Was ist das schnellste Enduro-Bike 2020? In einer Zeit, in der fast keine Rennen stattfinden, haben wir einfach unser eigenes veranstaltet, um genau diese Frage zu beantworten. Dabei haben wir nicht nur einen klaren Sieger gefunden, sondern viele spannende Erkenntnisse gewonnen.

Inhaltsverzeichnis: Das erwartet euch in diesem Test

  1. Das Testfeld
  2. Wo und wie haben wir getestet?
  3. Unser Testteam
  4. Die spannendsten Erkenntnisse
  5. Die Tops & Flops im Test
  6. Das schnelleste Enduro-Race-Bike!
Let’s go racing! Mit 10 geilen Bikes im Gepäck sind wir nach Canazei gereist, um sie auf einer echten EWS-Stage zu testen.

Würde das Podium der EWS anders aussehen, wenn manche Fahrer andere Bikes fahren würden? Kann man seine Kumpel einfach abhängen, wenn man sich ein neues Rad kauft? Ist ein langes Bike schneller als ein kurzes? Um diese und viele weitere Fragen zu beantworten, sind wir mit den 10 heißesten Enduro-Bikes im Gepäck nach Canazei im Val di Fassa gereist. Der Ort war erst letztes Jahr Austragungsort der Enduro World Series und hätte es dieses verdammte Virus nicht gegeben, wäre die Enduro-Elite auch dieses Jahr wieder dort an die Startlinie gegangen. Stattdessen haben wir einen Teil der Stage 1 aus dem letzten Jahr mit einem SPORTident-Zeitmesssystem versehen und dort unser eigenes Rennen veranstaltet.

Canazei, das sind alpine Trails und grandiose Aussichten!

EWS-Team-Bikes und krass gepimpte Maschinen – Die Bikes in diesem Test

Es ist bereits der dritte Race-Bike-Vergleichstest, den wir bei ENDURO durchführen, und obwohl wir an den Anblick von teuren und exklusiven Bikes gewöhnt sind, sorgen die Maschinen, die wir für diesen Test erhalten, immer für besonders schwitzige Hände und jede Menge Vorfreude. So haben wir von Canyon, GT, Lapierre, Nukeproof, Specialized und Yeti waschechte Team-Bikes erhalten. Genau so getunt und eingestellt, wie sie die Profis in der EWS auch fahren. So steht das Strive genauso vor uns, wie es auch Jack Moir in der EWS fährt, und das Lapierre Spicy trägt nicht nur den Namen von Nico Vouilloz, es ist sein privates Race-Bike. Yeti hat uns das SB150 in Größe Medium geschickt – zu klein, würden die meisten jetzt meinen. Doch Richie Rude kommt bei einer Körpergröße von 180 cm mit dem Bike bestens zurecht. Mehr dazu später im Text!

In einer Zeit, in der sonst kaum Rennen stattfinden, haben wir einfach unser eigenes veranstaltet – inklusive Startnummern von der EWS.
Wir haben für diesen Test echte Team-Race-Bikes erhalten. Getunt und gepimpt bis ans Limit!

Abgerundet wurde unser Testfeld durch Bikes, die gerade super angesagt und interessant sind. So hat COMMENCAL uns das neue META AM im ultraschicken polierten Silber mit FOX Factory-Fahrwerk geschickt. RAAW hat ein komplett schwarzes Madonna an die Startlinie gestellt. YT und Trek haben uns Serien-Bikes geliefert, bei denen wir allerdings für eine möglichst hohe Chancengleichheit die Reifen getauscht haben – mit dünnwandigen Karkassen hätten sie auf unserem Testtrack nämlich keine Chance gehabt. Wie schlägt sich das brandneue Trek Slash 2021? Wir haben es bereits Wochen vor der Vorstellung des Bikes herausgefunden.

Da der zeitliche und logistische Aufwand bei so vielen gezeiteten Abfahrten immens ist und auch die körperliche Ermüdung eine große Rolle spielt, haben wir das Testfeld von vornherein auf 10 Bikes limitiert. Wir hatten zu Beginn noch weitere Marken wie Ibis, Pole oder Santa Cruz eingeladen, sie konnten oder wollten sich aber nicht der Konkurrenz stellen.

Welches Enduro-Race-Bike ist das schnellste?
Wir haben es in diesem Vergleichstest herausgefunden!

Warum finden sich keine Preise in der Tabelle?

