Das Santa Cruz Tallboy kann nichts perfekt und ist dennoch grandios. Nachdem wir in den letzten Jahren alle Trail- und Enduro-Bikes der Amerikaner gefahren sind, ist das 29er Trail-Bike mit nur 120 mm Federweg unser Favorit. Woran liegt das?

Santa Cruz Tallboy CC X01 Reserve | 130/120 mm (v/h) | 12,8 kg | 29” | 8.399 € | Herstellerwebsite

An was denkt man, wenn man von einem Rad mit 120 mm Federweg spricht? Vermutlich kommen einem Dinge wie ein geringes Gewicht, hohe Effizienz, gute Klettereigenschaften und ein straffes Fahrwerk in den Sinn. Woran man eher nicht denkt, ist ein schluckfreudiges Fahrwerk, ein tiefgezogener Rahmen für maximale Bewegungsfreiheit und enormer Fahrspaß bergab. Doch genau das bietet das Santa Cruz Tallboy, weshalb es von den Kaliforniern selbst als „XC-Bike für Downhiller“ beworben wird. Es besitzt 29”-Laufräder, 120 mm Federweg am Heck bzw. 130 mm in Front und setzt, wie alle neu vorgestellten Santa Cruz Bikes, auf das Lower-Link-Hinterbausystem.

Dabei sitzt der Dämpfer tief im Rahmen, was zum einen für einen niedrigen Schwerpunkt sorgt, gleichzeitig will Santa Cruz so eine möglichst optimale Balance aus Effizienz bergauf und Schluckfreudigkeit erreicht haben. Typisch für die Amerikaner gibt es den Rahmen sowohl als High-End-Version mit den leichteren CC-Carbon-Fasern als auch als etwas schwerere C-Version. Obendrein ist das Tallboy auch als Aluminium-Variante erhältlich. Typisch Santa Cruz besitzt es eine lebenslange Garantie auf den Rahmen und die verbauten Lager. Ebenfalls identisch mit anderen Modellen sind die in extra Hüllen geführte Züge, die ein Klappern verhindern sollen, sowie der gut dämpfende Kettenstrebenschutz.

Edel und teuer – Die Ausstattung des Santa Cruz Tallboy CC X01 Reserve

Insgesamt bietet Santa Cruz das Tallboy in sieben Ausstattungsvarianten zu Preisen von 3.199–10.699 € an. Unser CC-Testbike mit der X01-Ausstattung und den Reserve-Laufrädern schafft es auf 8.399 €, und lässt keine Wünsche offen. Das Fahrwerk besteht aus eine RockShox Pike Select+ Federgabel und einem FOX FLOAT Performance Elite DPS-Dämpfer. Letzterer besitzt an der unteren Dämpferaufnahme extra Lager, um noch feinfühliger anzusprechen. SRAM G2 RSC-Bremsen mit 200/1800 mm großen Bremsscheiben verzögern das Rad und eine X01-Eagle sorgt für schnelle und präzise Schaltvorgänge. Auffallend schon im Stand: die MAXXIS Minion DHF/DHR II-Reifenkombo in 2,3” Breite. Während andere Bikes dieser Kategorie auf flach profiliertere Reifen setzen, macht das Tallboy hier schon klar, wofür es konzipiert wurde. Abgerundet wird das Gesamtbild von einem 800 mm breiten Carbon-Lenker, den wir im Laufe des Tests auf 770 mm gekürzt haben, sowie einem 50 mm kurzen Vorbau. Die Waage bleibt bei Größe Large und einem Tubeless-Setup bei 12,8 kg stehen.


