Ihr glaubt, zu wissen, was E-MTB-Racing ist, nur weil ihr E-Mountainbiken kennt? Vorsicht! Willkommen in einer völlig anderen Dimension dieses Sports. Topathletin Sofia Wiedenroth vom Specialized Enduro Team nimmt sich einen Akkuladezyklus lang Zeit, räumt auf mit der Lazy-Lüge und stellt klar, was E-MTB-Racing so krass macht.

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Es ist so absurd wie real: Die Allgäuerin Sofia Wiedenroth erlebt vereinzelt immer noch, dass ihre Bike-Disziplin belächelt wird. Genauer gesagt, ihre beiden Disziplinen: E-Cross-Country (E-XC) und E-Enduro, die zusammen als World E-Bike Series (WES) seit einigen Jahren offiziell unter dem Dach des Radsport-Weltverbands UCI stattfinden. Selbst Sofias beeindruckenden Stats ändern daran nichts: seit 2021 Pro-Rider im internationalen Specialized Enduro Team, regenbogenfarbenes Trikot vom WM-Sieg 2024 im E-XC an der Wand und 2025 gleich noch Weltcup-Gesamtsiegerin im E-XC. Das muss doch begeistern … oder?

Tatsächlich kämpft E-MTB-Racing noch um ein gutes Image. Und die Vorurteile, die das erschweren, kommen nicht zuletzt von anderen E-Bikern. Klingt irre? Ist es auch. Zeit, das zu ändern. Deshalb setzen wir uns zwischen zwei Trainingseinheiten mit Sofia zum Gespräch zusammen und wollen endlich verstehen: Wie krass ist E-MTB-Racing wirklich?

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Evolution einer E-Bikerin

Sofias MTB-Karriere begann früh, und zwar bei Lindau am Bodensee auf einem klassischen XC-Bike, ohne Motor. Massenstart, knüppelharte Positionskämpfe auf dem Rundkurs, Muskelübersäuerung und Puls bis Oberkante Unterlippe, Stürze und Siege – Sofia kennt das alles. Genauso das beharrliche Training, das nötig ist, um in dieser Disziplin auch international überhaupt mitfahren zu können. Und sie fuhr nicht nur mit, sondern räumte bei der U19-WM im Cross-Country bereits Silber ab. Bis zum Jahr 2016 wurde Sofia im XC insgesamt fünfmal Deutsche Meisterin und erreichte im UCI World Cup sogar die Top Ten. Was sie neben purer körperlicher Fitness entscheidend nach vorne brachte: eine besondere Stärke für sehr technische Sektionen. Parallel zu ihrem XC-Fokus schaute Sofia daher ebenso im Enduro-Lager vorbei und sicherte sich auch dort zwei DM-Vizetitel sowie erste Starts in der Enduro World Series. Soweit alles auf analogen Bikes. Und dann kam der Motor dazu – und eröffnete Sofia eine neue Dimension des Mountainbikens.

Die Ergebnisse waren supergut. Da haben wir gesehen, dass ich dafür Talent habe.

Nach ersten, eher pragmatischen Berührungen mit dem E-MTB in Reha-Phasen folgten erste neugierige Rennstarts. Dabei wurde schnell klar, dass Sofias langjährig erarbeitetes Skillset auf einem E-MTB fast perfekt zur Geltung kommt: Bike-Handling vom Feinsten, eine Vorliebe fürs Technische, enorme Fitness und jede Menge Wettkampfhärte aus ihrer XC-Karriere. Warum diese Trümpfe also nicht alle gemeinsam ausspielen? Hinzu kommt ihre Statur. Dank eher kleinem und leichtem Körperbau kickt eine technische Eigenheit des WES-Reglements zu Sofias Gunsten: Die Motoren der Wettkampf-Bikes dürfen maximal 750 Watt Leistung beisteuern. Trifft diese Power auf ein Leichtgewicht im Sattel, dann entstehen deutlich mehr Watt pro Kilogramm und damit Vortrieb, als wenn der Motor außer dem Bike noch 130 Kilogramm Mensch vorwärts hieven muss. Größere Akkureichweite inklusive. Weitere Argumente dafür, dass Sofia wirklich das Beste aus einem E-MTB herausholen kann.

