Auf den Siegertreppchen von Enduro-Rennen tobt ein Kampf: Orange gegen Rot. Die beiden größten Federgabel-Hersteller gehen in die direkte Konfrontation. Die Foren quellen über mit polarisierendem Gerede und neue Herausforderer sorgen für frischen Wind auf dem Markt. Höchste Zeit, die 8 besten 160-mm-Federgabeln auf dem Trail zu testen.

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Sobald man die neueste Federgabel ausprobiert hat, ist man sich sicher: „Das war’s, besser kann es nicht werden!“ Wer’s glaubt, wird selig, denn jedes Jahr entwickeln sich die Fahrwerke weiter. Neue Technologien bei Luftfedern und Dämpfungen heben die Dinge auf ein neues Level. Bei anderen Produkten mögen märchenhafte Marketingversprechen Auslegungssache sein, aber bei Federgabeln lässt sich nicht viel verhandeln. Sie kämpfen an vorderster Front. Dürftige Performance resultiert in schlechtes Handling, nur wahre Größe führt zum Sieg. In diesem Vergleichstest sind alle Schwergewichte unter den Federgabel-Herstellern dabei, aber auch einige Wildcards – und wir alle wissen, dass der Underdog manchmal ganz schön scharfe Zähne hat.

Gabel Federweg Gewicht (kg) Achse bis Gabelkrone (29”) Preis
Cane Creek HELM Air 150 mm / 160 mm / 170 mm 2,02 kg 568 mm 1.199 €
Formula Selva < 160 mm / 180 mm 2,08 kg 570 mm 988 €
FOX 36 FLOAT FACTORY GRIP2 150 mm / 160 mm / 170 mm / 180 mm 1,98 kg 567 mm 1.399 €
Intend Edge < 166 mm – 176 mm 1,96 kg 558 mm 1.949 €
Marzocchi Z1 130 mm – 180 mm, 160 mm 2,22 kg 568 mm 899 €
Ohlins RXF 36 Coil 140 mm / 150 mm / 160 mm 2,25 kg 568 mm 1.235 €
RockShox Lyrik RC2 150 /160 mm / 170 mm / 180 mm 1,95 kg 572 mm 1.109 €
RockShox Yari RC 150 mm / 160 mm / 170 mm / 180 mm 2,05 kg 571 mm 779 €

Was macht eine gute Federgabel aus?

Eine Federgabel hat drei Hauptaufgaben. Erstens: Die Federung muss den Fahrer vor brutalen Schlägen schützen, wenn er mal wieder leichtsinnig eine völlig verrückte Linie nimmt, gleichzeitig aber feinfühlig genug sein, um auch kleinere Schläge zu schlucken. Zweitens: Die Dämpfung muss die Feder kontrollieren, Kräfte absorbieren und den Grip halten. Drittens: Die Gabel braucht ein steifes Casting, um sich auch auf einem harten Kurs und unter Last ihren Weg zu bahnen. Um diese Aufgaben zu erfüllen, hat eine Federgabel zwei Hauptbestandteile im Inneren: eine Feder und die Dämpfung. Die Luftfeder nimmt die Aufschlagsenergie auf und speichert sie. Die Dämpfung kontrolliert die Geschwindigkeit der Feder, indem sie Öl durch winzige Öffnungen drückt und somit die Bewegungsenergie der Feder in Wärme umwandelt. Die besten Dämpfungen bieten Kontrolle und Fahrstabilität im steilen Gelände, stehen auch unter starkem Bremsen und bei Gewichtsverlagerungen des Fahrers hoch im Federweg und geben den ganzen Federweg nur frei, wenn er auch wirklich gebraucht wird. Zudem sollte eine Gabel einfach und effizient eingestellt werden können, damit ihre Performance an den eigenen Fahrstil und die Hometrails angepasst werden kann, ohne dass man dafür einen Doktortitel in Federungskinematik/Fahrwerkseinstellung benötigt.

Ist das Jahr des Underdogs angebrochen?

