Fette Sprünge, große Drops und harte Steinfelder – wer es gern richtig krachen lässt, braucht dafür das passende Bike. Gut, dass mit dem brandneuen Canyon Torque und dem grundlegend überarbeiteten YT CAPRA vor Kurzem zwei brandheiße Bikes für dieses Einsatzgebiet präsentiert wurden. Auf dem Papier sind sich beide Bikes sehr ähnlich, doch welches kann in der Praxis mehr überzeugen?

Es ist gar nicht so lange her, da wurden Bikes mit 180 mm Federweg bergauf entweder im Lift, per Shuttle oder schiebend fortbewegt. Freeride nannte sich damals die Kategorie, die durch den Einzug immer potenterer Endurobikes ihre Daseinsberechtigung verloren hat. Jetzt läuten Bikes wie das Canyon Torque oder das YT CAPRA mit 180 mm Federweg eine Renaissance der Freeride-Bikes ein – und sind dabei ihren damaligen Vorbildern um einiges überlegen.

Canyon Torque CF 9.0 Pro

Canyon Torque CF 9.0 Pro | 180/175 mm (v/h) | 14,10 kg | 4.999 €

Federgabel FOX 36 Factory
Dämpfer FOX Factory Float X2
Antrieb SRAM X01 Eagle
Bremsen SRAM Code RSC
Laufradsatz Mavic Deemax Pro
Reifen Mavic Claw Pro XL 2.5/Charge Pro XL 2.5 (v/h)
Vorbau Canyon G5
Lenker Canyon G5 Carbon
Sattelstütze RockShox Reverb Stealth
Gewicht 14.10 kg
Preis 4.999 €

Das Canyon Torque war viele Jahre das Bikepark-Bike schlechthin. Mit massig Federweg, robustem Rahmen und einem fairen Preis war es die erste Wahl für alle, die ein Rad für maximalen Fahrspaß bergab suchten – Uphills waren jedoch immer eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Das änderte sich mit der im letzten Jahr vorgestellten Version. Das Rad besitzt noch immer satte 180 mm Federweg in Front und 175 mm am Heck. Optisch reiht es sich im bereits neu designten Line-up ein und schlägt die Brücke zwischen dem Trailbike Spectral und dem Downhillbike Sender. Es ist sowohl als Alu- als auch Carbon-Variante erhältlich, wobei auch das von uns getestete, 4.999 € teure Topmodell über einen Aluminium-Hinterbau verfügt.

Fade to black
Der Farbverlauf des Canyon Torque weiß zu gefallen. Generell wirkt der Carbon-Hauptrahmen sehr edel, der Alu-Hinterbau kann bei der Formsprache dagegen nicht ganz mithalten.
Praktisch
Bei der von Canyon entwickelten Steckachse verschwindet der Verstellhebel nach der Benutzung im Inneren der Achse. Cleane Optik und schnelle Bedienung – hier gibt es beides!
Aus eigenem Haus
An den Abmessungen des Cockpits gibt es nichts auszusetzen. Allerdings wirkt der Vorbau sehr wuchtig und weniger hochwertig als der Renthal des CAPRA.
Überfordert
Der Mavic Charge XL-Reifen ist dem Torque nicht gewachsen. Ihm fehlt es speziell bei Nässe an Grip und Seitenführung.

YT CAPRA 27 CF Pro Race

YT CAPRA 27 CF Pro Race | 180/180 mm (v/h) | 13,90 kg | 5.199 €

Federgabel FOX 36 Factory
Dämpfer FOX Factory Float X2
Antrieb Shimano XTR
Bremsen SRAM CODE Ultimate
Laufradsatz e*thirteen TRSr Carbon
Reifen e*thirteen TRSr/TRS+
Vorbau Renthal Apex
Lenker Renthal Flatbar Carbon
Sattelstütze FOX Transfer Factory
Gewicht 13.90 kg
Preis 5.199 €

Das YT CAPRA war schon immer ein Endurobike, das auch vor gröbstem Terrain nicht zurückschreckte. Mit der neuesten Modellgeneration hat YT im letzten Jahr nicht nur eine 29”-Version vorgestellt, sondern dem Topmodell CAPRA 27 CF Pro Race auch satte 180 mm Federweg spendiert. Wie schon sein Vorgänger setzt auch das neueste CAPRA auf einen V4L-Viergelenkhinterbau und reiht sich perfekt ins Line-up des deutschen Direktversenders zwischen dem Downhillbike TUES und dem Trailbike JEFFSY ein. Preislich schlägt das von uns getestete Topmodell mit 5.199 € zu Buche.

