Das Norco Shore 1 ist die in Form gegossene Definition eines Freeriders: ein robuster Alu-Rahmen, wuchtige Parts, High-Pivot-Hinterbau und satte 180 mm Federweg, gepaart mit einem Reach von 510 mm in Größe XL. Aber ist es so stabil, wie es aussieht, und macht so ein riesiges Bike trotz der 27,5”-Laufräder überhaupt noch Spaß?

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: Das beste Bikepark-Party-Bike 2021 – 6 Modelle im Test

Norco Shore 1 | 180/180 mm (v/h)
17,7 kg in Größe XL | 6.299 € | Hersteller-Website

Das Norco Shore 1 hat im Herbst letzten Jahres nach vielen Jahren der Abstinenz wieder die Bühne betreten. Es rollt auf 27,5”-Laufrädern, besitzt satte 180 mm Federweg an Front und Heck und arbeitet mit einem High Pivot Horst Link-Hinterbau. Der hohe Drehpunkt soll ein Ausweichen des Hinterrads nach hinten und oben ermöglichen, wenn man auf ein Hindernis trifft. Um den dabei entstehenden Pedalrückschlag zu minimieren, hat Norco eine Kettenumlenkrolle montiert. Zusätzlich ist der Hinterbau für Stahlfederdämpfer optimiert. Der Rahmen und die dazu erhältlichen Ausstattungsvarianten wurden speziell für den Einsatz im Bikepark und fette Freeride-Lines konzipiert und sind auf Robustheit anstatt auf Leichtbau ausgelegt. Das 6.299 € teure Bike eignet sich ausgezeichnet für große Drops und massive Jumplines. Auch ausgebombte Bikepark-Strecken und steile technische Passagen liegen ihm. Der markante Alu-Rahmen ist vor allem in der von uns getesteten Größe XL super lang. Die Kunststoffschützer am Unterrohr sind eher von kosmetischer Natur und haben sich schon nach wenigen Tagen vom Rahmen gelöst. Zusätzlich ist die Kabelführung am gesamten Rad recht unsauber. Und es gibt noch ein Manko: Trotz der Tuning-Maßnahmen von Norco mit den verbundenen Leitungen am Cockpit ist das Shore 1 extrem laut. Vor allem ist das metallische Klappern der Züge an den Ein- und Ausgängen zu hören, aber auch die Umlenkrolle der Kette gibt beim Pedalieren einiges an Geräuschen von sich.

Die Ausstattung des Norco Shore 1 im Detail

Norco setzt beim Shore-Modell nur auf Aluminium-Parts und verzichtet gänzlich auf Carbon. Die wichtigsten Stellen des robust aussehenden Rahmens sind standardmäßig mit Lackschutzfolie abgeklebt und Norco hat als Tuning noch Ober- sowie Unterrohr mit Schutzfolie versehen. Auch ein Bashguard wurde als Tuning an dem Bike verbaut, was wir euch für den Einsatz im Bikepark auch dringlichst empfehlen. So bringt es das Norco Shore 1 auf satte 17,7 kg. Der üppige Federweg wird durch eine FOX 38 Factory GRIP2-Gabel mit 180 mm und einen FOX DHX2 Factory Coil-Dämpfer generiert. Anders als beim Propain könnt ihr hier die Federhärte nicht frei wählen, denn sie ist von der Rahmengröße abhängig. Wer ein untypisches Gewicht für seine Größe oder einen besonderen Fahrstil hat, muss im Nachhinein eine separate Feder kaufen. Unsere Fahrer mit einem Gewicht von 93 bis 100 kg sind mit der verbauten Feder des XL-Modells gut zurechtgekommen. Gebremst wird mit einer starken SRAM CODE RSC-Vierkolbenbremse mit großen 200-mm-Bremsscheiben. Bei den Laufrädern hat sich Norco für das LG1 DH-Modell von E*thirteen mit 27,5” entschieden. Wir mussten schon nach kurzer Zeit viele lockere Speichen nachziehen und das Laufrad hält den Belastungen im Bikepark nicht stand. Wir empfehlen euch deshalb, alle Speichen mit LOCTITE zu versehen oder direkt einen robusteren Laufradsatz zu verbauen. Standardmäßig montiert sind dafür die super robusten und weichen 2,5” MAXXIS ASSEGAI-Reifen mit Doubledown-Karkasse und 3C MaxxGrip-Gummimischung an Front und Heck.

