Das kleine, unscheinbare Haus steht irgendwo im satten Grün von North Wales, zwischen Wiesen, Hügeln und Bäumen. Doch unser Blick bei der Ankunft bleibt nicht an der Landschaft hängen, sondern an dem, was sich direkt dahinter erhebt: Veros Backyard. Mit seinen riesigen Sprüngen und Anliegern wirkt er eher wie ein ausgewachsener Bikepark als wie ein Garten. Das Verhältnis zwischen Wohnfläche und „Spielplatz“ ist absurd – und genau deshalb perfekt. Es scheint, als hätte hier nicht das Leben Platz fürs Mountainbiken gemacht, sondern das Mountainbiken den Rahmen für alles andere gesetzt.
Auch an diesem Abend spielt sich das Leben nicht im Haus, sondern im besagten Backyard ab, der auch schon Schauplatz einiger Backyard Battles war. Kein Wunder. Feinste Jumps sowie Anlieger und ein Schiffscontainer, der nicht nur als Lagerraum dient, sondern zum Startdrop umfunktioniert wurde. Dieser Backyard hat es wirklich in sich.
Dass an diesem Abend nicht nur Vero Sandler, sondern auch Freund Sam Hodgson sowie Kade Edwards und Kaos Seagrave der Backyard Session beitreten, wirkt nicht wie ein künstlich arrangiertes Star-Aufgebot, sondern eher wie Alltag in Veros Welt. Hier droppt die Freeride-Elite ganz selbstverständlich zur abendlichen Jump-Session ein. Und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Sandler selbst bewegt sich durch diesen kleinen Kosmos mit einer auffallenden Leichtigkeit. Sie ist gut gelaunt, offen, freundlich – und trotzdem nie nur auf sich selbst fokussiert. Während um sie herum gesprungen, gequatscht und mit ihren Hunden gespielt wird, hat sie immer auch die anderen im Blick. Man merkt schnell: Vero will nicht einfach selbst fahren. Sie will, dass alle fahren. Dass alle Spaß haben. Dass die Stimmung passt.
Genau diese Atmosphäre macht den Ort so besonders. Trotz der spektakulären Lines fühlt sich Veros Backyard nicht wie ein exklusiver Trainingsspot an, sondern wie ein Treffpunkt unter Freunden. Jeder scheint willkommen, jeder bringt sich ein – und genau das macht diesen Ort so lebendig.
Dass ausgerechnet Wales eines Tages zu diesem Ort für Veronique Sandler werden würde, war alles andere als geplant. Als Teenager hatte die Neuseeländerin nur ein Ziel: Downhill World Cups fahren. Nach ihrer Nominierung für die Junioren-Weltmeisterschaft brach sie ihr Studium ab und stürzte sich voll ins Racing. Drei Jahre lang reiste sie dem Weltcup-Zirkus hinterher, verbrachte die Sommer auf Rennstrecken rund um den Globus und kehrte über den Winter nach Neuseeland zurück.
Nach der Saison 2016 konnte sie sich schließlich den Flug zurück nach Neuseeland nicht mehr leisten und blieb stattdessen über den Winter in Wales, um zu arbeiten. Aus einer pragmatischen Entscheidung wurde der Wendepunkt ihrer Karriere. Statt weiter der Stoppuhr hinterherzujagen, entdeckte sie dort einen völlig neuen Zugang zum Mountainbiken: weniger Racing, mehr Style. Weniger Ergebnisdruck, mehr Kreativität.
Everything just fell into place without me really planning anything, which is extremely lucky.
Unser Besuch bei Sandler findet im Rahmen des Tests zum neuen Santa Cruz Nomad statt. Ein Bike namens Nomad – also ein Bike, dessen Name Weiterziehen impliziert – trifft auf eine Fahrerin, deren prägendste Geschichte vom Bleiben handelt. Sandler ist nicht einfach von Spot zu Spot gezogen. Sie ist in Wales geblieben und viel wichtiger – hat sich dort einen Ort geschaffen, der heute ein wichtiger Teil ihrer Identität ist.
Riding is for sure more fun. I build so that I can ride. It’s all in the name of biking. – Vero auf die Frage, ob ihr das Bauen oder das Fahren mehr Freude bereitet
Fahren hat für Vero Vorrang. Und doch hat fast alles, was Sandler heute auf dem Bike ausmacht, mit Trailbuilding zu tun. Ihre ersten Trails baute sie als Teenagerin. Sie war 13 oder 14, unterwegs mit ihrem Bruder. Es ging damals nicht um Karriere, Content oder perfekte Lines. Es ging ums Ausprobieren. Darum, etwas zu bauen, es zu fahren, daran zu scheitern, es zu verändern und wieder zu fahren. Genau dieses Prinzip zieht sich bis heute durch ihre Art, Mountainbiken zu verstehen.
