Das Bold Linkin Trail hat schon bei seiner Einführung mit dem Dämpfer im Rahmeninneren für Furore gesorgt. Mit dem Bold Unplugged haben die Schweizer jetzt noch einen draufgelegt und ein potentes Ballerbike mit radikaler Geometrie vorgestellt. Wir verraten euch, ob das Bike auf dem Trail hält, was es optisch verspricht und welche Häkchen ihr im Konfigurator setzen solltet.

Bold Unplugged | 170/164 mm | 13,87 kg | 7.093 €

„Es passt nicht!“, schallt es vom Fahrradträger. Die Reifen des Bold Unplugged stehen links und rechts weit über und wegen seiner Größe bereitet es auch in der einen oder anderen Gondel Probleme. Am Ende passt es aber irgendwie doch immer. Das Unplugged zählt ganz klar zu den super langen und flachen Bikes. Das eigentliche Highlight des Carbonrahmens ist aber nicht die ausgefeilte Geometrie, sondern auf den ersten Blick gar nicht sichtbar. Der Dämpfer ist im Inneren des Sitzrohrs versteckt, entlockt dem Hinterbau 164 mm Federweg und sorgt obendrein für eine super cleane Optik. Beim Bold Unplugged stehen alle Zeichen auf Speed. Deshalb haben wir es über Endurostages und Bikeparkstrecken geprügelt, um das volle Potenzial des 13,87 kg schweren Carbonbikes auszuloten.

Erreichen kann man den versteckten Dämpfer über eine Serviceklappe am Unterrohr und auch das Setup ist dank eines integrierten SAG-Indikators schnell erledigt. Liner um die innenverlegten Züge und ein ausgefeilter Kettenstrebenschutz eliminieren nervige Klappergeräusche. Auch die am Rahmen integrierte Kettenführung beweist die Detailverliebtheit der Schweizer Firma. Mit Flipchips lässt sich die Position des Horst-Links verändern und so die Kettenstrebenlänge und Tretlagerhöhe an die eigenen Vorlieben und die Laufradgröße anpassen. Auch der Lenkwinkel lässt sich mit dem NEWMEN Double Spin-Steuersatz um 1,5° verändern.

Helm Sweet Protection Bushwacker II MIPS | Brille 100% Speedcraft | Jersey 100% Celium Jersey

Die Ausstattung des Bold Unplugged

Das Bold Unplugged lässt sich individuell im Konfigurator ausstatten. Neben grundlegenden Entscheidungen wie 27.5+ oder 29” Laufrädern und 170 mm oder 180 mm Federweg an der Gabel habt ihr auch bei der Geometrie die Wahl zwischen lang und flach – oder noch länger und noch flacher. Je nach Ausstattung werden für das Bold Unplugged zwischen 3.366 € für das Frameset, 4.706 € für das Einstiegsmodell und 8.415 € für den Topspec fällig. An unserem 29” Unplugged Testbike findet sich eine GX-Eagle-Schaltung, RockShox Super Deluxe-Dämpfer und eine Lyrik RCT3-Federgabel mit 170 mm Federweg.

Im Konfigurator lassen sich fast alle Komponenten des Bold Unpluggeds wählen, wobei wir uns bei manchen Komponenten wie den Reifen mehr Auswahlmöglichkeiten wünschen. Dafür lässt sich die Sattelstütze auch in vielen verschiedenen Längen bestellen, sodass Upsizing kein Problem sein sollte. Top!

