
Bereits im Juli 2025 gab der US-Komponentenriese SRAM bekannt, Ochain übernommen zu haben. Trotzdem konnte man bislang noch keine „SRAM Ochain“ kaufen. Stattdessen war weiterhin das ursprüngliche System erhältlich, das seit 2020 auf dem Markt ist und von Fabrizio Dragoni entwickelt wurde. Genau das ändert sich jetzt.
Die Ochain ist im Kern ein Spider am Kettenblatt, der jedoch nicht starr mit der Kurbel verbunden ist. Stattdessen erlaubt das System ein einstellbares Maß an rückwärtiger Rotation zwischen Kurbelarmen und Kettenblatt, um das unerwünschte Ziehen an den Pedalen zu reduzieren. Denn sobald euer Hinterbau einfedert, bewegt sich das Hinterrad nicht nur nach oben, sondern auch leicht nach hinten. Dadurch wächst der Abstand zwischen Hinterachse und Tretlager, was zu einem zusätzlichen Kettenzug führt. Dieser Effekt, der oft als Hauptgrund für solche Systeme genannt wird, ist allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt – wie wir bereits in unserem Test 2020 geschrieben haben und was SRAM nun auch durch ausführliche Tests erneut belegt hat. Denn die Rotationsgeschwindigkeit des Hinterrads reduziert den Effekt der entstehenden Kettenlängung bereits deutlich, sobald ihr etwas schneller unterwegs seid. Somit ist der Kettenzug durch das Einfedern abhängig von der Geschwindigkeit auf dem Trail. Aber es gibt noch weitere Szenarien, die dafür sorgen, dass die Kette an eurer Kurbel zieht. Denn wenn die Kette auf ruppigen Trails schlägt, zieht sie kurzzeitig an der Kassette, um dann wieder zurück in den Anschlag des Freilaufkörpers zu knallen, was ebenfalls an der Kurbel spürbar ist. Zudem erzeugt ihr beim Anbremsen in der Regel viel Druck auf euren Pedalen, weil sich euer Gewicht dagegen stemmt. Das spannt die Kette enorm, wenn euer Hinterrad kurzzeitig blockieren sollte, was in der Regel bei harten Bremsmanövern vorkommt und so zusätzlich euren Hinterbau versteift und Kraft kostet. All diese Effekte summieren sich beim Fahren und wirken direkt auf eure Kurbeln.
Genau hier setzt die SRAM Ochain an: Durch die Entkopplung werden die Kräfte, die auf eure Pedale wirken, im ersten Schritt deutlich reduziert. Das Hinterrad kann freier arbeiten, weil weniger Spannung im System entsteht. Das soll für mehr Grip auf dem Trail sorgen – ein Effekt, der stark an den legendären Run von Aaron Gwin in Leogang erinnert, bei dem er ohne Kette den Sieg holte. Gleichzeitig müssen eure Beine weniger gegen die entstehenden Kräfte arbeiten, was spürbar Körner spart. Zusätzlich soll das Entkoppeln der Kette mehr Ruhe ins System bringen und die Geräuschkulisse einer schlagenden Kette reduzieren.
Der Hype um Systeme zur Reduktion von Pedalrückschlag ist aktuell groß. Mit dem DEG-System von DT Swiss oder dem Sidekick von E*thirteen gibt es bereits vergleichbare Ansätze. Beide Lösungen sitzen allerdings am Freilaufkörper bzw. in der Nabe. Das Grundprinzip ist ähnlich, die technische Umsetzung jedoch eine andere – mit entsprechenden Vor- und Nachteilen bei Integration, Wartung und Fahrgefühl. Die Ochain war allerdings das erste System dieser Art und hat den Trend maßgeblich mit angestoßen.
Durch die Übernahme durch SRAM hat sich an der technischen DNA zunächst wenig geändert. Fabrizio Dragoni bleibt weiterhin der Kopf hinter Ochain und entwickelt das System mit seinem eigenen Team in Italien weiter. Gleichzeitig profitiert die Marke nun von der Infrastruktur eines globalen Players: Service- und Vertriebsstrukturen, Marketing sowie die allgemeine Skalierung und Produktion werden durch SRAM deutlich professionalisiert. Auch für Bike-Hersteller bringt das Vorteile, denn durch die Integration in den SRAM-Kosmos wird es deutlich einfacher, das Ochain-System künftig direkt ab Werk zu verbauen.
Wie funktioniert die Ochain und was hat sich durch die Übernahme geändert?