Die beiden Disziplinen der WES World E-Bike Series:

E-XC: Renndauer eine Stunde, Massenstart auf Rundkurs, erster Rider über der Ziellinie gewinnt.

E-Enduro: Mehrere gewertete Downhill-Stages über den Tag hinweg, Power-Stages auch Uphill, Transfers ansonsten nicht gewertet, geringste Gesamtzeit gewinnt.

Ihr Mindset und ihr gutes Gefühl für die Renneinteilung in hitzigen Massenstarts waren weitere Schlüssel, um im E-XC voll anzukommen – und 2024 sogar Weltmeisterin zu werden. 2025 packte sie direkt den Weltcup-Gesamtsieg drauf.

Sofia trieft nur so vor Street Credibility als XC-Racerin. Ihre darauf aufbauende Evolution zur heute 31-jährigen Topathletin auf dem E-Mountainbike ist beeindruckend. Wer aber sollte diese sportliche Leistung denn bitte belächeln? Werfen wir mal einen Blick in die dreckige Comment-Section der sogenannten sozialen Medien …

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Die Lazy-Lüge

„Wenn man Sport machen will, holt man sich für seinen Sport doch keinen Motor!“ – aus der Comment Section

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„“180 Puls im Schnitt: E-Bike-Racing ist knallharter Sport – wie jeder Sport, der internationales Level erreicht.“ – Sofia Wiedenroth

„Mit Motor ist es doch kein echter Sport!“ . So oder so ähnlich klingt, was Sofia Wiedenroth und E-MTB-Racing teilweise immer noch abschätzig entgegenschlägt. Das trifft selbst eine Weltmeisterin. Hinzu kommen Moped-Vergleiche, Cheating-Vorwürfe und die andauernde Lazy-Lüge. Doch woher kommt dieser hartnäckige Widerstand gegen eine Szene, in der sich exzellente Biker im Wettkampf aufs Ehrlichste auspowern?

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„Mein ganzer Alltag ist darauf ausgelegt, so seriös und professionell zu sein, wie es nur geht. Kommentare, dass das kein richtiger Sport und ich keine richtige Athletin sei, sind manchmal ein bisschen hart zu verdauen.“

Von der engeren MTB-Community stammt weniger von dieser Kritik, denn heute kennen und nutzen viele eingefleischte Rider die schieren Vorteile, die E-Mountainbikes bieten: etwa, einen Trail gleich drei- oder viermal statt nur einmal fahren zu können, ehe der (Muskel-)Akku leer ist. Oder, mit Freunden auf unterschiedlichen Leistungsniveaus einen gemeinsamen Ride starten zu können, frei von Frust für den Langsamsten im Uphill. Und natürlich, um sich im technischen Uphill eine ganz neue Challenge des Fahrradfahrens zu erschließen. Vor allem wer Letzteres fühlt, braucht nicht erst überzeugt zu werden: E-MTB als Rennformat? Klar, geil!

Gleichzeitig lässt sich die Lazy-Lüge mühelos mit Fakten zerlegen: Sofia bestreitet ihre einstündigen E-XC-Races mit durchschnittlichen Pulswerten um 180 Schläge pro Minute – ouch! Werte, die sie auch in ihren früheren XC-Rennen ohne Motor hatte. Im E-Enduro läuft die Pumpe im gewerteten Downhill auf ähnlich hohen Touren. Am Ende fühlt sich für die Topathletin jede (E-)Bike-Disziplin gleich hart an: 100 Prozent. Voller Anschlag. Podium oder nicht.

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Weniger anerkennendes Echo für E-MTB-Racing ertönt aber aus einer anderen Ecke der Bike-Welt. Und nein, wir sprechen gar nicht erst von drahtigen Bio-Bike-Puristen, für die Motoren an Fahrrädern grundsätzlich Hochverrat und schamvollen Gesichtsverlust auf der Alm bedeuten. Einige der hartnäckigsten Kritiker der Racing-Szene sind längst selbst elektrisch unterwegs: E-Biker fernab der technischen Trails, die ihre Räder als Tourer, Commuter oder als Arbeitstiere im Alltag nutzen. Und diese Gruppe ist groß und stimmgewaltig.

