Das Cannondale Jekyll hat die Ära der Enduro-Bikes geprägt und zu Anfangszeiten der Enduro-Rennen eine Menge Siege abgeräumt. Nach einigen Jahren neu aufkommender Baller-Bikes erlebt es jetzt eine Wiedergeburt. Ist das mit High-Pivot Hinterbau, Guidler und viel Federweg bestückte neue Jekyll ready für die brutalsten Rennstages?

Cannondale Jekyll 1 2022 | 170/165 mm Federweg (v/h)
15,8 kg (Größe M) | 6.499 € | Hersteller-Website

Das Cannondale Jekyll hat mehr Erfahrung als die meisten Biker, die sich heutzutage auf den Trails tummeln. Das Bike des US-amerikanischen Herstellers gehörte in den Anfangszeiten der Enduro World Series zu den erfolgreichsten Bikes seiner Zeit. Nach vielen Jahren im Schatten anderer, modernerer Bikes kommt Cannondale nun mit seiner Neuauflage des Jekylls zurück. Nachdem lange Zeit ein Prototyp eines Downhill-Bikes, ausgestattet mit zwei Dämpfern, die Downhill Weltcup-Strecken unsicher gemacht hat, präsentiert Cannondale jetzt ein finales Konzept eines Enduro Race-Bikes. Mit nur einem Dämpfer, einem innovativem Hinterbaukonzept, 29”-Laufrädern und 170 mm Federweg an der Front verspricht Cannondale, ein Bike auf die Beine gestellt zu haben, das beim Verlassen des Händlers schon bereit für die härtesten Rennstages sein soll.

Der High Pivot-Hinterbau mit Guidler am neuen Cannondale Jekyll

Beim Hinterbau des Jekyll setzt Cannondale auf ein Horst-Link-System, mit 165 mm Federweg und einem besonders hohen Drehpunkt, was nicht nur technisch, sondern auch optisch für Überraschung sorgt. Allen voran der Dämpfer, der in der „Gravity Cavity“ nicht auf oder am, sondern im Unterrohr des Carbon-Rahmens sitzt und den Schwerpunkt des Jekyll niedrig halten soll. Der Hauptdrehpunkt der Kettenstrebe liegt beim neuen Jekyll sehr weit oben am Rahmen, sodass das Hinterrad bei einem Schlag dem Hindernis – fast bis zum Ende des Federwegs – nach hinten und oben ausweicht. Um dem daraus resultierenden Pedal-Kickback beim Einfedern entgegenzuwirken, nutzt der Hinterbau einen sogenannten Guidler am Hauptlager. Die Kombination aus Umlenkrolle (Idler) und Kettenführung (Guide) soll den Kettenzug minimieren und die Kette in ruppigen Passagen auf dem Kettenblatt halten. Doch damit nicht genug: Mit dem Proportional Response Design passt Cannondale nicht nur die Kettenstrebenlänge, sondern auch die Kinematik des Hinterbaus an die Rahmengrößen bzw. an Gewicht und Größe des Bikers an.

Die Kettenumlenkrolle soll den hohen Pedalrückschlag des High-Pivot-Hinterbaus kompensieren.
Der Drehpunkt der Kettenstrebe sitzt weit oberhalb des Tretlagers.

Das neue Cannondale Jekyll 1 2022 im Detail

Das neue Cannondale Jekyll 2022 wird es vorerst ausschließlich mit einem kompletten Vollcarbon-Rahmen geben. Die Rahmen sind von Haus aus bereits an den wichtigsten Stellen mit durchsichtiger Rahmenschutzfolie abgeklebt – top! Alle Züge sind sauber im Inneren des Rahmens verlegt, klappern jedoch am oberen Ausgang. Hier kann ein wenig Tape oder ein geschickt positionierter Kabelbinder Abhilfe schaffen. Ein großzügig dimensionierter Sitz- und Kettenstrebenschutz sorgt für Ruhe am Heck und schützt euren Rahmen vor Beschädigung. Zudem schützt ein kleiner Fender an der Sitzstrebe das Lager vor Dreckbeschuss. Der große Kunststoffschutz am Unterrohr schafft es ebenfalls, den Dreck vom Dämpfer abzuwehren, jedoch sammelt sich bei schlechten Wetterverhältnissen eine kleine Schlammpfütze über dem Tretlager. Dennoch bietet die Konstruktion ausreichend Platz für einen Flaschenhalter und die Pfütze muss nicht als Wasserreservoir genutzt werden.

