Von außen sieht das Gebäude, vor dem wir stehen, auf den ersten Blick nicht aus wie eine Fabrik, in der aus Kautschuk, Ruß, Chemikalien und rund 200 weiteren Rohstoffen hochwertige Reifen für Autos, Nutzfahrzeuge und Fahrräder aller Art hergestellt werden. Ganz im Gegenteil. Hier ist es ruhig, sauber, sommerlich. Zu diesem ersten Eindruck passt auch der herzliche Empfang, als wir das Headquarter von KENDA Rubber Industrial Co. Ltd., einem der weltweit größten Reifenhersteller, betreten. Wir sind in Taiwan, genauer gesagt in Yuanlin, südlich von Taichung, in direkter Nachbarschaft von MERIDA und MAXXIS.

Gleich vier Mitarbeiter begleiten uns auf unserem Rundgang durch eine der größten Reifenfabriken Taiwans und beantworten offen und ausführlich unsere Fragen. Und davon haben wir viele. Beim Betreten der heiligen Hallen verändert sich unser Eindruck schlagartig: Es liegt der typische Geruch von neuen Reifen in der Luft, eine olfaktorische Sinfonie aus holzigen, erdig-süßlichen Naturstoffen und scharfen, rauchigen Chemikalien. Und es herrscht eine fast schon spürbare Betriebsamkeit – nicht hektisch, eher zielgerichtet und perfekt eingespielt. Dass hier Prozesse über Jahrzehnte optimiert wurden und jeder Arbeitsschritt perfektioniert, ist von Anfang an offensichtlich. Und bei über 60 Jahren Erfahrung auch nicht weiter verwunderlich.



Doch bei all der Professionalisierung und Automatisierung, begegnen uns überall Menschen, die wichtige Arbeitsschritte noch von Hand erledigen. Fast schon liebevoll gehen die Beschäftigten mit den Rohstoffen und den einzelnen Reifenbestandteilen um. Während wir gespannt die Arbeitsschritte verfolgen und die handwerklichen Fähigkeiten bestaunen, vergessen wir fast, dass wir immer noch in einer Reifenfabrik sind. Und natürlich gibt es hier auch Bereiche, in denen es laut und heiß und stickig ist. Reifen werden nunmal gebacken.

