
Die MAGURA MT7 muss man niemandem mehr vorstellen: Über viele Jahre war die Vierkolbenbremse fester Bestandteil von Downhill-, Enduro- sowie E-Mountainbikes und hat sich dabei eine ziemlich treue Fanbase aufgebaut. Gleichzeitig gab es aber auch genügend Fahrer, die mit dem Hebelgefühl oder dem Carbotecture-Gehäuse nicht warm wurden.
Und tatsächlich liegt die letzte größere Modellpflege inzwischen einige Jahre zurück. Zum Modelljahr 2019 bekam die MT7 den 1-Finger-HC-Aluhebel und den Namenszusatz Pro. An der grundlegenden Architektur hat sich seitdem allerdings wenig verändert. Mit der neuen Race Pro will MAGURA deshalb nicht einfach nur die nächste Evolutionsstufe der MT7 vorstellen – die Bremse soll deutlich mehr sein. Schon der Name macht den Gravity- und Racing-Anspruch der Bremse deutlich. MAGURA selbst spricht von der kraftvollsten und präzisesten Bremse, die sie je gebaut haben.
Dafür soll die Race Pro natürlich eine hohe Bremsleistung in Kombination mit einer geringen Handkraft und einer linearen, kontrollierbaren Kraftentfaltung verbinden. Gleichzeitig bleibt sie mit 310 g bei einer Leitungslänge von einem Meter (laut Hersteller) leicht genug, um nicht nur an Enduro- und E-MTBs, sondern auch für Trail- und sogar Cross-Country-Bikes interessant zu sein. Mit 699,80 € für das Set positioniert MAGURA die Race Pro preislich ganz klar im High-End-Segment und sogar oberhalb vieler direkter Konkurrenten. Doch macht sich das auf dem Trail bezahlt?
Die neue MAGURA Race Pro-Bremse im Detail
MAGURA verabschiedet sich bei der Race Pro vom bekannten Carbotecture-Look und setzt stattdessen konsequent auf Metall. Geber, Schelle und Hebel bestehen aus Aluminium, dazu eine aufwändig CNC-gefräste Bremszange. Mattes Silber trifft auf schwarze Akzente und Laserbeschriftungen. Das Ergebnis sieht sehr hochwertig aus und soll durch die Aluminium-Konstruktion gerade bei Stürzen robuster ausfallen. Die kantige Form dürfte zwar nicht jeden Geschmack treffen, sieht aber deutlich mehr nach High-End aus wie der Vorgänger.


Während viele Konkurrenten zwischen Bremshebel und Geberkolben mit zusätzlichen Umlenkungen arbeiten, setzt MAGURA weiterhin auf sein radiales System. Der Hebel wirkt weitgehend direkt auf den Geberkolben, was wiederum das typische Gefühl am Finger prägt. Zudem baut sich die Bremskraft über den Hebelweg sehr gleichmäßig und berechenbar auf.
Für die Race Pro hat MAGURA die Dimensionierung von Geber- und Bremskolben deutlich verändert: Der Geberkolben wächst von 10 auf 12 mm, alle vier Kolben im Bremssattel von jeweils 17 auf 19 mm. Größere Kolben bedeuten aber nicht automatisch mehr Bremskraft, entscheidend ist das Zusammenspiel aus hydraulischer Übersetzung, mechanischer Hebelübersetzung, Steifigkeit und möglichst geringer Reibung im System. Genau dafür setzt MAGURA unter anderem auf eine reibungsarme, eloxierte Kolbenlaufbahn und einen kugelgelagerten Bremshebel.
Gerade Letzterer soll den Hebel dauerhaft leichtgängig und möglichst spielfrei halten. Denn bei Bremshebeln mit Gleitlager kann sich mit der Zeit Spiel entwickeln und unter Last auch ein Knarzen auftreten wie bei manchen Konkurrenten. Wie sich die Kugellagerung der Race Pro langfristig bei schlechtem Wetter mit Dreck und Wasser schlägt, muss allerdings erst ein Langzeittest zeigen. Praktisch: Das Kugellager im Hebel soll sich bei Verschleiß auch separat tauschen lassen. Auch Geberkolben, Dichtungen und der Deckel der Ausgleichsbehälter sind als Service-Teile erhältlich. Auf die Dichtigkeit der Bremse gibt MAGURA zudem fünf Jahre Garantie.