Baufällig
Der dünne und schmale Unterrohrschutz ist leider schon nach kurzer Zeit abgegangen. Wir haben mit Kabelbindern und Klebeband nachgeholfen.
Assi gail
Die beiden MAXXIS ASSEGAI an Vorder- und Hinterrad liefern ausreichend Durchschlagschutz und eine Menge Grip – wir sind Fans!
Klapperschlange
Norco hat bei unserem Test-Bike die Leitungen gebündelt, mit mäßigem Erfolg: An den Ein- und Ausgängen klappern sie dennoch extrem laut und metallisch.

Norco Shore 1

6.299 €

Ausstattung

Federgabel FOX 38 Factory GRIP2 180 mm
Dämpfer FOX DHX2 Factory 180 mm
Sattelstütze TranzX JD 200 mm
Bremsen SRAM CODE RSC 200/200 mm
Schaltung SRAM GX Eagle 12-Speed 10–52
Vorbau CNC Alloy 40 mm
Lenker DEITY Ridgeline 35 mm Rise 25 800 mm
Laufradsatz eThirteen LG1 DH 27,5"
Reifen MAXXIS ASSEGAI 3C MaxxGrip DD/ MAXXIS ASSEDAI 3C MaxxGrip DD 2,5 / 2,5

Technische Daten

Größe S M L XL
Gewicht 17,7 kg

Besonderheiten

Rahmenschutzfolie an Ober- und Unterrohr
Leitungen am Cockpit verbunden
Bashguard


Key-Facts
Der Aufkleber auf dem Unterrohr zeigt die wichtigsten Daten eures Bikes an und dient als Spickzettel, falls ihr mal wieder in den ungewollten Tech-Talk in der Liftschlange verwickelt werdet.
Zu schwach
Die verbauten E*thirteen LG1 DH-Laufräder halten der Belastung im Bikepark nicht stand. Schon nach wenigen Runden mussten wir alle Speichen nachziehen. Hier solltet ihr nachbessern oder sie direkt von einem Fachmann mit LOCTITE versehen lassen.
High Pivot Horst Link-Hinterbau mit Idler
Der Hauptdrehpunkt der Kettenstrebe liegt weit oberhalb des Tretlagers und ermöglicht dem Hinterrad beim Kontakt mit Hindernissen ein Ausweichen nach hinten und oben. Um den dadurch entstehenden Pedalrückschlag zu verhindern, wird die Kette aufwendig um eine Umlenkrolle geführt.

Die Geometrie des Norco Shore 1

Das Norco Shore ist in vier Rahmengrößen von S bis XL erhältlich und soll so alle Fahrer zwischen 155 und 192 cm abdecken. Die Kanadier empfehlen einen XL-Rahmen, wenn man zwischen 182 und 192 cm groß ist. Wir fanden das Bike in der Größe aber zu lang, denn in XL besitzt das Shore einen sehr langen Reach von 510 mm und paart das mit einer niedrigen Front; der Stack beträgt 638 mm. Deshalb empfehlen wir euch, Spacer unter dem Vorbau zu montieren, auch wenn ihr damit Stylepunkte liegen lasst.
Zu all dem kommt noch der außerordentlich flache Lenkwinkel von nur 63° – als Konsequenz fühlt sich das Bike an wie ein Panzer. Super kurz, vor allem im Vergleich zum ausgesprochen langen Reach, ist das Sattelrohr mit einer Länge von 455 mm. Das sorgt für ordentlich Bewegungsfreiheit und das in allen Rahmengrößen recht niedrige Sattelrohr ermöglicht euch eine freie Größenwahl nach der Länge und Fahreigenschaft des Bikes – mega! Im Zweifel würden wir euch zur kleineren Größe raten. Durch das Ride Aligned Design-System möchte Norco jeden Rahmen perfekt auf die Größe des Fahrers anpassen, deshalb besitzt jede Größe eine andere Kettenstrebenlänge. Unser Bike in Größe XL hatte eine Kettenstrebenlänge von 450 mm.