Da wir zu diesem Test ausdrücklich zum Tunen und dem Einsenden von Team-Bikes aufgerufen haben, können wir leider keine Preise kommunizieren. Manche Bikes haben nur ein Reifen-Upgrade von 100 € erhalten, an anderen finden sich speziell gefertigte Einzelteile. Doch was spielt der Preis bei diesem Test auch für eine Rolle – was zählt ist die schnellste Zeit und das geilste Handling.

Bike Gewicht Federweg v/h Radgröße
Canyon Strive CFR Jack Moir Edition
(Zum Test)
15,30 kg 160/150 mm 29″
Commencal META AM 29
(Zum Test)
16,08 kg 170/160 mm 29″
GT Force Carbon Pro Martin Maes Edition
(Zum Test)
15,38 kg 150/150 mm 29″/27,5″
Lapierre Spicy Team
(Zum Test)
15,26 kg 170/170 mm 29″
Nukeproof Mega 290c RS Team Edition
(Zum Test)
15,62 kg 180/160 mm 29″
Raaw Madonna V2 FOX Factory Custom
(Zum Test)
16,16 kg 170/160 mm 29″
Specialized S-Works Enduro Team Edition
(Zum Test)
15,89 kg 170/170 mm 29″
Trek SLASH 9.9 2021
(Zum Test)
14,70 kg 170/160 mm 29″
Yeti SB150 Team
(Zum Test)
15,56 kg 170/150 mm 29″
YT CAPRA Elite 29
(Zum Test)
15,40 kg 170/170 mm 29″
Ø 15,54 kg
No words needed! Dieses Panorama ist einfach nur der Hammer!

Eine waschechte EWS-Race-Stage – Die Teststrecke in Canazei

Bis zum letzten Jahr war Canazei vielen Bikern weltweit überhaupt kein Begriff. Der italienische Skiort im Herzen der Dolomiten hatte in der Bike-Welt bis dato keine wirkliche Rolle gespielt. Das änderte sich, als die Enduro World Series dort ihren vierten Stopp des Jahres einlegte. Jeder war begeistert vom atemberaubenden Panorama, das die Region in jede Himmelsrichtung bietet, und von den langen, physisch anspruchsvollen Stages.

Für unseren Test wäre eine 14-minütige Stage wie in der EWS aber viel zu lang. Sie würde nicht nur zu enormer Ermüdung führen und so die Ergebnisse stark beeinflussen, sie ließe sich auch nur wenige Male pro Tag fahren. Wir entschieden uns daher für einen Abschnitt aus der ersten Stage des letzten Jahres. Unser Testtrack ist rund 2,30 min lang und wurde so auch in der EWS gefahren. Er startet in Pecol und ist ein Mix aus einem Trail namens 9,90 und der Electric Line. Nach einem steilen Start mit einigen engen Kehren, die man am besten via Highline anfährt, folgt ein schnellerer Mittelteil, ein sehr kurzes Tretstück, gefolgt von einem Rock-Garden und danach einer Variation verschiedener offener, schneller und enger Kurven. Die Strecke ist kein klassischer Bikepark-Track mit schnellen Anliegerkurven, sondern sehr natürlich gehalten. Präzision, Agilität, aber auch Laufruhe und Grip sind hier die entscheidenden Faktoren beim Handling eines Bikes.

Getestet wurden die Bikes auf Stage 1 der letztjährigen EWS. Zwar gab es kein Panorama, dafür war die Strecke sehr abwechslungsreich und ideal für viele gezeitete Runden.
Die Trails 9,90 und Electric Line starten am gleichen Punkt – wir haben sie für unseren Testtrack kombiniert

Echtes Profi-Equipment – Die Zeitnahme von SPORTident

Bei der Zeitnahme haben wir uns nicht auf die Ungenauigkeit unserer Smartphones oder GPS-Geräte verlassen, sondern auf echtes Profi-Equipment zurückgegriffen und ein System von SPORTident genutzt, wie es auch bei der EWS zum Einsatz kommt. Jeder Fahrer erhielt zur Sicherheit zwei Transponder und wir haben auf der Strecke mehrere Zwischenzeiten ermittelt. Am Ende eines jeden Runs haben wir die Zeiten ausgedruckt und gleichzeitig auch direkt am Computer eingelesen. Die Fahrer selbst haben die Zeiten aber nicht zu Gesicht bekommen, um so nicht voreingenommen in den zweiten Run zu starten.

