Das Specialized Epic ist nach dem legendären Cape Epic Cross Country-Rennen benannt und für die Jagd nach Sekunden auf dem Rundkurs designt. Zu Recht stellt ihr euch jetzt die Frage: Was hat so ein Cross Country-Bike eigentlich bei ENDURO verloren?

Specialized Epic Expert EVO | 120/100 mm (v/h) | 12,06 kg | 5.599 €

Der Grund ist einfach: Mit dem Namenszusatz “EVO” wird das Specialized Epic Expert EVO vom Sekundenjäger zur Trail-Rakete. Wie es sich für ein Bike dieser Gattung gehört, setzt auch das 5.599 € teure Epic Expert EVO auf einen leichten Carbon-Rahmen (den gleichen wie das nicht EVO), 29” Laufräder und 100 mm Federweg am Heck. Klingt soweit noch alles nach Rennmaschine. Das EVO besitzt aber auch eine Variostütze, 120 mm Federgabel und robuste Reifen und bringt es so auf 12,06 kg Gesamtgewicht. Ob diese brisante Mischung für ein episches Fahrerlebnis sorgt, haben wir auf steilen Rampen, langen Touren, alpinen Singletrails und bei einem Ausflug auf die Flowtrails der Bike Republic-Sölden herausgefunden.

Das Specialized Epic Expert EVO im Detail

Für die Ausstattung des Specialized Epic Expert EVO gilt: Ade, übertriebener Leichtbau! Willkommen, Trailspaß! Dafür wächst der Federweg an der FOX 34 Step-Cast im Vergleich zu den anderen Epic-Modellen um 2 cm auf 120 mm an. Die straffen 100 mm am Heck werden von dem speziell für das Epic entwickelten RockShox Micro Brain-Dämpfer bereitgestellt. Das Besondere: Über ein Trägheitsventil öffnet und schließt das Brain 2.0-System an der Hinterachse die Druckstufen-Einheit und verhärtet den Dämpfer im Antritt, öffnet sich aber und stellt den Federweg zur Verfügung, sobald ein Schlag von unten auf das Bike wirkt. Die Auslösehärte des Ventils und damit das Ansprechverhalten des Bikes lässt sich in mehreren Stufen von weich und somit relativ sensibel bis sehr hart und effizient im Antritt einstellen.

Federgabel FOX 34 Performance Step-Cast 120 mm
Dämpfer Custom RockShox Micro Brain 100 mm
Bremsen SRAM Level-TL
Schaltung SRAM GX-Eagle
Sattelstütze X-Fusion Manic 125 mm
Vorbau Specialized XC 80 mm
Lenker Specialized Alloy Mini Rise 750 mm
Laufradsatz Roval Control Carbon
Reifen Specialized Ground Control/Fast Trak 29″ x 2,3″
Gewicht 12,06 kg
Preis 5.599 €

Für mehr Bewegungsfreiheit im Downhill sorgt die X-Fusion Manic-Variostütze mit 125 mm Verstellbereich. Die 29” x 2,3” große Reifen sind auf leichten Roval Control Carbon-Felgen aufgezogen. Am Hinterrad hat beim Epic EVO der Pannenschutz Priorität. Deshalb kommt der flach profilierte Specialized Fast Trak in der stabilen Enduro-Karkasse GRID zum Einsatz. Einzig bei der schwachen SRAM Level TL-Bremse hätten wir uns noch mehr Verzicht auf Leichtbau und bissigere Stopper gewünscht.

Durchdachter geht’s nicht
Den schlanken RockShox Micro Brain-Dämpfer gibt es exklusiv im Epic. Die Stahlflexleitung, die den Dämpfer mit dem Brain-System an der Hinterradachse verbindet, ist in den Yoke integriert.
Für schwere Jungs keine Option
Mit den SRAM Level-TL-Bresmen und den kleinen Scheiben (180/160 mm) kommt man auf langen Abfahrten ans Limit. Größere Scheiben oder eine leichte Vierkolben-Bremse stehen dem Rad besser.
Auf und ab
Bei Trail-Bikes längst Standard setzen auch immer mehr Cross Country Racer auf eine absenkbare Sattelstütze. Am Epic EVO hat sie aber nur 125 mm Hub.
Super schnell und dennoch robust
Der Specialized Fast Trak-Hinterreifen rollt verdammt schnell. Die pannensichere GRID-Karkasse kommt auch bei den Enduros zum Einsatz. So muss das!
Bergab nicht der schlauste Kopf
Das Brain-System verhindert das Wippen beim pedalieren extrem effektiv. Leider lässt sich bei Schlägen aber auch eine lecihte zeitliche Verzögerung verspüren, bevor der Dämpfer frei arbeitet. Deshalb sind wir es die meiste Zeit im weichen Modus gefahren.
Filigran, aber ready to shred
Durch die spezielle Anordnung der Carbonfasern im hinteren Rahmendreieck können Sitz- und Kettenstrebe sich so sehr verwinden, dass auf Lager verzichtet werden kann. Das spart viel Gewicht, sieht sexy aus und funktioniert auch auf ruppigen Trails sehr gut.

