Längst vorbei ist die Zeit, als der Markt für MTB-Reifen unter nur wenigen Herstellern aufgeteilt war. Das findet auch Reifen-Gigant Pirelli und drängt zunehmend auf den MTB-Markt. Wir haben dem Enduro-Flaggschiff Pirelli Scorpion Enduro Race M ordentlich auf den Zahn gefühlt und verraten euch, was der italienische Reifen so kann.

Pirelli Scorpion Race Enduro M | 29” oder 27,5” | 1.260 g | 89,90 € | Hersteller-Website

MAXXIS, Continental, Michelin, Goodyear und noch mehr – die Liste an Herstellern von Autoreifen, die auch im Mountainbike-Sport ihr Glück suchen, ist lang und wird immer länger. Auch Pirelli möchte in dieser Aufzählung nicht fehlen und drängt zunehmend in den MTB-Markt, Teams im Downhill- und Enduro-Worldcup inklusive. Das Enduro-Flaggschiff im Reifen-Lineup von Pirelli ist dabei der Scorpion Race Enduro M. Als echter Allrounder soll er auf Untergründen von harten Bikepark-Strecken bis hin zu lockeren Loamern in seinem Element sein und euch mit massig Grip zur Seite stehen. Ganz im Zeichen des Allrounders steht auch, dass er gleichermaßen am Vorderrad wie am Hinterrad gefahren werden kann. Zu haben ist der Scorpion Race Enduro M in nur zwei Varianten: einmal in 29” und einmal in 27,5” mit jeweils 2,5” Breite. Wer den italienischen Reifen sein Eigen nennen möchte, muss 89,90 € berappen.

Um die Vorstellung vom maximalen Grip umzusetzen, setzt Pirelli auf einen dreiteiligen Profilaufbau. Die Mittelstollen im zentralen Teil der Lauffläche variieren in einem 2er-Rhythmus und fallen recht breit aus. Statt nach außen hin direkt die Seitenstollen folgen zu lassen, hat Pirelli Übergangsstollen eingebaut. Die sollen in Kurven die Last von den Seitenstollen nehmen und für einen smootheren Übergang von Mittel- auf Seitenstollen sorgen. Ohne Variation geht es dann bei den Seitenstollen zu, die alle gleich ausfallen. Auffällig ist, dass die Seitenstollen weit nach oben stehen, bis fast auf die Höhe der Mittelstollen. Die darunter liegende zweilagige DualWall-Karkasse mit 120 tpi ist speziell für den Enduro-Einsatz entwickelt und soll einen guten Kompromiss aus Gefühl für den Untergrund und Pannensicherheit bieten. Im Wulstbereich des Reifens, wo er am anfälligsten ist, soll eine zusätzliche Schicht für erhöhten Schutz vor Platten sorgen. Die doppellagige Konstruktion drückt natürlich etwas auf die Waage. Mit einem Gewicht von 1.260 g in 29” liegt der Scorpion Race Enduro M allerdings gewichtstechnisch im Mittelfeld der robusten Enduro-Reifen. Was für maximalen Grip natürlich nicht fehlen darf, ist eine ordentlich weiche Gummimischung. Pirelli verwendet hier die Smart EvoDH-Mischung, die beim Grip keine Kompromisse eingehen soll und sich bereits beim ersten Anfassen richtig weich anfühlt. Besonders Racer und aggressive Fahrer sollen mit dieser Mischung glücklich werden.

Pirelli spart nicht am Branding und hat für den Schriftzug tief in den leuchtend-gelben Farbtopf gegriffen.
Bei der Laufradgröße hat man noch die Wahl zwischen 29” und 27,5”, bei der Breite nimmt einem Pirelli die Entscheidung ab und bietet den Scorpion Enduro Race M nur in 2,5” an.