Wie schon bei der MT7 setzt MAGURA auch bei der Race Pro auf eine einteilige Vierkolbenzange. Statt zwei miteinander verschraubter Sattelhälften besteht der Bremssattel aus einem einzigen Aluminiumkörper. Das spart Gewicht, sorgt für hohe Steifigkeit und eliminiert gleichzeitig eine potenzielle Dichtstelle. MAGURA kombiniert das Ganze mit drei unterschiedlichen Belagmischungen. Serienmäßig kommt die Race Pro mit den silbernen, organischen Belägen. Wer noch mehr Biss sucht, kann zu den ebenfalls organischen Yellow-Belägen greifen, die laut MAGURA noch einmal rund 10 % mehr Bremsleistung liefern sollen. Nur optisch muss man das knallige Gelb des Belags mögen: Denn durch die offene Zange und die etwas höheren Beläge mit ihren Kühlaussparungen sind sie ziemlich präsent. Für unseren Geschmack dürfte das Ganze etwas dezenter auftreten.
Auch an der Verbindung zwischen Bremsleitung und Geber hat MAGURA gearbeitet: Statt einer klassischen Verschraubung kommt bei der Race Pro das Easy-Link-System zum Einsatz. Nach dem Ablängen wird der Anschluss auf der Leitung montiert und anschließend in das Easy-Link-Ventil am Geber gesteckt, bis er hörbar einrastet. Beim Trennen bleibt der Ölkreislauf auf Geberseite geschlossen. Das macht Servicearbeiten einfacher und reduziert das Risiko, dass Luft ins System kommt. Praktisch ist das vor allem bei Bikes, bei denen die Bremsleitung durch den Steuersatz geführt wird.


Statt die Leitung jedes Mal neu zu kürzen, zu verschrauben und anschließend zu entlüften, lässt sich die Verbindung deutlich unkomplizierter lösen und wiederherstellen. Gerade bei vollintegrierten Cockpits ist Easy Link damit eines der am einfachsten zu bedienenden Systeme auf dem Markt. Beim Entlüften setzt MAGURA weiterhin auf Mineralöl, hat den Ölfluss in der Zange aber möglichst geradlinig aufgebaut. Statt verwinkelter Kanäle und Sackgassen gibt es einen durchgängigen Ölpfad, über den eingeschlossene Luft leichter aus dem System gelangen soll.
Die neue Race Pro ist für 2,0 mm starke Bremsscheiben ausgelegt, die Verschleißgrenze liegt laut MAGURA bei 1,8 mm. Während die Gustav Pro mit 2,5-mm-Scheiben auf maximale thermische Reserven setzt, soll die Race Pro hohe Performance mit möglichst wenig Gewicht kombinieren. Für die Hitzebeständigkeit sorgen hier vor allem die große Oberfläche der Bremszange und die deutlich größeren Beläge. So soll die Race Pro thermisch über der alten MT7 liegen, spart gegenüber der Gustav Pro aber mehr als 110 g pro Bremse bzw. über 220 g am kompletten Bike. Kompatibel ist sie mit allen passenden MAGURA-Scheiben von 180 bis 220 mm. Auch am Cockpit will MAGURA möglichst flexibel bleiben: In die Bremsgriffschelle ist eine Shiftmix-IG-Schnittstelle integriert. So lässt sich die Dropper-Remote oder der Schalthebel verschiedener Hersteller direkt an der Bremsschelle befestigen. Damit bleibt das Cockpit aufgeräumt und die Hebel lassen sich trotzdem ergonomisch positionieren.
Die neue MAGURA Race Pro-Bremse im Test auf dem Trail
Wir haben die neue MAGURA Race Pro auf einem Propain Sresh SL montiert und sie waren rund sechs Wochen auf unseren Hometrails im Schwarzwald im Einsatz. Weil das E-MTB ordentlich Gewicht auf die Waage bringt und die Bremse entsprechend fordert, haben wir direkt zu den stärkeren gelben Belägen gegriffen.
