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200 Kilometer patagonische Wildnis liegen bereits hinter mir – und meinem Pferd. Anfang 2026 habe ich mein Bike gegen zwei Pferde getauscht und mich sieben Monate nach meiner ersten Reitstunde für eines der härtesten Pferderennen der Welt angemeldet: zehn Tage self-supported durch Patagonien. Durch Sümpfe und Flüsse, vorbei an Gletschern, über das Plateau des Todes, durch dichte Wälder und entlang beängstigend steiler Klippen.
Und während ich dort im Schlamm steckte und versuchte, mein Pferd wieder herauszubekommen, kam mir ein ziemlich absurder Gedanke: Verdammt, das fühlt sich irgendwie nach Mountainbiken an. Oder zumindest nach dem, was ich beim Biken in letzter Zeit immer mehr vermisst habe – ohne überhaupt zu realisieren, dass es jemals verloren gegangen war.
Genau davon handelt diese Ausgabe. Wir haben das Mountainbiken dafür nicht neu erfunden – im Gegenteil: Wir haben uns gefragt, warum wir seinerzeit überhaupt damit angefangen haben. Ob wir uns in unseren eigenen Bike-Gewohnheiten und Routinen verrannt haben. Ob unser Hobby zu teuer und elitär geworden ist. Und warum ausgerechnet das Aus des Enduro World Cups die größte Chance seit Langem sein könnte.
Denn die gefährlichsten Veränderungen sind oft nicht die radikalen Einschnitte, sondern die schleichenden Prozesse. Gewohnheiten und Komfortzonen, die sich so normal anfühlen, dass wir sie kaum bemerken – bis uns irgendwann der Hammer trifft und wir uns fragen: Wie bin ich eigentlich hier gelandet? Und wann habe ich vergessen, worum es mir einmal ging?
Manchmal braucht es dafür Abstand. Bei mir waren es 200 Kilometer patagonische Wildnis auf einem Pferd. Manchmal braucht es einen Weckruf. Für den Endurosport ist das gerade die Ankündigung der UCI, den Enduro World Cup einzustellen.
Das Thema dahinter ist größer als eine Renndisziplin oder das Mountainbiken an sich. Immer mehr in unserem Leben ist organisiert, inszeniert, kuratiert und auf möglichst wenig Reibung optimiert. Wir wissen, was uns erwartet, bevor wir überhaupt loslegen.
Beim Mountainbiken ist das nicht anders. Perfekt geshapte Trails, Shuttle-Pläne, Setup-Guides, Trail-Apps – und verdammt gute Bikes, die uns immer mehr abnehmen. Vieles davon ist großartig. Gefährlich wird es, wenn wir uns dabei unbemerkt vom Abenteurer zum Trail-Konsumenten entwickeln. Wie weit wir uns davon entfernen können, hat mir ausgerechnet Patagonien gezeigt.
Am Arsch der Welt kommt dir niemand zu Hilfe und sagt dir, was jetzt zu tun ist. Ich allein war für mein Pferd und mich selbst verantwortlich. Für die Route, meine Entscheidungen und deren Konsequenzen. Dafür, ob wir weiterreiten oder umdrehen, ein Moor zu queren versuchen oder einen anderen Weg suchen und dafür, ob mein Pferd genug frisst und trinkt, um am nächsten Morgen wieder fit zu sein.
Keine Ausreden. Dafür Angst und Zweifel – bis hin zur Verzweiflung. Aber genau das war das Geile daran. Es war rau, vollkommen der Wildnis ausgesetzt und ohne Sicherheitsnetz. Ich musste unglaublich aufmerksam sein, improvisieren und lernen, volle Verantwortung für jeden Schritt zu übernehmen.
Die Herausforderung war nicht das Problem. Sie war das Abenteuer. Und genau das drohen wir zu verlieren. Wir haben unseren Sport in den vergangenen Jahren perfektioniert. Unsere Bikes können heute Dinge, die noch vor 15 Jahren absurd erschienen wären. Fahrwerke sind besser, Bremsen stärker, Reifen griffiger und Trails professioneller. Apps sagen uns, wo wir langfahren müssen, Setup-Guides verraten den passenden Druck. Dank YouTube, Trailforks und Instagram kennen wir einen Trail oft schon, bevor wir ihn zum ersten Mal fahren.
Wir optimieren Equipment, Route, Wetterfenster und Risiko. Das meiste davon ist Fortschritt. Doch Fortschritt hat eine interessante Nebenwirkung: Je besser wir darin werden, das Unvorhersehbare zu beseitigen, desto weniger Raum lassen wir für Abenteuer. Kontrolle ist komfortabel. Aber Abenteuer beginnt dort, wo die Kontrolle endet. Ein Abenteuer, dessen Ausgang schon feststeht, ist keins.
Und jetzt kommt der Teil, der einigen eingefleischten Mountainbikern ein bisschen wehtun wird: Ausgerechnet das E-MTB scheint heute oft mehr Entdeckergeist zu fördern als das analoge Mountainbike. Autsch.
Doch genau das zeigt: Nicht die Technologie ist das Problem, sondern was wir aus ihr machen. Das wurde uns an der Pazifikküste Kaliforniens klar, wo wir gemeinsam mit zwei Lesern neue Wege erkundet haben – und wo es um deutlich mehr ging als ein neues Bike von Specialized.
