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Die richtige Lenkerhöhe – So wählt ihr den passenden Rise am MTB-Lenker

Lässt euch euer Vorderrad in puncto Bodenhaftung im Stich? Fühlt sich euer Nacken nach dem Biken an, als wäre er mit Nägeln gespickt? Dann ist es an der Zeit, über die Höhe eures Lenkers nachzudenken! Wir haben ein wenig experimentiert, und verraten euch, wie ihr eure perfekte Lenkerhöhe findet.

Lenkerhöhe ist möglicherweise nicht gerade das attraktivste Thema. Früher fuhren wir alle mit 680 mm breiten Flat-Bars und selbst die leichtesten Abfahrten waren angsteinflößend. Mit den aufkommenden breiteren Riser-Bars richteten wir Neandertaler uns allmählich aus unserer gebückten Fahrposition auf und entdeckten, dass Komfort und Kontrolle sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Allerdings wuchs auch der Federweg unserer Bikes Jahr für Jahr und mittlerweile ragt die Front eines modernen, langhubigen 29ers höher empor denn je zuvor. Und zwar so sehr, dass der Lenker-Hersteller Renthal erst kürzlich eine neue Flat-Version seiner beliebten FatBar Lite herausgebracht hat – für alle, die an der Front etwas tiefer gehen wollen. Ist niedriger also plötzlich wieder besser? Wir haben uns mit verschiedenen Lenker-Varianten auf die Trails gewagt, um es herauszufinden.

Nachdem Flat-Bars auch in breit erhältlich sind, lautet die Frage: Profitieren wir von einer Fahrposition mit flacher Front?

Wofür stehen Stack und Reach – zum Verständnis der Fachausdrücke

Bevor wir uns der Lenkerhöhe widmen, ist es zunächst wichtig, einige Begrifflichkeiten zu verstehen, namentlich Stack und Reach. Stack ist der vertikale Abstand gemessen von der Tretlagermitte des Rahmens zum Mittelpunkt der Oberkante des Steuerrohrs (wo der Gabelschaft aus dem Rahmen kommt). Reach ist der horizontale Abstand von der Mitte des Tretlagers zum Mittelpunkt der Oberseite des Steuerrohrs und hat somit nichts mit der Position des Sattels oder der Griffe zu tun, wie viele Leute denken.

Riser-Lenker vs. Spacer

Zuerst einmal ist es Zeit, einen weitverbreiteten Irrglauben zu zerstören: Spacer mit einer Höhe von 40 mm unter dem Lenker zu installieren, ist NICHT dasselbe, wie einen 40-mm-Riser-Lenker zu nutzen. Als Beispiel: Wenn ihr von einem Flat-Lenker auf einen 40-mm-Riser-Lenker wechselt (angenommen Backsweep – die Biegung des Lenkers nach hinten – und Breite bleiben dabei gleich), dann bewegen sich die Kontaktpunkte eurer Hände vertikal 40 mm aufwärts. Wenn ihr jedoch Spacer unter dem Vorbau installiert, verändert ihr die Position des Vorbaus auf dem Steuerrohr, welches in einem bestimmten Winkel steht. Wenn euer Bike beispielsweise einen Lenkwinkel von 65 Grad besitzt, dann zeigt eine einfache trigonometrische Gleichung, dass für jeden hinzugefügten 10-mm-Spacer der Vorbau um 9,06 mm nach oben wandert – doch nicht zu vergessen auch um 4,22 mm nach hinten. Baut man eine Höhe von 40 mm mit Spacern auf, würden sich die Griffe in diesem Fall 36,24 mm nach oben bewegen, aber aufgrund der Steuerrohrneigung auch 16,88 mm zurück. Riser-Lenker verändern also die Griffposition auf horizontaler Ebene in Relation zum Steuerrohr nicht, doch das Hinzufügen oder Entfernen von Spacern verändert die vertikale Position des Lenkers ebenso wie seine Höhe.

Diese Illustration zeigt, warum der Einbau eines 40-mm-Riser-Lenkers sich von der Verwendung von 40 mm an Spacern unterscheidet

Feldversuch – wie verändert sich das Handling?

Nun da wir die Terminologie und die Unterschiede zwischen Anpassungen mittels Riser-Lenker und Spacern verstanden haben, gilt es herauszufinden, wie Lenkerhöhe- und Position das Fahrgefühl beeinflussen. Wir begaben uns daher für einen direkten Vergleichstest zu den Innerleithen-Trails in Schottland, mit einigen FatBar Lite Flat- und Riser-Lenkern von Renthal im Gepäck. Im Laufe des Tages tauschten wir im laufenden Betrieb zwischen 0, 20 und 40 mm Rise, während alle Lenker auf 760 mm Breite gekürzt waren. Um ein korrektes Testverfahren sicherzustellen, nahmen wir keinerlei sonstige Veränderungen an den Einstellungen vor und Backsweep sowie der Grad der Lenker-Rotation im Vorbau waren ebenfalls identisch. Als Test-Bikes fungierten ein RAAW Madonna und ein Pole EVOLINK mit Stack -und Reach-Werten von 639 mm und 475 mm beziehungsweise 639 mm und 510 mm.