Viele unterschätzen, wie schwierig die Trails sind. Das ist an der Grenze des Machbaren. Auch die besten der Männer müssen da mal laufen oder schieben.

Bei allem Respekt: Wir finden jede Art des Bikens cool. Doch selbst, wer mit seinem E-MTB die allersteilste Schotterstraße hinauffräst, hat noch nicht automatisch Verständnis dafür, was E-MTB-Racing bedeutet. Es bedeutet nämlich nicht, im Wettkampf schneller und leichter zu tun, was vorher gerade so machbar war – aka die steilste Rampe des Bergs hinauffahren. E-MTB-Racing bedeutet, mit dem Mountainbike Passagen zu fahren, an die vorher nicht einmal zu denken war. Es schaltet ein komplett neues Level an Uphill-Challenges frei, was auch ziemlich neue Anforderungen und Belastungsspitzen für die Rider erzeugt. Erst wer das begreift, kann wirklich entscheiden, ob er E-MTB-Racing cool findet oder nicht.

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Neue Belastungsspitzen

Was ist das besondere Skillset eines E-MTB-Racers? E-Mountainbikes sind schwerer als Bio-Bikes und entwickeln ein enormes Momentum, das an allen Kontaktpunkten zerrt. Sofias Vorteil bei der Rechnung Watt geteilt durch Kilogramm bleibt also nur dann einer, wenn sie so viel Power auch ein ganzes Rennen lang managen kann.

Im Gym mit Motocross-Coach

Krafttraining ist unter professionellen Mountainbikern sowieso ein No-Brainer. Eine stabile Muskulatur schützt bei Stürzen und ist schon deshalb eine zentrale Säule im Training. Sofia Wiedenroth aber legt hier ganz bewusst Extraeinheiten ein.

Das ist Top-Leistungssport. Die Fahrer sind krasse Maschinen.

Harte Gym-Sessions für Schultern und Oberarme haben für die Allgäuerin zudem den wichtigen Zweck, ihr überhaupt erst die volle Kontrolle über ihr Levo 4 zu geben, das sie im Rennen über Wurzelteppiche und durch Steingärten bergauf reißt. Der Fitness-Coach ihrer Wahl arbeitet nicht zufällig viel mit Motocross-Athleten und weiß genau, was es braucht, um schwere, kraftvolle Gefährte ein ganzes Rennen lang unter Kontrolle halten zu können.

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Wahnsinn für die Augen: Speed-Reading

Die vielleicht heftigste Challenge als E-MTB-Racerin spielt sich für Sofia direkt unter dem Helm ab. Man könnte es als Speed-Reading des Geländes bezeichnen.

Du fährst so wahnsinnig schnell durch den Wald und über diesen Trail, du musst reagieren können und alles im Blick haben. Das ist Wahnsinn für das Gehirn und für die Augen.

Einen schwierigen Rock Garden hochzukommen, ist eine Sache. Dieselbe Stelle aber wieder und wieder zu meistern, mit Verfolgern im Nacken, Blutgeschmack im Mund und 750 Watt Motorleistung, die einen unbeirrt voranpeitschen und die Pace maximal hoch halten – das ist nochmal eine ganz andere Sache. Sofia musste sich diese zusätzliche Fähigkeit erst Stück für Stück antrainieren.

Display-Spionage und Tech-Wirrwarr

Eine weitere Challenge, die der E-MTB-Rennsport aufbringt, ist die viele Technik dahinter. Auch innerhalb des Reglements bietet E-MTB-Racing viel Potenzial für Optimierung. Für Extraperformance experimentieren die Teams etwa mit dem Ansprechverhalten des Motors, Software-Details und dem Interface für die Fahrer. Das verschlingt, zusätzlich zum körperlichen Training, Monate an Entwicklungsarbeit im ständigen Zusammenspiel aus Fahrer, Trail und Ingenieuren. So viel technische Weiterentwicklung im Sport erzeugt eine knifflige Situation für die UCI – und große Neugierde zwischen den Teams. Hat Sofia beim Kaffee ihr abgestelltes Bike mal kurz nicht im Blick, kommt es schon vor, dass sich ein Motoren-Konkurrent direkt gierig darüber hermacht und sämtliche Screens abfotografiert, um mögliche Informationen über einen technischen Vorsprung ihres Levo 4 zu gewinnen.

