Schmale Linien, schöne Details, klasse Verarbeitung: Das Starling Twist ist die klassische Verkörperung eines Stahl-Bikes und so schlank, dass es im richtigen Winkel fast unsichtbar wird. Ist es damit nur etwas für absolute Fans der Stahl-Ästhetik oder nutzt es seine schlanke Form auch zu seinem Vorteil?

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: 3 spannende Enduro-MTBs aus Stahl im Test

Starling Twist | 160/160 mm (v/h)
15,90 kg in Größe L | 5.226 € | Hersteller-Website

Die Vorteile von Mullet-Bikes sind klar: Die Überrolleigenschaften des 29”-Vorderrads werden gepaart mit der Wendigkeit des 27,5”-Hinterreifens. Nach dem 29”-Murmur und dem 27,5”-Swoop bringt Starling nun das neue Twist als Mullet-Variante auf den Markt. Um der Ästhetik gerecht zu werden, wird der Vorderbau in Bristol aus Reynolds 853-Stahl von Hand gefertigt, während der Hinterbau von ORA Engineering in Taiwan hergestellt wird.

Das Starling Twist im Detail

Das Bike hat 160 mm Federweg am Heck und ist für Gabeln mit 160–170 mm konzipiert. Seine einstellbare Dämpferaufnahme erlaubt eine Positionsänderung von 10 mm. Es ergibt sich ein hinterer Federweg von 130–160 mm und dementsprechend eine Tretlagerhöhenverstellung von 10 mm sowie eine Lenkwinkeländerung von 1,3°, je nach montierter Dämpferlänge. Der Rahmen hat Platz für eine 200-mm-Bremsscheibe am Heck und bietet Reifenfreiheit für bis zu 2,8” breite Walzen. Die Fertigungsqualität ist sehr gut, besonders schön sind die kleinen Starling-Ausschnitte an den Gussets des Rahmens. Verwunderlich fanden wir das eng gefertigte Sattelrohr, wodurch man die Sattelstütze nur schwer verstellen kann. Das Team von Starling wusste, dass wir das Bike hart rannehmen würden. Deshalb hat es das 15,9 kg schwere, 5.226 € teure Test-Bike mit der Öhlins RXF36 M.2 Coil-Federgabel und dem Öhlins TTX22M Coil-Dämpfer ausgestattet. Der Antrieb ist eine Mischung aus Shimano XT 11-fach-Schaltung und sexy Middleburn-Kurbeln, die gut zu den schlanken Stahlrohren passen. Das Twist rollt auf Stan’s Flow-Felgen und 2,3” breiten MAXXIS Minion DHF/HighRoller II-Reifen mit einem CushCore-Einsatz vorne und hinten. Als Bremsen sind die MAGURA MT Trail montiert, mit einem Vierkolbensattel vorne und zwei Kolben hinten, gepaart mit 180-mm-Scheiben vorne und hinten. Das Bike ist mit einer BikeYoke REVIVE 165-Sattelstütze und einem FUNN-Lenker und -Vorbau aufgebaut.

Ziemlich eng
Die BikeYoke REVIVE-Sattelstütze ist top. Das Sattelrohr scheint etwas zu eng zu sein, was eine Verstellung der Sattelstütze schwierig macht.
Im Detail
Die Verarbeitung ist klasse, vor allem die Starling-Ausschnitte an den Gussets.
Stahl auf Stahl
Obwohl es rein logisch eigentlich nicht funktionieren sollte, passt der Öhlins TTX22M perfekt zum Bike.

Starling Twist

5.226 €

Ausstattung

Federgabel Ohlins RXF36 M.2 coil 160 mm
Dämpfer Ohlins TTX22M 160 mm
Sattelstütze BikeYoke Revive 165 mm
Bremsen Magura MT Trail 180/180 mm
Schaltung Shimano XT 1x11
Vorbau FUNN Funnduro 40 mm
Lenker FUNN Kingpin 800 mm
Laufradsatz Stans Flow rims 29/27.5
Reifen Maxxis Minion DHF/High Roller II 2.3"

Technische Daten

Größe M L XL
Gewicht 15,90 kg

Besonderheiten


Nicht alle Mullets sind cool
Die gemischte MAGURA MT Trail-Bremse fühlt sich an einem so lebendigen, schnellen Bike mit den zwei Kolben am Heck unterdimensioniert an.
27,5”-Hinterrad bringt Spaß
Das 27,5”-Hinterrad lässt sich bei jeder Gelegenheit in die Kurve jagen und macht das Bike sehr lebendig.
Statement
Selten an einem Komplett-Bike zu sehen: Die Middleburn-Kurbel macht eine echt gute Figur.

