz den Schaltzug verlegen und das Schaltwerk justieren, alles kein Hexenwerk. Es gibt allerdings eine Schraube, der ein enormes Maß an Beachtung geschenkt werden sollte: die B-Tension-Screw oder auf Deutsch Schaltwerk-Vorspannschraube. Zur perfekten Justage hat SRAM extra eine Schablone entwickelt, die genau angibt, wie groß der Abstand vom Schaltwerk zur Kassette im leichtesten Gang sein sollte – und zwar im SAG. Für diese Einstellung sollte man sich etwas Zeit nehmen und ggf. nachjustieren.

Mit Hilfe der Schablone gelingt die Einstellung des Chain-Gap leicht. ACHTUNG: Einstellung sollte im SAG erfolgen.

Die Abstufung der SRAM X01 Eagle

SRAM ist es gelungen, die enorme Bandbreite von 500 % auf nur einer Kassette zu realisieren. Dabei besitzt die Kassette eine Abstufung von 10-12-14-16-18-21-24-28-32-36-42-50, was folgenden Gangsprüngen entspricht: 2-2-2-2-2-3-3-4-4-4-6-8. Betrachtet man das isoliert, drängt sich der Eindruck auf, die Abstufung würde im Verlauf größer werden. Tatsächlich muss man jedoch die prozentuale Verteilung zwischen den Ritzeln betrachten und diese ist über die gesamte Bandbreite konstant zwischen 15 und 18 %. Vom 12. bis 36. Ritzel ist die Abstufung noch immer mit den alten 10-fach-Kassetten identisch.

Die Abstufung der Kassette ist absolut on Point, die Bandbreite genial!

Die SRAM X01 Eagle auf dem Trail

Eine Schaltung hat vor allem einen Auftrag: je nach Gelände die Gänge zu wechseln und so immer eine perfekte Übersetzung bereitzustellen. Diese Aufgabe erfüllt die SRAM X01 Eagle perfekt. Sie erledigt ihren Job nicht nur extrem schnell, sondern auch nahezu geräuschlos und selbst unter Last mit chirurgischer Präzision. Mit einer Bandbreite von 500 % stellt sie dem Fahrer auch stets den richtigen Gang zur Verfügung, egal ob bei steilen Anstiegen oder leicht abfallenden Tretstücken. Wählt man das Kettenblatt in Front optimal, erhält man im Vergleich zu einer 11-fach-Schaltung gleich zwei Gänge zusätzlich: einen leichteren und einen schweren. An unserem Dauertestbike, dem Santa Cruz Hightower mit 29″-Laufrädern, wählten wir ein 32-Zahn-Kettenblatt (früher fuhren wir ein 30er-Kettenblatt), das sich in allen Situationen als optimal herausstellte. Auch die Abstufung der Kassette erwies sich während des Tests als gelungen.

Selbst auf extrem ruppigen und harten Abfahrten sprang die Kette nie vom Kettenblatt.

Zu Beginn des Tests waren wir uns nicht sicher, ob wir das riesige 50-Zahn-Ritzel überhaupt brauchten und noch immer gibt es Tester, die es überflüssig finden, doch speziell bei langen Touren ist es absolut sinnvoll. Gerade dann, wenn die Kraft nachlässt, freut man sich über den einen leichteren Gang. Eine weitere Verbesserung zeigt sich beim Rückwärts-Pedalieren im leichtesten Gang. Bei 11-fach-Antrieben kam es hier regelmäßig zu Kettenabwürfen – mit der Eagle gehören sie der Vergangenheit an. Generell kam es zu keinerlei Kettenverlusten während der Testdauer, weder in Front noch am Heck. Selbst im verblockten Terrain hatten wir nie Probleme mit dem längeren Käfig des Schaltwerks. Natürlich ist das Schaltwerk etwas exponierter, aber denkt man an die Zeiten von 26″-Laufrädern zurück, ist es im Vergleich sehr gut geschützt.

Verschleißbeschwerden beschränken sich auf optische Mängel.

Die Haltbarkeit der SRAM X01 Eagle

Dieser Punkt ist schnell abgehandelt: Der Verschleiß der SRAM Eagle hält sich auch nach 1.000 km absolut im Rahmen und ist rein optischer Natur. Zu Beginn brach einmal ein Schaltwerksbolzen, dieser wurde jedoch direkt ersetzt und SRAM gab an, hier nachgebessert zu haben. Seitdem läuft das System an sämtlichen Testbikes reibungslos. Als besonders robust erweist sich dabei die Kassette, bei dem hohen Preis ein sehr erfreuliches Detail. Auch die häufig heraufbeschworenen Kettenrisse aufgrund der schmalen Kette blieben bei unseren Tests aus. No Problems at all!

Das Fazit zur SRAM X01 Eagle

Die SRAM X01 Eagle ist die beste Schaltung, die wir je gefahren sind. Sie schaltet schnell, präzise und leise und zeigt sich obendrein absolut zuverlässig. Für uns wären diese Benefits allein schon genug. Die zusätzlich größere Bandbreite ist genial und so gibt es keinen Grund mehr, keinen 1-fach-Antrieb zu fahren – außer dem Preis. Aber wir sind uns sicher, dass SRAM auch hier bald nachlegen wird.

Stärken

  • sehr präzise, schnelle Gangwechsel
  • enorme Bandbreite
  • hohe Haltbarkeit

Schwächen

  • erfordert eine feine Justage (speziell B-Tension-Screw)

Weitere Informationen findet ihr auf sram.com

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Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.