Gabeln mit 160 mm Federweg müssen alles Mögliche können. Sie müssen kraftvoll genug sein, um gewaltige Sprünge im Bikepark zu überleben, zuverlässig genug für lange Tage in den Bergen und leicht genug, um bei Strava Bestzeiten auf den Hometrails zu erobern und sogar EWS-Rennen zu gewinnen. Was die Siegertreppchen angeht, so stand dieses Jahr bisher ganz im Zeichen des Kampfes Orange gegen Rot, FOX 36 FLOAT Factory GRIP2 gegen RockShox Lyrik RC2. Klar, dass beide Gabeln hier im Test dabei sind. Zu ihnen haben sich einige Neueinsteiger aus dem Business gesellt: Die Cane Creek HELM Air und die Formula Selva besitzen beide unzählige Einstellmöglichkeiten. Können sie die natürliche Ordnung durcheinanderbringen? Wir hatten auch Underdogs im Test. Die Öhlins RXF 36 Coil will die Party mit Heavy Metal aufmischen und trumpft mit einer super geschmeidigen Dämpfung. Die Intend Edge will den Federgabelmarkt gleich im wahrsten Sinne des Wortes komplett auf den Kopf stellen. Doch nicht alle schwimmen im Geld, darum haben wir mit der RockShox Yari und der neuen Marzocchi Bomber Z1 auch zwei günstige Alternativen getestet. Wir hatten zwar noch weitere Firmen zu diesem Test eingeladen, aber einige konnten keine Federgabeln zur Verfügung stellen, während sich andere nicht dem direkten Kampf gegen die Konkurrenz stellen wollten.

So haben wir getestet

Fest steht: Federgabeln sind besser als je zuvor. Sogar bezahlbare Gabeln sind mittlerweile auf einem Niveau, von dem man vor ein paar Jahren noch nicht mal hätte träumen können. Mit Performances, die sich immer mehr annähern, blieb der einzige Weg, um die Gabeln voneinander abzugrenzen, ausgiebiges und Shuttle-unterstütztes, aufeinanderfolgendes Testen. Unsere Tester wogen zwischen 75 und 95 kg und nutzten alle dieselbe Laufradgröße (29“) und Reifenkombi (MAXXIS Minion DHR II/Minion DHF). Jeder Tester fuhr identische Reifendrücke, und die Lenkerhöhe wurde mithilfe von Spacern von Federgabel zu Federgabel angepasst, damit es keine Veränderungen bei den Kontaktpunkten gab. Die Federgabeln wurden zuerst mit den Einstellungen getestet, die vom Hersteller empfohlenen wurden, und dann auf die Vorlieben der Testfahrer angepasst. Wir haben nicht nur die Qualität der Dämpfungen bewertet, sondern auch die von jedem einzelnen Einstellrädchen, Bedienungselement und Schnellspanner. Bewertungen wurden nur nach ausführlichen Setup-Runs vorgenommen, um die optimalen Rebound- und Kompressionseinstellungen auszuwählen. Die Trails wurden so ausgewählt, dass sie große harte Schläge, G-Outs bei Höchstgeschwindigkeit und schnelle aufeinanderfolgende Schläge beinhalteten – wirklich harte Trails auf EWS-Niveau.

Die Gesetze der Federung – Einstellung ist alles

Es gibt keine guten und schlechten Federgabeln mehr, sondern nur noch gute und großartige. Umso wichtiger ist ein korrektes Setup. Wenn man die unglaubliche RockShox Lyrik RC2 dürftig einstellt, wird sie schlechter arbeiten als eine gut abgestimmte RockShox Yari. Anders als bei Dämpfern, wo die Ingenieure die Hinterbaukinematik nutzen können, um die auf den Dämpfer wirkenden Kräfte zu beeinflussen, besitzen Federgabeln alle dasselbe Hebelverhältnis: 1:1. Unterschiedliche Fahrer mit verschiedenen Fahrstilen brauchen eine unterschiedliche Performance von ihrer Federgabel – manche wünschen sich butterweiches Ansprechverhalten, andere wollen gigantischen Gegenhalt für große Sprünge und Höchstgeschwindigkeiten, wieder andere wünschen sich einfach ein Setup, mit dem sie sofort loslegen können. Die Hersteller müssen nun die Balance finden zwischen den Bedürfnissen der Fahrer, die ein solides Setup direkt aus dem Karton wollen, und der Fahrer, die liebend gern herumbasteln und sich den Kopf über einen Klick Druckstufendämpfung zerbrechen. Eher auf Tuning fokussierte Hersteller wie Cane Creek, Formula und FOX ermöglichen es, beinahe jeden Aspekt der Federungsperformance zu verändern, um den Vorlieben des Fahrers gerecht zu werden. Marzocchi, Öhlins und RockShox hingegen versuchen, das Setup so unkompliziert wie möglich zu gestalten.