Für eine professionelle Zeitnahme sorgte ein Transponder-System von SPORTident
Die Strecke haben wir in mehrere Sektionen unterteilt
Die Ausdrucke haben die Fahrer selbst während des Testens NICHT zu Gesicht bekommen. Außerdem konnten wir bis zum Hundertstel genau messen – diese Infos sind am PC ersichtlich.

Wie garantiert man einen möglichst gerechten Vergleich der Bikes?

Lernt man die Strecke mit mehr Runs nicht immer besser kennen? Wird man nach mehreren Abfahrten nicht langsam müde? Was passiert, wenn ein Fahrer einen Fehler macht? Verändert sich die Strecke nicht mit der Zeit? All diese und sicher noch einige weitere Fragen schießen einem sofort in den Kopf, wenn man sich überlegt, wie man einen möglichst fairen und objektiven Vergleich der Bikes durchführen kann. Um trotz unzähliger und oft nicht beeinflussbarer Variablen ein faires Ergebnis zu erreichen, haben wir uns viele Gedanken zum Ablauf des Tests gemacht. Als Erstes sind wir die Strecke gemeinsam abgelaufen, um Lines zu definieren, und haben Schlüsselsektoren so präpariert, dass wir sie auch wiederholt konsistent fahren konnten. Was bringt die beste Hero-Line, wenn man bei 3 von 5 Versuchen mit dem Hinterrad nicht hochkommt?

Bevor es zum Testen ging, haben wir erst mal die Lines gecheckt
Außerdem wurden Schlüsselstellen vorab leicht modifiziert, um möglichst konstante Runs abliefern zu können.
Ein dickes Danke geht an die Trail-Crew von Canazei!

Dann hat sich das gesamte Testteam in mehreren Runs auf der Strecke eingefahren und wir haben auch unser Foto-Shooting im Vorfeld zum Teil auf dem Track durgeführt. Außerdem haben wir die Startreihenfolge so abgestimmt, dass jedes Bike sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Tests gefahren wurde. Die Testfahrer haben dabei nach dem Zufallssystem durchgewechselt. Nach dem Setup eines Bikes sind wir erst ein anderes Stück Trail gefahren, um zu checken, ob das Setup wirklich passt. Danach haben wir dann vor den gezeiteten Fahrten noch kleine Justagen durchgeführt. Jedes Rad wurde zwei Mal hintereinander gefahren; kam es in einem Run zu einem Fahrfehler, wurde dieser gestrichen.

Runs, runs, runs – je mehr Daten man erhebt, desto besser gleicht man kleinere Fahrfehler aus
Wer viel testet, muss viel trinken! Pausen waren daher essenziell.
Jeden Mittag gab es grandiose Pasta …
… im Rifugio Ciampolin, direkt oberhalb unseres Testtracks.

Vom EWS-Racer bis zum Weekend-Warrior – Das Testteam für diesem Vergleich

Das Testteam für diesen Vergleichstest war schnell gefunden – Fahrer, die Bock auf diese Traum-Bikes haben, gibt es mehr als genug. Doch eine große Motivation allein reicht nicht. Know-how, Erfahrung und das richtige Gespür sind das, was wirklich zählt. ENDURO-Redakteure Christoph Bayer und Felix Stix testen bei uns so gut wie jedes Bike und haben jahrelange Erfahrung, wenn es um Geometrien, Fahrwerke und all die schwarze Magie geht, die das Handling sonst noch beeinflusst. Felix Gotzler wiederum begleitet uns seit Jahren bei unseren Vergleichstests. Er besitzt etliche KOMs auf angesagten Enduro-Trails in den Alpen und hat bereits mehrfach an der EWS teilgenommen. Abgerundet wurde das Team von Hannes Sturma, der ebenfalls regelmäßig bei uns als Testfahrer tätig ist, und Lukas Pachner – einen Profi-Snowboardcrosser, der bereits zu Olympia nach Pyeongchang gereist ist. Die Körpergröße des Testteams variiert von 178 bis 187 cm, wodurch alle Fahrer die gleiche Rahmengröße fahren konnten.

