Allerheiligen, hier in Österreich hat’s unübliche 20°C über Null. Das Mountainbike wurde nochmal aus dem Keller ausgegraben und die fertig präparierten Skier wieder in der Tasche verpackt. Wir haben nämlich andere Pläne. Noch einmal im Jahr soll es auf Reise gehen. Unser Ziel sind die Pyrenäen. Schon lange geplant, immer wieder gescheitert.

Anfangs mussten wir die Reise aufgrund beruflicher Kollisionen verschieben. Irgendwann hatte dann die Großtante 3. Generation ihren halb-runden Geburtstag, später wurde bei der Katze Zahnfleisch-Bluten festgestellt und ein weiterer Abflug wurde aufgrund des epidemiologischen Männer-Schnupfens und der Unmöglichkeit, die eigenen vier Wände zu verlassen, abgeblasen.

Aber nun ist es soweit – und wie es Kinderzimmer Productions in ihrem Song Doobie schon richtig erkannt haben: Heute wird es nicht auf unsere Parade regnen. Die netten Leute werden wir bestimmt auch treffen, aber ob es Mitte November auf der Sonnenseite wohl noch schneefrei ist.

Durch die katalanischen Pyrenäen

Im Landeanflug nach Barcelona wird uns das Ausmaß des Winter-Einbruchs erstmals bewusst. Die Gipfel der Pyrenäen sind längst in weiß gehüllt. Allerdings beschränkt sich der Zuckerguss tatsächlich auf die hochalpinen Regionen und wir sind voller Zuversicht, hier noch ausreichend schneefreie Touren zu finden.

Unser Guide Ian, ein wort-gewandter Brite, der sich mit seiner Frau hier in den Pyrenäen den Traum eines eigenen Chalets „Mouli del Riu“ erfüllt hat, entführt uns tagtäglich zu seinen Lieblingsplätzen. Bei seinen Erzählungen während der Fahrt zum Hotel läuft uns bereits das Wasser im Mund zusammen. Doch heute, am Anreisetag, sind wir mit einem leckeren Abendessen und dem Gute-Nacht-Bier mehr als zufrieden und fallen hundemüde ins Bett. Ach ja, hab ich schon erwähnt, dass der Winter angekommen ist? Es ist kalt und ich bin dankbar für die mehr als kuschelige Daunendecke.

Auf zum Meer

Die Pyrenäen sind weitläufig, reichen vom Atlantik bis zum Mittelmeer. Im Norden findet man hochalpine Trails mit schroffem Charakter, im Süden türmt sich die rote Erde und der Grip ist sagenhaft wie am Tennis-Court. Uns erwartet ein Potpourri aus unterschiedlichen Landschaften und Enduro-Trails. Da das Wetter in den Bergen noch etwas zu wünschen übrig lässt, starten wir die „Summit to sea“ Tour ans Mittelmeer. In drei Tagen wollen wir an die Küste, täglich ändert sich die Beschaffenheit der Strecken. Waldboden, Wurzeln, Steinstufen bis hin zum schroffen Küstenfels durch mediterrane Oliven-Wälder. Und eines wird uns ganz schnell klar: unser ehemaliger Downhill-Racer Ian lässt es ganz schön krachen.

Bevor es los geht, zeigt er uns auf der Karte die Route. Wir verschlingen diese wie ein kleines Kind seine Süßigkeiten. Eine dicke schwarze Linie lässt uns ins Grübeln kommen. Wir stellen alsbald fest, dass Katalonien nicht auf das spanische Territorium beschränkt ist. Doch während südlich der Grenze die Forderung nach Unabhängigkeit immer größer wird, steht man hier zur französischen Identität – ist aber zugleich stolz auf seine katalanischen Wurzeln. Die gelben Bänder, als Zeichen der Befreiung politischer Gefangener, haben uns am Vortag bereits verfolgt. An Straßenlaternen, Häusern und sogar an Felswänden sind sie in allen Größen aufgemalt.