Safety First – der ausreichend groß dimensionierte Sitz- und Kettenstrebenschutz lässt den schicken Carbon-Rahmen unbeschadet.
Der Dämpfer liegt in der sogenannten „Gravity Cavity“ im Unterrohr und wird durch einen Kunststofffender geschützt.
Zwischen Fender und Rahmen sammelt sich eine Menge Dreck.
Zwischen Fender und Rahmen sammelt sich eine Menge Dreck.
Die Züge sind im Inneren des Rahmens verlegt. Leider sind sie an den Ausgängen nicht ausreichend geklemmt und klappern beim Fahren – schade!
Der kleine Fender am Heck schützt die Lager vor Dreckbeschuss.

Die Geometrie des neuen Cannondale Jekyll 2022

Das neue Cannondale Jekyll wird in vier Rahmengrößen verfügbar sein. Unser Test-Bike in Größe M fällt eher klein aus. Hier erkennt man die Race-Absichten von Cannondale, die ihr Bike auf schnelle, spontane Richtungswechsel ausgelegt haben, um auch im Blindflug und ohne perfekte Streckenkenntnisse an Enduro-Rennen teilnehmen zu können. So beträgt der Reach in Größe M lediglich 450 mm, wird jedoch mit einer recht hohen Front kombiniert. Das soll in Kombination mit dem flachen Lenkwinkel und den Federwegsreserven für ein hohes Sicherheitsempfinden sorgen. Der Sitzwinkel beträgt bei allen Größen 77,5° und sorgt durch die hohe Front für eine kompakte Sitzposition auf dem Rad. Auch bei der Kettenstrebenlänge achtet Cannondale auf ein gleichbleibendes Fahrgefühl für alle Rahmengrößen und passt jede Strebe individuell in der Länge an. Das Sitzrohrs hat bei Größe M eine Länge von 410 mm und lässt eine gute Größenwahl nach Reach bei den Größen S – L zu. Der Sprung von L zu XL ist jedoch am gesamten Bike sehr groß und das Sitzrohr wird hier mit einer Länge von 500 mm sehr lang.

Größe S M L XL
Sattelrohr 390 mm 410 mm 445 mm 500 mm
Oberrohr 541 mm 569 mm 588 mm 627 mm
Steuerrohr 100 mm 110 mm 120 mm 130 mm
Lenkwinkel 64° 64° 64° 64°
Sitzwinkel 71,5° 70,5° 72,5° 73,5°
Kettenstrebe 430 mm 435 mm 442 mm 450 mm
Tretlager Höhe 348 mm 348 mm 348 mm 348 mm
Radstand 1.193 mm 1.227 mm 1.264 mm 1.311 mm
Reach 425 mm 450 mm 475 mm 510 mm
Stack 625 mm 634 mm 643 mm 652 mm

Das neue Cannondale Jekyll 2022 – Ausstattung, Preise und Verfügbarkeiten

Das neue Jekyll wird es vorerst ist zwei Ausstattungsvarianten geben. Beide kommen mit dem gleichen Vollcarbon-Rahmen. Die neuen Bikes sollen bereits ab Mitte Juli für einen Preis zwischen 4.599 € und 6.499 € erhältlich sein. Ein Rahmenset wird es für 3.499 € geben.

