Im DH‑World Cup dreht sich die Gewichtsdebatte gerade in die andere Richtung: Statt Gramm zu sparen, schrauben immer mehr Teams Bleigewichte ans Bike. Allerdings mit Bedacht und gezielt, um einen möglichst tiefen Schwerpunkt zu erzeugen. Die Idee dahinter: mehr Laufruhe und ein ruhigeres Bike in Highspeed-Sektionen.
Passend dazu bringt Orbea das neue Rallon auf den Markt. Mit der Neuauflage bietet sich nun erstmals die Möglichkeit, serienmäßig spezielle Gewichte im unteren Tretlagerbereich – am sogenannten Gravity-Link – zu montieren: An den DH‑Link lassen sich ein Hauptgewicht und zwei seitliche Gewichte verschrauben, die zusammen 583 g mehr Ballast an das Bike bringen. Dass das kein Show-Gimmick ist, hat der Trend im Downhill-World Cup bereits bewiesen. Doch was steckt physikalisch dahinter – und was bringt’s wirklich auf dem Trail? Profitieren auch Normalos davon, sehen wir das bald häufiger an Serienbikes – oder wird es sogar spezielle Lösungen für den Aftermarket geben? Um das zu beantworten, sind wir mit dem Rallon auf den Trail gestartet und haben mit Experten diskutiert und ausgelotet, wann zu viel des Guten ist.
Die Theorie – Mehr Laufruhe durch Massenträgheit
Das allgemeine Ziel ist recht klar: mehr Laufruhe durch Massenträgheit. Wenn ihr Masse tief und zentral am Bike ergänzt, steigt das Trägheitsmoment des Systems von Bike und Fahrer um die relevanten Achsen. Physikalisch heißt das: Für den gleichen Störeinfluss – wie Lenkimpulse, Wurzeln oder Bremswelle – ändert sich die Bewegungsrichtung langsamer und gleichmäßiger im Vergleich zum leichteren Bike. Das Resultat ähnelt dann einem Filter: hektische, hochfrequente Bewegungen werden geschluckt und entschleunigt, während die eigentliche Fahrtrichtung stabil bleibt.
Damit ist das Grundprinzip simpel: Das Trägheitsmoment wächst sowohl mit der Masse als auch mit dem Abstand zur Drehachse. Für das Lenk- und Fahrgefühl ist wichtig: Ein höheres Trägheitsmoment bedeutet bei gleichem Störmoment eine kleinere Winkelbeschleunigung. Oder aufs Bike übertragen: Zusätzliche und richtig positionierte Masse beruhigt schnelle und kleine Bewegungen, ohne dass man aktiv gegensteuern muss. Dieses Gefühl empfinden viele als „satter“.
Gierachse (vertikale Achse)
Die Gier‑Trägheit bestimmt, wie willig euer Bike um die vertikale Achse dreht. Auf schnellen, rauen Strecken – wie z. B. Les Gets, Fort William oder Andorra – verursachen Bremswellen oder kleine Kanten ständige, minimale seitliche Lenkimpulse. Mehr Masse tief im Rahmen macht das System träger gegen diese Impulse – das Bike zappelt weniger und hält die Linie präziser, besonders wenn die Geschwindigkeit sehr hoch ist. Sprich, sie erhöht die Stabilität beim Geradeausfahren.
Pitch‑Achse (Querachse)
Beim Anbremsen oder wenn das Vorderrad über eine Kante dropt, bekommt das Bike einen Pitch‑Impuls. Eine höhere Trägheit um die Querachse dämpft diese Bewegungen: Das Rad bockt weniger, bleibt länger im Federweg und behält mehr Grip an der Front. Das stabilisiert eure Körperposition in Bremswellen und hilft euch, in ruppigen Anliegern später und kontrollierter zu bremsen.
Roll‑Achse (Längsachse)
Rollen heißt: Das Bike kippt in Schräglage. Allerdings sitzt eure Körpermasse hoch über dem Rahmen, wodurch ihr den größten Hebel darstellt und das Trägheitsmoment über die Rollachse dominiert. Ein tief montiertes Zusatzgewicht hat zur Rollachse einen vergleichsweise kleinen Abstand, sein Beitrag zum Trägheitsmoment ist daher geringer als die der Gier- oder Pitch-Achse. Trotzdem hilft es indirekt: Der Schwerpunkt sinkt, das System kippt kontrollierter, ruhiger und stabiler in die Kurve. Dabei steigt das subjektive Grip‑Gefühl in Schräglage, weil die Last ruhiger und konstanter auf den Kontaktflächen – also der Reifen – anliegt. Für enge, verspielte Trails müsst ihr dennoch aktiver arbeiten – das ruhigere Bike verlangt klarere Lenkimpulse.