Christoph Bayer (32)
testet über 100 Bikes im Jahr

Christoph ist das ENDURO-Urgestein. Er testet unfassbar viele Bikes jedes Jahr und hat in der Vergangenheit bereits an zwei Race-Bike-Tests teilgenommen. Umso gespannter war er auf die Geheimnisse eines perfekten Race-Bikes – und darauf, ob Bikes, die sich schnell anfühlen, auch wirklich schnell sind.
Felix Stix (28)
Fahrwerksnerd und Reifenschreck

Felix fährt schnell, direkt und alles andere als materialschonend. Im ENDURO-Team ist er einer der schnellsten Fahrer, hat aber auch häufig mit technischen Defekten zu kämpfen. Felix steht auf Bikes, mit denen er noch schneller und direkter in Sektionen fahren kann, ohne dabei in die Knie zu gehen.
Felix Gotzler (27)
erfahrener EWS-Racer, Ingenieur

Felix besitzt nicht nur etliche KOMs auf bekannten Trails, er hat auch schon an einigen EWS-Rennen teilgenommen und ist extrem schnell unterwegs. Einen Sponsor hat er aber nicht, denn das beste Material ist für ihn gerade gut genug und in der Hinsicht will er keine Kompromisse eingehen. Er fährt präzise und sauber und ist extrem flink unterwegs.
Johannes Sturma (27)
Testfahrer

Johannes verbringt nicht nur viel Zeit auf dem Enduro, sondern ist auch regelmäßig auf seinem Downhiller unterwegs. Für ihn sind ein hoher Grundspeed und große Reserven beim Bike besonders wichtig. Mit 187 cm war er zusammen mit Felix Stix der größte Fahrer im Test – ob ihm dann auch die längeren Bikes am besten gefallen haben?
Lukas Pachner (29)
Profi-Snowboardcrosser

Lukas ist Vollblutathlet und hat 2018 an den olympischen Winterspielen in Südkorea teilgenommen. Er fährt professionellen Snowboardcross und trainiert dafür im Sommer extrem viel mit dem Rad im Bikepark. Als Profi-Sportler ist er es gewohnt, seine Leistung auf den Punkt abzurufen und konstant zu performen. Mit einem Gewicht von knapp 100 kg – das meiste Muskeln – bringt er jedes Bike an seine Grenzen!

Die spannendsten Erkenntnisse des Race-Bike Vergleichstest

Bei unseren gezeiteten Runs haben wir nicht nur herausgefunden, welches Enduro-Bike auf der rund 2,30 min langen Stage das schnellste ist. Wir verraten euch auch, warum kurze Bikes in der Regel im Vorteil sind, warum ihr euren Lenker vermutlich kürzen solltet und warum es sich doch lohnt, das Gewicht im Auge zu behalten.

EWS-Profis fahren erstaunlich kurze Bikes – und das aus gutem Grund

Die Entwicklung von Neuheiten folgt immer gewissen Trends. Häufig schlägt das Pendel krass in eine Richtung aus, nur um sich dann wieder irgendwo in der Mitte einzupendeln. So scheint es auch bei modernen Geometrien zu sein. Checkt man die Daten der Race-Bikes in diesem Test, wundert man sich, wie Richie Rude mit 180 cm Körpergröße so schnell sein kann auf einem Rad mit nur 460 mm Reach. Jack Moir fährt mit einer Größe von 1,91 m ein Strive in Large, das dank der extrem hohen Front garantiert weniger als 470 mm Reach hat. Auch das GT Force Carbon mit dem Mullet-Umbau, wie Martin Maes es fährt, ist in der Länge auf unter 460 mm geschrumpft. Der Grund dafür wurde bei unserem Test nicht nur durch die erfassten Zeiten klar – kurze Bikes waren auf unserem Testtrack meist schneller als längere, und das wurde auch durch das Feedback unserer Tester bestätigt. Alle konnten mit den kompakten Bikes schneller die Richtung anpassen, sich vor Kurven besser positionieren und mehr Schwung mitnehmen. Obendrein machen die kompakten Bike mit ihrem agilen Handling oft mehr Spaß. Wer jetzt glaubt, den Bikes würde es bei Highspeed an Laufruhe fehlen, den können wir beruhigen: Die Stabilität wird stark durch das Fahrwerk beeinflusst und hier lagen alle Bikes im Test auf einem hohen Niveau.

Kleine Bikes gehen ab! Für Tester mit einer Größe von 180 cm war das Yeti in Medium die bessere Wahl als das SB150 in Large, das wir bereits in der Vergangenheit getestet haben. Um unseren Verdacht auf die Probe zu stellen, haben wir sowohl das Yeti als auch das COMMENCAL in beiden Rahmengrößen getestet. Immer lag die kleine vorn.