Die Geometrie des Starling Twist

Im Kontrast zu den klassischen Linien des Starling kommen bei seinen Geometriedaten keine nostalgischen Gefühle auf. Das Starling Twist ist mit einem Reach von 485 mm in Größe L und einem Sitzrohrwinkel von 77° äußerst modern. Das Mullet-Design bringt das Hinterrad nah zum Rahmen, was sich in 435 mm langen Kettenstreben äußert. Der BB-Drop beträgt satte 38 mm und der Stack ist mit 632 mm auf der höheren Seite. Nicht zu flach ist der 65°-Lenkwinkel, auch der Radstand fällt mit 1.250 mm nicht extrem aus. Das 440 mm kurze Sattelrohr macht es möglich, entweder eine lange Sattelstütze zu fahren oder den Rahmen eine Nummer größer zu wählen, wenn man ein sehr langes Bike will.

Das Starling Twist glänzt an Orten, an denen man keine hohen Berge zum Biken hat und man jedem Meter Trail den maximalen Spaß abringen will.

Größe M L XL
Sattelrohr 410 mm 440 mm 480 mm
Oberrohr 596 mm 628 mm 663 mm
Steuerrohr 110 mm 110 mm 120 mm
Lenkwinkel 65,0° 65,0° 65,0°
Sitzwinkel 77,0° 77,0° 77,0°
Kettenstrebe 435 mm 435 mm 435 mm
Radstand 1.218 mm 1.250 mm 1.288 mm
Reach 450 mm 485 mm 515 mm
Stack 564 mm 632 mm 661 mm

Twist and shout! Das Starling Twist auf dem Trail

Noch vor dem ersten Tritt in die Pedale haben uns die grünen Ventile der CushCore-Einsätze zwei Hinweise gegeben. Erstens: Das Bike wurde für raue Trails gebaut. Zweitens: Es ist kein Leichtgewicht. Das Starling fliegt mit 15,9 kg nicht gerade ohne Mühe steile Rampen hoch, aber dank dem gut gewählten Sitzwinkel und einem Anti-Squat-Wert von über 100 % klettert es effizient nach oben. Per Anti-Squat lässt sich der obere Federweg des Öhlins TTX22M zwar gut kontrollieren, trotzdem haben wir bei längeren Anstiegen die maximale Kompression am Dämpfer eingestellt, um das Wippen zu eliminieren. Der elegante Rahmen fühlt sich schnell vertraut an und die schlanken Rohre lassen das Bike geräumig wirken, wenn man in der Grundposition steht. Wir sind immer ein wenig nervös, wenn wir Bikes mit langem Reach in Kombination mit kurzen Kettenstreben sehen, denn diese Kombination führt oft zu einem unausgewogenen Handling und man braucht häufig viel Energie, um solche Bikes durch Kurven zu bewegen. Beim Twist hätten wir uns aber keine Sorgen machen müssen, hier ist nichts unausgewogen! Durch die Mullet-Konfiguration ist das Bike gut ausbalanciert.

Das Starling Twist ist kein Race-Bike. Ja, es ist schnell, aber wenn man es zu eilig angeht, kann man schon mal die Kontrolle verlieren. Das Twist ist daher in erster Linie ein Spaßgerät, vor allem in Kurven.

Auf flowigen Trails verliebt man sich schnell in den lebendigen Charakter des Starling Twist. Der kleinere Hinterreifen macht das Bike unglaublich flink und man ist immer versucht, die Inside-Line durch Kurven zu nehmen – wie ein Hase auf der Flucht. Wenn es um Stabilität auf schnellen Trails geht, kann das Starling nicht mit mächtigen Geräten wie dem Cotic RocketMAX mithalten. Wer ein Bike mit mehr Laufruhe will, sollte sich das Starling Murmur in 29” ansehen. Das Twist ist eine echte Spaßmaschine und für spielerische Trails geeignet. Hier nutzt es den schlanken Stahl-Hinterbau mit gutem Flex zu seinem Vorteil. Man spürt, wie sich das Bike in der Mitte eines Anliegers auflädt: wie ein Skifahrer, der bereit ist, am Ausgang Energie freizusetzen. Der Mullet-Aufbau macht das Carven durch enge Kurven zum Genuss. Es war, als würden wir unseren inneren Sam Hill freilassen!