Die Geometrie des Specialized Epic Expert EVO

Größe S M L XL
Sattelrohr 400 mm 434 mm 470 mm 520 mm
Oberrohr 571 mm 599 mm 626 mm 650 mm
Steuerrohr 95 mm 105 mm 120 mm 140 mm
Lenkwinkel 68,5° 68,5° 68,5° 68,5°
Sitzwinkel 73,8° 73,8° 73,8° 73,8°
Kettenstrebe 438 mm 438 mm 438 mm 438 mm
BB Drop 32 mm 32 mm 32 mm 32 mm
Radstand 1103 mm 1132 mm 1159 mm 1186 mm
Reach 398 mm 423 mm 446 mm 465 mm
Stack 595 mm 605 mm 619 mm 638 mm
Helm Specialized Ambush | Brille 100% Speedcraft | Shirt POC Resistance Mid 3/4 Jersey | Shorts ROCDAY ROC Lite Shorts

Das Specialized Epic Expert EVO auf dem Trail

Einmal auf dem Specialized Epic EVO Platz genommen, kann man ohne Probleme in das nächste Mehrtages-Etappenrennen starten. Die Sitzposition ist, wie es sich für ein „Cross Country“ Bike gehört, sportlich gestreckt, aber nicht zu extrem. Durch die längere Gabel und den 750 mm breiten Lenker mit etwas Rise baut die Front höher als bei Race-Bikes und nimmt so viel Druck von den Händen. Auch der (zumindest auf dem Papier) etwas flache Sitzwinkel fällt nicht negativ auf, da das sehr straffe Fahrwerk am Heck kaum im Federweg einsinkt. Das Brain 2.0 verhindert – außer in der ganz weichen Einstellung – nahezu jegliches Wippen oder Einknicken des Hinterbaus selbst im Wiegetritt. Dadurch fährt sich das Epic EVO im Uphill verdammt schnell und fast so effizient wie ein Hardtail. Im Gegenzug werden die Vibrationen vom Untergrund in den härteren Stufen des Brains fast ungefiltert an den Fahrer weitergegeben. Erst bei größeren Hindernissen federt der Dämpfer ein und sorgt für Komfort und Traktion am Hinterrad.

Im Uphill ist das Brain-System eine Macht: Das Epic EVO wird im Wiegetritt bockhart und setzt jeden Input in Vortrieb um.

Obwohl der Sprint zum Gipfel die Paradedisziplin des „normalen“ Epics ist, schlägt das Herz des Epic EVOs für flowige Trails bergab. Durch das niedrige Tretlager steht man sehr integriert und mit tiefem Schwerpunkt im Bike. Der relativ tiefgezogene Rahmen bietet ausreichend Bewegungsfreiheit, eine Variostütze mit mehr Hub würde allerdings noch mehr Platz zum Manövrieren auf dem Bike schaffen. Die niedrige Position gepaart mit ausreichend Druck und Grip am Vorderrad lassen in Kurven und Anliegern ordentliche Geschwindigkeiten zu. Mit dem Epic EVO ist es nicht zuletzt dank des geringen Gewichts und des straffen Fahrwerks ein Leichtes, an Kanten abzuspringen, in Wellen zu pushen oder im Manual aus einem Anlieger zu schießen. Hier macht das Brain-System auch im Downhill Sinn und sorgt für viel Fahrspaß und Speed auf dem Trail. Auf ruppigeren Strecken zeigt sich das System jedoch von einer anderen Seite: Der Dämpfer reagiert mit einer minimalen aber spürbaren Verzögerung auf die Schläge. Während das bei großen Schlägen wie Landungen oder Kompressionen nicht negativ auffällt, stört es vor allem bei vielen aufeinanderfolgenden kleinen und mittleren Schlägen. Das ist nicht nur unkomfortabel, sondern führt in erster Linie auch zum Grip-Verlust am Hinterrad. Auf natürlichen Singletrails sind wir deshalb nur in der ganz weichen Einstellung des Brain-Systems unterwegs. Dennoch sorgt das Epic EVO mit seinem verspielten Handling und der ausgewogenen Geometrie auch auf technisch fordernden Strecken für viel Fahrspaß.

Fazit

Das Specialized Epic Expert EVO überzeugt mit dem sehr direkten Handling und Fahrspaß eines straffen Trail-Bikes. Trotzdem liefert es die Effizienz und den Hunger nach Vortrieb einer Cross Country-Rennmaschine, verzichtet mit dem Brain 2.0-Dämpfersystem aber bewusst auf übertriebenen Komfort. Wer nicht tatsächlich Chancen auf olympisches Gold hat oder zumindest in einer nationalen Rennserie mitfährt, ist mit dem Specialized Epic Expert EVO deutlich besser bedient als mit einem Race-Bike.

Mehr Infos unter: specialized.com


Dieser Artikel ist aus ENDURO Ausgabe #037

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Text: Felix Stix Fotos: Valentin Rühl

Über den Autor

Felix Stix

Durch meinen technischen Hintergrund habe ich mich zum inoffiziellen Leiter unserer Werkstatt gemausert. Hier bereite ich das Equipment für unsere Tests vor und checke die Bikes auf Herz und Nieren. Meine nerdigen Texte mit unzähligen Erklärungen stützen sich meist darauf, dass ich ein Produkt komplett zerlegt und wieder zusammengebaut habe…
Auf dem Enduro scheppere ich am liebsten über die richtig harten Downhillstrecken und bringe dabei mich und das Material an die Grenzen – oder darüber hinaus. Bergauf geht es allerdings gemütlich mit der Gondel oder einem Shuttle. Trotzdem komme ich durch das tägliche Pendeln in die ENDURO-Redaktion auf einige Kilometer im Sattel.