Schmale Lenker sind der Hammer!

Ein Trend, der ebenfalls rückläufig ist, sind überbreite Lenker. Klar, man kann jeden Lenker kürzen, doch damit wird er in der Regel ja immer auch steifer. Die Profis bei der EWS fahren erstaunlich schmale Lenker. Der Renthal-Lenker am Yeti misst beispielsweise lediglich 750 mm, der am Canyon ist 765 mm breit und auch am Lapierre war lediglich ein 755-mm-Modell verbaut. Nach einer kurzen Eingewöhnung fanden vier der fünf Testfahrer die schmalen Modelle insgesamt besser – sie ermöglichten direktere Lenkimpulse und boten mehr Bewegungsfreiheit, da die Fahrer nicht so aufgespannt mit breiten Armen auf dem Rad standen. Nach dem Test haben wir übrigens auch an unseren privaten Bikes die Lenker gekürzt, dabei aber vorerst bei 770 mm begonnen. Fakt ist jedenfalls: 800 oder 810 mm, wie manch ein Hersteller sie verbaut, sind für die meisten Fahrer mit einer Größe von 180 cm zu breit.

Von wegen „Go big or go home“ – schmalere Lenker sind für viele die bessere Wahl!

Die richtige Balance ist wichtig

Zugegeben: Für uns geht Stabilität immer vor übertriebenem Leichtbau und wir sind außerdem der Meinung, dass die Uphill-Performance viel mehr vom Fahrwerk und der Sitzposition beeinflusst wird als vom Gesamtgewicht eines Bikes. Fakt ist aber: Wer an den richtigen Stellen Gewicht spart, kann davon mehr an anderen Orten investieren. So wiegt das Canyon Strive aus Carbon trotz Alu-Lenker und -Laufrädern sowie Reifen mit Downhill-Karkasse nur 15,30 kg, während das RAAW Madonna aus Aluminium mit NEWMEN Carbon-Laufrädern, leichteren Doubledown-Reifen und ENVE Carbon-Lenker bereits bei 16,16 kg landet. Auch das COMMENCAL META AM ist mit 16,08 kg schon nicht leicht, besitzt aber nur Schwalbe Super-Gravity-Reifen. Montiert man hier die gleichen Reifen mit Inserts wie beim Yeti, wird das Rad knapp 1 kg schwerer. Am Ende muss man nach den eigenen Prioritäten und Vorlieben entscheiden. Man sollte sich aber der folgenden Tatsache bewusst sein: Wenn man einen schweren Alu-Rahmen auch noch mit super robusten Teilen kombiniert, wird die Waage zwangsläufig irgendwann bei ca. 17 kg stehen bleiben.

Irgendwann wird’s richtig schwer – kombiniert man einen robusten Alu-Rahmen auch noch mit robusten Reifen, wiegt ein Bike schnell mal 17 kg oder mehr

Der erste Vergleichstest ohne Platten

Am Ende kam es uns fast vor wie ein Wunder – es war der erste Vergleichstest bei ENDURO, bei dem wir nicht mindestens einmal einen platten Reifen reparieren mussten. Der Grund dafür liegt nicht in unserer extrem sauberen Fahrweise, sondern vielmehr daran, dass an alle Bikes robuste Pneus montiert waren mit Doubledown-, Super Gravity- oder noch stabileren Karkassen. Außerdem besaßen einige Bikes Tire-Inserts und fast alle rollten auf Alu-Felgen. Profis wissen es schon lange: „To finish first, you have to finish first“ – und ein Defekt raubt einem bei einem so eng umkämpften Rennen jede Siegchance. Das Mehrgewicht stabiler Reifen lohnt sich aber auch für viele Nicht-Racer. Wer seine Höhenmeter ohnehin gern liftunterstützt bewältigt, der sollte sich schnellstmöglich robuste Reifen besorgen. Für mehr Grip, mehr Pannenschutz, mehr Fahrspaß.