Das Santa Cruz Tallboy

8.399 €

Ausstattung

Federgabel RockShox Pike Select+ 130 mm
Dämpfer FOX Float Performance Elite DPS 120 mm
Sattelstütze RockShox Reverb 170 mm
Bremsen SRAM G2 RSC 200/180 mm
Schaltung SRAM X01 Eagle 32
Vorbau Race Face Aeffect R 50 mm
Lenker Santa Cruz Carbon
Laufradsatz Santa Cruz Reserve 29"

Technische Daten

Größe XS S M L XL XXL
Gewicht 14,0 kg


Leise!
Auch wenn es auf dem Trail richtig zur Sache geht – das Tallboy gibt keinen Mucks von sich! Möglich machen das der gut gedämpfte Kettenstrebenschutz und die smarte Kabelführung.
Viel Raum
Dank tiefgezogenen Oberrohr und seriemäßig verbauter 170-mm-Sattelstütze hat man am Tallboy jede Menge Bewegungsfreiheit
Schwer abzustimmen
Eigentlich ist das Setup des Tallboy super leicht, leider lässt sich der SAG nur sehr schwer vom Dämpfer ablesen
Don’t worry, be happy!
Ja, die Bikes von Santa Cruz sind teuer. Allerdings kauft man auch das gute Gefühl, im Schadensfall schnell und unbürokratisch Hilfe zu erhalten. Die lebenslange Garantie auf Lager und Produktionsfehler am Rahmen beruhigen das Gewissen.
Notwendiges Übel
Den Fahrspaß bergab erkauft man sich leider mit dem Griff zur Plattformdämpfung bergauf – das sehr aktive Fahrwerk wippt spürbar und sackt auch leicht weg. Leider ist der Verstellhebel nur schwer zu erreichen.
Ungenutzt
Die Flip-Chips haben wir beim Tallboy kaum genutzt. Das Party-Setup aus tief und kurz hat uns von Anfang an überzeugt. Das Rad ist so noch immer ausgewogen genug und gleichzeitig sehr verspielt. Wer das Rad mehr Richtung Uphill trimmen will, kann es in die steile und hohe Einstellung versetzen.
Viel Grip
Die Reifenkombi aus 2,3” schmalen MAXXIS Minion DHR und DHRII passt sehr gut ins Gesamtkonzept des Bikes

Modern und flach – Die Geometrie des Tallboy

Vergleicht man die Geometrie des Tallboy mit der des Megatower oder Hightower – den anderen 29” Trail-Bikes – fallen die Unterschiede nur marginal aus. Kein Wunder, immerhin hat Santa Cruz dem Tallboy für ein Short-Travel-Bike eine äußerst progressive und moderne Geometrie verliehen. Der Reach ist mit 468 mm in Größe L angenehm, aber nicht übertrieben lang, der Lenkwinkel mit 65,5° für ein solches Bike eher flach. Via Flip-Chip in der unteren Dämpferaufnahme sowie in der Kettenstrebe lässt sich die Geometrie individuell an die eigenen Vorlieben anpassen. Mit 430 mm ist der Hinterbau in der kurzen Einstellung auch wirklich kurz und das Tretlager mit 41 mm Absenkung für ein 120 mm Bike auch echt tief. Wir sind das Tallboy fast ausschließlich in diesem Setup gefahren.

Größe XS S M L XL XXL
Sattelrohr 370 mm 380 mm 405 mm 430 mm 460 mm 500 mm
Oberrohr 540 mm 568 mm 597 mm 622 mm 647 mm 679 mm
Steuerrohr 90 mm 100 mm 110 mm 120 mm 140 mm 160 mm
Lenkwinkel 65,5° 65,5° 65,5° 65,5° 65,5° 65,5°
Sitzwinkel 76,5° 76,4° 76,3° 76,2° 76,0° 75,8°
Kettenstrebe 430 mm 430 mm 430 mm 430 mm 430 mm 430 mm
Tretlagerhöhe 332 mm 332 mm 332 mm 332 mm 332 mm 332 mm
Tretlagerabsenkung 41 mm 41 mm 41 mm 41 mm 41 mm 41 mm
Radstand 1.128 mm 1.157 mm 1.187 mm 1.211 mm 1.239 mm 1.272 mm
Reach 389 mm 423 mm 448 mm 468 mm 488 mm 513 mm
Stack 593 mm 603 mm 612 mm 621 mm 639 mm 657 mm

