Der Preis des Marin Hawk Hill 3 entspricht zwar nicht gerade dem Betrag, den man in der Sofaritze findet, doch mit 2.599 € repräsentiert es definitiv das „erschwingliche“ Ende des Spektrums beim Kauf eines vollgefederten Mountainbikes. Wir haben das Topmodell für einen Test mit auf die Trails genommen. Kann seine Performance mit der ausgefallenen Lackierung mithalten?

Marin Hawk Hill 3 | 130/120 mm | 27,5″ | 2.599 € | 14,3 kg | Hersteller-Website

Sieht man sich die Pressemitteilung und den Website-Auftritt des Marin Hawk Hill an, taucht dort immer wieder ein Wort auf – „Fun“! Es ist daher leicht erkennbar, dass Marin mit dem Hawk Hill nicht auf Racer oder Strava-Verrückte abzielt. Vielmehr möchte der kalifornische Hersteller Fahrer ansprechen, die mit Vorliebe an Baumstämmen abziehen, einfach immer und überall einen Manual ziehen und spielerisch stets noch eine Schippe drauflegen müssen, um ihre Riding-Buddies nass zu machen. Inspiriert von der neuen „Jib-Culture“ und Jungs wie Josh Bryceland oder der 50to01-Crew wird der Fahrspaß am Grinsen gemessen, nicht an Sekunden. Eine zweifellos gelungene Sache am Marin ist seine Lackierung – und wir lieben sie! Die ineinander verlaufenden drei Farben erregen auf dem Trail eine Menge Aufmerksamkeit und sorgen für einige überraschte Gesichter – erst recht, wenn man den günstigen Preis des Bikes nennt. Überraschenderweise ist das Modell 3 das teuerste in der Hawk Hill-Modellpalette. Die Modelle 1 und 2 tragen dabei Preisschilder von 1.599 € bzw. 1.999 €. Mit seinen 27,5“-Laufrädern und 130/120 mm an Federweg besetzt das Hawk Hill eine immer kleiner werdende Nischen-Kategorie, schließlich überschwemmen 29er gerade den Trail-Sektor. Doch passen die kleineren Laufräder zur Zielgruppe des Bikes?

Der Sitzwinkel des Marin Hawk Hill 3 fällt mit 74,5° eher oldschool aus und der Drehpunkt begrenzt die maximale Einstecktiefe. Das ist wichtig zu wissen, falls ihr eine längere Teleskopstütze installieren wollt.

Ausstattung des Marin Hawk Hill 3

Für 2.599 € darf man natürlich keine High-End-Komponenten erwarten, doch Marin hat seine Sache bei der Masse der wesentlichen Parts sehr gut gemacht. Der Rahmen ist schick, aus 6061-Aluminium hergestellt und fühlt sich hochwertiger an als erwartet. Noch wichtiger: Fahrwerk und Bremsen wurden gut gewählt. Die Marzocchi Bomber Z2 27,5“-Federgabel mit 130 mm Federweg bietet mit ihrer neuen RAIL-Dämpfungskartusche die Möglichkeit, die Low Speed-Druckstufe und -Zugstufe einzustellen. Als Dämpfer kommt ein Fox FLOAT DPS Performance zum Einsatz, der sich um die 120 mm Federweg am Heck kümmert. Bei den Bremsen handelt es sich um die einfachen, aber kraftvollen Shimano MT420-Vierkolben-Stopper mit 203/180 mm-Bremsscheiben.

Marin Hawk Hill 3 2020

2.599 €

Ausstattung

Federgabel Marzocchi Bomber Z2 130 mm
Dämpfer Fox FLOAT DPS Performance 120 mm
Sattelstütze X-Fusion Manic 150 mm
Bremsen Shimano MT420 203/180 mm
Schaltung Shimano SLX 32
Vorbau Marin 3D Forged Alloy 35 mm
Lenker Marin Mini-Riser 780 mm
Laufradsatz Marin Aluminum Double Wall, / Forged Alloy 27,5"

