Die Jeans war nie als Statement gedacht. Beim Weltcup-Auftakt 2019 in Maribor schlenderte Johannes in einen Shop, fand, ohne nach ihr zu suchen, eine Stretch-Denim und behielt sie kurzerhand für den Rennlauf an. Kein Sponsor, kein Vertrag – also warum nicht? Der Run war schnell. Schnell genug, um aufzufallen. Ben Cathro taufte ihn auf Pinkbike prompt den „Denim Destroyer“. Der Name blieb hängen.
Johannes fuhr als Privateer. Mit Handy in der Hosentasche, nicht als Gag, sondern aus Notwendigkeit. Falls das Restaurant anrief. Unter der Woche war er Koch, am Wochenende Racer. Keine Struktur im Hintergrund, kein Sicherheitsnetz. Dafür Talent, Ruhe und die Fähigkeit, im entscheidenden Moment abzuliefern. In Leogang startete der Südtiroler mit der Nummer 69, qualifizierte sich als Sechzehnter und wurde im Finale 31. Wyn Masters überreichte ihm anschließend den Privateer Award, während er mit einem Bein schon im Auto Richtung München saß. Am nächsten Tag wartete die Arbeit.
2019 war sportlich sein stärkstes Jahr. In Andorra qualifizierte er sich als Neunter zwischen Loïc Bruni und Aaron Gwin, am Tag darauf erreichte er als Vierzehnter das Ziel. In Val di Sole verpasste er wiederholt wegen seiner Arbeit den Trackwalk, qualifizierte sich trotzdem als Neunter. Ergebnisse, die im Weltcup auffallen – vor allem unter diesen Umständen. Sportlich öffneten sich die Türen. Ausgehend von seinem ersten Verein „Tiroler Radler“ ging es über GHOST RRP zu MS MONDRAKER. Ein großer Schritt. Plötzlich war Johannes Teil eines der stärksten Teams im World Cup, mit Fahrern wie Martin Maes und Wyn Masters an seiner Seite. Erwartungen ersetzten Improvisation.
Ende 2019 folgte der nächste Schritt: GT Factory Racing. Ein echtes Werksteam. Alpinestars wollte ihm, wie er selbst sagte, „endlich anständige Jeans“ machen. Dann kam die Pandemie. Die Saison 2020 verlor ihren Rhythmus, Rennen fielen aus, Planung wurde unmöglich.
2021 sollte eigentlich sein stärkstes Jahr werden. Fitnesstechnisch war Johannes auf dem höchsten Niveau – bereit für eine Topplatzierung. Doch schon seit etwa 2017 hatte er einen stillen Pakt mit sich selbst geschlossen: Er würde das Downhill-Rennsport-Kapitel beenden, sobald er entweder einen Weltcup gewann – oder sich das nächste Mal schwerer verletzte. Downhillen war sein Hobby, eines, in dem er außerordentlich talentiert war. Doch der Grat zwischen Sieg und Niederlage – auch durch Verletzungen – ist bei diesem Sport auf diesem Niveau sehr schmal. Beim ersten Get-together nach der Pandemie, dem „Not a Race“-Event in Schladming, holte ihn der Pakt ein: Johannes brach sich die Hüfte. Im Weltcup ist das kein Zwischenzustand. Es ist ein Wendepunkt.
Preisgelder stehen bis heute in keinem Verhältnis zur Reichweite des Sports.
Während der Reha hatte er bereits sein erstes Bistro in Bozen eröffnet – ein Projekt, dem er sich nun vollständig widmen konnte und wollte.
Gleichzeitig wuchs die Ernüchterung über ein System, in dem Fahrer das Risiko tragen, während andere von der Sichtbarkeit profitieren. Preisgelder stehen bis heute in keinem Verhältnis zur Reichweite des Sports, sagt Johannes, ein belastbares Sicherheitskonzept im Downhill-Weltcup fehlt. Im März 2022 zog er einen klaren Schlussstrich. 26 Jahre alt. Ein Instagram-Post reichte: Abschied vom Racing, Dankbarkeit für tolle Momente, ein neues Kapitel.
