Es passierte am zweiten Tag. Nach einem scheinbar endlosen Kampf, unsere beladenen Bikes den unbefahrbaren Gebirgspfad hochzuwuchten, hatten wir uns am Steilhang von Bovine einen kurzen, süßen Moment lang vorgemacht, dass wir wenigstens ein kleines Stück fahren könnten. Bis uns unsere schweren Packtaschen dazu zwangen, die Niederlage einzugestehen: weiter schieben. Shit. Ich ließ mein schweres Bike zu Boden sinken und die Wahrheit traf mich wie ein Schlag ins Gesicht: Wir hatten nicht mehr genug Zeit für die komplette Runde bis Chamonix, wir waren bereits gescheitert.

Zwei Wochen zuvor: Der Plan war eigentlich gut – eilig zusammengezimmert vielleicht, aber gut. Wir wollten ohne Unterstützung, d. h. mit komplettem Gepäck, die Wanderroute Tour Du Mont Blanc (TDMB) mit dem Bike bezwingen. Schließlich ist das gesamte Streckennetz im September für Radfahrer offen. Und das ist sehr beachtlich: eine 170-km-Runde, die das gesamte Mont-Blanc-Massiv umschließt, inklusive 10.000 m hoch, 10000 m runter, durch drei Länder und voller 2.500-m-Pässe. Es würde einfach großartig werden! Wir waren hibbelig vor Aufregung und träumten von superlangen Abfahrten. Unsere Recherche hatte sehr wenig Berichte aus erster Hand ergeben. Natürlich sind schon viele Leute die Runde gefahren und es gibt Firmen, die Touren anbieten – doch es gab kaum Informationen darüber, ob es auch mit komplettem Bikepacking-Equipment machbar wäre. Selbst die Richtung, ob mit dem Uhrzeigersinn oder dagegen, war ein Mysterium. Aber wir dachten uns, da die meisten Wanderer die Strecke gegen den Uhrzeigersinn in Angriff nehmen, würden wir uns für die Gegenrichtung entscheiden. Schließlich ist es immer besser, den Leuten frontal zu begegnen, anstatt sich langsam von hinten anzuschleichen und womöglich wutentbrannte Schläge mit dem Wanderstock zu riskieren. Im Uhrzeigersinn also.

„Hmm,
vielleicht ist das zu krass? Na ja, wird schon passen. Fehler Nummer 1.

Eine Carte de Randonnee im Maßstab 1: 50.000 wurde uns pünktlich nach Hause geliefert und nachdem wir die unerhörte Menge an Höhenlinien bestaunt hatten, folgten wir mit dem Finger der Route, die den 4.810 m hohen Mont Blanc und die umliegenden Gipfel umrundet und dabei über Hochgebirgspässe und unter Hängegletschern vorbeiführt. Ziemlich bald kommt die Wahrheit ja ohnehin raus, also: Wir sind keine hartgesottenen Bikepacker. Ich trage zwar Bart, aber ich habe noch nie einen Bären getötet, ich war auch noch nie gezwungen, meinen Urin zu trinken, um nicht zu dehydrieren, und ich habe auch noch nie irgendwo in einem Graben übernachtet. Vermutlich deshalb machten wir bei unserer Planung ein paar schwerwiegende Fehler. Das fing schon bei der Bikewahl an. Klar, das Hardtail ist der König der Bikepacker, aber scheiß drauf, wir brauchten richtige Bikes, wir fuhren schließlich in die Alpen! Wir wählten deshalb ein Pole EVOLINK 140, mit Sicherheit das längste Bikepacking-Bike, das die Welt bisher gesehen hat, und das Marin Rift Zone 3, das schon bei anderen Gelegenheiten bewiesen hatte, wie gut es ist. Die Radtaschen kamen von Alpkit und Ortlieb, und wir waren bereit für Rock’n’Roll. Rückblickend erinnere ich mich an den Moment, als ich unsere 1×11-Antriebe mit 32er-Kettenblättern betrachtete und dachte: „Hmm, vielleicht ist das zu krass? Na ja, wird schon passen.“ Fehler Nummer eins.

So sah die Realität aus: schwere Bikes an Scharen von Bergwanderern vorbei hieven, die uns „Bon Courage“ wünschten oder uns einfach mit offenstehenden Mündern anstarrten, als seien wir Aliens.

