Wir sind alle unterschiedlich. Wir fahren verschiedene Autos, wir haben unterschiedliche Musikgeschmäcker, wir verlieben uns in verschiedene Menschen. Wieso also fahren wir oft die gleichen Bikes? Wenn ihr ein Bike wollt, das genauso individuell ist wie ihr selbst, dann hilft nur eins: Es selbst aufbauen – und das haben vier unserer Redakteure gemacht.

Unsere Redakteure Andi, Christoph, Felix und Trevor haben sich diesen Sommer ihre Traum-Bikes von Grund auf aufgebaut. Ihre Kreationen entsprechen dem, wie sie fahren, wo sie fahren und was ihnen sonst beim Biken wichtig ist. Vier völlig unterschiedliche Typen, vier völlig unterschiedliche Bikes. Hitzige Debatten wurden geführt, Unmengen an Notizen und E-Mails geschrieben, und nach und nach wurden Ideen und Träume in der Werkstatt zur Realität. Das Ergebnis? Vier einzigartige Bikes!

Es ist Zeit, euch die Vier und ihre einzigartigen Bikes vorzustellen:

Canyon Strive CFR

Canyon Strive CFR | Christoph Bayer | 170 mm/150 mm (v/h)

Bikepark, alpine Tour oder Home-Trail-Runde – das Strive sollte ein echter Alleskönner werden!

Jobbedingt bin ich in der glücklichen Lage, jede Menge neue Bikes zu testen. Und trotzdem bin ich ein großer Fan der Idee, ein einziges, perfektes Bike für jede Situation zu haben. Ich will mir keinen Kopf darüber machen müssen, ob es heute für den Bikepark taugt und morgen auf flowigen Trails auch Spaß macht. Das Rad muss leicht und effizient genug sein für lange Tage im Sattel, aber auch potent und robust, um es mal richtig krachen zu lassen. Ich mag eine ausgewogene Geometrie und ein progressives Fahrwerk, das ausreichend Gegenhalt bietet, aber auch bei kleineren Schlägen sensibel anspricht. Mir geht es nicht darum, Unmengen an Federweg zu haben, sondern darum, dass dieser effektiv genutzt wird ‒ sonst kann sich so ein Bike auch sehr behäbig anfühlen. Mein ideales Bike muss auf schnellen, super wurzeligen Abfahrten satt liegen, aber auch agil genug sein, um noch eine schnelle High-Line mitzunehmen.

Warum ich mich für das Canyon Strive CFR entschieden habe:
Ist das nicht merkwürdig: Ich kann mir jedes Bike auf diesem Planeten aussuchen und entscheide mich ausgerechnet für das Canyon? Aber ganz ehrlich, die Zeiten, in denen man von Direktversendern nicht mehr erwarten konnte als ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sind vorbei. Das Canyon Strive CFR hat mich und unsere gesamte Testcrew in den letzten beiden Vergleichstests überzeugt. Es kombiniert Eigenschaften, die auf den ersten Blick als unvereinbar gelten, es ist agil und laufruhig, schnell und verspielt, es ist effizient und verleiht doch viel Sicherheit. Und um dieses fantastische Bike noch besser zu machen, habe ich mich für die neue SRAM AXS-Antriebsgruppe, High-End-Carbon-Laufräder, Michelin-Reifen mit Rimpact-Reifen-Inserts und gigantische 220-mm-Bremsscheiben entschieden. Ich bin auch ein sehr design-orientierter Typ, deshalb ist es mir wichtig, das Bike so clean wie möglich zu gestalten.

Hier findest du alle Informationen zu Christoph’s Strive.


NICOLAI G1 29

NICOLAI G1 | Felix Stix | 180 mm/175 mm (v/h)

Abgesehen von Downhill-Racern braucht eigentlich keiner mehr ein Downhill-Bike. Long-Travel-29er wie das G1 können es mit wirklich jeder Strecke aufnehmen.