Das Top-Modell: Unser Test-Bike, das Cannondale Jekyll 1 2022

Cannondale Jekyll 1 2022 | 170/165 mm Federweg (v/h) | 6.499 € | Hersteller-Website

Das Top-Modell Jekyll 1 steht in zwei Farbvarianten zur Auswahl. Unser Test-Bike in Beetle Green ändert je nach Blickrichtung und Sonneneinstrahlung seine Farbe – schick! Das 6.499 € teure Bike besitzt eine FOX 38 Factory GRIP2-Federgabel mit 170 mm an der Front, gepaart mit einem FOX FLOAT X2 Factory-Dämpfer am Heck. Eine starke SRAM CODE RSC-Vierkolbenbremse mit großer 220-mm-Bremsscheibe an der Front und 200 mm am Heck bringt das Bike sicher zum Stehen. So stellen wir uns die Bremspower eines Enduro Race-Bikes vor – top! Geschalten wird mit einer SRAM GX 12-fach-Schaltgruppe, die bis auf das geringe Mehrgewicht die gleiche Schalt-Performance wie die teureren Modelle X01 und XX1 liefert. So schafft es das Jekill 1 in Größe M auf ein Gewicht von 15,8 kg. Als Sattelstütze dient eine hauseigene DownLow-Dropper-Post mit 150 mm Hub in Größe M. Sie kann vollständig im Rahmen versenkt werden, jedoch ist die Remote etwas schwammig. Auch der verbaute WTB KOM Trail i30-Laufradsatz kann dem Potenzial unseres Test-Bikes nicht standhalten und musste schon nach wenigen Abfahrten nachgezogen werden. Hier raten wir euch zu einem stabileren Modell. Nachbessern solltet ihr auch bei den montierten MAXXIS-Reifen. Der ASSEGAI an der Front sowie der Minion DHR2 am Heck kommen in der 3C MaxxTerra-Mischung und der pannenanfälligen EXO+ Karkasse. Cool wiederum ist der verbaute Cannondale 1 Riser Carbon-Lenker mit 780 mm Breite. Auf dem Trail filtert er Unebenheiten gekonnt weg und bietet immer noch ausreichend Steifigkeit, um präzise Lenkimpulse zu geben.

Die verbaute FOX 38 Factory besitzt die hochwertige GRIP2-Dämpfungskartusche – top!
Die SRAM GX 12-fach-Schaltgruppe steht in Sachen Performance den teuren Modellen um nichts nach.
Der WTB KOM Trail i30-Laufradsatz hält den Anforderungen des Jekylls leider nicht stand. Hier solltet ihr über ein Update nachdenken oder regelmäßig die Speichenspannung kontrollieren.
Die SRAM CODE RSC liefert ordentlich Bremspower …
… vor allem in Kombination mit der großen 220-mm-Scheibe an der Front.

Die Ausstattung des günstigeren Cannondale Jekyll 2 2021

Cannondale Jekyll 2 2022 | 170/165 mm Federweg (v/h) | 4.599 € | Hersteller-Website

Die für 4.599 € erhältliche Variante, das Cannondale Jekyll 2, ist mit einer RockShox ZEB Select-Gabel mit 170-mm-Federweg ausgestattet, kommt in dieser Ausführung jedoch mit der Charger RC-Kartusche, die lediglich eine Einstellung der Low-Speed-Zugstufe und -Druckstufe bietet. Am Heck dient ein FOX DPX2 Performance-Dämpfer, der im Vergleich zum Topmodell nur eine Low-Speed Zug- und -Druckstufen-Verstellung bietet. Bremsen und Schaltgruppe kommen in der DEORE-Ausführung von Shimano. Während die Schaltgruppe für ihren Preis eine starke Performance liefert, würden wir bei den Bremsen zu einem Update raten. Sie kann mit der Brems-Performance des mit extra großen Scheiben versehenen Top-Modells nicht mithalten. Auch beim Jekyll 2 sind die Reifen nicht für richtiges Enduro-Geheize geeignet und sollten gegen Modelle mit robusterer Karkasse und einer weicheren Gummimischung ausgetauscht werden.

Unser erster Test: So fährt sich das Cannondale Jekyll 1 auf dem Trail

Wir hatten die exklusive Chance, das Bike für einige Wochen auf unseren lokalen Test-Trails in der Nähe von Stuttgart zu testen. Bei recht feuchten Bedingungen konnten Chef-Redakteur Robin und Testfahrer Nils einen ersten Eindruck sammeln. Zusätzlich hat uns Jérôme Clementz, mehrfacher Enduro World Series-Sieger und Entwicklungsfahrer von Cannondale, begleitet, um sein Wissen über das Bike mit uns zu teilen.