Durch Lizenzpflicht und engmaschige Kontrollen mitsamt Motorausbau versucht der Weltverband, den Wettbewerb fair und regelkonform zu halten. Die Herausforderungen dabei beginnen ganz banal bei der Luft im Reifen: Ist der nicht prall aufgepumpt, sinkt der effektive Radumfang, was weitere Berechnungen beeinflusst. Die knifflige Aufgabe, hier für alle Player Klarheit zu schaffen, sieht Sofia Wiedenroth nicht zuletzt bei der Bike-Industrie, also den Brands, die hinter den Teams stehen. Ob das gelingt, wird wesentlich darüber entscheiden, ob sich der E-MTB-Rennsport nach außen hin Glaubwürdigkeit und Akzeptanz verschaffen kann.

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Benefits für Nicht-Racer

Okay, E-Mountainbiken als Rennsport verlangt den Ridern beeindruckende Skills ab und bringt neue Belastungsdimensionen mit sich, die wir nicht auf dem Schirm hatten. Und enorme körperliche Fitness gehört eben auch dazu. Doch was bringt das jetzt jenen von euch, die nachher einfach noch mit ihrem (E-)Bike raus auf den Trail und Spaß haben wollen – ganz ohne Startschuss und Ziellinie?

Erstens tut es unserer ganzen Bike-Community verdammt gut, sich immer wieder mal gedanklich auf die Pedale anderer zu stellen und anzuerkennen, dass man die Leidenschaft des Bikens auf verschiedenste Weise ausleben kann – um dazuzulernen, um zu verstehen und um wertzuschätzen, was andere draufhaben.

Zweitens sind Sofias Eindrücke aus dem E-MTB-Racing der perfekte Anstoß, sich selbst neu herauszufordern und das eigene E-MTB nicht nur als Shuttle zum Trail-Einstieg zu begreifen, sondern als waschechten Fahrtechnik-Coach mit Trillerpfeife. Auch mal gezielt in Uphill-Challenges reinzuhalten, wird schwierig sein, ja. Und klar, das, was ihr bereits jetzt gut könnt, fühlt sich sicher irgendwie vertrauter an. Aber gerade neue Aufgaben und irgendwann Erfolgsmomente geben uns wahnsinnig viel Motivation. Ausprobieren!

Solange ich diesen starken Aufbau im Gym noch nicht habe, möchte ich auch noch nicht richtig schnell radfahren.

Drittens: Macht euch fit! Props an alle, die neben dem Biken gezielt Krafttraining durchziehen. Für alle, die ihren inneren Schweinehund bisher nicht überwinden konnten, sei das der ultimative Weckruf dazu. Ihr braucht die Power nicht erst, wenn es gilt, einen Sturz wegzustecken und wieder aufzusteigen, anstatt verletzt den Bike-Urlaub abzuhaken. Ihr profitiert von Schmackes in den Muskeln schon beim ersten Feature des eigenen Hometrails, der sich plötzlich besser anfühlen wird als je zuvor.

Für Sofia Wiedenroth steht nach diesem Interview gleich die zweite Trainingseinheit des Tages an: Krafttraining im Gym. Vielen Dank Sofia für die Zeit mit uns und alles Gute!

E-MTB-Racing ist krass. Die Kraft der Motoren erzeugt eine enorme Dynamik auf dem Trail und drängt Fahrerinnen wie Sofia Wiedenroth in Belastungsbereiche, die man auf E-Mountainbikes fernab des Rennsports kaum zu spüren bekommt. Daraus können wir nicht nur Akzeptanz für die Skills und Leistung von E-MTB-Racing gewinnen, sondern auch einen ordentlichen Tritt in den Hintern, unsere eigene Fahrtechnik und Fitness mal wieder zu pushen – auch ganz ohne Startschuss und Ziellinie.


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Text: Moritz Geisreiter Fotos: Sebastian Schieck

ENDURO Mountainbike Magazine

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