Verkehrte Welt – Das Santa Cruz Tallboy auf dem Trail

Wenn man auf ein Bike mit wenig Federweg steigt, dann erwartet man eigentlich fast automatisch, dass es bei der ersten Kurbelumdrehung nach vorn sprintet. Dieses Gefühl bleibt beim Tallboy aber aus. Es ist kein Bike, das seinen Fahrer schon beim ersten Aufsteigen dazu motiviert, den Puls bis unter die Schädeldecke zu treiben und nach vorn zu sprinten. Komfort und Traktion lauten dagegen die Zauberworte. Die Sitzposition ist zentral und leicht gestreckt. Der Sitzwinkel könnte für unseren Geschmack etwas steiler ausfallen, doch wenn man den Sattel ganz nach vorn schiebt, sitzt man mit einer Körpergröße von 180 cm sehr angenehm auf dem Rad in Größe Large. Bei steilen Anstiegen lohnt sich definitiv der Griff zur Plattformdämpfung am Heck. Der Hinterbau sackt nämlich spürbar ein und wippt im Wiegetritt ebenfalls. Der Trail-Mode sorgt aber bereits für ausreichend Ruhe, ohne aber die Traktion zu beeinträchtigen. Bei technischen Uphills punktet das Tallboy mit viel Grip und einem gutmütigen Einlenkverhalten. Auch in engen Sektionen lässt es sich präzise manövrieren. Es gibt definitiv Bikes mit mehr Vortrieb. Die Stärke des Tallboy liegt weniger im kurzen Zwischensprint als vielmehr im hohen Komfort für lange Touren.

Mehr Trail- als XC-Bike – das Tallboy ist definitiv für die Abfahrt gemacht!

Das dicke Grinsen entsteht in dem Moment, wenn die Schwerkraft etwas mithilft und sich der Trail bergab neigt. Schon bergauf zeigt sich, dass der HInterbau sehr feinfühlig und schluckfreudig arbeitet, sodass er erst recht bergab – trotz lediglich 120 mm Federweg – richtig viel Traktion liefert. Kennt man die Trails, kann man es mit dem Tallboy richtig laufen lassen. Auch in steilem Terrain schreckt das Bike mit seiner flachen Geometrie nicht zurück und Überschlag-Gefühle gibt es keine. Möglich macht das unter anderem die enorme Bewegungsfreiheit, von der man in fast jeder Fahrsituation profitiert. In Kurven ist das Tallboy auch im kurzen Setup angenehm ausgewogen. Es besitzt auch ohne aktiven Fahrstil viel Grip am Vorderrad. Sowohl in fiesen Off-Camber-Sektionen mit hängenden Wurzeln als auch in Anliegern – das Tallboy liefert Traktion, Gegenhalt und jede Menge Spaß. Das Rad belohnt einen aktiven Fahrstil, erzwingt ihn aber nicht. Es ist lebendig und gleichzeitig angenehm laufruhig. Es ist das perfekte Bike für Flowtrails und etwas weniger anspruchsvolle Trails. Brenzlige Situationen erlebt man erst, wenn man plötzlich hinter seinen Kumpels mit mehr Federweg herheizt, an einer Kante abzieht und die dicken Brocken in der Landung übersieht. Die Federwegsreserven des Tallboy haben bei lediglich 120 mm ein schnelles Ende und in anspruchsvollen, verblockten Terrain ist es die Kraft des Fahrers, die den Speed vorgibt. Allerdings schlägt das Rad nicht hart durch, sondern sagt mit einer angenehmen Progression, wann es an der Zeit ist, langsam etwas auf die Bremse zu treten.

Tuning-Tipp: längere Kettenstreben und steilere Geometrie-Einstellung für mehr Uphill-Performance

Wie fährt es sich im Vergleich mit dem YT IZZO oder dem Norco Optic

Wir sind das Santa Cruz Tallboy im direkten Vergleich mit dem neuen YT IZZO CF PRO Race und dem Norco Optic gefahren. Bergauf wird das Santa Cruz von beiden Bikes abgehängt. Das Optic ist das Bike mit der zentralsten Sitzposition und dem straffsten Fahrwerk, das YT ist insgesamt ebenfalls antriebsneutraler und leichtfüßiger als das Tallboy. Beim Tallboy dagegen lohnt sich der Griff zur Plattformdämpfung eigentlich immer. In der Abfahrt wandelt sich das Bild. Hier ist das Tallboy das vielseitigste Bike. Das Norco integriert den Fahrer noch besser im langen Rahmen, braucht aber wirklich große G-Kräfte und Speed, um seinen Federweg zu nutzen. Auf Wurzeln und bei schnellen Schlägen ist das Rad deutlich straffer abgestimmt und bietet so weniger Traktion. Das YT befindet sich hier in der Mitte. Es bietet ebenfalls nicht so viel Traktion wie das Tallboy, stellt seinen Federweg aber bereitwilliger zur Verfügung wie das Optic.