Technische Daten

Größe S, M, L, XL
Gewicht 14.3 kg

Ein Gruß aus der Vergangenheit. Trotz des Zweifinger-Hebels funktionieren die Shimano MT420-Bremsen in Kombination mit den 203/180 mm-Bremsscheiben tadellos.
Die Marzocchi Bomber Z2 RAIL-Dämpfungskartusche bietet die Möglichkeit, die Druckstufe sprichwörtlich im Handumdrehen zu verstellen
Es ist schon eine Weile her, dass wir ein Bike mit Schläuchen gefahren sind, und wir würden nach einem Kauf sofort auf Tubeless upgraden

Die Laufräder bestehen aus Marins hauseigenen „Tubeless Ready“-Felgen mit 29 mm Innenweite und Vee Tire Co. Flow Snap 27,5-Reifen mit Tackee-Gummimischung in der Breite 2,35“. Der Antrieb ist ein Mix aus Shimano SLX 12-fach-Schaltwerk und Schalthebel, gepaart mit einer SunRace 12-fach-Kassette und einer FSA GRID-Kurbel inklusive Kettenblatt mit 32 Zähnen. Die Manic-Teleskopstütze aus dem Hause X-Fusion verfügt über 150 mm Verstellweg (125 mm bei Rahmengröße S und 175 mm bei XL). Abgerundet wird die Ausstattung durch weitere hausinterne Marin-Komponenten: ein 780 mm breiter Lenker aus 6061-Aluminium und ein 35 mm-Vorbau.

Die 120 mm Federweg des MultiTrac-Hinterbaus arbeiten sensibel und mit gutem Support, vor allem dann, wenn der Dämpfer mit 25 % SAG etwas straffer abgestimmt ist
Die abgesenkte Kettenstrebe mit der dünnen Gummierung sorgt für eine leise Fahrt, doch wir würden eher auf dickeres 3M-Tape upgraden
Der Hawk Hill-Rahmen fühlt sich hochwertiger an, als es das Preisschild vermuten lässt, und die Kabel an unserem Bike klapperten bei unseren Testfahrten kein bisschen

Die Geometrie des Marin Hawk Hill

Das Marin lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Es ist eher ein verspieltes, kurzhubiges Bike als ein Vollgas-Racer und hebt lieber ab, als am Boden zu kleben. Daher ist es keine Überraschung, dass Marin bei relativ kompakten Abmessungen geblieben ist. Bei der von uns getesteten Größe Large beträgt der Reach 465 mm, der Radstand 1.192 mm, die Kettenstreben sind 430 mm lang und der Vorbau 35 mm kurz. All das fügt sich zu einem Bike zusammen, das sich äußerst kompakt anfühlt. Größe Large soll für Fahrer mit einer Körpergröße von 178–185 cm geeignet sein, doch in unseren Augen sind Fahrer mit langen Beinen am größeren Ende dieses Spektrums mit XL besser beraten. Auch was die Winkel des Hawk Hill angeht, tendieren diese eher zu Agilität denn Stabilität: Der Lenkwinkel beträgt 66,5° und der Sitzwinkel 74,3°. Was die Stack-Höhe als letzte Kenngröße angeht, so fällt diese mit 597,3 mm niedrig aus.

Größe S M L XL
Oberrohr 586,8 mm 608,1 mm 632,9 mm 651,9 mm
Sattelrohr 380 mm 425 mm 470 mm 515 mm
Steuerrohr 110 mm 120 mm 125 mm 130 mm
Lenkwinkel 66,5° 66,5° 66,5° 66,5°
Sitzwinkel 74,7° 74,5° 74,3° 74,1°
BB Drop 18 mm 18 mm 18 mm 18 mm
Radstand 1146,3 mm 1168,3 mm 1192,3 mm 1214,3 mm
Reach 425 mm 445 mm 465 mm 485 mm
Stack 583,6 mm 588,2 mm 597,3 mm 601,9 mm