Auf der Karte hatte es so einfach ausgesehen. Da waren zwar all diese Höhenlinien, aber wie schwer könnte es schon sein? Stellt sich raus: ziemlich schwer. Klar, große Teile der Route sind absolut fahrbar, sicher auch sehr zu genießen – wenn man mit unbepackten Bikes unterwegs ist, entsprechend trainierte Lungen und Beine und kein Problem mit sehr exponierten Wegen hat. Aber mit einem riesigen Kettenblatt, schweren Packtaschen und Variostützen, die auf maximaler Höhe feststecken, war es einfach nur ein monumentaler Kampf. Stellt euch vor, ihr müsst einen schlecht gelaunten Elefanten eine Treppe hochschieben, dann habt ihr eine Ahnung, wie sich unsere Beziehung zu den Bikes entwickelte. Möglich ja, spaßig nicht. Doch wir schoben sie tapfer weiter über die Pässe und kamen unserem Ziel in gleichem Maße näher, wie wir uns davon entfernten. Ein paar Mal waren wir kurz davor, vor Verzweiflung in unsere Vorbauten zu beißen, als wir unsere Five Tens in den steinigen Untergrund gruben und von einem trockenen, warmen Hotelbett träumten. Der Fairness halber sollte man einräumen, dass es genügend umwerfende Aussichten gab, um uns über unsere Qualen hinwegzutrösten. Die Route verkörpert alles, was man unter „monumental“ versteht und bietet unfassbar schöne Ausblicke. Wir bewegten uns von einem Gipfel ins Tal und zum nächsten Gipfel, zelteten an wunderschönen Stellen, standen auf den Schultern von Riesen und tauchten in den Instagram-Feeds zahlreicher Wanderer auf. Schnell verfielen wir in einen Rhythmus aus 10 Stunden schlafen und die restliche Zeit fahren/schieben. Immer mit dem Druck unseres ehrgeizigen Zeitplans von nur 4 Tagen – Fehler Nummer zwei! – im Hinterkopf.

Beim Radwandern ist Absprache entscheidend: …
… Beim Auspacken mussten wir feststellen, dass wir beide je ca. 2 kg Haferflocken die Berge hoch und runter geschleppt hatten.

Es gab definitiv Höhen und Tiefen, und sie wechselten sich ab wie bei einer Achterbahn. Einschlafen mit Blick auf den in Wolken eingehüllten Mont Blanc, eingelullt von der Wärme einer 7-Euro-Flasche Wein, die alles rosig erscheinen ließ, aber auch das Gefühl, vom Hämmern des Regens auf dem Zelt aufzuwachen und mit Entsetzen zu bemerken, dass man seine Schuhe draußen vergessen hatte. Radwandern ist die ungebundenste Art unterwegs zu sein, die totale Freiheit, man hat sein komplettes Heim am Lenker dabei, Küche, Bad (aber was erzähle ich da: wir haben nicht geduscht), die Tage sind endlos lang. Jeder Horizont verspricht neue Hoffnung, man quält sich von einem Tal zum nächsten. Wir trafen viele nette Leute, die anhielten und mit uns plaudern wollten, entweder aus Neugier, warum in aller Welt wir beschlossen hatten, unsere Bikes den Berg raufzuschieben, oder auch nur, um sicherzugehen, dass wir nicht vollends übergeschnappt waren. Wir dinierten in riesigen Freilufthallen, die es mit jedem Sternerestaurant aufnehmen konnten, und verspeisten die besten gefriergetrockneten Menüs der Welt. Vier Tage lang waren wir zu Gast in diesen exquisiten Hallen unter dem freien Himmel. Aber wir wussten, dass wir zu langsam waren.

Der Hunger ist bitter in den Bergen und an einem Tag stand ich am Rand eines kleinen Sees und fragte mich, ob die Forellen wohl wie Sushi schmecken würden, wenn ich nur die Energie aufbrächte, eine zu fangen.

Durch unsere unzureichenden Antriebe konnten wir nicht gut bergauf fahren – irgendwann war ich an dem Punkt, wo ich eine Niere gegen eine 2-fach-Schaltung getauscht hätte – und bergab hinderten uns die schweren Taschen daran, so richtig abzugehen. Wir sahen unser Zeitfenster gnadenlos dahinschwinden und waren versucht, all unser Equipment wegzuwerfen, alles auf eine völlig verrückte Karte zu setzen und den Rest einfach am Stück durchzupowern. Doch der gesunde Menschenverstand (und ein etwas prekärer Kontostand) bewogen uns dazu, nach zwei Dritteln der Runde auf Plan B auszuweichen: Wir fuhren zurück nach Courmayeur zum SAVDA-Busbahnhof, und nach einer kurzen Panikattacke, weil das mächtige Pole EVOLINK nicht in das winzige Gepäckfach passen wollte, brausten wir im Bus durch den Mont-Blanc-Tunnel, wodurch wir ein paar 2.500-m-Gipfel ausließen und wieder auf der richtigen Seite des Mont Blancs für unseren Transfer zum Flughafen landeten. Plan B war ein Erfolg, aber gleichzeitig waren wir nun offiziell gescheitert. Doch das war uns egal. Wir hatten es versucht, wir hatten unsere Geschichte erlebt und nicht jede Geschichte muss mit einer Erfolgsmeldung enden. Wir hatten eine Berg- und Talfahrt der Gefühle hinter uns, manchmal erhebend, sogar euphorisierend, manchmal einfach brutal anstrengend. Wir hatten dem Mont Blanc tief in die Augen geschaut und seine Schönheit bestaunt, waren unter hängenden Gletschern vorbeigekommen und als wir mit wild hüpfenden Packtaschen den Bergpfad des 2.490 m hohen Grand Col Ferret hinuntergeheizt sind, haben wir einen amerikanischen Wanderer dazu gebracht, laut zu rufen: “Well that’s just about the craziest thing I have ever seen.” Zur Hölle, das war uns gut genug.