Wer im Absprung schon ordentlich ausholt, bekommt das Shore auch quer. Ist es dort einmal, liegt es super stabil in der Luft.

Größe S M L XL
Sattelrohr 365 mm 395 mm 410 mm 455 mm
Oberrohr 558 mm 588 mm 617 mm 646 mm
Steuerrohr 100 mm 115 mm 130 mm 145 mm
Lenkwinkel 63,0° 63,0° 63,0° 63,0°
Sitzwinkel 77,0° 77,3° 77,7° 78,0°
Kettenstrebe 435 mm 440 mm 445 mm 450 mm
BB Drop 11 mm 11 mm 11 mm 11 mm
Radstand 1.203 mm 1.245 mm 1.286 mm 1.328 mm
Reach 420 mm 450 mm 480 mm 510 mm
Stack 598 mm 611 mm 625 mm 638 mm
Helm Bell Full 9 FUSION MIPS | Goggle Melon Optics Diablo | Shirt Vans Checker Longsleeve
Hose Troy Lee Designs Sprint Ultra Pant | Knieschoner AMPLIFI Salvo
Schuhe Five Ten x Troy Lee Hellcat Pro Clipless | Socken Stance

Unser Test-Eindruck vom Norco Shore 1 im Bikepark: Macht so ein riesiges Bike trotz der 27,5”-Laufräder überhaupt noch Spaß?

„Lang, länger, Norco Shore“, das ist auf dem Trail das Motto. Wo gefühlt euer Vorderrad schon am nächsten Sprung ist, fährt euer Heck noch durch den letzten Anlieger. Das macht es mit dem Norco schwer, auf verwinkelten Flowtrails Spaß zu haben, und verspielte Fahrmanöver sind nur etwas für sehr aktive und kräftige Fahrer. Durch den High-Pivot-Hinterbau wird das Bike vor allem in engen Kurven noch länger im Radstand und durch den sehr flachen Lenkwinkel besteht die Gefahr, im Kurvenausgang zu untersteuern. Hier hilft nur aktives Fahren, indem man sein Gewicht gekonnt auf die Front verlagert. Viel Aktivität ist auch beim Springen von kleinen Kanten oder Wellen gefragt, das Norco klebt nämlich am Boden und benötigt wie das Propain trotz des Fahrwerks mit gutem Gegenhalt deutliche Impulse, um in die Luft zu kommen.

Einfach draufhalten ist die Lieblingsbeschäftigung des Norco Shore 1. Sobald es eng wird, braucht man allerdings eine Menge Kraft.“

Tuning-Tipps: Leitungen an Ein- bzw. Ausgängen fixieren | Unterrohrschutz festkleben | stabileres Laufrad am Heck | Speichenspannung regelmäßig checken oder direkt vom Fachmann nachbessern lassen

Voll in seinem Element
Jumps, Anlieger und Stürze gehören zu einem Besuch im Bikepark. Das Norco Shore auch!

Auf großen Sprüngen und bei riesigen Anliegern kann das Shore dafür überzeugen und liefert ein super hohes Sicherheitsempfinden. Grund dafür sind die schier endlosen Reserven des Fahrwerks und die Stabilität in der Luft. Auch eine harte Landung oder ein Case sind für das Shore kein Problem. Whips, Tabletops und Scrubs hingegen benötigen viel Kraft und werden einfacher, wenn man bereits im Absprung das Carven anfängt, um richtig quer zu kommen. Mit den richtigen Impulsen sammelt man mit dem Shore trotzdem Stylepunkte – und baut man doch mal einen Wackler in der Luft ein, bleibt das Bike unbeeindruckt davon in seiner stabilen Flugbahn. Vergleichbare Stabilität in der Luft bietet nur das Canyon Torque:ON.