Im Inneren des Systems sitzen zwei gegeneinander rotierende Platten: Eine ist mit der Kurbel verbunden, die andere mit dem Kettenblatt. Dreht ihr die Kurbeln vorwärts, rasten Metallzähne zwischen beiden Platten ein, koppeln Kurbel und Kettenblatt fest miteinander und sorgen so für einen ununterbrochenen Kraftfluss beim Pedalieren. Wird das Kettenblatt dagegen durch Kettenzug nach hinten gezogen, erlaubt der Ochain-Spider eine freie rückwärtige Rotation zwischen 3° und 12° – abhängig von der Position des externen Einstellers, sofern ihr eine Version mit Verstellung fahrt. Auf diese Weise absorbiert der Spider die durch den Kettenzug verursachte Rotation, sodass ihr davon an den Pedalen nichts oder zumindest deutlich weniger spürt. Kleine Federn im Inneren verhindern, dass die Zähne eingreifen, wenn ihr nicht pedaliert, während Elastomere das Ende des Rotationswegs dämpfen und so für einen möglichst lautlosen Betrieb sorgen.
Diese grundlegende Funktionsweise war allerdings schon beim ursprünglichen Ochain-Spider vorhanden. Die eigentliche Frage lautet also: Was hat sich durch die Übernahme von SRAM wirklich geändert? Laut SRAM wurden alle Ochain-Modelle überarbeitet, damit sie die Qualitätsansprüche und internen Teststandards des US-Herstellers erfüllen. Dazu gehören unter anderem eine bessere Abdichtung und ein vereinfachter Service. Der reguläre Service ist nun nach 200 h vorgesehen und soll sich auch von Heim-Mechanikern problemlos erledigen lassen – ohne Spezialwerkzeug. Das passende Service-Kit kostet 50 €. Die Elastomere solltet ihr allerdings bereits nach 100 h tauschen, wofür ein separates Kit für 25 € fällig wird.
Typisch für SRAM wurde nun auch der modulare Ansatz bei den neuen Ochain-Modellen implementiert und sie lassen sich jetzt upgraden. Wer also mit einem Basis-Modell (S oder E) startet, kann den externen Versteller später nachrüsten. Auch bei den Einstelloptionen hat sich etwas getan: Statt 0, 4, 6, 9 und 12° gibt es jetzt 0, 3, 6, 9 und 12°. Alle SRAM Ochain-Modelle tragen außerdem die Bezeichnung „B1“. Erkennen könnt ihr sie entweder am Produktcode auf der Rückseite – oder ganz einfach daran, dass das externe Einstellrädchen eine 3°- statt der früheren 4°-Position besitzt. Ein weiterer Unterschied betrifft die Fertigung: Produziert wird inzwischen in Taiwan und nicht mehr in Italien.
Die Modelle und Preise der neuen SRAM Ochain
Bei den neuen SRAM Ochain-Modellen gibt es insgesamt vier Varianten: zwei für Mountainbikes und zwei für E-Mountainbikes. Allerdings existieren bislang nur Varianten für Bosch-Motoren. Für analoge Bikes stehen die Modelle R und N bereit, für Bosch E-MTBs die Varianten S und E.
Die Modelle R und S sind die teureren Varianten und kosten jeweils 380 €. Sie besitzen den externen Versteller – also das kleine Rädchen, mit dem ihr die Charakteristik schnell und ohne großen Aufwand anpassen könnt. Bei den günstigeren N- und E-Modellen für 310 € müsst ihr das System dagegen zerlegen und den Verstell-Chip neu positionieren, wenn ihr den Rotationswinkel ändern wollt. Serienmäßig sind diese Modelle auf 9° eingestellt, grundsätzlich sind aber auch 6° und 12° möglich. Die entsprechenden Chips müsst ihr allerdings separat kaufen, was mit weiteren 25 € zu Buche schlägt.
Zusätzlich bietet SRAM ein Nachrüst-Kit an, mit dem sich ein N- oder E-Modell auf den externen Versteller umrüsten lässt. Das kostet 100 €. Rein wirtschaftlich ist das allerdings nicht besonders attraktiv, denn damit liegt ihr am Ende über dem Preis eines direkt gekauften R- oder S-Modells. Also macht das nur Sinn, wenn ihr ein komplettes Bike kaufen solltet, an dem bereits solch ein Modell verbaut ist und ihr gerne einen externen Versteller hättet.
Bei den Kettenblättern stehen Versionen mit 32, 34 und 36 Zähnen zur Auswahl, eine 30T-Option gibt es dagegen nicht. Ebenfalls wichtig: Anders als bei anderen T-Type-Kettenblättern lässt sich die Ochain nicht mit einem Bashguard kombinieren. Wer also weiterhin einen Kettenblattschutz fahren will, muss auf eine externe Lösung umsteigen – oder damit leben, ohne Bashguard unterwegs zu sein.
Wie gut funktioniert die SRAM Ochain auf dem Trail?