Nun geht’s endlich los, der nächste Geschichts-Unterricht muss warten. Es gibt hier ein weit verzweigtes Netz an Wanderwegen, vielerorts auch offizielle Bike-Strecken die mit VTT markiert sind. Dreimal links, viermal rechts, dann geradeaus und schon haben wir keine Ahnung mehr, wo wir sind. Verwirrungstaktik um die Notwendigkeit des Guidings hervorzuheben? Nein, bloß das Know-How eines Locals, um uns die schönsten Trails rund um das „Mouli“ zu zeigen. Wir fahren durch dichte Eichen- und Birkenwälder, bunt gefärbt durch den Herbst, und ständig wechselndem Untergrund. Die Trails sind flowig, wurzelig und manchmal auch sehr technisch mit engen Kurven. Abwechslung ist garantiert, und dabei sind wir erst wenige Stunden unterwegs.

Auf unserem Weg zum Strand kommen wir an zahlreichen Ruinen sowie gut erhaltenen Burgen vorbei. Vieles aus der Zeit der Römer, welche die Gegend lange Zeit im Griff hatten und die Pyrenäen über die berühmte Via Augustus überquerten. Wir stehen mit unseren Enduro-Bikes inmitten alter römischer Wagenspuren, Tonnen schwere Lasten wurden von Ochsen über die Pässe gekarrt. Ein unglaubliches Gefühl, wenn man bedenkt, dass auch Hannibal mit seinen Elefanten hier etwa 200 Jahre v. Chr. seine Alpenüberquerung startete.

Wir nutzen die alten charmanten Dörfer für den täglichen Koffein-Nachschub. Schnell ist Ian auch klar, ohne Kaffee kommt er mit uns nicht weit. Die Bistrots les Pays versprechen Gutes, und nach nur wenigen Tagen am Bike, halten alle am Weg durch die engen verwinkelten Gassen in den Dörfern Ausschau nach den ansprechenden Schildern.

Von Geiern und Dinosauriern

Die weiteren Tage stehen im Zeichen der hohen Pyrenäen-Gipfel. Wir brechen ins spanische Hinterland auf und schrauben uns gewaltig in die Höhe. Leider hat es ab 1.900 m Seehöhe schon Schnee – nordseitig heißt das nun, nasse Füße und kalte Knöchel. Alsbald halten wir Ausschau nach einer Tapas-Bar. Wir müssen nicht lange suchen und stürmen den Laden als gäb’s heute etwas gratis. Der Wirt schmunzelt und weiß Bescheid, Tapas und Bier für alle, in ausreichender Menge.

Nahe unseres Trails ragt eine hohe Felswand in den Himmel. Darüber kreisen die Geier, und bei näherer Betrachtung kommen noch weitere Tiere zum Vorschein. Man erkennt dort zahlreiche Spuren, quer über die ganze Wand, von links nach rechts, von oben nach unten. Es sind Fußabdrücke von Dinosauriern. Mit weit offenen Augen und der Kinnlade nach unten geklappt, nähern wir uns den Felsen und halten beeindruckt die eigenen Hände in die versteinerten Fußabdrücken.

Die Trails sind oberhalb der Baumgrenze sehr schottrig, immer wieder radeln wir über rote Erde und fühlen uns wie Tennis-Stars. Der Grip ist grandios, was man von den Wegen weiter unten im feuchten Wald nicht behaupten kann. Slip-Rock nennen wir die mit Moos bewachsenen Steine liebevoll. Am Ende spuckt uns der Wald an heißen Quellen aus- Ian hat ein paar kühle Bier organisiert und schon liegen wir im Wasser. Was für ein Tag.

Mehr als nur Berge

Wir haben uns in der kurzen Zeit bereits Hals über Kopf in die Gegend verliebt. Nicht nur wegen der grandiosen Trails, sondern aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten die man hier hat. Ist das Wetter in den Bergen schlecht, fährt man eine knappe Stunde Richtung Meer. Kommt es von Süden oder Norden, weicht man einfach immer auf die entlegene Seite der Berge aus. Da die Trails nicht nur hoch oben auf den Gipfeln zu finden sind, sondern es in allen Höhenlagen mehr als ausreichend Varianten in allen Schwierigkeitsgraden gibt, hat man täglich Neues und Abwechslungsreiches zur Auswahl. Und spielt das Wetter an allen Ecken und Enden nicht mit, gibt’s immer noch die heißen Quellen oder den Billard-Tisch bei Ian im Hotel … aber eines haben wir uns gemerkt: Fordere niemals einen Briten beim Billard heraus.

Mehr Infos zur Reise unter bikefex.at

Text & Fotos: Rene Sendlhofer-Schag (bikefex.at)