„Du musst wissen, wann du alles auf eine Karte setzt, und wann du besser aus einem Spiel aussteigst.“ Stell dir vor, du setzt deinen Lebenstraum auf dein Blatt beim Poker. Wenn du verlierst, gehst du zurück zu deinem Job als Verkäufer. Wenn du gewinnst, kannst du deine eigene Bike-Marke gründen. Das ist die Geschichte von Dan Stanton.

Als wir in das verschlafene Dörfchen Tansley kommen, hängt der frühmorgendliche Nebel noch dicht in der Luft. Den Ort, der tief in den Derbyshire Dales vergraben liegt, umgibt eine fast schon gespenstische Abgeschiedenheit. Um 1800 war Tansley berühmt für die Kutschenbaufirma der Familie Stranger, deren Nachkommen bis heute einen Großteil der Gebäude hier besitzen. Man stelle sich nur die Szene vor, wie sich die Leute damals auf Pferdekarren ihren Weg durch die unwirtliche Landschaft bahnten, die Berge überquerten und dieses nebelgetränkte Tal erreichten, um den Strangers ihre Aufwartung zu machen. Tansley ist aber nicht nur die Heimat der Strangers, sondern beherbergt heutzutage auch das Headquarter von Stanton Bikes, und als wir an dem steinernen Gebäude ankommen, merken wir schnell, dass der Tag hier bereits in vollem Gange ist. Hinter dem Rolltor blitzen die Schweißgeräte stroboskopartig auf. Während wir uns blinzelnd noch zwischen Licht und Schatten orientieren, geht ein Mann auf uns zu, schüttelt jedem von uns die Hand und begrüßt uns mit fester, ruhiger Stimme: „Hi, ich bin Dan Stanton. Herzlich willkommen bei Stanton Bikes!“

Fragt man einen beliebigen britischen Mountainbiker nach den besten Hardtail-Herstellern, wird Stanton Bikes ziemlich weit oben auf der Liste stehen. Stantons Hardtails Switch9er, Slackline und Switchback bekommt man mit Stahl- oder Titanrahmen – und sie haben schon jetzt nahezu Kultstatus erreicht. Aus der Verbindung von smarter Konstruktion und ausbalancierter Geometrie entstehen hier Bikes, die unglaublich Spaß machen. Das Stahlmodell 631 Switch9er hat in unserem Hardcore-Hardtail-Vergleichstest gerade die Konkurrenz ausgestochen. Doch bei Stanton Bikes ruht man sich nicht gern auf Lorbeeren aus ‒ gerade hat die Marke mit dem Switch9er FS und dem Switchback FS zwei Fullys herausgebracht. Auch hier in der Werkhalle stehen die Zeichen auf Veränderung: Neue Maschinen werden aufgebaut, Arbeitsplätze eingerichtet. Stanton verlagert die komplette Produktion aus Taiwan ins eigene Haus nach Großbritannien.

Doch fangen wir von vorne an. Eigentlich hatte Dan Stanton gar nicht vor, seine eigene Bike-Marke zu gründen. Tatsächlich schien sein Pfad geraume Zeit in eine komplett andere Richtung zu gehen: Studium, Promotion, Hochschuldozent. Doch seine Leidenschaft war das Biken. Vier bis fünf Mal pro Woche war er auf dem Rad unterwegs, am Wochenende baute er Jumps. „Damals fuhr ich auf dem Trail ein 4X-Bike, die waren einfach viel wendiger und verspielter als die Stahl-XC-Bikes, die es zu der Zeit gab“, erzählt uns Dan. „Ich nahm es lieber in Kauf, dass ich auf den Anstiegen völlig außer Atem war, dafür hatte ich mehr Spaß auf den Abfahrten.“ Geraume Zeit stand Dan mit seinen Vorlieben scheinbar alleine da, aber der Wendepunkt kam, als das Dirt Magazine seine berühmte Hardtail-Edition veröffentlichte, in der auch ein Bomber und ein Razer vorgestellt wurden. „Der Hype, der darauf folgte, war irre“, erinnert er sich. „Ich wusste, dass ich solche Bikes auch bauen könnte, wenn ich nur die Möglichkeiten dazu hätte.“ Dans Zweifel an seiner bisherigen Karriereplanung wurden größer und größer, bis er eines Tages seiner Frau davon erzählte. Sie hörte lange einfach nur zu und stellte dann eine ganz einfache Frage: „Was willst du eigentlich machen?“

Ich sagte, ich wolle eine Bike-Firma gründen. Nach einer kurzen Pause erwiderte sie: „Na, dann mach das doch.“ So fing alles an.