Wo Freeride wirklich beginnt
Trailbuilding ist selten glamourös. Dahinter steckt einiges an körperlicher Arbeit und ebenso viel Geduld. Erde bewegen, Formen korrigieren, wieder testen, wieder ändern. Aber für Sandler beginnt genau dort der kreative Teil des Sports.
You can get really creative on the tools and just experiment. There’s kind of no rules.
Ihre Trails sind dabei selten abgeschlossene Projekte. Sie verändern sich stetig. Ein Feature kann funktionieren und trotzdem noch besser werden. Eine Line kann fertig aussehen und trotzdem eine neue Idee auslösen. Auch wenn es vor dem Bauen immer einen Plan gibt, hält dieser selten lange.
We’ll discuss what we want to build and we’ll have a plan … but we never stick to it. Like never ever.
Manchmal gibt der Boden etwas vor, das vorher niemand gesehen hat. Manchmal entsteht eine bessere Idee erst beim Graben. Und manchmal zeigt erst der erste Versuch auf dem Bike, dass eine Line anders gebaut werden muss. Für Sandler ist Trailbuilding kein Gegenstück zum Fahren. Es ist der erste Teil derselben Bewegung.
Erst auf zwei Rädern wird sichtbar, was die Schaufel wirklich verändert hat. Wer baut, fährt auch anders – nicht nur mit mehr Kontrolle, sondern mit mehr Verständnis.
Without getting into digging and building, I would never have progressed on my bike as much as I have.
Das ist vielleicht der wichtigste Satz, um Veronique Sandler zu verstehen. Ihr Freeride-Stil ist nicht nur aus Talent oder unzähligen Bikepark-Kilometern entstanden. Er wurde buchstäblich erbaut.

Community is key
Veros Backyard ist weit mehr als ein Spielplatz für Erwachsene. Er ist Treffpunkt, Werkstatt und Spielwiese zugleich. Ein Ort, an dem Riding nicht nur erlebt, sondern gemeinsam gestaltet wird. Wer zusammen baut, teilt nicht nur Zeit, Ideen und Herausforderungen, sondern entwickelt sich mit jeder Shape-Session gemeinsam weiter.
Sandler spricht oft über Community. Selbst im Racing, sagt sie, waren es nicht die Sekunden oder Ergebnisse, die sie am Sport hielten. Es waren die Trainingstage. Die Gespräche in den Pits. Das gemeinsame Unterwegssein.
I never actually enjoyed the actual race aspect of it. It was the social environment … that’s what I’ve been searching for the whole time.
Heute findet sie genau das in der Freeride-Szene wieder: im Trailbuilding, in Backyard-Jams oder bei berüchtigten Events wie Darkfest. Community ist für sie kein Nebeneffekt des Sports. Sie ist der Grund, warum der Freeride-Sport (für sie) funktioniert.
For me community is number one. It’s everything. It’s why I enjoy biking so much.
Wenn Sandler im Bikepark über große Sprünge zieht, wirkt es leicht. Fast selbstverständlich. Doch hinter dieser Leichtigkeit stecken viele Tonnen Erde. Viele Stunden mit der Schaufel. Viele Versuche, kleine Veränderungen, neue Formen.
Besonders deutlich wird das, als wir mit Vero und ihrer Crew auf der Vision Line im Revolution Bikepark stehen. Deren Features folgen nicht einfach einer klaren Formel. Sie wirken organisch, verspielt und mutig – als wären sie einer Vision entsprungen und mit der Schaufel in Erde übersetzt worden. Trotz ihrer Dimensionen fügen sie sich erstaunlich selbstverständlich in den Hang ein, fast so, als wären sie schon immer Teil der Landschaft gewesen.
Die Entstehung der Line wurde damals im gleichnamigen Film dokumentiert. Bereits 2020 haben wir Vero dort besucht und ihren Weg vom Downhill zum Freeride näher beleuchtet. Den damaligen Hausbesuch findet ihr hier.
Veros Künste sind mittlerweile längst gefragt – jüngst hat sie gemeinsam mit Freund Sam den zweiten Abschnitt der neuen Humpline „Hupfar“ in Sölden geshapt.
Und auch hier zeigt sich wieder ihr sozialer Blick auf den Sport. Sandler baut nicht nur für sich selbst. Sie baut Lines, die andere inspirieren, herausfordern und zusammenbringen sollen. Ihre Vision endet nicht am eigenen Reifen. Sie beginnt dort erst richtig.
In einer Sportart, die oft vom nächsten Trip, dem nächsten Event und dem nächsten großen Moment lebt, hat Sandler etwas anderes gefunden: Einen Ort, an dem Progression nicht nur passiert, sondern gebaut wird.
Schaufel für Schaufel. Line für Line.
Fahren macht ihr immer noch mehr Spaß. Doch sie baut, damit Riding besser wird – für sich, für ihre Freunde und für alle, die irgendwann über eine ihrer Lines rollen.
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Text: Lars Engmann Fotos: Max Schumann




