Wir testeten eine Reihe von Lenkerhöhen, von superflach bis hin zu 40 mm Erhöhung. Im laufenden Betrieb tauschten wir sie zum direkten Vergleich auf denselben Trails durch – so konnten wir die Unterschiede leicht beobachten.
Position und Winkel der Bremsen wurden von Lenker zu Lenker beibehalten (wir hätten die Position der Bremsen passend zur Lenkerhöhe optimieren können, doch das hätte den Rahmen gesprengt)
Die Bedienelemente wurden bei jedem Lenker-Wechsel exakt angepasst
Der neueste Flat-Bar erlaubt es euch, an einem 29er mit hohem Stack in eine sehr niedrige und aggressive Position zu gelangen

Ab nach unten – Flat-Bar

Ein montierter Flat-Lenker an unseren Test-Bikes war für unsere Tester sofort spürbar. Das Körpergewicht wird nach unten sowie in Richtung Front gezogen und die Verbindung zum Vorderrad fühlt sich weitaus direkter an. Die Lenkung ist bei niedrigen Geschwindigkeiten super präzise und man spürt in Kurven die Traktion des Vorderrades. Auf Flow-Trails und flacheren Strecken fliegt das Bike mit höchster Präzision durch Kurven und untersteuert dabei nicht.

Die jüngsten Flat-Bars erlauben auf flachen Trails einen enormen Kurven-Grip

Fährt man jedoch in sehr steilem Terrain, dann zieht die niedrige Front euer Gewicht weit nach vorn in eine äußerst aggressive Position, die mehr Kraft und Energie kostet – wir hatten den Eindruck, dass unsere Arme und Hände schneller müde wurden. Durch die hohe Last auf dem Vorderrad fühlt es sich außerdem ein wenig überladen an und lässt sich in Kompressionen und über Löchern schwerer entlasten. Da wir überwiegend armlastig unterwegs waren, empfanden wir es außerdem als schwierig, mit den Beinen zu lenken.

Vorteile einer niedrigeren Lenkerposition

  • mehr Gewicht auf dem Vorderrad für präzise Kurvenfahrten
  • Traktion an der Front ist leichter spürbar
  • kein Untersteuern in Kurven

Nachteile einer niedrigeren Lenkerposition

  • überlastetes Vorderrad zieht es im steilen Gelände leicht in Löcher
  • befördert den Körper in abschüssigem Terrain in eine physisch anspruchsvollere Position
  • Abdrücken mit den Beinen fällt schwer, da sich das Gewicht auf steilen Abfahrten über der Front befindet
  • unkomfortable Position, wenn man nicht sehr flexibel ist
Auf sehr steilen Trails war der Flat-Lenker physisch anstrengend und auf dem Vorderrad lag zu viel Gewicht

Ab nach oben – Riser-Bar

Am anderen Ende des Spektrums waren die Veränderungen ebenfalls sofort spürbar, als wir auf einen 40-mm-Riser-Lenker wechselten. Die Fahrposition ist deutlich offener und das Fahrgefühl komfortabler, dank erhöhtem Kopf und Brustkorb. Auf steileren Trails fühlten wir uns zentraler ins Bike integriert, mit besserer Gewichtsverteilung zwischen Armen und Beinen sowie weniger Erschöpfungsgefühl. Das Vorderrad fühlte sich auf steilen Trails in Kurven sehr ausgewogen an, trotzdem konnten wir das Rad über Hindernisse heben.

Auf abschüssigen Trails gewährten uns die Riser-Lenker Komfort sowie vollständige Kontrolle und erlaubten es uns, das Vorderrad, wenn nötig, zu entlasten

Allerdings fühlten wir uns auf flacheren Trails und in Kurven mit weniger Geschwindigkeit nicht genug mit dem Vorderrad verbunden und mussten uns für maximale Kontrolle aktiver auf dem Bike nach vorne lehnen. Flachere Kurven erforderten ein dynamischeres Fahrverhalten und wir mussten unser Gewicht über den Lenker befördern, indem wir unsere Beine streckten, um somit Masse über das Vorderrad zu bringen und Untersteuern zu vermeiden.

