Es ist denkbar einfach, ein Traumbike zusammen zu bauen. Mit dem richtigen Budget können Hersteller einfach die besten Parts an ihre Rahmen hängen, hier Carbon, da Kashima, bei keinem Teil muss darüber nachgedacht werden, ob und wie es den Preis in die Höhe treibt. Aber wie sieht es am unteren Ende der Preisliste aus? Bekommt man auch maximale Performance für weniger Geld?

In unserer Leserumfrage 2017 haben wir gefragt, wie viel ihr für euer nächstes Bike ausgeben wollt. Über 27.000 von euch antworteten und der Mittelwert lag bei 3.695 €. Das ist schon eine ganze Stange Geld, aber in einer Welt, in der man für 1.000 € gerade mal eine gute Gabel bekommt, wird es für die Hersteller schwierig, Komplettbikes für einen solchen Preis anzubieten. Bekommt man für etwas über 3.000 € also schon ein scharfes Bike?

Um das mal festzustellen: niemand „braucht“ ein Bike für 10.000 € und mehr! Warum aber wecken sie so ein Verlangen in uns? Wir verlieben uns in den „Bling“, wollen „Factory“ an unseren Gabeln lesen, wir wollen 12 Gänge und, verdammt, wir wollen Carbon-Laufräder! Betrachtet man aber die Gesamtumstände, wird es meist nichts mit einem solchen Traumbike. Finanzen, Familie, Kredite und der Haussegen – letztlich muss man doch etwas tiefer stapeln. Was kriegt man also für unser „Durchschnitts-Budget“? Eins ist klar, bei diesen Preisen lässt sich nichts kaschieren, hier gibt es keinen Marketing-Bullshit, keinen Hype – nur ehrliche Performance.

Eins ist klar, bei diesen Preisen lässt sich nichts kaschieren, hier gibt es keinen Marketing-Bullshit, keinen Hype – nur ehrliche Performance.

Das Preis-Leistungsverhältnis verschiebt sich

Es ist eine Tatsache: nach diesem Test können wir sagen, dass es nie eine bessere Zeit gab, um Mountainbiker zu sein. Das Geld entscheidet und einige der Big-Player haben ihre Premiumprodukte massentauglich gemacht. Schaut euch alleine den SRAM Eagle GX 12-fach-Antrieb an oder die unverwüstliche SLX-Gruppe von Shimano. Sie sind zwar nicht so sexy wie die Top-Guns, überzeugen aber auch bei widrigsten Umständen mit sehr guter Performance. Manche günstigen Bremsen haben inzwischen die Power, um ein Motorrad zu stoppen, andere Hersteller holen hier allerdings erst noch auf. Direktversender haben Druck auf die gesamte Branche aufgebaut, die Margen gedrückt und alle dazu gebracht, noch etwas härter zu arbeiten. Marken wie Canyon, ROSE oder YT verbauen beste Komponenten mit bester Performance an ihren Bikes, die dazu führen, dass sich Edelschmieden nur noch hinter ihren Marketing-Kampagnen verstecken.

Moment, wo sind die bekannten Hersteller?

Wer scharfe Augen hat, wird gemerkt haben, dass einige namhaften Hersteller in diesem Vergleichstest fehlen. Das ist keine Verschwörung, wir haben alle eingeladen, doch die meisten haben abgesagt. Manche waren gerade mitten im Modellwechsel, andere erklärten sie würden aus Angst vor Imageverlust keine günstigen Bikes in den Test geben.

Die Bikes, die wir erhielten, sind so unterschiedlich wie das gesamte Segment.

Kein Platz für Fehler

Bei diesem Test sind wir auf der Suche nach dem perfekten Trailbike, einem Bike, mit dem man alles machen kann, ohne eine Bank auszurauben. Vielseitig genug, um damit Tagestouren zu fahren, schnell genug für Sprints zum Gipfel und stabil genug, um auch auf anspruchsvollen Trails eine gute Figur zu machen. Die Bikes, die wir erhielten, sind so unterschiedlich wie das gesamte Segment. Von 120 bis 150 mm und 27,5 bis 29“ Laufrädern war alles dabei. Bei der Geometrie ist kein Platz für Fehler, ein Trailbike muss verspielt sein und überall funktionieren – also eher Golf GTI als Bugatti Veyron. Ein gutes Trailbike macht euch zum Helden, egal wie schnell ihr fahrt. Die besten müssen sich auch vor Enduros nicht verstecken. Wir baten die Hersteller, ihre besten Allrounder zu schicken, um sie dann sechs Wochen im ausgedehnten Trail-Netzwerk des Tweed Valleys in Schottland gegeneinander antreten zu lassen.

Bike Preis Gewicht Federweg Laufradgröße
Canyon Spectral AL 6.0 EX 2.599 € 12,80 kg 150/140 mm 27,5″
Marin Rift Zone 3 2.499 € 14,00 kg 130/120 mm 29″
Merida ONE-TWENTY 7.800 2.599 € 13,60 kg 130/120 mm 27,5″
ROSE Granite Chief 2.999 € 13,70 kg 150/150 mm 27,5″
Vitus ESCARPE 29 VRX 3.399 € 13,90 kg 150/135 mm 29″
Whyte T-130 S 3.030 € 14,10 kg 130/130 mm 27,5″
YT JEFFSY AL ONE 27 2.599 € 13,50 kg 150/150 mm 27,5″
Canyon Spectral AL 6.0 EX | 150/140 mm (v/h) | 12,80 kg | 2.599 €
Marin Rift Zone 3 | 130/120 mm (v/h) | 14,00 kg | 2.499 €
Merida ONE-TWENTY 7.800 | 130/120 mm (v/h) | 13,60 kg | 2.599 €
ROSE Granite Chief 2 | 150/150 mm (v/h) | 13,70 kg | 2.999 €
Vitus ESCARPE 29 VRX | 150/135 mm (v/h) | 13,90 kg | 3.399 €
Whyte T-130 S | 130/130 mm (v/h) | 14,10 kg | 3.030 €
YT JEFFSY AL ONE 27 | 150/150 mm (v/h) | 13.50 kg | 2.599 €

Tops & Flops

Oftmals sind es die Details, die den Unterschied machen: gelungene Integration, erstklassige Ergonomie und mit bedacht gewählte Komponenten. Hier findet ihr alle Tops und Flops der Bikes aus unserem Vergleichstest.

