„Noch so ’n Spruch, Schädelbasisbruch.“ Genau deshalb setzen wir uns Helme auf die Rübe – doch bequem sollen sie sein, sicher sowieso. Der Canyon Deflectr will nicht weniger als einer der sichersten Mountainbike-Helme der Welt sein. Doch was steckt wirklich hinter der besonderen Schutz-Technologie?

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Canyon Deflectr | 440 g in Größe L | 159,95 € | Hersteller-Website

Koblenz – dort operiert Canyon an neuen Bikes, frischen Ideen und immer öfter auch an smarter Schutzausrüstung. Der neueste Beweis: der Canyon Deflectr. Seit August sorgt er für Aufsehen, denn im renommierten Virginia-Tech-Ranking hat er sich direkt den ersten Platz gesichert. Ein starkes Statement für einen Helm! Wir haben uns die neue RLS Helmschutz-Technologie deshalb mal genauer angeschaut und verraten euch, warum der Helm so gut abschneidet.

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Hard Facts: Der Helm kostet 159,95 € und bringt in Größe L 440 g auf die Waage – nicht gerade ein Leichtgewicht unter den Halbschalen-Helmen, aber für einen Kopfumfang bis 62 cm absolut solide. Und was den Preis angeht, kann man ebenfalls nicht meckern: Es gibt deutlich teurere, aber auch günstigere Alternativen. Was die Optik betrifft, kommt der Deflectr in zwei Farben – Classic Black und Olive Metallic/Black – und ist in den Größen S, M und L erhältlich. Ab Februar soll zusätzlich eine Variante in Sandfarben/Schwarz – oder wie Canyon es nennt: „Desert Matte“, dazukommen. Unser zebraartiges Muster ist, wie der Name schon sagt, leider nur ein Muster. Vielleicht sollte Canyon darüber nachdenken, es ins Sortiment aufzunehmen ;)

Nice to have: Der Deflectr ist mit Canyons magnetischem Rücklicht-System kompatibel. Die optionale Leuchte kostet 29,99 € und lässt sich per Magnet unkompliziert an der dafür vorgesehenen Halterung befestigen.

Was ist RLS? – Release Layer System

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RLS stammt vom gleichnamigen Unternehmen aus UK. RLS steht für Release Layer System und verfolgt die gleiche Grundidee wie MIPS: Rotationskräfte, die bei schrägem Aufprall auf den Kopf wirken, sollen reduziert werden. Während MIPS eine zusätzliche, gleitfähige Innenschicht im Helm nutzt, arbeitet RLS außen. Auf der Helmschale sitzen einzelne „Layer“, die punktuell per Velcro befestigt sind.

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Hinweis: Bitte nicht selbst auseinanderbauen – zu häufiges Öffnen kann die Schutzwirkung des RLS-Layers beeinträchtigen.

Der Clou: Zwischen Helm und Layer liegen hunderte winziger Polycarbonat-Kugeln – etwa 2 mm groß und mit rund 3 mm Abstand zueinander. Bei einem schrägen Aufprall sollen sie sich lösen, einen Slide-Effekt erzeugen und so einen Teil der Rotationsenergie ableiten. Genauer gesagt läuft das RLS in drei Schritten ab: Reagieren, Rollen, Lösen. Beim Aufprall aktiviert die spezielle Klebeschicht das System: Die Panels werden frei beweglich und können auf den Kugeln in jede Richtung rollen. Falls das noch nicht genügt oder mehr Kraft einwirkt, können sich die Layer von der Helmschale lösen, um zusätzliche Energie umzuleiten, sozusagen zu deflektieren, und Rotationskräfte weiter zu reduzieren.

Spannend sind die Messwerte, die laut Angaben des Biomechanik-Labors der Universität Straßburg vorliegen: Demnach soll ein RLS-Helm je nach Aufprallrichtung die Rotationsgeschwindigkeit im Vergleich zu einem identischen Helm ohne RLS um durchschnittlich 56–66 % verringern.

Und Canyon stützt sich auch auf die schwedische Versicherungsgruppe Folksam, die nach eigenen Angaben entsprechende Vergleichsdaten veröffentlicht: In ihren Tests würde ein Helm mit RLS die modellierte Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung auf rund 14 % senken, während vergleichbare Helme mit MIPS im selben Testfeld bei etwa 43 % liegen. Wichtig: Diese Werte basieren auf definierten Labor-Szenarien und lassen sich nicht eins zu eins auf reale Stürze übertragen. Sie zeigen jedoch, wie RLS in kontrollierten Messumgebungen aus Sicht der jeweiligen Testinstitution abgeschnitten hat.

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Fakt ist: Im Virginia-Tech-Ranking steht der Deflectr aktuell auf Platz 1 mit 5 von 5 Sternen. (Im Urban-Ranking hält der Miden von der Firma HEXR den Spitzenplatz, ebenfalls mit RLS ausgestattet). Ein starkes Ergebnis (zwei starke Ergebnisse), auch wenn die Tests natürlich unter Laborbedingungen stattfinden.

Was ist das Virginia-Tech-Ranking? Kurz gesagt: Die Virginia Tech University bewertet Fahrradhelme nach ihrem Schutzpotenzial bei linearen und rotatorischen Stößen. Das Ranking gilt als eines der anerkanntesten und unabhängigsten Bewertungsmodelle – ein guter Orientierungspunkt für Endverbraucher*innen.