Habt ihr schon mal vom Roadie-Trend „Everesting“ gehört? Das ist eine Challenge, bei der die Dudes in Lycra-Klamotten einen Berg so lange hoch- und wieder runterfahren, bis sie auf 8.848 gefahrene Höhenmeter kommen. Am Wochenende ist genau das eine meiner ultimativen Lieblingsbeschäftigungen, mit dem Unterschied, dass ich den Lift benutze. Je ruppiger die Downhill-Trails, umso besser! DH-Worldcup-Strecken und EWS-Stages sind genau meine Welt. Aber ein reines Downhill-Gerät ist für mich dann doch keine pefekte Option, denn meistens findet man die wirklich schönen Trails einen kleinen Anstieg von der Liftstation entfernt. Und habe ich schon meinen Fahrstil erwähnt? Draufhalten und durch, je härter desto besser – das beschreibt es wohl am besten. Deshalb kombiniert mein Traum-Bike die Zuverlässigkeit eines Toyota Hilux mit der Traktion eines Traktors und dem Tempo eines Rennwagens. Und außerdem mag ich große Laufräder und Bewegungsfreiheit auf dem Bike.

Warum ich mich für das NICOLAI G1 29 entschieden habe:
Lang, flach und tief – jede Marketingabteilung benutzt die drei magischen Wörter gerne. Bei genauerer Betrachtung der Geometrietabellen erweist sich das meist aber als, naja, Marketing-Bullshit. Doch nicht bei NICOLAI: Das radikale Geolution-Konzept hat Pioniercharakter für die gesamte Branche. Mit einem 62.5°-Lenkwinkel, mächtigen 515 mm Reach in Größe L und etwa 170 mm Federweg vorne wie hinten ist dieses Bike zum Schnellfahren gemacht. Das Fahrwerk besteht aus einer Manitou Mezzer-Federgabel vorne und einem EXT STORIA-Stahlfederdämpfer hinten. Wer schnell fahren will, muss noch schneller bremsen können – die Trickstuff MAXIMA-Bremsen gehören zu den kraftvollsten Stoppern, die ich je gefahren bin. Trotz ihres Preises von 1.100 € passen die gefrästen Bremsen perfekt zum NICOLAI-Rahmen. Um auf steilen Abfahrten mehr Selbstvertrauen zu haben, habe ich außerdem die OneUp Components Dropper V2-Sattelstütze mit 210 mm Hub montiert.

Die Geschichte hinter Stixi’s NICOLAI G1 und alle Details findet ihr hier.


Nordest Britango

Nordest Britango Ti | Andreas Maschke | 130 mm

Die Wildnis ruft…das Nordest antwortet

Für mich ist ein Bike nicht nur dazu da, Berge runter zu heizen und auf gebauten Trails Spaß zu haben. Ich schnalle auch gern Pack-Taschen dran und erkunde damit abgelegene Orte. Dafür brauche ich Platz am Bike, außerdem wünsche ich mir ein zuverlässiges Modell, das unkompliziert in der Wartung und Pflege ist. Daher liegt die Wahl eines robusten 29er-Hardtails nahe. Weil ich trotz alldem gern jeden Trail mitnehmen möchte, der mir vor die Reifen kommt ‒ mit oder ohne Gepäck ‒, ist eine ausgewogene Geometrie entscheidend. Nicht zu extrem, denn ich will den ganzen Tag komfortabel pedalieren können, aber dennoch mit einer gewissen Potenz in der Abfahrt. Auch auf einen breiten Lenker, einen kurzen Vorbau, eine absenkbare Sattelstütze und eine ordentliche Federgabel möchte ich nicht verzichten. Und wenn ich schon mal die Möglichkeit habe, mir jedes Material auszusuchen, dann greife ich zu Titan. Der Werkstoff stand schon immer ganz oben auf meiner Wunschliste und davon findet sich an meinem Aufbau eine Menge. Ganz im Gegensatz zu Carbon, aus dem am ganzen Bike nicht ein winziges Teil besteht.

Warum ich mich für das Nordest Britango entschieden habe:
Das Nordest Britango erfüllt alle meine Wünsche. Es ist aus Titan, hat 29er-Laufräder, jede Menge Befestigungsmöglichkeiten, das Oberrohr ist nicht zu tief gezogen und somit mit einer sinnvoll großen Rahmentasche kompatibel, und vor allem hat es eine schön ausbalancierte Geometrie. Der steile Sitzwinkel passt auf langen Anstiegen perfekt zum komfortablen Reach, aber der kompakte Hinterbau und der flache Lenkwinkel machen – vor allem ohne Gepäck – auch auf dem Trail jede Menge Spaß. Wegen meines selbst auferlegten Handicaps, keinerlei Carbon zu verwenden, mussten Kurbel und Lenker natürlich aus Titan sein *lacht*. Eine 130-mm-Stahlfedergabel liefert maximal zuverlässige Leistung. Der Rest des Aufbaus ist eine Mischung aus bewährten und komfortablen Parts, wobei der Antrieb eine interessante Kombination verschiedener Marken ist, die ihr normalerweise nirgends sehen werdet ‒ leichter, kompakter und mit größerer Bandbreite als die Durschnitts-Eagle. Abgerundet wird das Ganze durch ein Premium-Taschenset von Bedrock Bags, das speziell für Trail-orientierte Bikes designt ist.