Im technischen Gelände sorgen die Länge des Bikes, der flache Lenkwinkel und das super Fahrwerk für eine Menge Laufruhe. Mal kurz um ein Hindernis herumgefahren ist man mit dem Shore aber nicht. Einfach drüber ist hingegen kein Problem, denn Überschlagsgefühle kommen trotz des kleinen Vorderrads nicht auf und das klasse Fahrwerk saugt Hindernisse einfach auf. In engen Passagen wird die Länge des Bikes wieder zum Problem und das Shore erfordert viel Kraft, um nicht stecken zu bleiben. Daher ähnelt das Norco mehr einem Downhill-Bike und ermöglicht auf geraden Strecken auch die richtig brutalen Lines. Platz machen müsst ihr nur dem Nukeproof Giga, das mit seiner extremen Traktion und dem wendigeren Fahrverhalten an euch vorbeizieht.

Fazit

Das Norco Shore 1 ist ein außergewöhnliches Bike mit spezifischem Einsatzgebiet. Richtig Spaß macht es auf großen Sprüngen, fetten Drops und Highspeed-Baller-Trails. Dank des großen Sicherheitsempfindens und der massiven Reserven fleht es permanent nach Speed. Stylen, enge Turns und flowige Strecken kosten aber viel Kraft, wodurch es Anfänger überfordern kann. Außer dem schwachen Laufradsatz ist die Ausstattung fast perfekt, auch wenn nicht alle Tuning-Maßnahmen den gewünschten Effekt brachten.

Stärken

  • viele Reserven und viel Sicherheit
  • mega geiles Fahrwerk
  • ermöglicht sehr hohe Geschwindigkeiten im Bikepark
  • super niedriges Sitzrohr für viel Bewegungsfreiheit

Schwächen

  • wer nicht aufpasst, ist schnell Passagier
  • enge, verwinkelte und langsame Trails erfordern deutliche Impulse
  • höllisch laut
  • Laufradsatz hält dem Potenzial des Bikes nicht stand

Mehr Informationen findet ihr unter norco.com

Das Testfeld

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: Das beste Bikepark-Party-Bike 2021 – 6 Modelle im Test

Alle Bikes im Test: Canyon Torque:ON 9 (Zum Test) | Norco Shore 1 | Nukeproof Giga 290 Carbon Factory (Zum Test) | Propain Spindrift CF Mix (Zum Test) | Specialized Status 160 (Zum Test) | YT CAPRA 29 CORE 4 (Zum Test)

Text: Peter Walker Fotos: Peter Walker

Über den Autor

Peter Walker

Peter ist als technischer Redakteur nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Taten. Mit ernsthaften Bike- und Schrauber-Skills, seiner Motocross-Historie, diversen EWS-Teilnahmen und über 150 Bikepark-Tagen in Whistler – ja, der Neid der meisten Biker auf diesem Planeten ist ihm gewiss – ist für Peter kein Bike zu kompliziert und kein Trail zu steil. Gravel und Rennrad kann er übrigens auch! Das für unsere redaktionelle Arbeit wichtige Thema Kaufberatung hat Peter in Vancouvers ältestem Bike-Shop von der Pike auf gelernt und setzt sein Know-how auch im journalistischen Alltag um. Wenn er nicht gerade die Stuttgarter Hometrails auf neuen Test-Bikes unsicher macht, genießt er das Vanlife mit seinem selbst ausgebauten VW T5. Dass er dazu noch ausgebildeter Notfallsanitäter ist, beruhigt seine Kollegen bei riskanten Fahrmanövern. Zum Glück mussten wir Peter bislang nie bei seinem Spitznamen „Sani-Peter“ rufen. Wir klopfen auf Holz, dass es dazu auch nie kommen wird!