Eine halbe Stunde später ging Dan die Straße runter zum örtlichen Radladen, sprach mit Nick, dem Geschäftsführer, und sicherte sich einen Job. Es folgten aufregende Jahre. Die Branche wuchs, viele von Dans Kollegen aus anderen Bikeshops begannen plötzlich, in Rahmenbau, Design oder Marketing zu arbeiten. Dan hing stundenlang am Telefon und fragte Lieferanten aus: Welche Produkte kamen rein, zu welchem Preis? So fand er heraus, wer was herstellte – und wo. Er brachte sich selbst die Grundlagen von CAD (Computer Aided Design) bei, immer mit dem Hintergedanken, selbst Bikes zu bauen. Seine ersten Entwürfe waren vielleicht ein bisschen radikal für die Zeit, deshalb ruderte er wieder zurück und machte die Bikes etwas moderater. Und irgendwann hatte er eine Basis, mit der er anfangen konnte. Er baute einige Modelle und schickte sein erstes Bike ans Dirt Magazine: „Ich rief in der Redaktion an und wurde an verschiedene Leute durchgestellt, die mir ordentlich auf den Zahn fühlten; schließlich durfte ich mit dem Oberboss sprechen.“ Er überzeugte die Dirt, sich das Bike anzusehen ‒ ein großes Risiko für eine ganz junge Marke. Doch die Rechnung ging auf, und als die Printversion mit einem begeisterten Testbericht in den Regalen lag, hatte der Aufstieg von Stanton Bikes begonnen.

Heute würde man mein erstes Bike mit anderen Augen sehen, aber es hatte 140 mm Federweg, einen 64°-Lenkwinkel und 35 mm BB-Drop bei 26er-Laufrädern, und zu der Zeit war das radikal.

Dan hatte knappe Ressourcen und kein Startkapital, und ihm war klar, dass er vor einer enormen Herausforderung stand. Wie so oft im Leben kam die Lösung des Problems von unerwarteter Seite: Dan traf sich regelmäßig zum Pokerspielen mit ein paar Ingenieuren und Leuten, die zu Geld gekommen waren. Eines Abends saß er einem cleveren Investor gegenüber und beschloss, ein Risiko einzugehen. Er sagte: „Wenn ich gewinne, gibst du mir 7.000 £ und bekommst dafür die Hälfte meiner Bike-Firma.“ Dan gewann. Ob er damals bluffte oder nicht, verrät er bis heute nicht. Eine Partnerschaft war entstanden, die 7.000 £ waren die Anzahlung für die ersten 50 Rahmen. Zum Glück gingen die ersten Bestellungen ein, bevor die Rahmen eintrafen, wodurch die ersten 10 Verkäufe die Kosten für die Überseefracht deckten. Die nächsten 40 Stück verkauften sich mit Gewinn, den Dan wiederum in die folgenden 100 Rahmen investierte. Die verkauften sich ebenfalls. Stanton Bikes hatte Fahrt aufgenommen.

Wie bei vielen Menschen war ein entscheidender Katalysator für Dan die Geburt seines ersten Kindes. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt und nun musste es funktionieren. Seine Marke bekannt zu machen, war harte Arbeit. Mit seinem zerbeulten Kombi, im Kofferraum einen klapprigen Pavillon und seine Demo-Bikes, fuhr Dan zu allen erdenklichen Events. Wegen seines knappen Budgets konnte er die Firma nur von Zuhause aus betreiben. „Wir mussten drei Mal umziehen, bis wir genug Platz hatten, die Ware unterzubringen; die Kids hatten keinen Platz mehr zum Spielen, aber sie bauten Burgen aus Bike-Kartons“, erzählt er uns. „Uns wurde klar, dass wir so nicht weitermachen konnten, sonst müssten wir uns irgendwann eine Villa kaufen.“ Dan entwickelte eine eigene Marketingstrategie, die er „gegenseitige Befruchtung“ nannte ‒ eine Partnerschaft mit anderen jungen Firmen, in der man Nutzen und Risiken teilte.

Es gab auf jeden Fall schwierige Phasen, ein ständig wachsendes Geschäft ist eine Herausforderung. Manchmal hatte ich nicht genug Geld, um die Rahmen zu bestellen, die ich brauchte. Wir waren ständig ausverkauft schon einen Monat, bevor die nächsten Rahmen eintreffen sollten, und dann musste ich mit Vorlaufzeiten von vier oder fünf Monaten arbeiten.