Wir hatten die Gelegenheit, den Pirelli Scorpion Race Enduro M über mehrere Wochen auf den unterschiedlichsten Untergründen zu testen. Von loamigen, wurzeligen Hometrails, über harte, zerballerte Downhill- und Bikepark-Strecken war alles dabei, was ein guter Allround-Enduro-Reifen so mitmachen muss. Dabei waren die Reifen an Vorder- und Hinterrad jeweils auf einer Stans Flow MK4 Alu-Felge montiert und wurden mit 1,55 Bar im Vorderrad und 1,7 Bar im Hinterrad gefahren. Im Uphill auf Asphalt- und Forststraßen merkt man schnell, dass man keine Uphill-KOMs holen wird. Man kommt, wie man es von abfahrtsorientierten Reifen mit weicher Gummimischung kennt, eher etwas zäh voran und wird von einer brummigen Geräuschkulisse begleitet. Den hohen Rollwiderstand merkt man auch beim Start in den Trail. Hier fallen die Reifen nicht gerade durch spritziges Beschleunigungsverhalten auf, sondern rollen eher träge. Ist man dann allerdings mal auf Geschwindigkeit, kann man sich am breiten Grenzbereich des Pirelli Scorpion Race Enduro M erfreuen. In Kurven lässt sich der Reifen sehr rund auf die Seitenstollen legen und vermittelt keinen abrupten Wechsel im Grip. Und wenn man es doch mal übertrieben hat, kündigt sich der Gripverlust gut an, ohne dass es einem plötzlich die Reifen wegzieht.
Dasselbe zeigt sich auch auf technischen Highlines und Wurzeln. Hier ist man wie angeklebt – verliert man doch mal etwas Grip, ist es sehr vorhersehbar und man kann gut darauf reagieren. Besonders in wurzeligen und roughen Stücken vermisst man allerdings etwas Dämpfung aus dem Reifen. Die Karkasse fühlt sich harsch an, was besonders die Hände nicht mögen. Auch in Sachen Grip hat der Scorpion Race Enduro M eine große Schwäche: und zwar beim Bremsen. Besonders beim frontalen Anbremsen auf Kurven oder Hindernisse hat man bei den ersten Abfahrten mit den Reifen den Angstschweiß auf der Stirn stehen, weil man nur eine sehr schwache Verzögerung erhält. So muss man bereits deutlich früher in die Eisen steigen, als man es gewohnt ist. Auch auf steilen Trails wird die fehlende Bremstraktion zum Problem. Hier zieht man – in der Hoffnung, doch noch etwas Verzögerung aus den Reifen zu kitzeln – immer stärker an der Bremse, bis man aus Versehen die ersten Vorderradblockierer produziert, Gripverlust am Vorderrad inklusive. Auch die Unterarme quittieren hier schnell den Dienst, weil man sehr intensiv bremsen muss.

Das Profil ist in drei Zonen gegliedert: die breiten Mittelstollen, die einzelnen Übergangsstollen und die immer gleichen Seitenstollen.
Auffällig ist, dass die Seitenstollen weit nach oben stehen, bis fast auf die Höhe der Mittelstollen.

Der Pirelli Scorpion Race Enduro M macht vieles richtig, allerdings nicht alles. In Kurven bietet er ordentlich Grip und einen breiten, vorhersehbaren Grenzbereich, der einen dazu animiert, die Bremse offen zu lassen. Auch auf Wurzeln und im technischen Gelände hat er einiges an Grip zu bieten und lässt diesen, wenn überhaupt, nur sehr vorhersehbar abreißen. Seine große Schwäche hat er allerdings beim Bremsen. Er liefert nur wenig Bremsgrip, was einen auf dem Trail immer wieder in heikle Situationen bringt. Hier muss Pirelli dringend nachbessern.

Tops

  • breiter Grenzbereich
  • viel Grip in Kurven
  • guter Grip auf Wurzeln und im technischen Gelände

Flops

  • hoher Rollwiderstand
  • kaum Bremsgrip
  • nicht die beste Dämpfung

Tester: Felix
Dauer: 1 Monat
Preis: 89,90 €
Gewicht: 1.260 g (Herstellerangabe)
Hersteller-Website

Mehr Infos findet ihr hier.


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Text: Felix Rauch Fotos: Peter Walker