Hier erfahrt ihr wie sich Andi’s Nordest fährt und wie er es im Detail ausgestattet hat.


Specialized Stumpjumper EVO

Specialized Stumpjumper EVO | Trev Worsey | 150 mm/140 mm (v/h)

Balance ist gut. Wenn man ein Rennen gewinnen will, ist Balance sogar sehr wichtig. Aber wenn man wild unterwegs sein will, ist sie nicht notwendig

Ein Bike auszusuchen, das perfekt zu meinem Fahrstil und meinen Hometrails passt, ist gar nicht so einfach, wie ich zuerst dachte. Ich lebe und fahre im schottischen Tweed Valley, wo es von super steilen, technischen und wurzeligen Trails nur so wimmelt. Riesige Steine, Drops oder Sprünge wie im Bikepark gibt es nicht, ein Trail-Bike mit aggressiver Geometrie und moderatem Federweg ist daher die beste Wahl, wenn man das Maximum aus diesem Terrain rausholen will. Wenn man in einem Tal lebt, bedeutet das stetiges Hoch- und wieder Runterfahren, meine After-Work-Standardrunden umfassen rund 25 km mit 1.400 hm Up- und Downhill. Dicke Bäume stehen oft nur ein paar Zentimeter vom Trail entfernt, sodass eine unkluge Linienwahl schnell in einer Kollision enden kann, und zwar einer heftigen. Weil man hier naturgemäß oft stürzen kann, sind super teure Carbon-Rahmen oder -Teile für mich auf Dauer nicht interessant. Ich fahre gerne lange Bikes mit flachem Lenkwinkel, denn die kommen mit den super steilen Abfahrten, auf denen ich unterwegs bin, am besten klar. Es stört mich nicht, beim Uphill ein paar Kilo mehr hochzuschleppen, wenn ich dafür bergab mehr Fahrspaß habe. Und schließlich bin ich nicht der Typ, der’s protzig braucht. Deshalb habe ich mich für etwas Unauffälliges entschieden. Ein vernünftiger Preis und Zuverlässigkeit sind mir wichtiger als eine Instagram-taugliche Optik.

Warum ich mich für das Specialized Stumpjumper EVO entschieden habe
Kein anderes Trail-Bike kann der irren Geometrie des Stumpjumper EVO das Wasser reichen. Es ist ein allgemein verbreiteter Irrglaube, dass man an einem 140er Trailbike keinen 63.5°-Lenkwinkel haben kann, ein Glück nur, dass das niemand dem Specialized-Team verraten hat, als es das Stumpjumper EVO konstruierte. Ich liebe das minimalistische, dezente Design, es ist ein perfektes „Sleeper-Bike“. Der Aufbau meine Traum-Bikes soll wie ein Standard-Bike aussehen, aber darin jede Menge Geheimnisse verstecken, die für mehr Grip und Kontrolle sorgen. Jede einzelne Komponente habe ich sorgfältig ausgewählt, wobei Zuverlässigkeit und Performance die Hauptkriterien sind, und kein unnötiges Geld für minimale Verbesserungen ausgegeben werden sollte. Herausgekommen ist ein brutales Bike, das es einem nicht leicht macht, es zu lieben – es ist ein echtes Monster!

Wie es Trev geschafft hat seinen Wolf im Schafspelz zu bauen, lest ihr hier.

Vier völlig unterschiedliche Bikes für vier völlig unterschiedliche Fahrer. Ein zuverlässiges Bikepacking-Hardtail aus Titan, ein durchgestylter Direktversand-Champion, ein Bike, das „radikal“ neu definiert, und ein „Sleeper“-Bike, das seine High-Performance-Qualitäten nicht auf den ersten Blick preisgibt. Wenn du dir eines der Bikes aussuchen könntest, welches würdest du wählen?

Dieser Artikel ist aus ENDURO Ausgabe #040

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Text: Trev Worsey Fotos: ENDURO-Team

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.