Besser als viel Bremspower ist nur noch mehr Bremspower

„Wer später bremst, ist länger schnell“, so lautet eine bekannte Weisheit unter Racern. Doch nicht nur um spät anzubremsen braucht es eine hohe Bremspower. Speziell auf langen Abfahrten macht sich eine starke Bremse außerdem durch deutlich weniger Ermüdung und vor allem weniger Armpump bemerkbar. Unsere rund 85 kg schweren Testfahrer hatten häufig Fading-Probleme mit Bremsen, deren Bremsscheiben nur 180 mm groß waren. Wir empfehlen daher ganz klar Scheiben mit mindestens 200/200 mm, alternativ sogar noch größer. Mehr dazu findet ihr in einem extra Artikel, in dem es darum geht, weshalb es sich unter Umständen lohnt, hinten größere Scheiben zu fahren als vorne.

Die 180-mm-Scheibe, die serienmäßig hinten am Slash verbaut wird, war den langen, steilen Abfahrten nicht gewachsen

Ist ein Mullet-Setup mit gemischten Laufrädern die Lösung?

Mullet-Bikes mit 29”-Vorder- und 27,5”-Hinterrad sind im Downhill-Worldcup gerade in aller Munde. Bei unserem Test war nur das GT Force Carbon mit gemischten Laufradgrößen am Start. Das schnellste Bike war es allerdings nicht. Natürlich kann man das nicht nur auf die Laufräder zurückführen. Fakt ist aber auch: In unserem Test hatten wir keine Probleme mit dem großen 29”-Hinterrad. Nur sehr selten streifte das Gesäß mal den Reifen. Kleinere Fahrer könnten vom Mullet-Setup deutlich mehr profitieren. Positiv am GT war, wie schnell und direkt es Lenkbefehle umgesetzt hat. Allerdings konnten das die besten Bikes, wie z. B. das Yeti SB150 im Medium, auch mit großem Hinterrad. „Mullet oder nicht?“ ist daher aktuell eine sehr persönliche Frage und das Setup muss perfekt ins Gesamtkonzept passen. In einem gesonderten Experiment haben wir ein FOCUS SAM mit einem 29”-Laufrad in Front upgegradet. Wie sich das fährt, erfahrt ihr in diesem Test.

Vorne groß, hinten klein: Beim GT funktioniert das Konzept. Dass es generell schneller ist, würden wir aber nicht behaupten.

Tops

Unzerstörbar
Downhill-Reifen inklusive CushCure-Inserts bieten nahezu endlosen Pannenschutz. Das ermöglicht es, einen geringeren Luftdruck zu fahren, was den Grip erhöht.
Get low
Dank eines kurzen, geraden Sitzrohrs bekommt man im Madonna V2 in Größe Large eine Vecnum NIVO mit satten 212 mm Verstellbereich unter. Genial!
Mehr ist mehr
Besser als viel Federweg ist auf langen harten Abfahrten nur noch mehr Federweg. Mit 180 mm liefert die verbaute Lyrik am Canyon mehr als genug Reserven.
Pro Mode 1000
Nichts symbolisiert Enduro Racing mehr wie die AVS Hand Guards. Auch wir sind riesige Fans der praktischen Protektoren, die nicht nur die Hände vor Kratzern, sondern auch die Bremshebel vor Beschädigungen schützen.

Flops

Fersenkontakt
Am breiten Hinterbau des Commencal kam es zu unangenehmen Fersenkontakt. Außerdem hat die markante Sitzstrebe einigen Testern von hinten in die Waden gedrückt.
Wer später bremst, ist länger schnell
Martin Maes fährt die SAINT-Bremse mit lediglich 180 mm kleinen Scheiben. Das sorgt für eine bessere Dosierbarkeit. Wer allerdings öfter bremst als der EWS-Profi, ist mit größeren Scheiben im steilen Terrain besser beraten.
Der limitierende Faktor
Wer schnell sein will braucht maximalen Grip. Leider kann die Öhlins-Federgabel am Enduro dem Untergrund nicht so gut folgen wie die besten Federgabeln im Test. Das kostet Zeit.
Zu flach und zu kurz
Der Sitzwinkel des CAPRA ist erfahrungsgemäß zu flach und der Verstellbereich der Stütze zu gering – hier zeigt sich das Alter des Bikes

Welches ist das schnellste Enduro-Race-Bike 2020?

Nach vier Tagen des harten Testens, mit über 150 Runs, OHNE Platten und mit jeder Menge High-Fives nach den Abfahrten haben wir es gefunden, das schnellste Enduro-Bike 2020. Doch wir müssen euch auch etwas gestehen.

Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Unser großes Ziel war es, das schnellste Enduro-Race-Bike zu finden. Und das haben wir auch getan! Allerdings gab es auch ein Problem: Die Bedingungen auf der Strecke haben sich stärker verändert, als wir es vorab geplant hatten. Regenfälle in den Tagen vor dem Test hatten die Strecke aufgeweicht und mit fortschreitendem Testen stieg der Grip und somit auch die Geschwindigkeit. Speziell im Mittelfeld des Rankings hatte das einen zu großen Einfluss, um wirklich zu 100 % belastbare Zahlen zu veröffentlichen. Also haben wir unseren Test um einen weiteren Tag verlängert, um das Ergebnis noch mal zu überprüfen und dort bestätigte sich unter gleichbleibenden Bedingungen, welche Bikes die schnellsten waren und welches am langsamsten fuhr. Es war aber zu spät, um den gesamten Test noch einmal durchzuführen.

Die Unterschiede zwischen Platz 1, 2 und 3 sowie dem langsamsten Bike sind dennoch so signifikant, dass wir sie hier guten Gewissens veröffentlichen. Es ist außerdem so, dass die Bikes mit den schnellsten Zeiten auch die Bikes waren, auf denen sich unsere Tester am schnellsten gefühlt haben und die sich am intuitivsten fahren ließen. Das langsamste Bike wiederum erforderte auf dem Trail auch den meisten Input und wurde von allen Testern als sehr fordernd und unausgewogen beschrieben.

Das schnellste Enduro-Race-Bike
Yeti SB150

Yeti SB150 Team | 170/150 mm | 15,56 kg in Größe M | Zum Test

Hat Richie Rude letztes Jahr in Canazei nur wegen seines Bikes gewonnen? Sicherlich nicht. Aber nach unserem Test können wir zumindest bestätigen, das ihm sein Yeti SB150 dabei sicher geholfen hat. Auf unserem Testtrack war das Yeti mit einer Durchschnittszeit (Durchschnitt aller Läufe, aller Fahrer) von 2,22 min das mit Abstand schnellste Bike – und zwar in Größe Medium! Viele Biker werden sich schon häufig gefragt haben, weshalb Richie Rude mit einer Körpergröße von 180 cm zum kleinen Rad greift und auch wir waren skeptisch, doch nach dem Test war klar: Auf technischen Enduro-Stages entscheidet vor allem die Geschwindigkeit, mit der man eine Kurve wieder verlässt. Dabei ist essenziell, das Rad jederzeit präzise und schnell zu positionieren und Richtungswechsel direkt durchführen zu können. Das Zauberwort dabei heißt Balance! Es geht um die richtige Balance auf dem Bike und dadurch um den perfekten Grip zwischen Vorder- und Hinterrad, aber auch um die richtige Balance beim Handling zwischen ausreichend Laufruhe und hoher Agilität. Das Yeti ist schnell, wendig und lässt sich ohne viel Kraftaufwand bewegen.

Die schweren DH-Reifen inklusive Cush-Core-Insert liefern massig Grip und halten das Bike sicher auf Spur. Das Fahrwerk ist sensibel, bietet viel Traktion und überträgt den Input dennoch super direkt – hier lässt sich viel Speed mitnehmen. Das Yeti SB150 in Medium begeistert mit einem grandiosen Gesamtpaket und lässt so die Konkurrenz hinter sich.

Hier geht’s zum ausführlichen Test des Yeti SB150.


Die zwei weiteren Bikes auf dem Podium
Canyon Strive CFR & Nukeproof Mega 290C

Ebenfalls hervorragend geschlagen haben sich das Canyon Strive CFR im Jack-Moir-Aufbau (zum Test), das mit einer Gesamt-Mittelzeit von 2,24 min auf Platz zwei landet, sowie das Nukeproof Mega 290C (zum Test) auf Rang drei mit einer Zeit von 2,25 min. Auffallend: Auch diese beiden Bikes sind in Sachen Reach sehr gemäßigt und besitzen keinen übertrieben flachen Lenkwinkel. Beide trumpfen mit super Balance zwischen Front-Center und Kettenstrebenlänge und positionieren den Fahrer zentral im Bike. Dadurch lassen sich mit ihnen schnelle Richtungswechsel sehr einfach durchführen; beide Bikes steuern sich intuitiv und verlangen wenig Energie.