Mittlerweile ist Stanton Bikes den Kinderschuhen entwachsen, doch mit der Verlagerung der Rahmenproduktion von Taiwan nach Großbritannien befindet sich die Marke auch weiterhin in einem Wandlungsprozess. Kunden werden sich der ethischen Dimensionen ihres Kaufverhaltens zunehmend bewusster und machen sich Gedanken über ihren CO2-Fußabdruck, und so ergibt diese Entscheidung auch wirtschaftlich Sinn. Dan führt aus: „Während der industriellen Revolution haben wir die Leute aus der Landwirtschaft genommen und sie in diese neuen Organisationen gesteckt, die die Produktion systematisierten. Eine Aufgabe pro Person, alle arbeiten aufeinander abgestimmt, bis man am Ende das gewünschte Produkt hat.“ Perfektioniert hat dieses System Henry Ford, erzählt uns Dan. In dessen Fabriken betätigte einer den ganzen Tag lang das Pedal, während der nächste den ganzen Tag lang schweißte – alle arbeiteten dort zusammen wie Zahnräder einer großen Maschine. Um die Gewinne stetig zu maximieren, holte man sich Leute aus Gegenden, wo es billigere Arbeitskräfte gab. Doch irgendwann wurden in der westlichen Welt die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Arbeiter strenger, das machte die Produktion natürlich teurer. Also verlagerte man die Fabriken kurzerhand nach Taiwan oder China, in Länder, die damals wegen des kommunistischen Systems mit einer schwächelnden Wirtschaft zu kämpfen hatten. „Jetzt sind wir an dem Punkt, wo Sicherheitsvorkehrungen und Löhne in Taiwan und China nicht mehr so weit von unseren entfernt sind“, mein Dan. „Jetzt bauen diese Firmen neue Fabriken in Kambodscha, Laos oder Nordthailand, und so geht der Kreislauf weiter.“

Ich denke, der Knoten ist geplatzt, die Medien berichten darüber und Verbrauchern ist bewusster, wie und von wem ihr Bike hergestellt wird.

Und wie geht es nun weiter? „Die taiwanesischen Firmen wollen ihre Verträge nicht verlieren, doch die Kosten sind so hoch, dass es sich nicht mehr lohnt“, meint Dan. „Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir füttern dieses System weiter oder wir können hier in Großbritannien Leute einstellen und es selber machen ‒ erst recht, wenn man den Kursverfall des britischen Pfunds bedenkt. Eine eigene Produktion erlaubt es uns außerdem, schneller und flexibler auf den Markt zu reagieren, und wir sind freier in der Optimierung der Produkte. Der größte Vorteil ist, dass das althergebrachte Modell der Kreativität und Wünsche der Kunden bisher enge Grenzen gesetzt hat.“ Doch durch die eigene Produktion kann Stanton Bikes individualisierbare Rohrlängen, Lackierungen und auch sonst viel mehr Flexibilität anbieten. Wenn jemand ein Hardtail oder ein Fully mit einem kürzeren Sitzrohr, aber einem längeren Oberrohr möchte, dann ist das kein Problem.

Während wir durch die betriebsame Fabrik schlendern, fällt uns der Kontrast ins Auge: Auf der einen Seite knistern und spritzen die Schweißgeräte eifrig, es kommen immer wieder Kunden vorbei, um Demo-Bikes auszuleihen, alles scheint zu brummen und zu surren. Auf der anderen stehen noch ganz still brandneue Maschinen, bereit für den ersten Einsatz und die vollständig britische Produktion. Gegenwart und Zukunft von Stanton Bikes stehen sich hier direkt gegenüber. Auch diesmal setzt Dan wieder auf Risiko. Doch er hat ein hochqualifiziertes Team und ist sich sicher, dass mit dieser Entscheidung ein weiteres erfolgreiches Kapitel in der Firmengeschichte geschrieben wird. Die Fangemeinde von Stanton Bikes wächst weiter, ein sicherer Indikator dafür, dass es für die Marke nach wie vor aufwärts geht. Schließlich stehen wir plaudernd vor dem Demo-Rack und Dan greift ein aufregendes neues Bike heraus, geht einen Schritt zurück und betrachtet es voller Stolz. Aber das ist eine andere Geschichte …

Mehr Informationen zu den Bikes von Stanton findet ihr entweder auf der offiziellen Website oder in unserem Test zum Stanton Switch9er FS

Text: Trev Worsey Fotos: Finlay Anderson

Über den Autor

Trev Worsey

Seit den frühen 90ern mit dem Bike-Virus infiziert, arbeitete Trev zunächst als Wissenschaftler und Statistiker, bevor ihn Bikes und Berge endgültig zu sich riefen. Nach sieben Jahren als Mountainbike-Guide wechselte er dann zu ENDURO, wo er sich seitdem von unserem UK-Office aus um News, Storys und Testberichte für unsere Website und die Ausgaben kümmert.