Schon beim Setup sammelt die Race Pro Pluspunkte. Die Hebelweite lässt sich werkzeuglos über ein gerastertes Einstellrad anpassen. Die 83 definierten Klicks machen es präziser, vorne und hinten exakt dieselbe Hebelposition einzustellen. Im Vergleich zum Schwestermodell Gustav gefällt uns außerdem, dass der Bremshebel nun deutlich näher zum Lenker hin einstellbar ist und der Verstellweg insgesamt deutlich mehr Spielraum bietet. Der Hebel selbst fällt relativ lang aus. Dadurch wandert die gesamte Bremse am Lenker minimal weiter nach innen als bei manchen Konkurrenten. Auf dem Trail macht sich das aber nicht negativ bemerkbar. Weitere Einstellungsmöglichkeiten an der Bremse gibt es nicht.

Auf dem Trail fällt zuerst auf, wie wenig Kraft die Race Pro am Finger verlangt. Ein leichter Zug reicht bereits, um ordentlich Geschwindigkeit rauszunehmen. Man hängt auch auf langen und steilen Abfahrten nicht mit verkrampftem Zeigefinger am Hebel, sondern kann die Bremse auch über längere Zeit entspannt kontrollieren. Der Druckpunkt ist klar definiert, danach steigt die Bremskraft mit zunehmender Fingerkraft sehr gleichmäßig an.
Die Bremskraft lässt sich sehr fein aufbauen, ohne dass die Race Pro plötzlich zupackt. Dadurch bleibt viel Kontrolle, egal, ob man nur leicht Geschwindigkeit reduzieren oder kurz vor der Kurve richtig verzögern will. Vor allem auf losem Untergrund hilft das, die Räder lange am Griplimit zu halten, ohne sie unnötig früh zu blockieren. Der lange Hebel gibt dabei viel Gefühl am Finger und sobald man wirklich durchzieht, steht mehr als genug Power bereit.
Auch thermisch gab es in unserem Test nichts zu meckern. Selbst auf langen Abfahrten mit dem E-MTB konnten wir kein spürbares Fading provozieren. Die Bremsleistung blieb konstant und auch der Druckpunkt wanderte nicht. Das Belagklappern, das uns bei einigen älteren Bremsen aufgefallen ist, war bei der neuen Race Pro kein Thema. Wie sich die neue MAGURA Race Pro in unserem großen Bremsen-Vergleichstest schlägt, lest ihr in der nächsten Frühjahrs-Ausgabe.


Fazit zur neuen MAGURA Race Pro-Bremse
Die neue MAGURA Race Pro ist weit mehr als eine MT7 in schickerem Alu-Gewand. MAGURA behält das typisch kontrollierte, lineare Bremsgefühl bei, legt bei der Power aber spürbar nach. Vor allem die Kombination aus geringer Hebelkraft, feiner Dosierbarkeit und hoher Standfestigkeit hat uns auf dem Trail überzeugt. Dazu kommen die hochwertige Haptik und durchdachte Service-Lösungen. Bei einer High-End-Bremse für rund 700 € hätten wir uns allerdings noch eine Druckpunktverstellung gewünscht. Abgesehen davon liefert die Race Pro ein sehr rundes Gesamtpaket mit starker Performance auf dem Trail und muss sich vor keiner Konkurrenz verstecken.
Tops
- hohe Bremsleistung bei geringer Hebelkraft
- sehr gut dosierbare, lineare Kraftentfaltung
- hohe Standfestigkeit
- hochwertige Haptik und Alu-Finish
- gute Ersatzteil- und Servicefähigkeit
Flops
- keine Druckpunktverstellung
Mehr Infos findet ihr auf MAGURA.com.
Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann würde es uns sehr freuen, wenn auch du uns als Supporter mit einem monatlichen Beitrag unterstützt. Als ENDURO-Supporter sicherst du dem hochwertigen Bike-Journalismus eine nachhaltige Zukunft und sorgst dafür, das die Mountainbike-Welt auch weiter ein kostenloses und unabhängiges Leitmedium hat. Jetzt Supporter werden!
Text & Fotos: Benedikt Schmidt