Tops


Die Spreu vom Weizen
In dieser Preisklasse sind gute Reifen alles. YT macht es richtig und montiert die exzellenten Maxxis High Roller II in 2,4“ Breite.
Kein Berg zu hoch
Der SRAM GX Eagle-Antrieb ist der beste in diesem Test. Flüssige Gangwechsel, effektiv und mit einer Übersetzungsbandbreite, die auch dünnbeinige Fahrer zum Gipfel bringt. Bikerherz was willst du mehr?
29er sind die Zukunft
29er werden immer mehr die Laufradgröße der Wahl, wenn man auf Spurtreue und Geschwindigkeit steht. Die besten Bikes besitzen dabei dennoch ausreichend Agilität und ein ausgewogenes Handling.

Flops


Schnell unterwegs
Der Maxxis Minion SS ist definitiv ein schneller Hinterreifen, der erfahrenen Fahrern auf den Außenstollen ausreichend Grip bietet. Seine Bremstraktion ist aber nur mittelmäßig und ein etwas gröberer Reifen würde die Vielseitigkeit des Bikes erhöhen.
Die armen Kurzbeinigen
Die e*thirteen ist eine grandiose Teleskopstütze, aber schlichtweg zu lang für den JEFFSY-Rahmen. Ein Problem für Fahrer mit kurzen Beinen.
Überfordert
Auch wenn sich die Schwalbe Nobby Nic alle Mühe geben, können ihre dünnen Karkassen bei aggressiveren Fahrmanövern nicht mithalten.

Die Branche lernt dazu

Wir sind alle Gewinner, denn um ehrlich zu sein gibt es keine ganz schlechten Bikes mehr – auch nicht auf diesem Preisniveau. Sicher gibt es hier und da Kostenoptimierungen, aber man bekommt jetzt ein echt fettes Bike, ohne eine Niere auf eBay verkaufen zu müssen. Und nachdem man die Reifen seinen lokalen Erfordernissen angepasst hat, wird man auf dem Trail vermutlich genauso viel Spaß haben wie jemand, der das Dreifache für sein Bike gezahlt hat.

Einfach ist einfacher: Alle Bikes in diesem Test besitzen einen 1-fach Antrieb – ein gutes Zeichen. Die meisten Fahrer profitieren vom simpleren Antrieb und dem reduzierten Gewicht, das Whyte T-130 S kommt sogar mit der SRAM Eagle 1×12 daher, von deren enormer Bandbreite jeder Biker profitiert.

Gemischte Standards: Sowohl YT als auch Vitus mischen Boost- und Nicht-Boost-Standards an einem Bike. Das hat zwar funktionell erstmal keinen spürbaren Einfluss, führt aber zu Problemen, wenn man den Laufradsatz später upgraden möchte.

Reifen sind noch immer der Schwachpunkt: Während es schwieriger wird, die Nachteile „günstiger“ Fahrwerke oder Antriebe zu definieren, ist billiger Gummi immer offensichtlich. Einsteigerreifen haben vielleicht das gleiche Profil wie ihre kostspieligen Namensvettern, lassen aber meist Grip und stabile Seitenwände missen. Reifen sind das Bindeglied zwischen Fahrer und Untergrund und ein gutes Bike mit guten Reifen fährt besser als ein super Bike mit schlechten Reifen. Nur YT und Canyon scheinen das verstanden zu haben!

Das Fazit des Tests

Letztlich sind die Gewinner dieses Tests wir, die Fahrer. Wenn Bikes bei dieser Preisspanne schon so gut sind, warum sollten wir mehr zahlen? Einen Sieger auszuwählen war unglaublich schwierig, weil wir jedes der Bikes getrost mit nach Hause genommen hätten. Das Whyte T-130 S war dank seines direkten Handlings sehr beliebt, während uns das Marin Gift Zone 3 mit seiner Geschwindigkeit und Agilität überraschte, ein echter Favoriten-Killer. Das Canyon Spectral AL 6.0 EX ist immer noch ein klasse Bike, fühlt sich aber inzwischen etwas altbacken an. Das Vitus Escarpe VX und ROSE Granite Chief schlugen sich durchweg gut und das MERIDA zeigte, wozu ein Bike mit weniger Federweg im Stande ist. Letztlich brachte es das YT JEFFSY aber voll auf den Punkt und sichert sich damit den Doppelsieg: es ist unser Testsieger und Preis-Leistungs-Sieger!

YT JEFFSY AL ONE 27 Testbericht

Alle Bikes im Test: Canyon Spectral AL 6.0 EX | Marin Rift Zone 3 | MERIDA ONE-TWENTY 7.800 | ROSE Granite Chief 2 | Vitus ESCARPE 29 VRX | Whyte T-130 S | YT JEFFSY AL ONE 27


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Text & Fotos: Trev Worsey Übersetzung: Felix Hens