Wer ist KENDA und wo liegen die Wurzeln?
Gegründet im Jahr 1962, startete KENDA direkt mit der Produktion von Fahrrad-Schläuchen und -Reifen. Nach und nach baute KENDA sein Portfolio aus und fertigt bis heute Reifen für Fahrräder, Autos, landwirtschaftliche und industrielle Fahrzeuge sowie für Transporter und leichte LKW. Damit hat es KENDA zum zweitgrößten Reifenproduzenten in Taiwan geschafft und zählt heute gruppenweit knapp 12.000 Beschäftigte. Weltweit rangiert das Unternehmen auf Platz 28 der größten Reifenhersteller. Zum Vergleich: Der mit deutlichem Vorsprung größte Reifenhersteller Taiwans ist Cheng Shin Rubber – Bikern vor allem durch seine Reifenmarke MAXXIS weltweit ein Begriff – mit weltweit über 30.000 Beschäftigten. Dass KENDA dennoch ein großer Konzern ist, untermauern die Umsatzzahlen, die seit vielen Jahren sehr stabil sind. Zwischen 2014 und 2024 bewegte sich der Jahresumsatz stets bei um die 1,2 Mrd. US-Dollar. Auch hier wieder ein Vergleich zu MAXXIS bzw. Chen Shin Rubber: ca. 2,7 Mrd. US-Dollar.
Wo entwickelt und verkauft KENDA seine Produkte?
Sein Headquarter und drei Produktionsstandorte unterhält KENDA in Taiwan, fertigt Reifen aber auch in China, Vietnam und Indonesien. KENDA hat zudem vier R&D-Departments weltweit, darunter Ohio, USA, China, Taiwan und für Europa in Hamburg. Während in Hamburg Reifen für europäische Trails entstehen, arbeitet das Team in Ohio an den Anforderungen des amerikanischen Marktes. Die globale Entwicklung ist kein Prestigeprojekt, sondern notwendig: Ein Reifen für feuchte Wurzeln im Schwarzwald muss andere Eigenschaften mitbringen als einer für staubige Trails in Kalifornien. Außerdem will KENDA so schneller und zielgerichteter auf regionale Veränderungen der Märkte und deren Herausforderungen reagieren können. Die Hauptmärkte für KENDA sind aber weiterhin klar die USA mit etwa 40 % Anteil am Gesamtabsatz und China mit etwa 30 %.
Warum nehmen wir KENDA oft nicht als Reifen-Primus wahr?
Im Jahr 2012 erhielt KENDA den Taipei International Bicycle Innovation Award für die hauseigene SCT-Technologie (Sidewall Casing Technology), die den Einstieg des Reifen-Giganten in die Tubeless-Technologie bei MTB-Reifen markierte. SCT sollte dabei die Vorteile flüssiger Dichtmittel mit einer höheren Festigkeit der Karkasse kombinieren, um gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen und den Verschleiß zu verringern. KENDA ist also eine große Nummer im Reifen-Business, auch und gerade im MTB-Markt. Bereits in den frühen 2000er-Jahren entwickelte KENDA zusammen mit MTB-Ikone John Tomac den legendären Nevegal-Reifen, der jahrelang als der Downhill-Reifen schlechthin galt und KENDA auf den Radarschirm vieler Biker holte. Dennoch genießt KENDA im Bike-Umfeld oft nicht die Wahrnehmung wie andere Reifen-Riesen, etwa MAXXIS, Continental oder Schwalbe. Woran liegt das? Das hat zum einen regionale Gründe: Wie bereits erwähnt, liegen die Hauptabsatzmärkte KENDAs in den USA und China, wo rund 70 % der gesamten Produktion abgesetzt werden. Zum anderen ist KENDA einer der großen OEM-Produzenten, der weltweit für Auto- und Bike-Hersteller als Erstausrüster Reifen produziert, die aber nur selten das KENDA-Logo ziert. Von daher ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass ihr schon häufiger auf KENDA-Reifen unterwegs wart, ohne es überhaupt zu wissen. Immerhin fertigt KENDA für einige der weltweit größten Bike-Marken. Dennoch hat KENDA gerade im MTB-Bereich ein eigenes, breites Portfolio mit verschiedenen Karkassen und Profiltypen für nahezu jeden Einsatzbereich, wie auch unser MTB-Reifentest verdeutlicht. Dabei ist KENDA alles andere als ein Billigheimer, sondern zählt klar zur Premium-Liga im Reifenbau, wofür das Unternehmen in den vergangenen Jahren mehrfach ausgezeichnet worden ist. Ebenso wie für sein Engagement im Sozialsektor und im Umweltbereich.
Wie passen Umweltschutz und Nachhaltigkeit zum Reifen-Business?
Natürlich klingen Reifenproduktion, Erdöl und Ruß nicht nach Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Davon ist diese Industrie – wie viele andere – sicher noch weit entfernt. Kein Grund, sich nicht große Ziele zu setzen und diese konsequent zu verfolgen. So hat KENDA etwa die Nutzung von grüner Energie aus Quellen wie eigener Photovoltaik, dem Zukauf von Ökostrom und entsprechender Zertifikate in einer der modernsten Reifenfabriken auf einen Anteil von fast 85 % hochgeschraubt – und das in einer sehr energieintensiven Industrie. Im Bereich Energiemanagement erzielte das Unternehmen von 2015 bis 2021 eine kumulierte Stromeinsparungsquote von 1,59 % und führte 2021 zusätzliche Maßnahmen ein, um die vom Energieamt geforderte jährliche Einsparungsquote von 1 % zu erreichen. Zudem wurde ein Recycling-Projekt für Schläuche aus gewerblichen Abfällen umgesetzt, bei dem im Jahr 2024 bereits 600 Schläuche recycelt wurden.
Wie sieht die Zukunft der Reifenproduktion aus?
Die Zukunft der Reifenproduktion wird zwei Kernthemen in den Fokus rücken: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Reifen der Zukunft könnten mit Sensoren ausgestattet sein, die den Reifendruck in Echtzeit überwachen, entsprechende Systeme gibt es im Fahrradbereich bereits. Darüber hinaus arbeitet die Reifenindustrie an intelligenten Reifen, die künftig auch Verschleiß oder Schäden erfassen könnten. Im MTB-Bereich befindet sich die Technologie jedoch noch in der Entwicklung. Das Wichtigste aber: Erdöl wird durch natürliche Rohstoffe ersetzt. So könnte Naturkautschuk etwa aus Löwenzahn oder Guayule (einer Wüstenpflanze) gewonnen werden. Ebenso wichtig ist das Thema Recycling, das in der Reifenindustrie nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. Das Ziel muss hier eine „Zero Waste“-Strategie sein, damit Reifen künftig keine Wegwerfprodukte mehr sind und die knappen Rohstoffe möglichst oft Verwendung finden. Denn eine saubere Industrie wird die Reifenproduktion damit auch mittelfristig sicher nicht. Aber der Weg weist in die richtige Richtung. Erste Hersteller (hier geht’s zum Test unseres Schwestermagazins GRAN FONDO) bringen heute schon Reifen auf den Markt, die weitgehend aus recycelten Rohstoffen bestehen. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.
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Text: Patrick Gruber Fotos: Max-Philip Schmitt