Der Verlierer dieses Tests

Commencal META AM 29
(Zum Test)

Der klare Verlierer in diesem Test ist das COMMENCAL META AM (zum Test) in Größe Large. Es war im Schnitt satte 9 s langsamer als das Yeti in Medium. Der Hauptgrund: sein langes Front-Center mit einem Reach von 495 mm in Kombination mit einem 433 mm kurzen Hinterbau sowie einem flachen 63,6°-Lenkwinkel. Diese Mischung führt dazu, dass man das Rad sehr aktiv fahren muss, um in Kurven ausreichend Grip am Vorderrad aufzubauen. In den engen Sektionen untersteuert das META AM ständig und wenn man die Geschwindigkeit nicht reduziert, schmiert man vorne aus der Kurve. Das kostet richtig Zeit – und ist zusätzlich kräftezehrend. In verblockten Sektionen sorgt die Länge außerdem für weniger Präzision. In offenen Highspeed-Sektionen punktet das Rad dagegen mit seinem super satten Fahrwerk, das obendrein klasse Gegenhalt bietet. Nach unserem Test in Canazei haben wir von COMMENCAL das META AM noch einmal in Größe Medium erhalten und dann im Bikepark Innsbruck getestet. Im direkten Vergleich mit dem META in Large fährt sich das kleinere Rad deutlich agiler, ausgewogener, spritziger und spaßiger. Wir sind uns ziemlich sicher, dass das kleine META AM eine deutlich bessere Performance auf unserem Testtrack abgeliefert hätte. In der Größe L ist das COMMENCAL aber der große Verlierer und der perfekte Beweis, dass der Trend immer längerer Bikes auf jeden Fall eine Grenze hat.

Das COMMENCAL META AM in Größe L war in unserem Test das langsamste Bike. Am Ende war es die Kombination aus zu langem Hauptrahmen und kurzem Hinterbau, die das Rad zu unpräzise gemacht hat. In Größe Medium hätte das Ergebnis aber ganz anders aussehen können wie ein zweiter Test des kleinen Bikes bewiesen hat.

Wir haben hier nicht den besten Allrounder gesucht!

In diesem Test ging es nicht darum, das beste Allround-Enduro zu finden. Der einzige Maßstab war Geschwindigkeit. Deshalb haben wir die Räder auch nicht bergauf getestet. Alle Bikes in diesem Test lassen sich bergauf pedalieren, gehen das aber sehr gemütlich an. Die Unterschiede können hier durchaus groß sein. Wenn ihr dazu mehr wissen wollt, empfehlen wir unseren Test der 17 Highend-Enduro-Bikes, den wir bereits Anfang des Jahres in San Remo durchgeführt haben. Falls ihr auf der Suche nach einem Top-Allrounder seid, seht euch unseren Test von 15 spannenden Trail-Bikes an. Sollte euer Budget limitiert sein, dann checkt doch den Test von 9 Enduro-Bikes bis 3.500 €.


Alle Bikes im Test: Canyon Strive CFR Jack Moir Edition (Zum Test) | Commencal META AM 29 (Zum Test) | GT Force Carbon Pro Martin Maes Edition (Zum Test) | Lapierre Spicy Team (Zum Test) | Nukeproof Mega 290c RS Team Edition (Zum Test) | Raaw Madonna V2 FOX Factory Custom (Zum Test) | Specialized S-Works Enduro Team Edition (Zum Test) | Trek SLASH 9.9 2021 (Zum Test) | Yeti SB150 Team (Zum Test) | YT CAPRA Elite 29 (Zum Test)

Text & Fotos: Christoph Bayer

Über den Autor

Christoph Bayer

Wenn sich Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt, dann hat man alles richtig gemacht – und das hat Christoph geschafft! Er liebt das Biken, ist ein Fan von Tech-Talk (zum Leid seiner Freundin Toni), hat super viel Spaß an der Fotografie und bereist gerne die Welt. Er ist fast seit Anfang an bei ENDURO dabei und als Chefredakteur dafür verantwortlich, dass ENDURO das progressivste und aufregendste Magazin der Branche ist. Natürlich schreibt er noch jede Menge Content selbst, testet knapp 100 Bikes im Jahr und sitzt nahezu täglich auf dem Rad. Die alpinen Trails rund um seinen Heimatort dienen dabei als perfektes Testgelände. Den klassischen Arbeitstag gibt es für ihn nicht, mal ist er im Office, mal mit dem Laptop im Garten oder er arbeitet direkt vom Van aus in den Top-Bikespots dieser Welt – für Christoph sind die Grenzen fließend und genau das weiß er so zu schätzen.