Wir besuchen Johannes auf seiner Hütte in Südtirol. Verfahren uns mehrmals, müssen hier und da Google Maps checken, was dank schwachem Signal schwerfällt. Wir rufen an, lassen uns jetzt die analogen Koordinaten durchgeben. Gefunden. Johannes begrüßt uns in Kochschürze und Jeans. Sympathisches Lächeln, freundliche Stimme. Er winkt uns rein in seine Hütte, mixt uns im Handumdrehen einen alkoholfreien Drink. Ein Mix aus Skiwasser und Aperol. Danach setzt er sich zu uns. Seit dem Sommer 2022 führt er hier die Starkenfeldhütte auf der Rodenecker-Lüsner-Alm. 2.000 Meter über dem Meer, Blick auf die Dolomiten, die Stubaier Alpen im Rücken. Gaststube, Zimmer, Suiten, Terrasse mit Jacuzzi, Seminarraum. Neben der Hütte eine kleine Sennerei. 17 Kühe. Eigener Käse.
Er bewirtet Wanderer, Mountainbiker und Langläufer. Manche erkennen ihn. Die meisten nicht. Seine Hometrails verlaufen direkt hinter der Hütte. Die besten der Region, sagt er. Während er uns über die Alm führt, ist die Ruhe spürbar. Keine Bestzeiten, keine Ranglisten. Das Bike steht heute öfter, als es bewegt wird. Und wenn er fährt, muss er manchmal erst den Staub abwischen. Dann geht es die Hometrails hinunter. Kein Publikum, kein Flatterband. Dafür Weltcup-Tempo. Nur für sich.
Seine Beschreibungen der Tracks machen neugierig. Wir schnallen die Bikes von den Heckträger, setzen den Helm auf und packen die Kamera ein. Johannes braucht noch fünf Minuten, die Sonne steht bereits tief. Der Ausblick erinnert an Montana. Man erwartet fast, dass John Dutton in der Nähe seine Ranch hat. Wir rollen entspannt los, genießen das Panorama und freuen uns auf die Trails. Johannes fährt natürlich in Jeans.
Schmal, technisch, nicht markiert – so liebt Johannes die Trails hier oben. Wir folgen ihm die ersten Meter in die Abfahrt, dann ist er weg. Nach ein paar Kurven steht er wartend am Rand. Kurz darauf hängt er uns wieder ab. Irgendwie war das zu erwarten. Trotzdem haben wir Spaß und verstehen, warum Johannes sich hier wohlfühlt. Bis …
… die Kette reißt.
Wir schieben gemeinsam zu einem Aussichtspunkt. Die Sonne sinkt weiter und legt einen warmen, goldenen Teppich über die Berge. Es sind diese Momente, in denen man schweigt, innehält und sich fragt, warum man nicht eigentlich auch hier wohnt. Nachdem die Luftschlösser über unseren Köpfen vom kalten Wind verweht wurden, ziehen wir die Jacken an und pushen Johannes auf unseren E-Bikes zurück zur Hütte. Denn Johannes muss – wie schon damals – zurück in die Küche.
Die Szene hat ihn nicht vergessen. Seine Videos werden noch immer angesehen. Der Typ in Jeans ist Referenz geblieben. Nicht wegen eines Titels oder einer Platzierung, sondern wegen der Haltung. Johannes von Klebelsberg hat gezeigt, wie ein Leben nach der Rennkarriere aussehen kann. Es ist eine Entscheidung.
Man muss nicht aufhören. Man muss nur eine neue Linie finden.
Das Wettkampf-Gen ist übrigens nicht ganz erloschen: Seit zwei Jahren nimmt Johannes regelmäßig am Erzbergrodeo teil – natürlich mit wenig Training, in Jeans und Handy in der Tasche. 2025 schaffte er es als Neunundneunzigster in die Top 100. Ein Hobby eben.
Ach ja: Die perfekte Downhill-Jeans, die er damals in Maribor fand? Nach Jahren des Testens verschiedener Modelle verkauft Johannes sie heute online. Weltcup-erprobt und hüttenkompatibel sozusagen. Wer kein Bock auf Standart-Pants hat, hier werdet ihr fündig.

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Text: Julian Lemme Fotos: Sven Martin, Robin Schmitt, Julian Lemme,