ABER: Jeder Kopf und jeder Sturz ist anders – kein Labor kann jede reale Situation abbilden. Studien zeigen zwar, dass Systeme zur Reduktion von Rotationskräften wie RLS oder MIPS grundsätzlich funktionieren, aber sie sind kein Garant für absolute Sicherheit. Universitäten wie die Virgina Tech testen die Helme und geben ihnen einen Score. Was aber auch nicht bedeutet, dass der Helm mit dem besten Score euch am besten schützt. Das tut er nur im Vergleich zu den anderen in genau demselben Szenario.
Wir testen die Schutzwirkung natürlich nicht am eigenen Schädel. In der Theorie aber wirkt das System schlüssig, und die bisherigen Daten unterstützen das – doch der ultimative Crash-Test bleibt hoffentlich aus.

Wichtig: Das RLS deckt den Helm nicht zu 100 % ab. Stürzt man also auf Stellen, wo die Layer nicht angebracht sind, funktioniert das System nicht. Wie beim Fußball: Tor ohne Torwart …

Auf die Rübe – Der Canyon Deflectr im Praxis-Test

Alle Verstellsysteme komplett geöffnet: Passt der Canyon Deflectr in Größe L auch auf den Kopf unseres Testers Ulle. 62 cm Kopfumfang? Kein Problem.

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Das Einstellrad am Hinterkopf lässt sich leicht bedienen, auch mit Handschuhen. Zusätzlich kann man die Hinterkopf-Verstellung in drei Positionen anpassen, ohne das Gefühl zu haben, gleich etwas abzubrechen. In der tiefsten Position liegt das Kunststoffteil jedoch direkt am Kopf an – ohne Polsterung. Bei längeren Touren drückt es deshalb leicht auf die Birne, was allerdings auch an der Kopfform unseres Testers liegen kann. Auf unserem Tagestrip in die Pfalz hat sich das nach rund zwei Stunden bemerkbar gemacht. Was etwas unangenehm ist, allerdings durch ein paar Drehungen am Einstellrädchen wieder deeskaliert wird.

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An der Stirnseite des Helms sieht man die Luftkanäle, die nochmal eine bessere Luftzirkulation ermöglichen.
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Das Hinterteil des Helms hat nur wenige Polster, dafür kann man das Einstellrädchen in drei Positionen verstellen.

Positiv aufgefallen: Die Belüftung des Helms ist gut. Er ist weder übermäßig luftig noch zu warm. Zwar waren wir noch nicht bei 25 °C im Hochsommer unterwegs, aber die Anordnung der Luftöffnungen ist sinnvoll und verhindert Hitzestau an eurem Kopf.

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Das Highbar-Kinnriemensystem funktioniert nahezu einwandfrei. Man sollte es nur nicht zu fest ziehen, damit man sich noch unterhalten kann oder zu leicht, damit der Bügel nicht von selbst über das Kinn rutscht. Einziger Kritikpunkt: Wer eine Brille trägt, muss den Bügel komplett öffnen, um den Helm abzunehmen, ohne das Gestell der Brille zu streifen. Für alle, die ihre Brillen nicht immer auf der Nase tragen, gibt es ein Brillenfach. Zwei kleine Gummieinsätze unter dem Visier halten die Brille sicher – sogar auf dem Trail bergab. Allerdings passt sie nur hinein, wenn das Visier auf der obersten der drei Positionen steht. Dafür drückt nichts an den Schläfen und die Brille bleibt zuverlässig an Ort und Stelle, wenn ihr sie dort für den Uphill platziert.

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Was die Optik angeht: Der Deflectr ist mit seinem Highbar-System definitiv gewöhnungsbedürftig und Geschmackssache – ein kleiner Erlkönig unter den Fahrradhelmen.

*Crash-Test Video: Keine Redakteure sind während unserem Test (ernsthaft) zu schaden gekommen.

Fazit zum Canyon Deflectr Helm mit RLS-Technologie

Der Canyon Deflectr-Helm überzeugt mit seinem RLS-System durch beeindruckende Laborwerte und starke Ergebnisse in den Tests der Universitäten von Virginia und Straßburg. Aber Fakt ist auch, dass das System nicht den kompletten Helm bedeckt, was den Nuzten natürlich einschränkt. Schlägt man auf entsprechender Stelle ein, kann das RLS nicht reagieren. Auf dem Trail liefert der Helm eine solide Performance. Kleinere Schwächen wie das Highbar-System, das für Brillenträger*innen etwas unpraktisch ist, trüben das Gesamtbild nur gering. Punkten kann der Deflectr mit gutem Sitz, sinnvoller Belüftung und einem insgesamt fairen Preis. An die Optik muss man sich zwar etwas gewöhnen, doch wer damit leben kann und einen zuverlässigen, modernen Halbschalen-Helm sucht, ist hier gut aufgehoben.

Tops

  • hoher Tragekomfort
  • gute Belüftung
  • Bestnote bei Virginia Tech

Flops

  • Highbar-System 1.5 kann Brillenträger nerven
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Mehr Infos unter findet ihr unter Canyon.com


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Text & Fotos: Robin Ulbrich