Federgabel RockShox Lyrik RCT3 170 mm
Dämpfer RockShox Super Deluxe 164 mm
Bremsen SRAM CODE R 200/180 mm
Schaltung SRAM GX Eagle
Sattelstütze Kind Shock LEV INTEGRA Carbon 175 mm
Vorbau Race Face Turbine R 32 mm
Lenker Race Face Next Carbon 800 mm
Laufradsatz DT Swiss XMC 1200 Spline
Reifen Maxxis HighRoller II 3C MaxxTerra EXO
Gewicht 13,87 kg
Preis 7.093 €

Nicht ganz überzeugen kann uns die für das Unplugged zu schwachen SRAM CODE R-Bremsen. Leider gibt es im Konfigurator keine „heavy-Duty“ Stopper à la CODE RSC oder Shimano SAINT. Der verbaute DT Swiss XMC 1200 Carbon-Laufradsatz macht nur Sinn, wenn man mit dem Unplugged hauptsächlich Touren fährt. Im Enduroeinsatz sind die Carbonfelgen schnell überfordert. Wir raten zu einem stabileren und günstigeren Modell aus Alu.

Das Bold Unplugged im Detail

Alles erreichbar
Rebound und Luftdruck lassen sich ohne Probleme einstellen und auch der SAG lässt sich leicht ermitteln.
Häufiger genutzt als gedacht
Mit der RockShox Twistlock-Remote wird der Compression-Mode des Dämpfers zwischen „Open“ und „Pedal“ gewählt
Flip Chip
Mit verschiedenen Chips lässt sich die Kettenstrebenlänge an die Laufradgröße und die persönlichen Vorlieben anpassen. Wir haben uns für lange Kettenstreben und tiefes Tretlager entschieden.
Not so Enduro!
Der XMC 1200 Carbon-Laufradsatz ist nicht für den harten Enduroeinsatz gemacht. Im Konfigurator greift man besser zu einem robusteren Alu-Laufradsatz.
Gut versteckt
Hinter einer Klappe lässt sich auch der SAG-Ring am Dämpfer ablesen
Prototyp
Die grüne Dichtung auf dem NEWMEN Double Spin-Steuersatz durchbricht das sonst so gelungene Farb- und Designkonzept. Dafür lässt sich mit ihm der Lenkwinkel um 1,5° anpassen.
Wir brauchen mehr Bremskraft
Die Power der SRAM CODE R reicht für den Speed des Unpluggeds nicht ganz aus. Leider gibt es im Konfigurator keine passende Alternative à la CODE RSC oder Shimano SAINT.
Ohne Rucksack
Ohne Dämpfer im Rahmendreieck bleibt massig Platz für große Trinkflaschen

Die Geometrie des Bold Unplugged

Größe S M L
Oberrohr (horizontal) 559 – 565 mm 599 – 605 mm 641 – 647 mm
Steuerrohr 90 mm 90 mm 110 mm
Lenkwinkel 63,3 – 65,9° 63,3 – 65,9° 63,3 – 65,9°
Sitzwinkel 75,5 – 77,4° 76,5 – 78,3° 76,5 – 78,3°
Kettenstrebe 433 – 444 mm 433 – 444 mm 433 – 444 mm
Tretlager Höhe 8,4 – 27,3 mm 8,4 – 27,5 mm 8,7 – 28 mm
Radstand 1.175 – 1.203 mm 1.226 – 1.254 mm 1.274 – 1302 mm
Reach 407 – 424 mm 458 – 475 mm 498 – 514 mm
Stack 600 – 612 mm 600 – 612 mm 618 – 631 mm

Das Bold Unplugged auf dem Trail

Das Bold Unplugged positioniert seinen Fahrer trotz kurzem Vorbau in einer sportlich gestreckten Sitzposition. Der Sitzwinkel des Unplugged ist super steil. Dadurch lässt sich das lange Bike effizient von oben treten. Mit dem neuen RockShox Twistlock wird der Dämpfer verhärtet. Das bietet sich nicht nur für lange Asphaltstücke an, sondern auch für den kurzen Gegenanstieg auf dem Trail. So klettert man mit dem Unplugged super entspannt und für ein Bike dieser Klasse verdammt schnell bergauf. Auch wenn es technisch und steil bergauf geht gibt sich der Carbon-Bolide keine Blöße. In unserer Geometrieeinstellung mit langen Kettenstreben und einem flachen Lenkwinkel klebt das Vorderrad quasi am Boden und der Hinterbau generiert viel Grip am Heck. In engen Kehren zollt man dem extrem langen Radstand jedoch Tribut und hat bergauf seine Mühe darin, dem Trail um’s Eck zu folgen.