Helm Smith Forfront | Shirt The House of Machines | Hose ION SCRUB Select | Schuhe ION Rascal

Das Fazit zum Santa Cruz Tallboy

Das Santa Cruz Tallboy ist ein Bike für Fahrer, die bergauf nicht nach der Bestzeit gieren und stattdessen Wert auf Traktion und Komfort legen. Sein Fahrwerk überzeugt auch auf langen Touren mit viel Komfort, braucht aber den Verstellhebel am Dämpfer, um im Steilen nicht wegzusacken. Gleichzeitig ist es genau dieses aktive Fahrwerk, das in Kombination mit der gelungenen Geometrie das Rad bergab so gut macht. Fahrspaß bekommt man mit dem Tallboy serienmäßig und trotz lediglich 120 mm Federweg am Heck ist das Rad ein sehr guter Allrounder mit großem Einsatzbereich.

Stärken

  • bergab sehr potent
  • sehr viel Traktion und Grip
  • großer Einsatzbereich trotz wenig Federweg
  • sehr leise

Schwächen

  • bergauf eher gemütlich
  • hoher Preis

Mehr Infos unter. santacruzbicycles.com


Weitere spannende Artikel passend zu diesem Test

Wenn dir dieser Test gefallen hat und du noch mehr lesen möchtest, haben wir noch zwei weitere spannende Artikel für dich. Das Santa Cruz 5010 ist dem Tallboy sehr ähnlich, setzt aber auf 27,5”-Laufräder. Wenn du ein noch agileres Bike suchst, solltest du dir das einmal genauer ansehen. Anfang des Jahres haben wir außerdem die besten Trail-Bikes des Jahres getestet. Mit 15 Bikes sind wir in die Toskana gereist um die Räder dort auf die Probe zu stellen.

Kein Bock auf 29er? Dann lies den Test des brandneuen Santa Cruz 5010 CC X01.
Du willst noch mehr Trail-Bikes? Schau dir unseren Vergleichstest der 15 besten Bikes an.

Text & Fotos: Christoph Bayer

Die besten Santa Cruz-Händler Deutschlands

Interesse an diesem Produkt? Auf der untenstehenden Karte findest du alle Santa Cruz-Händler, die mit dem Top100-Siegel ausgezeichnet wurden. Die begehrte Auszeichnung wird ausschließlich an Bikeshops verliehen, die mit hervorragender Beratung, kundenorientiertem Service und zielgruppengerechtem Angebot restlos überzeugen können.
Klicke auf einen Marker, um weitere Informationen über einen Shop zu erhalten.

Über den Autor

Christoph Bayer

Wenn sich Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt, dann hat man alles richtig gemacht – und das hat Christoph geschafft! Er liebt das Biken, ist ein Fan von Tech-Talk (zum Leidwesen seiner Freundin Toni), hat super viel Spaß an der Fotografie und bereist gerne die Welt. Er ist fast seit Anfang an bei ENDURO dabei und als Chefredakteur mittlerweile dafür verantwortlich, dass ENDURO das progressivste und aufregendste Magazin der Branche ist. Natürlich schreibt er noch jede Menge Storys selbst, testet um die 100 Bikes im Jahr und sitzt nahezu täglich auf dem Rad. Die alpinen Trails rund um seinen Heimatort dienen dabei als perfektes Testgelände. Den klassischen Arbeitstag gibt es für ihn nicht, mal ist er im Office, mal mit dem Laptop im Garten oder arbeitet direkt vom Van aus in einem der Top-Bike-Spots dieser Welt – für Christoph sind die Grenzen fließend und genau das weiß er so zu schätzen.