Brembo – ein Name, der in der Welt des Motorsports seit Jahrzehnten für Dominanz in Sachen Entschleunigung steht. Ob Formel 1, MotoGP oder Superbike-WM: Wo es um Zehntelsekunden und maximale Kontrolle geht, ist Brembo meist nicht weit. Nun wagt sich der italienische Traditionshersteller in ein neues Terrain – und zwar nicht allein: In enger Zusammenarbeit mit Specialized und dem Specialized Gravity Downhill-Team rund um Loïc Bruni, Jordan Williams und Finn Iles wird nun an einer MTB-Bremse gefeilt.
Wir hatten die Chance, gemeinsam mit dem Specialized Gravity Team die Entwicklungs- und Produktionsstätten von Brembo in der Nähe von Mailand zu besichtigen und sowohl mit Entwicklern als auch mit Racern über das Projekt zu sprechen.
Warum Mountainbike? Und warum jetzt?
Dass große Hersteller – auch aus der Automobil-Industrie – ein zunehmendes Interesse am Radsport zeigen, ist nichts Neues. Vor allem seit der Corona-Pandemie sind Mountainbikes voll in den Fokus gerückt und mit dem richtigen Produkt und den richtigen Partnern lässt sich hier ordentlich Geld verdienen. Auch DJI hat mit ihrem Avinox-Motorsystem gezeigt, was machbar ist, wenn Expertise aus unterschiedlichen Sektoren gebündelt wird und sowohl die finanzielle als auch die fertigungstechnische Basis existiert, um ein Produkt für den MTB-Markt zu entwickeln.
Bei Brembo sieht es nicht anders aus, denn die Ansprüche an eine moderne MTB-Bremse ähneln stark denen eines MotoGP-, MXGP- oder sogar Formel 1-Bremssystems. Zuverlässigkeit, Dosierbarkeit, Hitzebeständigkeit und Modulation sind sowohl auf der Rennstrecke als auch auf dem Trail entscheidende Faktoren.
Spannend dabei: Die Bremsenentwicklung für das MTB ist kein simples „Downsizing“ von bestehenden Systemen – das hat auch Brembo verstanden. Denn Gewicht, Hebelverhältnisse und die Dosierbarkeit auf losem Untergrund bringen völlig neue Herausforderungen mit sich. Zumal Mountainbike-Bremsen wesentlich sensibler sind, denn das Bremsgefühl an einem MTB wird nicht von den starken Motor-Vibrationen des Fahrzeugs überlagert.
Auch das Bremsverhalten an einem MTB unterscheidet sich stark von dem im Motorsport. Beim Motorsport wird meist in den Bremsvorgang hinein beschleunigt, was starke Lastwechsel erzeugt und damit vor allem die Gewichts- und Bremskraftverteilung beeinflusst. Auf dem Mountainbike hingegen erfolgen viele Bremsmanöver moderat und fein dosiert: Statt harter Ankerpunkte am Ende langer Geraden lässt man die Bremse oft schleifen, um die Traktion und Balance im steilen Gelände aufrechtzuerhalten. Zudem gibt es wesentlich mehr Untergrundbeschaffenheiten und der Grip der Reifen ist ein größerer limitierender Faktor als im Motorsport. Ein gutes Beispiel dafür ist die Wahl der Bremsscheibengröße von Loic’s Downhill-Bike bei seinem Sieg in Andorra: Hier hatte er eine 220 mm große Bremsscheibe am Heck verbaut, während er an der Front lediglich 200 mm gefahren ist. Im Motorsport wäre das undenkbar.
Gleichzeitig erlaubt die Entwicklung einer MTB-Bremse dem Hersteller Brembo, neue Ansätze zu testen, eigene Innovationen in einem anderen Kontext zu denken und rückwirkend ihre bestehenden Produkte weiter zu verfeinern. Quasi „Reverse Tech Transfer“. Spannend – leider durften wir während unseres Besuchs der Entwicklungs- und Testabteilung von Brembo hierzu keine Aufnahmen machen, um sie euch bis dato zu zeigen.
Was wir über die neue MTB-Bremse von Brembo wissen
Viel hat uns Brembo bislang nicht verraten, und dass die Bremse in Serie gehen wird, haben wir bislang auch noch nicht bestätigt bekommen. Dennoch sind wir uns ziemlich sicher, dass wir in den nächsten Jahren eine Brembo MTB-Bremse auf dem Markt sehen werden. Mit einem geschulten Auge und ein paar spitzfindigen Fragen lässt sich einiges über den momentanen Prototyp sagen.
Die neue MTB-Bremse von Brembo setzt auf vier Kolben, wie fast alle vergleichbaren Bremsen. Zudem verwendet sie ein axiales Gebergehäuse, was – abgesehen von MAGURA – ebenfalls dem Marktstandard entspricht. Am Gebergehäuse selbst lassen sich die Hebelposition, der Druckpunkt und der Free Stroke – also der Leerweg der Bremse – einstellen. Man munkelt zudem, dass sich die Bremse in ihrem Bremsgefühl von Butterweich bis Stahlhart einstellen lässt. Eine spannende Charakterveränderung, die bislang keine andere Bremse auf dem Markt bietet. Der Hebel fällt verhältnismäßig groß und breit aus. Zudem wurde uns versichert, dass das System mit Mineralöl funktioniert, auch wenn alle Motorsport-Bremsen von Brembo auf einer DOT-Basis laufen.
Auch in pucto Design wird es – für den Fall einer Serienproduktion – bestimmt einiges an Auswahl geben, denn die Bandbreite an farbigen Brembo-Bremsen ist fast unendlich. Als Bremsscheibe war ein hauseigenes Modell mit 2,3 mm Dicke im Umlauf und momentan wird laut Brembo hauptsächlich mit organischen Bremsbelägen experimentiert. Entlüften lässt sich die Bremse mit einem Trichter, wie man es z. B. von TRP und Shimano kennt. Die Lenkerklemmung ähnelt stark einem Matchmaker von SRAM, was Hoffnung auf die Kompatibilität mit Schalt- und Dropper-Hebeln macht.
Das Fazit zu unserem Besuch bei Brembo
Brembo bringt seine geballte Motorsport-Expertise aufs Mountainbike und beeindruckt nicht nur mit seiner schieren Größe, sondern auch einem leidenschaftlichen Team, das den MTB-Sport ernst nimmt und ihn verstehen will. Der Weltcup-Sieg von Loïc Bruni in Andorra hat bereits gezeigt: Es ist großes Potenzial vorhanden. Auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt noch keine Serienproduktion bestätigt ist, ist das Signal unmissverständlich.
Wenn ihr mehr über Brembo wissen möchtet, findet ihr hier ihre Website.
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Text: Peter Walker Fotos: Peter Walker