  Für ein Bike seiner Klasse klettert das Bold Unplugged unverschämt gut.

Sattel runter, Dämpfer auf und Ärmel hochkrempeln. Im Downhill bläst das Bold Unplugged zum Angriff. Als Fahrer steht man dabei sehr zentral zwischen beiden Rädern. Nach vorne und hinten bleibt dank des massiven Radstands viel Platz zum Bewegen und Ausgleichen. Das ist aber nur bei extremen Stufen und Hindernissen nötig. Wurzeln, Bremslöcher, Steinfelder und kleinere Kanten bringen das Bold Unplugged nämlich nicht aus der Ruhe. Auch bei Highspeed hält das lange Bike willig die Spur und liegt satt auf dem Trail. Trotzdem bietet das Fahrwerk genug Support zum pushen und abziehen. Außerdem hält es den Fahrer auf dem Laufenden darüber, was unter den Reifen geschieht. Bei verpatzten Lines und harten Hits gibt der Super Deluxe-Dämpfer aber etwas zu leicht den gesamten Federweg frei und schlägt spürbar durch. Abhilfe schaffen hier Volumenspacer, mit denen die Kennlinie des Dämpfers angepasst werden kann.

  Wer den Grenzbereich des Bold Unpluggeds finden will, muss verdammt viel Gas geben.

Die langen Kettenstreben helfen das Vorderrad ausreichend zu Belasten, wodurch Highspeed-Kurven und Anlieger trotz der Länge des Bikes mit Leichtigkeit von der Hand gehen. Auch auf der Bremse bleibt das Unplugged auf der Spur und generiert Traktion am Hinterrad. Erst im super verwinkelten Terrain zollt man der Geometrie Tribut und muss viel Muskelkraft einsetzen, um das Unplugged zwischen den Hindernissen zu manövrieren.

Fazit

Das Bold Unplugged sieht nicht nur super schnell aus, es fährt auch so. Die potente Geometrie bietet auch im härtesten Gelände viel Sicherheit und ermöglicht verdammt viel Speed auf dem Trail. Obendrein klettert es leichtfüßig bergauf. Im Topspec ist das Bold Unplugged ziemlich teuer. Wer die Häkchen im Konfigurator jedoch an der richtigen Stelle setzt, bekommt out of the Box ein potentes Bike zum fairen Preis.

Stärken

+ Umfangreich anpassbare Geometrie
+ Integriertes Design
+ Super leise

Schwächen

– Zu wenig Auswahl im Konfigurator


Mehr Infos findet ihr unter: boldcycles.com

Dieser Artikel ist aus ENDURO Ausgabe #035

Das ENDURO Mountainbike Magazin erscheint auf Deutsch und Englisch im digitalen App-Format. Ladet euch jetzt die App für iOS oder Android und lest alle Artikel auf eurem Tablet oder Smartphone. Kostenlos!

Text: Felix Stix Fotos: Valentin Rühl, Felix Stix

Über den Autor

Felix Stix

Durch meinen technischen Hintergrund habe ich mich zum inoffiziellen Leiter unserer Werkstatt gemausert. Hier bereite ich das Equipment für unsere Tests vor und checke die Bikes auf Herz und Nieren. Meine nerdigen Texte mit unzähligen Erklärungen stützen sich meist darauf, dass ich ein Produkt komplett zerlegt und wieder zusammengebaut habe…
Auf dem Enduro scheppere ich am liebsten über die richtig harten Downhillstrecken und bringe dabei mich und das Material an die Grenzen – oder darüber hinaus. Bergauf geht es allerdings gemütlich mit der Gondel oder einem Shuttle. Trotzdem komme ich durch das tägliche Pendeln in die ENDURO-Redaktion auf einige Kilometer im Sattel.