Extra kurz
Dank des kurzen Sitzrohrs kann man als Fahrer in der Regel problemlos zwischen mindestens zwei Rahmengrößen wählen. Wir haben uns für die größere entschieden.
Unschön
Die Gummistopfen sollen den Eintritt von Dreck und Feuchtigkeit in das Innere verhindern, leider rutschen sie jedoch ständig aus dem Rahmen
Massiv
Der gesamte Rahmen des YT CAPRA 27 CF Pro Race fällt sehr voluminös aus, wodurch das Rad ziemlich massiv wirkt. Das Gewicht fällt mit 14 kg aber erstaunlich gering aus.
Gut gemixt
YT setzt beim Antrieb aller CAPRA-Modelle auf einen Mix aus Shimano- und E-Thirteen-Komponenten. Der Antrieb besitzt 511 % Übersetzungsbandbreite und soll besonders zuverlässig und robust sein.

Die Geometrie der Bikes

Nicht nur auf den ersten Blick sind sich die beiden Bikes auf dem Papier sehr ähnlich. Sie besitzen beide 27,5”-Laufräder, ca. 180 mm Federweg, flache Lenkwinkel um 65° und kurze Kettenstreben, wobei die des Torque mit 428 mm noch einmal 4 mm kürzer ausfallen als die des CAPRA (432 mm). Die größten Unterschiede der beiden Bikes sind bei der Tretlagerhöhe, dem Reach und der Sattelrohrlänge zu finden. Mit 15 mm Tretlagerabsenkung steht man beim Torque satte 7 mm tiefer unter der Radachse als beim CAPRA. YT lässt den meisten Fahrern dank kurzer Sitzrohre die Wahl zwischen zwei Rahmengrößen. Bei Canyon waren unsere 180 cm großen Tester dagegen aufgrund des langen Sitzrohrs auf das Rad in Größe Large festgelegt. In Sachen Reach liegt das Torque in Large mit 460 mm zwischen dem CAPRA in Large (455 mm) und Extra Large (475 mm). Bei YT haben wir uns für die größere Rahmengröße entschieden.

Bike (in L) Canyon Torque CF 9.0 Pro YT CAPRA 27 CF Pro Race
Sattelrohr 455 mm 450 mm
Oberrohr 642 mm 617 mm
Steuerrohr 135 mm 120 mm
Lenkwinkel 65° 65°
Sitzwinkel 74° 75°
Kettenstrebe 428 mm 427 mm
Tretlager Höhe 15 mm 8 mm
Radstand 1.219 mm 1.219 mm
Reach 460 mm 455 mm
Stack 636 mm 617 mm

 Mission erfüllt: Federweg ist dazu da genutzt zu werden!

Die Ausstattung der Bikes

Wie von Canyon und YT nicht anders gewohnt, fällt die Ausstattung beider Bikes extrem hochwertig aus. Beide Räder verfügen über ein FOX Factory-Fahrwerk, bestehend aus einer 36 FLOAT-Federgabel und einem X2-Dämpfer, und beide haben eine kraftvolle SRAM Code-Bremsanlage. YT verbaut sogar Carbon-Bremshebel, wodurch die Bremse den Namenszusatz „Ultimate“ besitzt – serienmäßig ist die Code so von SRAM nicht erhältlich. Bei den Laufrädern und Reifen setzt YT auf E13 TRSr-Carbonlaufräder mit passenden Reifen, Canyon verbaut Mavic Deemax Pro-Laufräder und Reifen aus gleichem Haus. Leider fehlt es dem Charger Pro-Hinterreifen an Grip und Spurstabilität. Hier wäre die MAXXIS-Kombination, die bei den günstigeren Torque-Modellen zum Einsatz kommt, die bessere Wahl. Auffallend ist auch die unterschiedliche Schaltung: Canyon setzt auf eine SRAM X01 Eagle, YT auf einen Mix aus Shimano-Schaltwerk und -Hebel, Race Face-Kurbel und E13-Kassette – in der Praxis konnten uns beide System überzeugen. Während Canyon ein eigens entwickeltes Cockpit verbaut, bekommt man bei YT hochwertiger wirkende Renthal-Komponenten. Positiv für Canyon: die satten 170 mm Verstellbereich der RockShox Reverb. YT entschied sich dagegen für eine FOX Transfer mit 150 mm. Insgesamt bekommt man beim YT trotz des Mehrpreises von 200 € etwas mehr fürs Geld.

 Just send it! Mit diesen Bikes kein Problem!