Federung auf den Kopf gestellt

Seit Jahren schon warten wir auf eine gute Upside-Down-Federgabel. Seit Motorräder Upside-Down-Gabeln verwenden, sind konventionelle Federgabeln dort kein Thema mehr. Also warum haben wir keine „umgedrehte“ Gabel? Die Intend Edge ist vielleicht eine Vision dieser Zukunft. Upside-Down-Federgabeln sind wirklich sinnvoll, speziell wenn man Festigkeit und Steifigkeit betrachtet. Wenn ihr einen Trail herunterbügelt, dann tritt die höchste Belastung, die eurer Gabel begegnet, direkt unter der Gabelkrone auf, wo die Hebelwirkung am größten ist. An einer klassischen Federgabel ist das die Stelle, wo die Standrohre mit der Gabelkrone verbunden sind. An einer Upside-Down-Federgabel hingegen kann dieser Bereich erheblich dicker gestaltet werden, was in einer erhöhten Steifigkeit in Fahrtrichtung resultiert. Allerdings bedeutet das Fehlen einer Brücke am Casting einen erhöhten seitlichen Flex, von dem Upside-Down-Gabeln schon immer geplagt waren.

#Offsetgate

Das Federgabel-Offset war das Gesprächsthema der letzten Monate und es ist erstaunlich, wie viele hitzige Diskussionen sich über ein paar Millimeter Gabel-Offset ergeben können. Die Idee ist simpel: Je kürzer der Gabel-Offset, desto länger der „Trail“, also die Distanz zwischen dem Kontaktpunkt des Rades am Boden und der Steuerachse (ergibt sich durch das Zeichnen einer Linie an der Gabel entlang bis zum Boden). Ein längerer Trail stabilisiert die Lenkung. Üblicherweise verbauen die Hersteller bei 29“-Bikes längere Offsets, um einen kürzeren Trail für agilere Lenkung zu erzeugen. Aber diese Herangehensweise ändert sich mittlerweile, da wir alle in härterem Terrain unterwegs sind. Viele Hersteller bieten nun mehrere Offsets pro Laufradgröße an, wie bspw. die RockShox Lyrik RC2, die es in der 29“-Variante sowohl mit 51 mm als auch mit 42 mm Offset zu kaufen gibt (46 und 37 mm in 27,5“). Allerdings fiel es uns auch nach ausführlichen Tests und in direkten Vergleichen mit beiden Offsets schwer, gravierende Unterschiede festzustellen. Unsere Tester bevorzugten das kürzere Offset (und damit einen kürzeren Radstand) in engen Spitzkehren, das längere hingegen (längeren Radstand) auf superschnellen, offenen Trails – aber der Unterschied ist zu knapp, um entscheidend zu sein.

Keine Übergangslösungen mehr

Fast alle Gabeln in diesem Vergleichstest haben irgendein System, um das Volumen der positiven Luftfeder zu reduzieren und damit die Progressivität zu erhöhen. Einige nutzen dafür Tokens aus Plastik, andere setzen auf verschiebbare Dichtungsköpfe, die Formula Selva arbeitet sogar mit Schaumstoffzylindern. Der Verwendung von Tokens wurde in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit geschenkt und viele aktive Fahrer benutzen zwei, drei oder sogar vier Tokens. Allerdings ist die Verkleinerung des Volumens der Luftfeder nicht die optimale Lösung, sondern mehr eine Notlösung. Während des Testens fiel uns auf, dass wir mittlerweile weniger Volumenreduktion in der Luftfeder benötigen und die Gabeln mehr Gegenhalt vom mittleren Federweg bis zum Ende bieten. Das ist hauptsächlich auf die größeren Negativfedern und die geringere Reibung der inneren Bauteile zurückzuführen. Diese Verbesserungen helfen, das Ansprechverhalten bei kleinen Schlägen zu verbessern und genug Reserven für große Schlägen bereitzustellen.

Regelmäßiger Service ist essenziell

Machen wir uns nichts vor, niemand steht drauf, Geld für einen Federgabelservice auszugeben. Stattdessen würden wir all unsere überflüssige Kohle viel lieber für funkelnde neue Bike-Ausrüstungen raushauen. Andererseits würde man auch keinen Ferrari 488 kaufen und dann nie das Öl wechseln. Wenn ihr das Beste aus eurem Bike herausholen wollt, ist es wichtig, es in einem guten Zustand zu halten. Das Internet ist voll mit spitzenmäßigen How-to-Videos und -Anleitungen, also lernt gefälligst, wie man einen grundlegenden Gabelservice der Tauchrohre durchführt. Seht das Ganze nicht als Wartung, sondern als ein Vergnügen für euch und euer Bike! Regelmäßig einen Wechsel des Schmierstoffs durchzuführen, wird nicht nur eure handwerklichen Fähigkeiten stärken, sondern euch auch mit einer super sensiblen Federgabel zurücklassen.