Das Marin Hawk Hill auf dem Trail

Zwei unserer Tester stellten das Marin Hawk Hill ordentlich auf die Probe: in einem flowigen Trail-Center (wofür das Bike am besten geeignet ist) sowie auf Enduro- und DH-Trails, die einem jeden 120-mm-Trail-Bike den Angstschweiß auf die Stirn treiben würden. Für unsere beiden Tester mit 180 cm und 184 cm Körpergröße fühlte sich das Marin in Größe Large relativ kompakt an und beide hätten einen Riser-Lenker bevorzugt, um den niedrigen Stack zu kontern – aber das sind persönliche Vorlieben. Für ein strafferes, sportlicheres und präziseres Fahrgefühl fährt sich das Bike am besten mit einem härteren Setting, mit ca. 25 % SAG am Heck und der Druckstufen-Dämpfung an der Federgabel in der mittleren Position.

Das Marin Hawk Hill 3 fühlt sich am wohlsten, wenn man mit ihm herumalbert – es ist definitiv ein Bike für die „Jib-Generation“

Nimmt man auf dem Marin Hawk Hill 3 Platz, fühlt es sich sofort etwas beengend und nervös an, aber auch extrem wendig. Durch die kleinen Laufräder, den niedrigen Stack und den kurzen Hinterbau fühlt sich das Bike kleiner an, als es die Zahlen erahnen lassen – was super ist, wenn man mit dem Bike herumspielen will. Kaum saßen wir auf dem Bike, fingen wir bereits auf dem Parkplatz an, Stoppies zu machen und rückwärts zu fahren. Bei der Abfahrt mussten wir jedoch die Kehrseite dieser unzweifelhaften Verspieltheit feststellen: Wenn ihr gern heftig am Gas hängt und schnelle, direkte Linien liebt, dann ist das Hawk Hill nichts für euch. Bei Vollgas fühlt sich das Bike nervös an und lässt Grip und Bodenhaftung missen. Wenngleich die Geometrie des Bikes nicht auf Renn-Gene schließen lässt, sondern ausgeprägten Spieltrieb ankündigt, helfen leider auch die Vee Tire Co. Flow Snap-Reifen nicht dabei, die Stabilität zu erhöhen, und vermitteln ein schwammiges Gefühl in schnellen Kurven. Die verspielte und agile Geometrie verleitete uns bei den Testfahrten, mit ordentlich Last auf dem Vorderrad durch Kurven zu heizen, doch genau dann verlor der Vorderreifen umgehend an Grip. Dazu kam noch, dass wir mit leicht erhöhtem Luftdruck fahren mussten, schließlich befanden sich in unseren Reifen Schläuche. Wir können daher jedem Besitzer dieses Bikes nur empfehlen, den Vee Tire Co.-Vorderreifen zu demontieren, als Ersatz-Hinterreifen zu behalten und stattdessen an der Front einen Reifen mit mehr Seitenhalt aufzuziehen, beispielsweise einen MAXXIS Minion DHF oder DHRII – und natürlich beide Reifen auf Tubeless umzurüsten.

Der Hinterbau macht jedoch einen guten Job und bietet ein äußerst aktives sowie vorhersehbares Fahrgefühl. Mit unserem ein wenig straffer abgestimmten Dämpfer (25 % SAG) rauschten wir nie zu schnell durch den Federweg und es fiel uns leicht, das Gewicht in Kurven zu verlagern. Durch den flachen Sitzwinkel und das aktive Fahrwerk machten Passagen bergauf jedoch etwas mehr Mühe. Als weitere Fahrwerkskomponente empfanden wir die RAIL-Dämpfungskartusche der Marzocchi Z2-Federgabel als echtes Highlight. Sie bietet ein sehr gutes Fahrgefühl, mit einem Level an Support und Kontrolle, das man eher in der Premium-Klasse der Federgabeln vorfindet. Allerdings wurden wir nach nur wenigen Kilometern negativ überrascht: An den Buchsen der Marzocchi Z2-Federgabel herrschte Spiel, was mit einem hörbaren Knacken einherging.