Ein niedriger Schwerpunkt – Was ihr wirklich spürt
Gewichte im Tretlagerbereich senken den Schwerpunkt des Systems von Bike und Fahrer. Das spürt ihr in Anliegern und schnellen Kurven in Form von mehr Druck und Reserven, weil sich die Last weniger „hochschaukelt“. Gleichzeitig bleibt die Front in steilen Passagen länger ruhig und ihr könnt Linien später und präziser wählen. Ein schönes, greifbares Beispiel: E-MTBs fühlen sich oft souveräner an, weil der schwere Antrieb den Schwerpunkt massiv senkt. Auf ruppigen DH‑Strecken oder im Bikepark mit vielen Bremswellen wirkt zusätzliche Masse wie ein Trägheits‑Anker: Kleine, schnelle Unebenheiten schaffen es seltener, das Bike aus der Bahn zu werfen. Die Reifen werden konstanter und gleichmäßiger belastet, weil der Rahmen als ruhige Referenz arbeitet und die Federelemente in ihrem Sweet Spot bleiben. Genau diesen Effekt kennen viele von euch, wenn ihr vom Trail‑Bike auf ein schwereres E-MTB umsteigt: gleiche Geschwindigkeit mit deutlich satterem Fahrgefühl. In unserem Test hat das hohe, aber gut positionierte Gewicht regelmäßig für mehr Spurtreue gesorgt – entscheidender ist allerdings die Verteilung und nicht das reine Gewicht.
Über kleine Unebenheiten hinweg wird der vertikale Beschleunigungsimpuls durch die größere Masse weniger stark in Winkel- und Längsbewegung umgesetzt. Das erhöht die Kontaktdauer der Reifen und damit die Traktion – beim Bremsen, aber auch beim Rausbeschleunigen aus Kurven. Wobei letzteres für die meisten Biker eher irrelevant sein sollte. Rein theoretisch ist auch der Bremsweg auf einem Trail nicht automatisch länger, obwohl das Systemgewicht erhöht wird. Denn hier zahlt sich oft der erhöhte Druck der Querachse aus und verleiht dem Bike zusätzlichen Grip und Traktion.
Nachteile & Grenzen – Was ihr einkauft, wenn ihr Masse nachrüstet
Wenn ihr Masse nachrüstet, müsst ihr euch bewusst sein, dass als allererstes die Agilität eines Bikes sinkt. Denn mehr Trägheit bedeutet, dass ihr bewusstere und kräftigere Inputs geben müsst. Auf engen, langsamen Trails und bei Manuals, Bunny Hops oder Whips fühlt sich das Bike träger an und fordert mehr Input von euch. Auch Beschleunigen kostet etwas mehr Körner und das Sprinten aus einer Kurve oder gar dem Starthäuschen wird etwas härter. Der Bremsweg ist – wie oben erklärt – nicht per se länger, aber es entsteht mehr Hitze beim Bremsen, was das Material etwas mehr beansprucht – wobei auch hier das Fahrergewicht einen größeren Einfluss hat.
Wichtig: Zusatzgewichte gehören zur gefederten Masse. Mehr ungefederte Masse hingegen – z. B. Gewichte an der Kettenstrebe oder an den Bremsen – verschlechtern das Ansprechverhalten der Federelemente und wären damit kontraproduktiv. Das Senken der ungefederten Masse ist zum Beispiel ein Vorteil der Bikes mit Getriebe-Antrieb. Dazu haben wir erst vor Kurzem einen spannenden Artikel veröffentlicht. Viele Weltcup-Teams und auch wir haben deshalb zusätzliche Tests mit Tuned Mass Dampers (TMD) an Gabel oder Rahmen durchgeführt, um ein Gefühl für das Thema zu bekommen. Das Prinzip ist zwar ein anderes, aber das Ziel ist ähnlich: hochfrequente Vibrationen zu entschärfen.
Wie wir getestet haben – Das Orbea Rallon DH
Das neue Orbea Rallon liefert die perfekte Basis für unseren Test, denn es ist das erste Bike, das – neben einer Menge anderer Verstellmöglichkeiten – eine Montage für zusätzliche Gewichte liefert. Mit dem GravityLink lassen sie sich direkt am tiefsten Punkt des Rahmens verschrauben – ein 395‑g‑Hauptgewicht sowie zwei Sideplates mit 93 g und 95 g, zusammen also bis zu 583 g. Neben den Orbea‑Gewichten haben wir zusätzlich ca. 1,0 kg in handlichen Taucher-Gewichten tief am Rahmen fixiert, um größere Masse-Sprünge zu simulieren und die Grenzen besser auszuloten.
Das restliche Setup haben wir konstant gehalten: identische Reifen und Drücke, gleiches Fahrwerks-Setup und wiederholte Runs auf einem Trail. Neben der DH-Version haben wir unsere Tests auch mit dem Enduro-Bike durchgeführt, um eine breite Palette an unterschiedlichen Trails abzudecken. Von schnellen, rauen Abfahrten mit High‑Speed‑Bremswellen und Steinfeldern bis hin zu engeren, flacheren Trails mit vielen Richtungswechseln.
Parallel dazu haben wir einen Tuned Mass Damper (TMD) getestet, um zu prüfen, wo die Unterschiede liegen. So konnten wir „statische“ Zusatzmasse (BB‑Gewichte) gegen „dynamische“ Masse (TMD) abgrenzen und die Effekte klarer herausarbeiten, auch wenn das nicht der Fokus des Tests war.
Das Fazit zu Zusatzgewichten
Zusatzgewichte sind kein Zaubertrick, aber ein wirksames und kostengünstiges Tuning. Tief am Bike montiert, bringen 200–600 g spürbar mehr Ruhe, Traktion und Bremsstabilität – vor allem auf schnellen, ruppigen Lines. Der Preis dafür: weniger Agilität auf engen und verspielten Trails und zusätzliche Masse beim Pedalieren. Solltet ihr aber bevorzugt mit Speed auf roughen Strecken mit Liftunterstützung unterwegs sein, lohnt es sich, mit den zusätzlichen Gewichten zu spielen.
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Text & Fotos: Peter Walker