Während wir mit analogen Bikes immer häufiger dieselben bekannten Runden, Trailcenter und Bikeparks fahren, verleitet die Ich-fahr-da-mal-runter-weil-ich-mit-Motor-eh-wieder-hochkomme-Leichtigkeit des E-MTBs dazu, wieder spontan abzubiegen und neue Wege zu erkunden. Den Forstweg hochzufahren, von dem man nicht weiß, wo er endet. Eine Runde zu planen, bei der man sich mit dem normalen Bike zweimal überlegen würde, ob man sie heute noch anfängt. Früher war das anders – da war es O. k., weniger Trails zu „konsumieren“. Oder wir haben uns einfach mehr Zeit genommen. Auch unsere Storys zur Gravity Card und zum Overnighter drehen sich genau darum: Wie viel Komfort tut unserem Sport gut – und wie wenig braucht es eigentlich für ein Abenteuer?
Warum ist das überhaupt wichtig? Weil Mountainbiken so viel mehr sein kann als Adrenalinkonsum und ein paar Runden durch den Wald. Es konfrontiert uns mit unseren Ängsten, zwingt uns zu Entscheidungen, lässt uns scheitern, lernen und über uns hinauswachsen. Im besten Fall kommen wir von einem Ride nicht nur als bessere Mountainbiker zurück, sondern ein kleines bisschen anders, als wir losgefahren sind. Und genau deshalb sind das Ungewisse und die daraus folgende Herausforderung unbezahlbar.
Moritz stellt im Artikel „Teuer – Kompliziert – Gefährlich – Geil“ die Gegenfrage: Haben wir Mountainbiken so teuer, kompliziert und gefährlich gemacht, dass wir genau die Menschen abschrecken, die wir dafür begeistern wollen? Bikes so teuer wie Autos, High-Tech-Dschungel statt Einfachheit und ein Verletzungsrisiko, das erst im Rettungshelikopter endet. Was ist Mountainbiken denn jetzt – zu weichgespült oder längst zu krass? Und wie machen wir unseren Sport zugänglicher, ohne ihm genau die Herausforderungen zu nehmen, die ihn so verdammt gut machen?
Auch unser Trail-Bike-Vergleichstest führt auf seine Art genau zu dieser Frage. Vom leichtfüßigen Trail-Flitzer bis zum Mini-Enduro, vom analogen Bike bis zum Full-Power-E-MTB steht hier ein 12-köpfiges Testfeld am Start, das kaum noch in eine gemeinsame Schublade passt. Was davon ist überhaupt noch ein Trail-Bike?
Ganz ehrlich: Who cares? Weniger Gewicht macht noch keinen guten Kletterer, viel Federweg keine bessere Downhill-Performance und ein kurzes Heck noch lange keine Spaßmaschine. Interessanter als jedes Label ist die Frage: Was ermöglicht uns ein Bike? Und darauf gibt dieser Vergleichstest klare Antworten!
Nils geht noch einen Schritt weiter und beschäftigt sich mit etwas, das sich mit Geld nicht kaufen lässt: Flow. Ein schmaler Grat, auf dem Herausforderung und Können im perfekten Gleichgewicht liegen. Und stellt die Frage: Was passiert eigentlich, wenn das Bike irgendwann nur noch funktioniert und der gewohnte Trail uns nicht mehr fordert?
Und wer sagt eigentlich, dass man für neue Herausforderungen immer weiter wegfahren muss? Vero Sandler macht genau das Gegenteil. Sie bleibt an einem Ort und verändert ihn so lange, bis es wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Statt der nächsten Bestzeit jagt sie neuen Lines und Ideen hinterher. Lars hat sie in Wales besucht und herausgefunden, was passiert, wenn man die Stoppuhr gegen die Schaufel tauscht.
Unterschiedliche Geschichten, dieselbe Frage: Haben wir vergessen, warum wir eigentlich angefangen haben? Genau deshalb trifft das Ende des Enduro World Cups einen Nerv. Statt reflexartig den nächsten World Cup nach altem Muster zu bauen, sollten wir genau hier ansetzen: Was hat Enduro einmal so besonders gemacht?
Wir sind verdammt gut darin geworden, Mountainbiken zu optimieren. Passen wir auf, dass wir dabei nicht genau das wegoptimieren, weshalb wir überhaupt damit angefangen haben.
Es geht nicht darum, die Uhr zurückzudrehen. Früher war nicht alles besser. Unsere Bikes dürfen besser werden, unsere Trails sicherer und unser Sport zugänglicher. Aber nicht alles, was unbequem ist, muss weg. Ein bisschen Ungewissheit. Eigenverantwortung. Angst. Scheitern. Sich durchwurschteln. Nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt. Genau das sind die Zutaten, aus denen Abenteuer entstehen. Haben wir’s vergessen? Dann ist jetzt ein super Zeitpunkt, uns wieder daran zu erinnern.
Viel Spaß beim Lesen!
Robin,
Gründer ENDURO

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Text: Robin Schmitt Fotos: Diverse