Von den Vee Tire Co. Flow Snap sind wir keine Fans geworden, denn an der Front fehlt es ihnen an Kurvenhalt und bei Nässe an Traktion
Wir hätten außerdem nicht erwartet, Spiel an den Buchsen der Marzocchi Z2 feststellen zu müssen, doch nach einem heftigen Tag mit zahllosen Shuttle-Fahrten spürten wir deutliches Spiel am Casting

Die Vierkolben-Shimano MT401-Bremssättel verzögern sehr gut und Marin gebührt ein besonderes Lob dafür, an der Front eine große 203-mm-Bremsscheibe verbaut zu haben. Die langen Bremsgriffe sind jedoch nicht gerade die ergonomischsten und auch wenn sie sich weit an den Lenker heran stellen lassen, könnten Fahrer mit kleineren Händen zu kämpfen haben, eine entspannte Hebelweite zu finden. Die restliche Ausstattung des Bikes funktioniert gut. Natürlich wurden hier und da die Kosten ein wenig gedrückt, aber insgesamt kann man für den Preis nicht meckern. Alles in allem hatten wir eine gute Zeit mit dem Marin Hawk Hill 3 und einen Heidenspaß dabei, mit ihm herumzuspielen und allerlei Schabernack auf dem Trail zu treiben. Außerdem muss man dafür keine Bank überfallen. Mit seinem kompakten Hinterbau dürfte es eine spitzenmäßige Option für die durchgedrehte junge Generation der 50:01-Jünger sein. Was seine Allrounder-Eigenschaften angeht, muss es sich jedoch besseren Konkurrenten geschlagen geben – sogar aus dem eigenen Stall.

In genau diesen Momenten hatten wir mit dem Marin zu kämpfen: Wenn man sich bei Höchstgeschwindigkeit in Kurven lehnt und nicht weiß, ob der Vee Tire Co. Snaps-Vorderreifen halten wird …

Marin Hawk Hill 3 vs. Marin Rift Zone 3

Das Marin Hawk Hill 3 hat also ein paar Schwächen, doch in Anbetracht seines Preises ist es ein super spaßiges Bike. Allerdings gibt es ein Problem, und zwar das ähnlich ausgestattete 29“-Marin Rift Zone 3. Auch wenn wir die aktuellste Version des Bikes noch nicht gefahren sind, so brannte das Vorgängermodell des Rift Zone ein wahres Feuerwerk auf dem Trail ab. Mit 130/125 mm Federweg, einer ähnlichen Geometrie, einem steileren Sitzwinkel und den größeren 29“-Laufrädern würden wir es dem Hawk Hill 3 jederzeit vorziehen. Denn auch beim Rift Zone steht der Spaß im Mittelpunkt und es verfügt über ein ansprechendes Handling, profitiert dabei jedoch von der erhöhten Stabilität sowie Laufruhe der größeren Laufräder.

Mit ähnlicher Ausstattung und Federweg, aber dafür mit größeren Laufrädern – wir würden uns stets für das Marin Rift Zone 3 entscheiden

Fazit

Das Marin Hawk Hill 3 ist alles, was Marin versprochen hat: leicht, agil und mit einem kompakten und verspielten Fahrgefühl gesegnet. Wer es gern krachen lässt, wird es bei Höchstgeschwindigkeit zu nervös finden. Doch wenn man ihm vernünftige Reifen spendiert, die zum eigenen Fahrstil passen, und einige wenige kleine Upgrades vornimmt, dann wird aus ihm ein spaßiges Bike für all jene, deren Fokus darauf liegt, mit dem Trail zu spielen, anstatt nur darüber hinwegzurasen. Wer jedoch nach einem Allrounder sucht, dem würden wir stets das Marin Rift Zone 3 empfehlen.

Mehr Informationen findet ihr auf marinbikes.com

Stärken

  • robuster Rahmen, der von zukünftigen Upgrades profitiert
  • agiles und verspieltes Handling funktioniert spitze auf Trails mit Sprüngen und anderen Features
  • viel Spaß für wenig Geld

Schwächen

  • der kompakte Rahmen fühlt sich bei hohen Geschwindigkeiten nervös an
  • Vorderreifen fehlt es an Grip
  • das Rift Zone 3 ist das bessere Bike

Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.