Fünf Gebote, um eure Bikepacking-Tour nicht komplett gegen die Wand zu fahren

1. Achtet auf die richtige Übersetzung. Wenn ihr mit schweren Taschen in den Alpen unterwegs sein wollt, ist eine Zweifach- oder Eagle-Gruppe essenziell. Unser Übersetzungsverhältnis von 32 zu 44 war auf steilen Anstiegen nichts anderes als ein Fegefeuer, das zuerst die Kraft unserer Beine und dann unsere Entschlossenheit dahinschmelzen ließ.

2. Packt nur ein, was ihr braucht. Das klingt selbstverständlich, aber es ist erstaunlich, mit wie wenig man auskommt, wenn man sich auf das wirklich Notwendige beschränkt. Und sprecht euer Gepäck miteinander ab: Beim Auspacken mussten wir feststellen, dass wir beide je ca. 2 kg Haferflocken die Berge hoch und runter geschleppt hatten.

3. Lernt die Sprache. Lernt, wie man in der Sprache der Einheimischen sagt: „Nein, wir haben uns nicht verfahren, und ja, wir schieben die Räder absichtlich diesen verdammten Riesenberg hoch!“ Denn es werden euch immer wieder Leute ansprechen, die sich Sorgen um eure geistige Gesundheit machen.

4. Checkt lieber zweimal, ob ihr auch genügend Sinn für Humor eingepackt habt. Er könnte alles sein, was euch noch bleibt, wenn ihr euer Bike in strömendem Regen eine enge Felsschlucht hochzerrt, zwei Stunden entfernt vom nächsten Gipfel, nach dem ihr eventuell auch weiter schieben müsst.

5. Besorgt euch die besten Taschen, die ihr kriegen könnt. Beim Bikepacken in alpinem Gelände kann eine gute Ausrüstung den Unterschied zwischen einem epischen Abenteuer und einem Scheidungsgrund machen. Unsere Ortlieb-Taschen waren beeindruckend stabil, sehr zu empfehlen.

Wenn ihr zu den Leuten gehört, die ein masochistisches Vergnügen an Selbstgeißelung finden, dann habt ihr bestimmt auch Spaß daran, das komplette Equipment um die Mont-Blanc-Runde zu schleppen. Aber auch wenn es sicher möglich ist, die ganze Runde völlig autark zu fahren, funktioniert es wohl am besten auf die Alpinisten-Art: mit wenig Gewicht, nur mit Rucksack und Kreditkarte, und mit Übernachtungen in Bergschutzhütten an unglaublichen Orten oder in Hotels in den Tälern. Dank unserer schweren Ausstattung und unserer himmelschreiend inadäquaten Schaltung zeigten uns die Alpen so richtig, wo der Hammer hängt. Mit unbepackten 160-mm-Bikes und einer Variostütze, die man die meiste Zeit fahren kann, dürfte es allerdings ein wundervolles Bergabenteuer sein. Wir werden wiederkommen und es probieren. Aber erst, wenn die Alpträume weg sind.


What’s in the bags

Lenkertasche 1

  • Zelt
  • Isomatte

Lenkertasche 2

  • Schlafsack
  • Daunenjacke
  • 1 x Wechsel-Kit
  • Regenjacke

Satteltasche

  • Campingkocher
  • Geschirr
  • Taschenmesser (zur Selbstverteidigung)
  • Kompass
  • Essen für drei Tage
  • Aeropress, Kaffee und Milchpulver
  • Snacks & Studentenfutter
  • Schläuche, Mini-Tool & Gewebeband
  • Korkenzieher (ohne seid ihr in Frankreich aufgeschmissen!)

Wasserflasche 1

  • Wasser

Wasserflasche 2

  • Brennmittel (schmeckt ekelhaft!)

Text & Fotos: Trev Worsey