Jérôme Clementz zeigt uns, wie schnell man auf unseren Hometrails wirklich sein kann.
Tech-Talk inklusive

Das kompakte Jekyll platziert den Piloten zentral und lässt sich in der Ebene und im leichten Uphill effizient treten. Auf steileren Rampen und Uphill-Trails solltet ihr jedoch zum Climb-Switch greifen.

Helm: Troy Lee Designs A2 | Brille: Melon Optics Alleycat | Jersey: Troy Lee Designs Sprint Jersey | Hose: Troy Lee Designs Sprint Ultra | Schuhe: Five Ten Kestrel Lace

Bergab liefert der Hinterbau wie vermutet ein sehr sensibles Ansprechverhalten und generiert klasse Grip. Dennoch besitzt er genug Gegenhalt, um an Kanten oder vor Wurzelfeldern abzuziehen. Auch bei harten Bremsmanövern, mit blockierendem Hinterrad, bleibt der Hinterbau aktiv und sorgt weiterhin für ordentlich Grip. In engen Kurven und bei spontanen Richtungswechseln gibt sich das Bike wendig und verspielt. Wird es richtig steil kann das neue Jekyll viel Sicherheit ausstrahlen und bleibt auch bei Highspeed stets der anvisierten Spur treu. Zusätzlich erhält man den Eindruck, noch mehr Federweg zu besitzen, denn verpatzte Landungen schluckt das Jekyll gekonnt weg.

Tuning-Tipps: Speichen anziehen/kontrollieren | robustere Reifen

Alpines Terrain, …
… rutschige Steine, …
… Jumps, …
… und enge Tech-Sections standen auf der Tagesordnung.

Die Amerikaner stellen mit ihrem neuen Cannondale Jekyll 1 einen echten Hingucker hin. Nicht nur die abgefahrene Farbe, sondern vor allem auch das innovative Hinterbau-Konzept ziehen die Blicke auf sich. Race ready ist es mit der Serienausstattung nicht ganz. Überzeugen konnte hingegen das starke Fahrwerk, welches sensibel anspricht und viel Grip auch bei offenen Kurven bietet. Wendig, verspielt und ein hohes Sicherheitsempfinden generierend bei schnellen und steilen Passagen klingt auf jeden Fall nach einem potenten Race-Bike. Wir sind gespannt, wie lange der erste EWS Sieg auf sich warten lässt.

Stärken

  • großes Sicherheitsempfinden beim Fahren auf steilem und schnellem Terrain
  • aktives Fahrwerk, was in Kurven guten Grip generiert

Schwächen

  • pannenanfällige Karkasse der Reifen
  • Speichen lockern sich schnell

Text & Fotos: Peter Walker

Über den Autor

Peter Walker

Peter ist als technischer Redakteur nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Taten. Mit ernsthaften Bike- und Schrauber-Skills, seiner Motocross-Historie, diversen EWS-Teilnahmen und über 150 Bikepark-Tagen in Whistler – ja, der Neid der meisten Biker auf diesem Planeten ist ihm gewiss – ist für Peter kein Bike zu kompliziert und kein Trail zu steil. Gravel und Rennrad kann er übrigens auch! Das für unsere redaktionelle Arbeit wichtige Thema Kaufberatung hat Peter in Vancouvers ältestem Bike-Shop von der Pike auf gelernt und setzt sein Know-how auch im journalistischen Alltag um. Wenn er nicht gerade die Stuttgarter Hometrails auf neuen Test-Bikes unsicher macht, genießt er das Vanlife mit seinem selbst ausgebauten VW T5. Dass er dazu noch ausgebildeter Notfallsanitäter ist, beruhigt seine Kollegen bei riskanten Fahrmanövern. Zum Glück mussten wir Peter bislang nie bei seinem Spitznamen „Sani-Peter“ rufen. Wir klopfen auf Holz, dass es dazu auch nie kommen wird!