Vor der Abfahrt steht der Uphill

Bevor die Bikes in der Abfahrt beweisen können, was in ihnen steckt, muss man mit ihnen erst mal bergauf. Trotz des satten Federwegs von rund 180 mm am Heck sind beide Hinterbauten überraschend antriebsneutral. Allerdings empfiehlt sich für lange, technische Uphills der Griff zum Verstellhebel am Dämpfer. Beim CAPRA fällt die Plattformdämpfung ausgeprägter aus als beim Torque, wodurch man etwas weiter aus dem SAG gehoben wird und das Heck noch straffer abgestimmt ist. Aufgrund des sehr tiefen Tretlagers muss man bei technischen Uphills mit dem Torque außerdem ein Auge auf die Pedale haben – hier setzt man schneller auf als mit dem YT. Auch in Sachen Sitzposition liegt das CAPRA vorn. Speziell im steilen Uphill sitzt man aufgrund des etwas steileren Sitzwinkels zentraler im Rad und pedaliert noch etwas entspannter bergauf – auch wenn der Rollwiderstand der E13-Reifen deutlich über dem der Mavic-Pneus liegt. Insgesamt klettert aber auch das Torque für ein Bike dieser Klasse sehr passabel bergauf und ist problemlos für längere Touren geeignet. Die Runde geht jedoch an YT.

Die Paradedisziplin: die Abfahrt

Trotz der vermeintlich sehr ähnlichen Werte auf dem Papier sind die Unterschiede in der Abfahrt sehr deutlich spürbar – besonders beim Fahrwerk. Der Hinterbau des CAPRA fühlt sich deutlich satter und plusher an als der des Torque. Mit dem YT planiert man jedes Steinfeld und schwebt über Wurzeln wie auf einem fliegenden Teppich. Dennoch sackt das Rad nicht unangenehm weg. Das Canyon dagegen vermittelt deutlich mehr Feedback vom Untergrund und fühlt sich insgesamt straffer an. Im Gegenzug ist es spürbar spritziger, wirkt lebendiger und es lässt sich mit ihm auf flowigen Trails durch Pushen deutlich mehr Speed aufbauen. Wenn es einmal wirklich brenzlig wird und man eine Linie versemmelt, besitzt aber auch das Canyon mehr als genug Reserven, um Fahrfehler zu kompensieren.

Durch das satte Fahrwerk, gepaart mit der insgesamt etwas längeren Geometrie, zieht das CAPRA dem Torque im stark verblockten, steilen Gelände davon. Das Bike motiviert den Fahrer permanent dazu, noch etwas schneller zu fahren und die Bremse offen zu lassen. Das Canyon dagegen hat bei schnellen Kurvenkombinationen und in engen Sektionen die Nase vorn und fährt sich hier deutlich agiler. Dank des tieferen Tretlagers und des höheren Stacks steht man noch etwas integrierter im Bike, fährt das Rad aufgrund der kurzen Kettenstreben aber etwas mehr von hinten. Es ist daher nötig, die Front bewusster zu belasten als beim CAPRA, um in allen Situationen immer ausreichend Grip am Vorderrad zu generieren.

 Auf flowigen Trails begeistert das Torque, auf der Downhillstrecke punktet das YT!

Bei den Reifen leisten sich leider beide Räder Schwächen. Während wir die Mavic-Pneus am Canyon aufgrund des geringen Grips bei Nässe und der mäßigen Seitenführung direkt durch einen Satz MAXXIS Minion DHR II ersetzt haben, würden wir die E13-Reifen erst durch MAXXIS-Pneus ersetzen, wenn sie verschlissen sind. An den E13-Modellen störten uns der insgesamt etwas zu hohe Rollwiderstand und die hohen Seitenstollen, die gerade auf gebauten Bikepark-Trails dazu führen, dass der Reifen bei größerer Schräglage in Kurven wegknickt. Die restlichen Komponenten beider Bikes gaben keinerlei Grund zur Beanstandung.

Fazit

Welches Bike gewinnt nun das Duell? Am Ende kann es nur einen Sieger geben und der heißt in diesem Duell YT CAPRA 27 CF Pro Race. Das Rad begeistert mit seinem sehr sicheren, ausgewogenen Handling und den enormen Reserven auf harten Strecken. Dank des kurzen Sitzrohrs können fast alle Fahrer zwischen zwei Rahmengrößen wählen. Wer ein Bike für gröbstes Gelände sucht, das sich obendrein entspannt bergauf pedalieren lässt, greift zur größeren Version. Wer Wert auf ein eher verspieltes, agiles Handling legt, sollte zur kleineren Rahmengröße greifen. Oder man holt sich das Canyon Torque CF 9.0 Pro, auch mit ihm ist man bestens gerüstet, muss jedoch leichte Abstriche bergauf und in sehr verblockten Sektionen in Kauf nehmen. Dafür erhält man jedoch ein noch etwas agileres und direkteres Bike.

Canyon vs. YT – ein Duell wie aus einem Wild-West-Film

Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Abwechslung – das ist für Christoph das Wichtigste. Sowohl auf dem Bike als auch bei seiner Tätigkeit für ENDURO. Er kümmert sich federführend um das sechs Mal im Jahr erscheinende Magazin und ist dort gleichzeitig Fotograf und Redakteur. Auf dem Rad trifft man ihn vor allem im alpinen Terrain an, wo er neben flowigen Trails auch gerne mal eng verwinkelte oder verblockte Strecken in Angriff nimmt.