Wie alle Fahrwerkskonstruktionen ist auch das einfache Single-Pivot-Design nicht ohne Fehler. Wenn wir beim Fahren durch harte Rock-Gardens viel Bremspower gebraucht haben, konnten wir relativ viel Pedalrückschlag spüren. Sind die Bremsen offen, arbeitet der Öhlins TTX22M-Dämpfer butterweich mit genügend Support. Auf dem Papier sieht es so aus, als könnte sich die lineare Federungskinematik nicht mit dem Stahlfederdämpfer vertragen. Aber ob es nun am Flex des Hinterbaus liegt oder am großen Bottom-Out-Bumper – wir haben nie einen Durchschlag gespürt. Und das, obwohl manche von uns sich fast schon Mühe gegeben haben, die schlechtesten Lines zu finden … Die Öhlins RXF36 M.2 ist nicht die feinfühligste Gabel, bietet aber umso mehr Support, je schneller man fährt. Keiner unserer Tester mochte die Griffe von FUNN Components, die sich bei Nässe anfühlen, als wären sie geschmiert worden. Auch die gemixten Bremssättel der MAGURA MT Trail fanden keine Fans: Sie klingen zwar vielleicht nach einer guten Idee, aber man spürt, dass die Zweikolbenbremse unterdimensioniert ist.

Bei diesem Preis sind die nostalgischen Gefühle und die mystischen Eigenschaften von Stahl nicht genug. Was zählt, ist Performance!

Für viele wird das Weniger-ist-mehr-Konzept des Starling Twist nicht das richtige sein. Einige jedoch werden lieben, wie wartungsarm und unkompliziert das Fahrwerk funktioniert. Das edle Twist überzeugt mit seiner stählernen Ästhetik und nicht zuletzt mit seinem Fahrgefühl. Geschwindigkeitsfreaks müssen sich anderswo umsehen – aber statt auf Sekundenjagd zu gehen, kann man mit dem Starling Twist jede Sekunde nutzen, um Spaß zu haben!

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Fazit

Gut ausbalanciert, unglaublich flink und einfach wahnsinnig elegant: Wenn euch bei den sexy schlanken Linien eines Stahlrahmens warm unterm Kragen wird, dann ist das Starling Twist die Antwort auf all eure Fragen. Für die härtesten Lines ist zwar nicht gemacht, dafür aber die perfekte Spaßmaschine für spielerische Trails. Auch dank des Mixes aus 29” vorne und 27,5” hinten ist das Bike super ausgewogen, außerdem spielt es die Stärken von Stahl optimal aus und stellt die Fahrfreude in den Mittelpunkt – und wie!

Stärken

  • bietet Fahrspaß ohne Ende
  • Öhlins TTX22M-Stahlfederdämpfer passt zum Charakter des Bikes
  • sexy Stahlrahmen und edle Details

Schwächen

  • gemischte Laufräder sind nichts für jedermann
  • Bremse zu schwach
  • Pedalrückschlag bei starkem Bremsen

Mehr Informationen findet ihr auf starlingcycles.com

Das Testfeld

Einen Überblick über diesen Vergleichstest erhaltet ihr hier: 3 spannende Enduro-MTBs aus Stahl im Test

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Text & Fotos: Trev Worsey

Über den Autor

Trev Worsey

Trevor liebt Whisky, das Biken und alles dazwischen. Er wurde zwar in England geboren, fühlt sich aber als waschechter Schotte. Dementsprechend ist er nicht nur schlechtes Wetter gewöhnt, sondern ist auch ein echter Spezialist, wenn es um steile und anspruchsvolle Trails geht. Mit über 40 muss er sich eigentlich nichts mehr beweisen, kann jedoch trotzdem mit vielen jungen Wilden mithalten. Damit das nicht allzu sehr überhandnimmt, steht „Think about Brook“ auf seinem Oberrohr. Sein Sohn Brook wurde von Anfang an mit dem Bike-Virus infiziert. Gemeinsam mit seiner jungen Familie und den zwei Hunden sieht man Trevor fast ausschließlich draußen, sei es beim Biken, Graveln, Wandern, Surfen oder Kanu fahren – egal bei welchem Wetter. Ein echter Schotte eben.