Vorteile einer höheren Lenkerposition

  • verbesserte Kontrolle auf steileren Strecken
  • bessere Sicht bergab
  • komfortablere Position
  • Das Vorderrad lässt sich bergab einfacher anheben

Nachteile einer höheren Lenkerposition

  • Der Fahrer muss sich dynamischer verhalten, um sein Gewicht über dem Vorderrad zu halten
  • Die Lenkung fühlt sich auf flacheren Strecken weniger präzise an
Auf ebenen Trails mussten wir dynamischer fahren, um unser Gewicht in flachen Kurven über dem Vorderrad zu halten

Das Fazit: Wie lautet nun die perfekte MTB-Lenkerhöhe?

Zunächst ein Disclaimer: Eure Körperposition auf eurem Bike ist stark beeinflusst von der Einstellung eures Fahrwerks, also stellt sicher, dass das Setup eurer Gabel und eures Dämpfers korrekt ist, bevor ihr die Lenkerhöhe optimiert. Mountainbiken ist nicht dasselbe wie Rennradfahren, denn die Position auf dem Bike ist viel dynamischer und von daher gibt es keine „empfohlene“ ideale Lenkerhöhe. Diese ist, genauso wie die Abstimmung eures Fahrwerks, hochgradig subjektiv und hängt von eurer körperlichen Statur, Größe, Bike-Auswahl und dem gewählten Terrain ab. In jedem Fall sind die Eigenschaften extremer Lenkerhöhen – „super niedrig“ ebenso wie „ultra hoch“ – deutlich wahrnehmbar und werden euch dabei helfen, die für euch optimale Lenkerhöhe zu finden. Eine flache Front verleiht euch auf flacheren Trails gewaltigen Grip am Vorderrad, führt jedoch zu einer physisch stärker fordernden Position auf steileren Trails. Ein höherer Lenker hingegen bringt euch mehr Kontrolle und Komfort in steilerem Gelände sowie eine entspanntere und aufrechtere Position in sanftem Terrain. Die Nachteile lauten Traktionsverlust auf steileren Anstiegen und weniger Gewicht über dem Vorderrad auf flacheren Trails. Ihr könnt leider keine separaten Lenker für den Uphill und Downhill mitnehmen (na gut, ihr könntet schon, aber dann würden eure Bike-Kumpels euch wahrscheinlich nicht mehr so schnell einladen…), also wie lautet der ideale Kompromiss?


Gründe für eine Verringerung der Lenkerhöhe

Wenn ihr das Gefühl habt, dass es euch in Kurven an der Front an Grip mangelt und sich das Vorderrad zu leicht anfühlt und in flachen Kurven untersteuert, dann wird eine kleine Reduzierung der Lenkerhöhe euch mehr Grip liefern.

Gründe für eine Erhöhung der Lenkerhöhe

Wenn ihr findet, dass ihr auf steilen Trails sehr unter müden Armen leidet, sich das Vorderrad schwer anfühlt und nur mit großer Anstrengung über Hindernisse heben lässt, dann wird euch eine Erhöhung des Lenkers mehr Kontrolle verschaffen.


Es gibt keine Universallösung – wer suchet, der findet

Zusammenfassend lässt sich sagen: Auch wenn es keine Universallösung gibt, empfehlen wir euch, mit eurer Lenkerhöhe zu experimentieren. Am einfachsten geht das, indem ihr die Spacer unter oder über dem Vorbau montiert. Wenn ihr das nächste Mal auf euren Home-Trails unterwegs seid, dann versucht einen Zentimeter nach oben oder unten zu gehen (abhängig von den oben beschriebenen Aspekten) und schaut, ob es eine Verbesserung für euch darstellt. Für ein Allround-Bike, mit dem ihr bergauf und bergab gleichermaßen Spaß haben wollt, empfehlen wir euch, eine Position zu finden, die so hoch ist, wie gerade noch möglich und mit der ihr in flachen Kurven genug Gewicht über dem Vorderrad habt. Sobald ihr nach ein wenig Experimentieren eine gute Höhe gefunden habt, könnt ihr den entsprechenden Riser-Lenker montieren, passend zur Anzahl der hinzugefügten Spacer – wenn ihr den Reach eures Bikes beibehalten wollt.

Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Trevor liebt Whisky, das Biken und alles dazwischen. Er wurde zwar in England geboren, fühlt sich aber als waschechter Schotte. Dementsprechend ist er nicht nur schlechtes Wetter gewöhnt, sondern ist auch ein echter Spezialist, wenn es um steile und anspruchsvolle Trails geht. Mit über 40 muss er sich eigentlich nichts mehr beweisen, kann jedoch trotzdem mit vielen jungen Wilden mithalten. Damit das nicht allzu sehr überhandnimmt, steht „Think about Brook“ auf seinem Oberrohr. Sein Sohn Brook wurde von Anfang an mit dem Bike-Virus infiziert. Gemeinsam mit seiner jungen Familie und den zwei Hunden sieht man Trevor fast ausschließlich draußen, sei es beim Biken, Graveln, Wandern, Surfen oder Kanu fahren – egal bei welchem Wetter. Ein echter Schotte eben.