Die Bikes werden flacher, das ist eine Tatsache. Aber sind manche dieser Bikes vielleicht einfach „too much“? Wir gaben Max Mustermann eins in die Hand, um zu sehen, wie es sich auf dem Trail anfühlt.

Wenn man über den kontroversen Boost-Standard und die Geburt der E-MTBs hinausschaut, gab es eine Art stiller Geometrie-Revolution in der Bikebranche. Die Geometrietabellen der letzten Jahre zeigen eine klare Tendenz: flacher und länger, 10 mm hier, ein halbes Grad dort. Jedes neue Modell trägt den Trend etwas weiter, auch wenn manche Hersteller dabei riesige Schritte machen und eine Abkürzung nehmen, um direkt ans Ziel zu kommen. Sehen wir schon ein Stück der Zukunft oder geht die Entwicklung in beide Richtungen?

Zahlen sind wichtig. Schnell kann man mit jedem Bike fahren, aber manche lassen Geschwindigkeiten zu, von denen man nichts geahnt hat.

Die Größe ist entscheidend – nicht, was ihr damit macht

Wir alle kennen die Sprüche der großen Marken: „Jetzt noch länger und flacher“, „neue, superflache Geometrie“ etc. Wenn man sich aber die harten Zahlen anschaut, hat sich gar nicht so viel verändert. Wer auf der Suche nach progressiven Ideen und radikalen Gedankengängen ist, muss zu den kleineren Herstellern, die flexibler sind und deren Margen es zulassen, Trends zu pushen und größere Veränderungen durchzuziehen. Global Player wie Specialized, Trek und Giant können nicht einfach ihre komplette Geometrie umwerfen, jedes Bike hat seinen Platz in der Palette und Veränderungen müssen behutsam eingeführt werden. Wir wollten mehr sehen und schauten uns Vordenker wie Pole Bicycles und das NICOLAI Mojo Geometrie an, die beide einen neuen und radikalen Weg gehen, der die Internetforen in helle Aufregung versetzt.

Sind wir schon in der Zukunft und alle Bikes werden so lang werden wie das Pole – oder sind sie zu weit gegangen? Nur Zeit und eine Menge Kilometer werden das zeigen.

Zu sagen, kurze Kettenstreben machten ein Bike agil, ist so, als würde man sagen, Fisch essen mache schlau – es steckt etwas mehr dahinter. Kurze Kettenstreben verlagern das Gewicht des Fahrers mehr in Richtung Hinterrad und weg von der Front. Gutes Handling braucht Balance. Führen diese Zahlen dazu?

Max Mustermann

Es gab einen ganz schönen Medienhype um das Pole EVOLINK und das NICOLAI GeoMetron, man sprach vom „besten Bike ever“ und dem „schnellsten Endurobike da draußen“. Durchaus möglich, dass einige dieser Meinungen von großen Fahrern stammen, die es bisher schwer hatten, ein passendes Bike zu finden. Aber was ist mit den Normalsterblichen, was ist mit mir? Ich bin 180 cm groß, 75 kg schwer und habe Schuhgröße 43, bin langweilig normal, unleugbar durchschnittlich. Ich fahre seit 20 Jahren, habe noch nie einen EWS-Lauf gewonnen und habe trotzdem Spaß am Rennenfahren. Ich liebe es, super steile Trails hinunter zu schießen und mein Bike zu fordern, genauso stehe ich aber auf entspannte Touren mit meinen Freunden. Ich möchte ein Bike, mit dem ich meine Strava-Zeiten verbessern oder meine Freunde bei einem Endurorennen ausstechen kann, ein Bike, mit dem ich nicht draufgehe, wenn ich mal einen ruppigeren Trail fahre oder zu schnell durch eine Kurve knalle. Könnte ein superlanges und -flaches Bike das sein, was ich suche?

Wenn ihr euch das Schaubild oben anschaut, wirkt es erst etwas konfus. Aber Bikes mit kurzer und steiler Geometrie sind oben links, die mit langer und flacher Geometrie unten rechts. In dieser Welt der Extreme sind das Pole EVOLINK und das NICOLAI GeoMetron ziemlich alleine.

Das Objekt der Begierde

Wenn man etwas angeht, sollte man es gleich richtig machen. Bei dieser Expedition in das Reich der extremen Geometrien ging es um „go big or go home“. Also wählte ich „big“. Das Pole EVOLINK 140 ist so extrem, wie es sein kann, und meine Körpergröße bescherte mir den Rahmen in L. Der Radstand ist mit 1.314 mm ganze 142 mm länger als bei einem Canyon Spectral in L und 120 mm länger als ein Santa Cruz Nomad – verdammt, am Ende brauche ich noch einen neuen Radträger fürs Auto! Passend zu diesen großzügigen Abmessungen hat das Pole 456 mm lange Kettenstreben, um den Schwerpunkt des Fahrers im Mittelpunkt zu halten, und effiziente 77,5° Sitzwinkel. Das sind radikale und aufregende Werte, wirklich ein Objekt der Begierde. Bei diesem Bike würde ich außerdem mehr schlechte Witze zu meiner „long pole“ (lange Stange in Englisch) bekommen, als ich mir je wünschen könnte.

510 mm Reach sind eine Menge, 7–8 cm länger als bei den meisten anderen Bikes. Führt das zu überragender Stabilität? Und zu welchem Preis?

#thegeometryaffair

Die Geometrie-Affäre hat also begonnen, den Rest des Jahres werde ich in meine Garage gehen, mich an all den „normalen“ Bikes vorbeischleichen und mich zu meiner langen Affäre gesellen. Für den mit versteckten Witzen gespickten Testbericht werde ich das lange Gerät eine ganze Saison fahren, auf Endurorennen und Hometrails genauso wie auf epischen Gebirgstouren. Es wird gezeitete Rennen gegen durchschnittlichere Bikes geben, uphill, downhill und alles dazwischen. Es ist Zeit für eine unvoreingenommene Betrachtung, wie eine solch extreme Geometrie für Max Mustermann passt, um zu sehen, ob die Größe entscheidend ist, oder das, was man damit macht.

Auf der nächsten Seite findet ihr alles zum Aufbau, Setup und den ersten Fahreindrücken.

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