Tops

Kontrolliert und sensibel
Die neue FOX GRIP2-Dämpfung ist wahnsinnig gut und wesentlich sensibler zu Beginn des Federwegs als das bisherige FIT Bladder-System. Wir konnten ohne einen Verlust an Kontrolle oder Sensibilität mit weniger Druckstufendämpfung und weniger Volumenspacern fahren.
Ja zu Direct Mounts mit 180 mm!
Niemand sollte an einer 160-mm-Gabel eine 160-mm-Bremsscheibe nutzen. Daher begrüßen wir die neuesten Direct Post Mount-Bremsaufnahmen mit 180 mm, die außerdem zu einem adapterfreien schicken Look beitragen. Große Bremsen für alle!
Gewaltige Steifigkeit
Die beeindruckende Gabelkrone und die Upside-Down-Konstruktion der Intend Edge verleihen ihr eine gigantische Steifigkeit in Fahrtrichtung, höher als bei jeder konventionellen Gabel in diesem Vergleichstest.

Flops

Fummelige Achse
Die D-Loc-Achse an der Cane Creek HELM Air ist eine großartige werkzeugfreie Alternative – solange sie sauber ist! Sobald sie jedoch schlammig wird oder mit kalten Händen bedient werden muss, wird die Sache nervtötend fummelig.
Seitlicher Flex
Obwohl die Intend Edge die Führung übernimmt, wenn es um Steifigkeit in Fahrtrichtung geht, kann dasselbe nicht von ihrer seitlichen Steifigkeit behauptet werden. Der Flex in harten, steilen Kurven und bei G-Outs war beachtlich.
Versehentlich verstellbare Hebel
Das Einstellrad an der Marzocchi Bomber Z1 ist sehr leichtgängig und kann schon bei sanfter Berührung versehentlich verstellt werden.
Lockout? Nein danke!
Ein Lockout an einer Federgabel mit 160 mm Federweg? Überflüssig! Gesehen an der Formula Selva.

Fazit

Da sich Qualität und Performance der Federgabeln immer weiter annähern, ist ein korrektes Setup wichtiger als je zuvor. Jede einzelne Gabel in diesem Test hat das Potenzial, die beste oder schlechteste von allen zu sein – abhängig vom richtigen oder falschen Setup. Tuningfüchse und Leute mit Geschick werden die Cane Creek HELM Air und die Formula Selva lieben. Beide können hochgradig an die Vorlieben des Fahrers angepasst werden, um ein grandioses Fahrgefühl zu bieten, beide benötigen aber viel Zeit und Know-how, um korrekt eingestellt zu werden. Für alle, die keinen unnötigen Schnickschnack brauchen und einfach raus ins Gelände wollen, sind sowohl die Marzocchi Bomber Z1 als auch die RockShox Yari gut geeignet. Beide sind mühelos einzustellen und bieten großartige Leistung für ihr Geld. Der weiterentwickelte GRIP-Dämpfer der Marzocchi Bomber Z1 sorgt dafür, dass sie eine Nasenlänge vor der Yari liegt und sich so den Kauftipp sichert. Wir haben uns innig gewünscht, die Intend Edge zu lieben, da sie in vielerlei Hinsicht revolutionär ist, doch am Ende gab es leider zu viele Kritikpunkte. Auf der Suche nach dem Gesamtsieger bildeten zwei Federgabeln eine Klasse für sich: die RockShox Lyrik RC2 und die FOX 36 FLOAT Factory GRIP2. Beide haben überragende Dämpfungen, bleiben auch unter Dauerbeschuss gelassen und fühlen sich sogar im härtesten Terrain an, als würden sie kaum ins Schwitzen geraten – mit ihnen konnten wir schneller und kontrollierter fahren. Auch nach Wochen des sorgfältigen Testens gegeneinander blieb die Performance ununterscheidbar gut, aber die RockShox Lyrik RC2 kostet beinahe 300 € weniger – ein nicht zu ignorierender Fakt, daher holt sie sich den Testsieg. Aber was für ein Kampf!

Testsieger – RockShox Lyrik RC2
Kauftipp – Marzocchi Bomber Z1

Hier geht’s zu den Federgabeln!

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.