Wir haben drei SRAM Ochain R-Versionen mit externer Verstellung über vier Monate hinweg getestet, sowohl am Canyon Sender DH-Bike als auch am Pivot Firebird und Santa Cruz Nomad. Gefahren sind wir die Systeme in Bikeparks in Neuseeland und Deutschland, aber auch auf ganz unterschiedlichen lokalen Trails – von super schnell und rough bis langsam, steil und technisch.
Wie viel Sinn das System macht und welche Einstellung am besten passt, hängt stark vom Hinterbau und vom Einsatzbereich ab. Am Canyon Sender haben wir die Ochain auf harten Downhill-Strecken oft mit 9 oder 12° gefahren. Am Firebird hingegen waren es meistens nur 3°. Das liegt zum einen daran, dass Pedalieren dort deutlich relevanter ist, zum anderen entsteht bei den hohen Settings auch spürbar mehr Leerweg, bis beim Starten des Pedalierens Zug an der Kette entsteht. An 3° kann man sich dagegen sehr schnell gewöhnen. So bleibt das Bike reaktiv genug, wenn man auf dem Trail mal kurz noch Speed aufbauen will – etwa mit einem schnellen Pedalimpuls – oder bei einem Gegenanstieg spontan reintreten muss.
Oberhalb von 6° fühlt sich das Firebird für unseren Geschmack schnell etwas „tot“ an. Es fehlt dann schlicht ein Teil des Feedbacks vom Untergrund und auch der gewohnte Gegenhalt an den Kurbeln. Wer schon einmal ohne Kette gefahren ist, kennt dieses Gefühl. Grundsätzlich verleiht die Ochain dem Bike mehr Ruhe in roughen Sektionen und beim Anbremsen. Gleichzeitig müssen die Beine weniger abfedern, weil weniger Störungen über den Antrieb in die Kurbeln zurückgeleitet werden. Vor allem auf langen Abfahrten merkt man das deutlich: Die Füße tun dabei nicht mehr so stark weh, weil man die entsprechende Muskulatur nicht ständig gegen Erschütterungen und Rückstellkräfte anspannen muss. Interessant ist dabei, dass der Effekt umso stärker spürbar wird, je langsamer man fährt. Bei höherem Tempo neutralisiert die reine Rotationsgeschwindigkeit des Hinterrads einen Teil der Kettenlängung bereits von selbst. Wenn man dagegen langsam und steil über Wurzelpassagen herunterrutscht, das Hinterrad immer wieder leicht blockiert und man permanent um Grip kämpfen muss, spielt die Ochain ihre Stärken besonders gut aus. Genau dort macht sie es spürbar einfacher, Traktion zu generieren und das Bike kontrolliert zu halten. Aber auch bei schnellen, harten Schlägen, wie man sie oft auf Downhill-Strecken hat, oder bei sehr stumpfen Drops wurde spürbar weniger Feedback an die Pedale durchgeleitet und es hat diese Szenarien nicht nur besser kontrollierbar, sondern auch weniger anstrengend gemacht. Zudem ist der Effekt stark von eurem aktuellen Gang abhängig, wobei wir davon ausgehen, dass man sich in der Abfahrt auf einem der äußeren Ritzel befindet.
Aufgrund unserer Erfahrungen würden wir euch definitiv die Version mit Versteller ans Herz legen. Je nach Bike und Strecke ist es enorm sinnvoll, die Charakteristik anpassen zu können – und genau das haben wir im Test auch häufig gemacht, weil es eben super schnell geht. Mit etwas Druck auf der Kurbel lässt sich das Rädchen auch mit Handschuhen problemlos drehen oder das System komplett deaktivieren. Beim Thema Geräuschkulisse waren die Unterschiede ebenfalls hörbar: Das Firebird war schon ohne Ochain sehr leise, am Sender hat man die zusätzliche Ruhe durch das System aber definitiv gehört – oder eben nicht.
Das Fazit zur SRAM Ochain
Die SRAM Ochain ist kein Must-have für jedes Bike, kann auf dem passenden Hinterbau und den richtigen Trails aber einen spürbaren Unterschied machen. Sie bringt mehr Ruhe ins Fahrwerk, entlastet eure Beine und kann vor allem in langsamen, steilen und ruppigen Passagen den Grip verbessern. Mit der SRAM-Überarbeitung wurde das System service-freundlicher und modularer. Die beste Wahl bleibt klar die Version mit externem Versteller – weil das ideale Setting stark vom Bike und Einsatz abhängt.
Tops
- reduziert effektiv Pedalrückschlag
- mehr Grip in bestimmten Szenarien
- geringere Krafteinwirkung auf die Pedale
- reduzierte Geräuschkulisse
Flops
- zusätzliche Komplexität und Service
erhöhter Leerweg beim Pedalieren
Alle weiteren Infos findet ihr auf der Website von SRAM.
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Text: Peter Walker Fotos: Sven Martin, Callum Wood, Peter Walker
